Am nächsten Tag:
Waldebrand erwachte von dem Geräusch prasselnder Flammen. Er schrak hoch und merkte erst dann, dass er mitnichten in seinem Bett lag und um ihn herum das Haus in Flammen stand. Der Duft von Gebratenem stieg ihm in die Nase. Der Ritter gähnte herzhaft und reckte sich. Rashids leicht spöttisch klinge Stimme erhob sich."Haben Euer Wohlgeboren gut genächtigt?"
"Ach, sei still und schneide den Braten an." Immer noch gähnend erhob sich Waldebrand und trat zum Lagerfeuer. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Wasserschlauch und ließ sich nieder, während Rashid das über dem Feuer gebratene Karnickel auf zwei Holzteller verteilte. Die Männer aßen und tranken schweigend.
"Irgend etwas ungewöhnliches während deiner Wache?" fragte Waldebrand schließlich. Rashid, der gerade dabei war, seine Finger abzulecken, schüttelte nur den Kopf. Dann nahm er die Finger aus dem Mund. "Abgesehen davon, dass ich außer den Karnickeln kein einziges Tier in dieser Gegend kenne und bei jedem Rascheln im Gebüsch mit einem Angriff gerechnet habe." Waldebrand lachte auf. "Wer sollte uns hier denn Angreifen?" "Na, deine Goblins natürlich! Was dein Vater so alles erzählt, sollen die ja gefährlich sein." Der Ritter schnaubte verächtlich. "Klar, in fünffacher Übermacht vielleicht. Jetzt aber genug geredet. Pack Er zusammen, Knecht, und dann auf zur Blauenburg."
Auf dem Bergfried der Blauenburg standen die Waffenknechte Oswin und Peredor und hielten Wache. Dabei achtete Oswin sehr darauf, immer weit weg vom schwindelnden Abgrund zu bleiben. Er hasste Türmerdienst. Noch dazu, wenn es – wie heute – immer wieder regnete. Aber nun senkte sich das Praiosmal ja schon langsam dem Horizont entgegen. Das Gemütliche Bier zum Abendmal lachte schon. Peredor hingegen saß sogar auf einer Zinne. Ihm schien die Höhe überhaupt nichts auszumachen. Nicht zu fassen, Oswin verstand nicht, wie der Andere das fertig brachte. Ihm selbst wurden die Knie schon schwach, wenn er nur den Turm hinaufschaute.
Plötzlich schreckte Peredors Ruf den Waffenknecht aus seinen Gedanken. „Sieh dort, da kommen Reiter!“ „Kannst du sehen, welche Farben sie tragen? Dann lauf ich schnell hinunter und melde den Herrschaften den Besuch.“
"Sieht mir ganz nach Grün und Silber aus, mit einem inverten Symbol in gleichen Farben." Peredor stutzte. "Wenn sie aus Richtung Finstertann kommen, kann es eigentlich nur der Ritter von Brockingen sein, aber das ist doch ein alter Mann, soviel ich weiß." Oswin trat widerstrebend einen Schritt näher an die Zinnen heran. Es war so wie sein Kamerad sagte. Die Farben waren die des Ritters von Brockingen. Peredor war mittlerweile von der Zinne geklettert und bemühte sich, einen dienstbeflissenen Eindruck zu machen.
"WER DA?" rief Oswin durch trichterförmig zusammengelegte Hände. Die beiden Reiter, einer auf einem großen weißen Tralloper, der andere auf einem kleineren schwarzen Pferd hielten an. Der größere der beiden stieg etwas in den Bügeln auf und rief zurück.
"Meldet eurem Herrn, das Waldebrand von Brockingen, Ritter von Finstertann, dem Ruf zu den Waffen gefolgt ist!"
„Es ist tatsächlich der Brockinger,“ Oswin nickte seinem Kameraden zu. „Ja jetzt erkenne ich auch den Dreiberg in seinem Schild.“ „Ich werde den Herrschaften seine Ankunft vermelden.“ Mit diesen Worten war Peredor auch schon in der Dachluke verschwunden.
Oswin war nun allein mit seinen Gedanken und seiner Furcht vor einem Absturz. „So, dann stimmt das Gerücht also. Der Baron ruft seine Ritter zu den Waffen. Wird es wieder Krieg geben?“ Peredor ließ sich von solchen Gedanken nicht beeinflussen. Er eilte die Treppen des Bergfriedes hinab, bis er den gepflasterten Burghof erreichte. Dort entdeckte er den Lehnsvogt Wolfhard von Blauenburg im Gespräch vertieft mit Lingmar, dem Hauptmann der Burgwachen. Vorsichtig suchte er die Aufmerksamkeit der Beiden. „Hochgeboren, Hauptmann, ein Besucher kommt. Ritter Waldebrand von Brockingen ist angekommen.“ Der Vogt drehte sich zu Peredor um. „Ah, der Erste ist also da. Gut. Dann öffne ihm geschwind das Tor. Er dürfte bereits den Burgweg heraufgekommen sein.“ Auf ein Nicken des Hauptmanns hin, wandte sich Peredor in Richtung des Torhauses. Das Fallgatter war zwar hochgezogen, das schwere zweiflügelige Eichentor jedoch war geschlossen. Zusammen mit Bosper und Waidgunde zog er beide Eisenbeschlagene Flügel auf und begrüßte mit einer Verbeugung die beiden Reiter, die tatsächlich den Aufstieg auf den Burgberg beendet hatten.
...
„Beeile dich, Giselund, wir haben bereits mehr als genug Zeit vertrödelt!“ Der Angesprochene riss wild an seinem roten Mantel, der in die feste Umklammerung eines Dornenbusches geraten war, und fluchte dieweil im Stillen. ‚Trödeln, ich, bei Satinav!’, dachte Giselund, und ein weiterer Ausbruchsversuch blieb fruchtlos, ‚Als ob mein Klepper auf halber Strecke zu lahmen begonnen hätte und wir dadurch ein nächtliches Lager hatten aufschlagen müssen.’ Ein drittes Winden, und diesmal mit dem Ergebnis, dass Giselunds grüne Kappe vom Kopf rutschte und sich das vermaledeite Gebüsch auch noch zum Hohne damit schmückte! Sein Herr trohnte dieweil auf seinem wieder von Wunderhand genesenen, eigenwilligen Gaul und beobachtete aufmerksam wechselweise die Landschaft und das Intermezzo. Wäre noch der Bote vom Vortag bei ihnen gewesen, wäre jener vielleicht Giselund zu Hilfe geeilt, aber er hatte sich mit seinem gesunden Ross zur Blauenburg aufgemacht, um ihr Kommen anzukündigen.
Schließlich schwang sich Fennwel doch vom Pferd, und als auch ihr gemeinschaftliches Zerren nichts brachte, zog er sein Schwert und durchtrennte die hartnäckigsten Ranken. „Ich dachte, du wärst Schreiber, und kein Florist“, sprach er dabei. „Die Herrin Hesinde war so frei, mich für mehr als ein Gebiet zu interessieren“, erwiderte der Gebeutelte unwirsch, während er seine Kappe vom Strauch herunterriss und wieder auf seinen blonden Haarschopf setzte. Als er im Vorrüberreiten vom Rücken seines Pferdes aus und hinter einer Mauer von Beerensträuchern geschützt eine Ansammlung roter Blumen mit einem markanten dunklen Stempel ausgemacht hatte, kannte er kein Halten mehr und stürzte sich in die Dornen. Doch sollte es sich um die seltenen – und sicherlich gut zu Geld machenden – Lulanien handeln, so blieben sie zwei Schritte entfernt und unerreichbar.
„Mit Verlaub, aber meine Stärken entfalten sich besser in einer komfortablen Stube als auf freier Wildbahn“, ächzte Giselund, während er seine gutgenährte Gestalt wieder auf sein breites Ross hievte. „Wieso nehmt Ihr auch eine Feder mit statt eines weiteren Schwertes?“ „Ifilde ist zu jung, und Harmbrecht zu alt, und außerdem überwacht der Kämpe die Arbeiten am Gut, während ich fort bin“, erwiderte Fennwel. „Und wie du weißt, hinterließ mir mein Großvater lediglich ein einziges Buch, und sollte ich jemals mein Interesse für die Anatomie von Goblinweibern entdecken, werde ich sicherlich bedauern, es als erstes von allen anderen Dingen dem Feuer überantwortet zu haben.“ Giselund nickte, doch nicht ohne stilles Bedauern ob des Verlusts von jeglichem gesammelten Material. „Es wäre daher sehr schön“, fuhr der Ritter fort, „wenn dir erlaubt werden würde, den einen oder anderen Text auf der Blauenburg zu kopieren und damit unsere eigene Sammlung zu begründen. Im Übrigen“, und er deutete nach vorn, „sind wir bereits angekommen“. Und damit ritten die beiden ohne ein weiteres Wort eilends der Burg entgegen, die sich zwischen zwei kleinen Hainen vor ihnen enthüllt hatte.
Geschwind durchquerten sie das Dorf Blauenburg am Fuße der trutzigen Burg. Die Einwohner verneigten sich ehrerbietig als sie die Ährenbacher Schlange auf des Ritters Schild erblickten. Aber die Reiter hielten sich nicht im Dorf auf, immerhin hatte der Baron um Eile ersucht. Das schien auch den Torwachen bewusst gemacht worden sein, denn sie traten sofort respektvoll zurück und präsentierten ihre Hellebarden, als die Reiter das geöffnete Tor erreichten. Fennwel und Giselund ritten unter dem schweren Fallgatter hindurch und das Hufgetrappel ihrer Pferde erklang laut im nassen Burghof – erst heute Morgen hatten die Wolken über der Burg Efferds Segen abgeladen - , so dass ein älterer Mann mit grauem schütteren Haar, der soeben im Begriff war einen anderen Neuankömmling und dessen, wohl tulamidischen, Begleiter begrüßen wollte, überrascht aufsah. Er winkte kurz, und sofort nahm ein Stallbursche die Zügel der Reiter und hielt die Tiere sicher, damit Fennwel sicher absteigen konnte.