Währenddessen in Finstertann:

Die alte Haushälterin betrat nach einem leisen Klopfen das Kaminzimmer des Herren Waldebrand von Brockingen. „Verzeiht, mein Herr. Da war eben so ein junger Mann von der Blauenburg. Er sagte mir, hoher Herr, dass ihn der Baron zu euch schickt. Ihr sollt eure Waffen anlegen, so bittet seine Hochgeboren, und umgehend zu ihm eilen.“ Elisande zog die Stirn kraus. "Komisch, sah mir eher nach einem Stalljungen aus als nach einem Krieger… nunja…“

Nachdenklich blickte sie zu Boden. „Ist wohl kein gutes Zeichen, wenn er schon solche Buben schickt…? Soll ich dem Erfor sagen, dass er Euer Pferd bereiten soll?“

Unruhig rang die greise Elisande ihre Hände. Sie ahnte Böses, hatten ihre Träume doch schon Kunde gebracht von furchtbaren Wirren in Bärenwalde. Als der Ritter nicht reagierte und weiterhin tief in Gedanken versunken in die Flammen starrte, trat sie einen Schritt näher.

"Mein Herr?" Sie wartete einen Moment. "Hört Ihr mich, mein Herr?" Waldebrand von Brockingen tat einen tiefen Atemzug und sein Blick löste sich von den Flammen im Kamin. "Ja, Elisande, ich habe Euch gehört. Schickt mir Erfor herbei." Während die Haushälterin langsam aus dem Kaminzimmer humpelte, erhob sich Waldebrand. Erst vor drei Wochen war er mit Elisande und seinem Leibdiener Rashid in Finstertann eingetroffen, um an seines Vaters statt die Herrschaft über Finstertann anzutreten, dem Krankheit und hohes Alter die lange Reise nicht mehr erlaubten. Aus dem Dorf hatte er dann Erfor Dengler und seine Gemahlin Jane eingestellt, Erfor als Stall- und Waffenknecht, Jane als Köchin und Dienstmagd.

Seit dieser Zeit hatte Waldebrand versucht, sich an die Kälte in Weiden zu gewöhnen. Es war mitten im Sommer und doch war es kälter, als er es im heimatlichen Khunchom im härtesten Winter erlebt hatte.

Die festen Schritte Erfors unterbrachen den Ritter in seinen Grübeleien. "Ihr habt nach mir geschickt, mein Herr?" klang die raue Stimme des Knechts auf. Waldebrand sah sich zu seinem Knecht um. "Sattle mein Pferd, und das von Rashid."

"Verlasst Ihr uns, Herr?" Erfor klang ein wenig besorgt, wusste er doch nicht, wer in der Abwesenheit seines Herrn das Anwesen pflegen sollte. Möglicherweise irgend ein hochgestellter Fremder aus der Stadt. Der Ritter wandte sich zu ihm um. "Ich muss auf die Blauenburg und ich weiß nicht, wie lange mich die Geschäfte dort festhalten werden. Für die Zeit meiner Abwesenheit wirst du das Gut verwalten. In diesem Beutel hier befindet sich das Handgeld für einen weiteren Knecht für einen Monat. Stell jemanden ein, den du für zuverlässig hältst. Bedenke jedoch, dass ich dich verantwortlich mache, wenn bei meiner Rückkehr alles in Scherben liegt. Nun geh und sattle die Pferde."

Waldebrand wandte sich um und verließ den Salon, um Rashid die Kunde zu überbringen und seine Rüstung und Waffen zu überprüfen. Er fand seinen Leibdiener und Freund hinter dem Haus. Der Tulamide schoss mit seinem Bogen auf eine am Apfelbaum aufgestellte Zielscheibe, in der bereits mehrere Pfeile steckten.

"Rashid!" rief Waldebrand ihm zu. "Zieh die Pfeile aus der Scheibe und mache dich reisefertig. Wir statten meinem Lehnsherrn einen Besuch ab." Rashid ließ den Pfeil fliegen und traf den inneren Kreis der Scheibe. Waldebrand ging auf Rashid zu und klopfte dem kleineren Mann auf die Schulter. Gemeinsam gingen sie auf die Zielscheibe zu. Auf dem Weg pflückte Waldebrand zwei Äpfel und reichte einen davon an Rashid weiter.

Dann erreichten die beiden die Zielscheibe. Rashid begann, Pfeile aus der Zielscheibe zu
ziehen. Schweigend aßen sie und trugen, als alle Pfeile im Köcher des Tulamiden verschwunden waren, die Zielscheibe zurück in den Schuppen.

"Wir reiten also?" fragte Rashid, als die beiden kurz danach wieder das Haupthaus betraten.

"Ja. Ich muss zur Blauenburg und hätte dich gern dabei. Der Waffenknecht des Barons sagte unverzüglich, also werden wir jetzt unsere Sachen packen und losreiten."

"Wie weit ist es zur Blauenburg?"

"Ein Tagesritt. Wir übernachten irgendwo am Wegesrand und werden abwechselnd wachen. Wenn es kälter wird, kommen die Goblins aus den Bergen, sagte mein Vater immer." Die Freunde trennten sich und holten ihre Ausrüstung. Waldebrand trat einige Zeit später in voller Rüstung, mit gegürtetem Schwert, Lanze und Schild in Händen vor das Haus, wo Rashid, in wallende Gewänder gehüllt, wartete. Seine weiten Kleider verbargen die leichte Rüstung, die er trug, und an seiner Seite baumelte ein schwerer Khunchomer. Sein Bogen und die Pfeile steckten in einem Köcher auf seinem Rücken.

Erfor betrat den kleinen Hof zwischen Haupthaus und Stall und führte die Pferde der beiden Freunde. So ungleich wie die Männer waren auch die Pferde. Adamant, das gewaltige Schlachtross aus Tralloper Zucht, ein Geschenk seines Vaters blieb vor Waldebrand stehen und schnaubte einmal kurz. Al'Bastra, der pechschwarze Rappe war eher ein Rennpferd und von feurigem Charakter. Waldebrand bestieg sein Pferd mit Hilfe der Rosstreppe, während Rashid sich einfach in den Sattel schwang. "Du hast deine Anweisungen, Erfor." sagte Waldebrand zum Abschied. "Handle danach." Dann gaben die beiden ihren Pferde die Sporen und preschten davon. Düstere Ahnungen begleiteten den Stallknecht, als er wieder ins Haus ging.