Zur gleichen Zeit in Wulfenhain:
Der Blauenburger Botenreiter kam immer gerne nach Wulfenhain. Es war immer unterhaltsam. Der Weg war zwar immer der gleiche, vorbei am Wäldchen, durch die drei Felsen hindurch, die aussahen, als hätten sie vor langer Zeit der Axthieb eines Riesen gespalten und dann die lange Biegung nach links am Waldrand entlang bis Gut Wulfenhain vor einem lag. Aber man konnte nie sagen was der Vater des Herrn von Grenfell wieder ausgeheckt hatte.
Mal waren es komische Gerüche, dann rumpelte oder polterte es oder es stieg Rauch in den merkwürdigsten Farben auf.. Einmal gab es sogar eine heftige Detonation, die den Boden beben ließ. Genau in dem Moment, als er sich zwischen den drei Felsen befand. Er könnte schwören, das sie gewackelt hatten und kurz davor standen, ihn unter sich zu begraben. Jedenfalls war es aufregend.
Aber alle diese Erfahrungen hatten ihn nicht auf den Anblick der Wagenburg vor dem Turm Wulfenprank vorbereitet. Bunt bemalte mit allen möglichen Dingen behängte und beladene Planwagen. Und dazwischen ebenso farbenfroh gekleidete Männer und Frauen, Großeltern und Kinder.
Er zügelte sein Pferd und trabte langsam auf den Turm zu. Sein Weg würde ihn mitten durch die Wagen führen. Ihm war ohne Frage mulmig, aber ein Waffenknecht des Barons von Blauenburg ließ sich durch so ein Volk nicht abschrecken.
Als er näher kam hörte er Musik, Lachen und Gespräche in einer Sprache, die er bisher nur vom Baron von Menzheim gehört hatte, als der mal in seiner Gegenwart geflucht hatte.
Danach konnten das hier nur Norbarden sein. Aus dem Wald kamen Kinder hervorgestolpert und liefen ihm hinterher. Schnauzbärtige Männer schichteten Holz aufeinander, einer spielte auf einer Klamfa, während ein junges Mädchen neben ihm sang. Ein anderer reparierte gerade eine Wagenrad. Trubel allerorten.
Eine Gruppe von Männern und Frauen, die zusammenstanden und sich unterhielten winkten ihm zu und sagten lautstark etwas, was er als Begrüßung verstand. Da er nichts zu erwidern wusste, schaute er nur steif geradeaus. Die Männer waren alle bis auf einen Zopf und teilweise beeindruckende Schnauzbärte kahl rasiert und die Frauen hatten alle eine breiten Scheitel auf dem Kopf.
Er war gespannt zu erfahren was die hier machten. Warum der Herr von Grenfell sie nicht vertrieben hatte und vor allen Dingen ob der Baron davon wusste. Und wenn nicht, welches Donnerwetter niedergehen würde, wenn er es erfahren würde.
In der Mitte schwenkte eine Norbardin einen riesigen Topf über einem Feuer. Als sie
aufblickte und ihn sah, lächelte sie und winkte ihm mit ihrem Kochlöffel zu. Dann sagte sie irgendwas in ihrem Kauderwelsch und zeigte zu einem Wagen, der komplett aus Holz gebaut war und sogar Fenster und Türen hatte.
Zu seiner Erleichterung erblickte er dort den Edlen von Grenfell und seinen Vater, Bagoas von Grenfell, Magister aus Beilunk und was man so hörte nicht mehr ganz richtig im Schädel. Er saß vor einem Fass auf dem ein Brett lag, auf dem sich rote und schwarze Figuren befanden. Ihm gegenüber saß eine alte von Falten und Runzeln geprägte Norbardin, die gerade eine dieser vierbeinigen Figuren verschob und dadurch Jubel bei den Umstehenden auslöste. Der Magister warf die Arme in die Luft und schüttelte den Kopf.
Der Edle von Grenfell, der ebenfalls zu den Beobachtern des Spiels gehörte sagte irgendetwas in dieser unbekannten Sprache zu seinem Vater und drehte den Kopf dann in Richtung seines Nachbarn, dem alten Händler Tannburg aus Wulfenhain. Dadurch nahm er aus dem Augenwinkel den neuen Besucher war und drehte sich um.
Als er den eiligen Reiter erkannte, der erst kurz vor dem Edlen abbremste, wurde er schlagartig ernst. Es handelte sich um einen Waffenknecht des Barons, Ailgrimm war wohl sein Name. Der Ritter erkannte den jungen Mann mit dem auffällig roten Schopf sofort. Aber was wollte er hier? Hatte er doch seinen Zehnt pünktlich geliefert. Und von der Anwesenheit des norbardischen Besuchs konnte der Baron noch nichts wissen. Der war erst gestern angekommen. Aber darüber wollte er ihm doch selber berichten.
Der Kaufmann Tannburg wandte sich überrascht an den jungen Krieger. „Na, Jüngelchen, so rasant unterwegs? Nicht, dass du dir den Hals brichst bei deinem Ausritt…“ Der Angesprochene blickte finster auf den alten Mann herab, zögerte aber kurz mit einer Antwort und beschloss zunächst, vom Pferd zu steigen, wie es sich gehörte. Ohne ein Zögern wandte er sich an den Edlen zu Wulfenhain, der nur in dunkler Lederhose und einem Unterhemd gewandet war.
„Ritter Marudas von Grenfell. Ich habe eine Nachricht von Hochgeboren Rondrian von Blauenburg.“
Er drehte sich ein wenig ab von dem doch sehr neugierig wirkenden Händler, welcher sich aufgeregt reckte, um ja kein Wort zu verpassen.
„Der Baron hat Befehle für euch, die keinen Aufschub dulden“, sagte Ailgrimm, während er ihm einen versiegelten Brief überreichte.
„Ach ja? Welche Palisaden soll ich denn diesmal bauen?“ fragte Marudas von Grenfell etwas missmutig, während er das Siegel erbrach und den Brief las. Lange Zeit sagte er nichts. Alle Zuschauer des Spiels hatten sich umgewandt und beobachteten ihn gespannt.
Als er die Lektüre beendet hatte schaute er nachdenklich auf. Im ganzen Lager war es jetzt still. Alle Augen waren auf den Edlen gerichtet. Als das Schweigen andauerte fragte der Magister: „Welche Nachrichten gibt es aus der Burg, mein Sohn?“
Marudas von Grenfell sah noch mal auf den Brief als er antwortete: „Keine guten. Es sollen sich alle wehrfähigen Männer unter des Barons Kommando in voller Ausrüstung einfinden. Die Mörder seiner Eltern sollen gefasst und Ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.“
„Die Mörder seiner Eltern? Bei allen Zwölfgöttern und Mokoscha dazu, was beginnt denn hier gerade?“
„Ich weiß es nicht, Vater. Aber das ist nicht alles. Es wird erwartet, dass wir es mit Elfenvolk zu tun bekommen. Und deswegen sollst du auch deine Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Der Baron wünscht es.“
Der Magister sprang auf und warf dabei ungestüm das Spielbrett vom Fass. „Was? Der Baron braucht meine Dienste?“ Hektisch drängte er sich durch die Schaulustigen und wandte sich an Ailgrimm. „He, Junge, äh, warte kurz auf mich, ich muss nur noch ein paar Sachen packen. Dann kannst du mich gleich mitnehmen.“ Dann stürmte er auf den Turm zu und verschwand in seiner Werkstatt.
Die Vorstellung, mit dem Herrn Bagoas hinter sich auf dem Pferd zur Blauenburg zurück zu reiten, überforderte den jungen Ailgrimm etwas. Zum Glück, schien der Edle genau seine Gedanken zu erraten. Er wandte sich an ihn und sagte: „Mach dir keine Gedanken, Junge. Du brauchst dich nicht mit ihm abplagen. Sag unserem Herrn einfach nur, das ich kommen werde.“
Dann gab er ihm den Brief zurück und ließ seinen Blick durchs Lager wandern. Überall waren die Norbarden aufgestanden und verschränkten die Arme oder stemmten sie demonstrativ in die Hüften. Einige legten vielsagend die Hände auf die in ihren Gürteln steckenden Äxte.
Nachdem er den Rundblick beendet hatte, grinste er breit, schaute Ailgrimm nochmal an und verabschiedete ihn mit den Worten: „Und sagt ihm, dass ich meinen Vater und Verstärkung mitbringen werde.“
EIN HALBER TAG SPÄTER
Marudas von Grenfell war unsicher. Er konnte nicht abschätzen, wie der Baron auf die neue Situation im Lehen Wulfenhain reagieren würde. Eine komplette Norbardensippe, die Marudas’ Familie darstellte, hat auf dem Grund und Boden seines Herrn ihr Lager aufgeschlagen. Abgesehen von der Neuigkeit, das seine Ehefrau, die wohl maßgeblich an diesem überraschendem Besuch beteiligt war, eine angehende Sibillya war. Und wie misstrauisch der Baron inzwischen gegenüber Magie geworden ist, war sogar ihm klar.
Aber Marudas wusste auch, dass sein Lehnsherr im Moment Schlagkraft brauchte und dass er gerade mit seinem Vater und acht hartgesottenen, zähen Hunden auf die Blauenburg zu ritt...