Währenddessen bei der Zollbrücke über das Silfurnwasser:
Ugo Berringer, der Brückenvogt saß an seinem Tisch und zählte die Einnahmen der Woche. Das beständige Klopfen des Regens auf dem Dach des Turms störte ihn nicht. Er hatte es ja behaglich hier drinnen. Und es war eine gute Woche gewesen. Mehrere Fuhrwerke waren mit Waren beladen in Richtung Blauenburg gefahren – und auch wieder zurück. Der Brückenzoll war eine stetige Einnahmequelle. Genau wie die Anteile an der Getreidemühle und der Papiermühle. Und ein Viertel der Münzstapel stand ihm zu. Jedenfalls offiziell. Ugo für seinen Teil war der Meinung, dass ihm ein Drittel zustand. Zumal er ja auch die Handvoll Reisigen bezahlen musste. Und so schob er einen Münzstapel mit einer Handbewegung in seine eigene Geldkatze, als die Tür zu seiner Kammer aufgerissen wurde, und seine Untergebene Walderia hereinrief, dass Reiter aus rahjawärtiger Richtung kommen würden. „Reiter? Wieviele? Boten oder Reisende? Oder Händler?“ Ugo stand auf, um selbst zu sehen, wer da kam.
„Bei allen Zwölfen, ist das ein Wetter! Ich bin nass bis auf die Haut. Hoffentlich kommen wir demnächst mal an einer Schutzhütte vorbei, in der wir uns aufwärmen und unsere Wäsche wechseln können.“ , fluchte Rovena. Ilene wünschte sich nichts sehnlicher als eine nahende Unterkunft, denn sie war der bereits seit Stunden anhaltenden Laune Rovenas mehr als überdrüssig. Ständig musste sie sich das Gejammer anhören und fragte, warum Rovena sich nicht genauso wie sie zusammenreißen konnte. Schließlich war das Wetter ja nicht zu ändern. Und, war es nicht Rovena, die am liebsten so schnell wie möglich zur Burg ihres Herren reiten wollte? Doch nun schien sie einigermaßen zur Vernunft gekommen zu sein und Rast machen zu wollen, sobald sich eine Möglichkeit ergeben würde. Doch was war das? Scheint da vorne am Ende des Waldes nicht ein Licht? „Rovena, mir scheint die Zwölfe möchten Dir geben, was Du Dir wünscht. Siehst Du nicht auch vor uns den Turm der Zollbrücke?“ Rovena schien bei der Entdeckung ein wenig erleichtert, doch konnte die Aussicht bei den Zöllnern Rast zu machen ihre Laune auch nicht wirklich bessern. „Naja, in der Not...Besser als gar nichts. Hauptsache wir kommen wieder in warme und trockene Gewänder ehe wir uns noch den Tod holen. Außerdem, täte eine warme Suppe gerade jetzt besonders gut.“ Bei diesen Worten lief bei Ilene geradezu das Wasser im Munde zusammen. Denn sie waren bereits den ganzen Tag unterwegs ohne etwas Weiteres zu sich genommen zu haben.
Als sie bei der Zollbrücke ankamen, stiegen sie von ihren Pferden ab und näherten sich dem Eingang des Hauses. Kaum wollten sie anklopfen, da ging auch schon die Tür auf, und die beiden Damen schauten in das überraschte Gesicht eines hochgewachsenen blonden Mannes. Seine Locken wackelten lustig, und das Leder seiner leichten Rüstung knarzte, als er sich vor den Beiden verneigte. „Holde Damen, welch Glanz an diesem grauen Praioslauf!“ Einladend öffnete er die Tür weiter, damit die beiden Gäste, die geradewohl aussahen, wie halbertrunkene Katzen, eintreten konnten. Er war sich nicht ganz sicher, um wen es sich bei der einen Dame handelte – die Andere war unzweifelhaft Ilene, eine der Waffenmägde des Barons. Die war ja gerade erst vor zwei Praiosläufen in die andere Richtung geritten. Aber die Blonde? Nein, an die konnte er sich nicht erinnern. Aber sie strahlte soviel Anmut aus, dass sie gewiss von Stand war. „So nehmt den Platz, werthe ...?“
„Ro..., Hatschi! Oh, verzeiht! Hatschi! Ro...Ro...Ha...Ha...Hatschi! Rovena von Rosenhagen mein Name. Entschuldigen Sie, aber wäre es eventuell möglich, dass wir hier bei Ihnen unsere durchnässten Gewänder gegen trockene aus unserem Gepäck tauschen könnten, ehe wir Gefahr laufen in Golgaris Schwingen zu geraten...? Das könnten wir und unser Herr Rondrian von Blauenburg, zu dem wir uns aufgemacht haben, überhaupt nicht gebrauchen.“ Erwiderte Rovena, während Ilene und Ihr ein mehr als angenehmer Geruch in die Nase stieg.
Den beiden ausgehungerten Damen lief förmlich das Wasser im Munde zusammen.- Und schon konnte man auch ein lautes Knurren vernehmen.
„Oh, wie unangenehm...Das war wohl meiner...“ sprach Ilene und schaute leicht peinlich berührt auf ihren Bauch. „Wäre es sehr vermessen, wenn wir Sie fragen täten, ob wir etwas von dem leckeren Eintopf abbekommen könnten, den Ihr dort auf dem Feuer habt? Schön wäre es, wenn wir uns ein wenig zur Weiterreise stärken könnten.“ fuhr sie fort.
„Oh ja, selbstverständlich. Wie ungebührlich von mir.“ Verphext – tatsächlich eine Adlige. Die junge Rosenhagen. Und auch noch auf geheiß des Barons. Na der würde er keinen Zoll abknöpfen können. Im Gegenteil – die würde sich hier noch vollfressen. Beflissentlich verschluckte Ugo diesen Gedanken und verneigte sich stattdessen noch ein Stück tiefer. „Bitte nehmt doch Platz und etwas von unserem bescheidenen Mahl.“ Mit diesen Worten schob der Brückenvogt Rovena seinen eigenen Stuhl zurecht, und wies auch für Ilene einen Platz auf der Bank an. Nur wenige Augenblicke später, nachdem er einen weiteren Scheit ins Feuer gelegt und die Glut wohlig warm angefacht hatte, standen zwei dampfende Teller mit gut gewürztem Rübeneintopf, angewärmetes Brot und ein Kanten Käse vor den Damen.
„Und natürlich dürft Ihr Euch hier gerne umziehen. Benutzt dazu einfach meine Kammer oben. Hier unten könnte plötzlich einer meiner Männer oder noch ein weiterer Gast hereinplatzen.“
„Habt Dank, aber dürften wir uns eventuell erstmal kurz umkleiden, ehe wir essen, damit wir nicht noch Krank werden? Wir sind auch gleich wieder da in trockenen Gewändern, die wir extra wetterfest verpackt hatten für den Fall der Fälle...“ sichtlich erfreut und erleichtert über die freundliche Aufnahme nahmen die Damen das Angebot des Brückenvogts an, sich in seiner Kammer umzuziehen.
Nachdem sie dieses getan hatten waren sie auch schon wieder sofort am Platz und man sah Ihnen mehr als deutlich an, dass auch diese einfache Mahlzeit ihnen mehr als gut Tat.
„Dieser Eintopf ist einfach köstlich!“ bemerkte Rovena. „Und das Brot mit dem Käse ist auch sehr lecker!“ fügte Ilene hinzu. „Ja, wir sind Ihnen wirklich sehr dankbar für Ihre nette Gastfreundschaft, doch sobald wir gestärkt sind und das Wetter sich wieder beruhigt hat, werden wir wieder gen Blauenburg aufbrechen. Beim momentanen Blick hinaus, erkenne ich, dass sich auch schon ein wenig die Wolken zu lichten beginnen.“ ergänzte Rovena.
Ugo ging zur Tür und äugte durch den Spalt hinaus. „Tatsächlich, Ihr habt Recht, Hohe Dame. Dort bricht der Himmel auf. Oh, und dort kommen weitere Reiter.“
„Walderia, erkennst du sie?“ wandte sich Ugo an seine Untergebene.
Walderia kniff die Augen zusammen. „Ich sehe … ich sehe … ungefähr zwei Handvoll Reiter. Keine Wappenröcke … aber vorne ist ein älterer Mann mit spitzem Hut.“ Walderia sprach langsam, als wenn sie laut nachdenken würde. „Ähm … das könnte Wohlgeboren Marudas von Grenfell sein mit … Gefolge?“ Walderia drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu Ugo.
Er nickte kurz. Das wäre auch seine Schlussfolgerung gewesen. Er stellte sich neben sie und spähte in Richtung der sich nähernden Schar. Es mussten an die zehn Reiter sein. Eine komplette Lanze, oder? Er wusste aber nicht, dass der Ritter von Grenfell damit ausgestattet war. Und als Brückenvogt war es seine Pflicht das zu wissen. „Hol meine Hellebarde! Was auch immer das zu bedeuten hat, wir sollten standhaft auftreten.“
Der Baron von Blauenburg hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, was er von ihm erwartete, als er zum Brückenvogt bestallt wurde. Den Personen von Adel höflich und Ihres Standes entsprechend begegnen. Alle anderen hatten den Zoll zu zahlen. Ohne Ausnahme. Dass er bei zehn Reitern, die alle den Zoll pro Bein errichten müssen ein hübsches Sümmchen für sich behalten könnte, verstärkte Ugos geplante Standhaftigkeit wesentlich.
Walderia drehte sich um, verschwand in der Station und kam einige Augenblicke später mit dem Zeichen seiner Autorität wieder. Als er den Schaft der Hellebarde umfasste, fühlte er sich besser. Die letzten Minuten, in denen sich die Reiter näherten, verharrte er regungslos und schweigend, bis sie direkt vor ihm waren. Walderia blieb hinter ihm stehen und schaute neugierig und gleichzeitig nervös über die Schulter. Als sie vor ihm die Pferde zum Stehen brachten sah er, dass er und Walderia gute Brückenvögte waren. Sie lagen richtig mit ihrer Einschätzung. Es war der Edle von Grenfell und sein Vater. Die acht Reiter dahinter hatte er noch nie gesehen. Aber es waren alles finstere Typen.
Der Wolfenbinger Elfenkrieg II
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