Derweil in Buchheim:

Der junge Waffenknecht gab seinem Pferd auf der letzten halbe Meile seiner Reise erneut die Sporen. Auf keinen Fall wollte er als Trödler gelten. Und außerdem würde es auch nicht schaden, abgekämpft und mit schweißnassem Ross an sein Ziel zu kommen, um die besondere Dringlichkeit seiner Botschaft hervorzuheben.

Er warf nur einen kurzen Blick auf das palisadenbewehrte Buchheim zu seiner Linken, das ihm schäbig und gedrungen wie ein geschundenes Tier vorkam. Seine Bewohner wirkten ängstlich und misstrauisch, als er an ihnen vorüber ritt. Zu viele Jahre war die Ortschaft ohne ritterlichen Schutz gewesen, und davor viel zu lange in den Händen eines ungeeigneten Mannes. Nun war das Rittergut vor wenigen Monden erneut an dessen Familie gegangen, wenn auch sein Enkel bislang durch keinerlei Fehltritte von sich reden machte.

Nach etwa zweihundert Schritt erreichte der Bote das Rittergut am Rande des Wulfenhains, von dessen Zinnen das Wappen mit der silbernen Schlange lebhaft im Wind flatterte. Dies allerdings war das einzig Fröhliche an dem Anwesen, wie sich schnell herausstellte. Das schlanke hölzerne Haus, das in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem gedrungenen Rundturm an dessen Seite stand, wie auch die Außenmauer hatten unter den Jahren der Misswirtschaft gelitten und waren nur notdürftig instand gehalten worden. Als der Waffenknecht das Gut erreichte, bemerkte er just, wie sich drei Arbeiter damit abplagten, einen großen Stein zurück an seinen rechten Platz in der Mauer zu hieven.

Vor dem Tor nahmen ihn zwei Bewaffnete im blauen und grünen Wappenrock des Hauses derer von Ährenbach in Empfang. Die eine war ein gertenschlankes, blasses Mädchen von kaum dreizehn Götterläufen, mit kurzem hellblonden Haar und strahlendblauen Augen, der andere ein sehniger, bärbeißiger alter Mann mit zotteligem grauen Bart, der notdürftig einige seiner Narben verdeckte, und nicht minder klaren Augen.

Unter den neugierigen Blicken der Wachen sprang der Bote beflissentlich aus dem Sattel und schritt forsch auf die beiden zu, wobei er durch das offene Tor einen seltsamen Haufen aus allerlei Gerümpel im Innenhof sah, auf dessen Spitze die Überreste einer riesigen, mit rotem Samt bezogenen Liegestatt tronten, die jemand mit viel Enthusiasmus in handliche Stücke zerlegt hatte. Der Alte, als er seinem Blick folgte, wandte sich kurz zur Seite, um auf den Boden zu spucken, um sich dann mit einer vorsichtigen Miene und einem leise gebrummelten „Praios vergib mir“ wieder umzudrehen. Bei dieser Bewegung entging es dem Boten nicht, dass der Veteran einen verkrüppelten rechten Arm hatte, den dieser aber sogleich wieder verbarg, indem er dem Neuankömmling die linke Seite zuwandte.

„Rondra zum Gruße“, hob der Neuankömmling mit fester Stimme an. „Ich bringe eine dringliche Botschaft vom Hofe. Ich muss sie eiligst eurem Herrn übergeben!“ Die gut vorbereiteten Worte verhallten ohne den gewünschten Effekt, als die beiden den Boten weiterhin anstarrten. „Ich sagte, ich“, begann er erneut, als ihn der Alte mit „Jaja, wir haben es verstanden“ unterbrach und seiner Kameradin zunickte, die daraufhin flink wie ein junges Reh zu den Arbeitern an der Mauer lief. Nach wenigen Augenblicken kam sie mit einem der Kerle zurück, der, wie der Bote überrascht feststellte, mit einem Schwert gegürtet war. Mit einem fröhlichen „Rondra zum Gruße! Ihr habt eine Nachricht von meiner Herrin für mich?“ stand der junge Mann alsbald freundlich lächelnd vor ihm, und dieses Mal war es an dem Waffenknecht, einige Herzschläge lang zu verharren, bis er verdutzt dem verdreckten und verschwitzten Ritter die Botschaft in die Hand gab. Dieser öffnete ohne Umschweife das grazile Siegel der Edlen von Buchheim und überflog die Nachricht, wobei sich seine Miene merklich verdüsterte. Schließlich faltete er das Blatt hastig und steckte es ein. „Guter Mann, ruht Euch einen Augenblick aus, während ich mich ohne Umschweife rüste“, sprach er zu dem Boten, und dann, zu seinen beiden Gefolgsleuten gewandt: „Harmbrecht, hole meine Rüstung und meine Lanze. Ifilde, bringe mir mein Pferd und suche Giselund, er wird mich begleiten. Meine Herrin und Seine Hochgeboren verlangen nach mir, und dies erlaubt keinen Aufschub!“