Kriegsrat in Wolfenbinge
Erster Teil

Blauenburg, Ende RON 1032 BF: Einen Tag nachdem der Birselburger die Blauenburg verlassen hatte, saßen die Mitglieder der Familie Blauenburg in der Großen Halle beisammen und berieten die furchtbare Neuigkeit, die der Gast gebracht hatte. Die Eltern des Barons von Wolfenbinge waren gemeuchelt worden. Von Elfen. Mit Gift und Magie. Und dieser Schandtat galt es nun angemessen zu antworten.

Baron Rondrian von Blauenburg saß am Kopf seiner Tafel auf einem einfachen Stuhl – seinen Thronsessel hatte er am gestrigen Tag in einem Wutanfall zertrümmert. An seiner Seite befanden sich seine große Liebe Roanna Luisa Cavazarro, die Edle von Buchheim, sowie sein Onkel Wolfhardt von Blauenburg, der Lehnsvogt der Baronie. Der wohlbekannte Edelknecht Arwulf Schwarzensteyn wartete den Herrschaften auf, und litt mit seinem Schwertvater Rondrian, wusste er doch aus eigener Erfahrung, wie es war, seine eigenen Eltern zu verlieren.

„Wolfhardt, Roanna, ich brauch eure klugen und besonnenen Köpfe. Ich kann nicht mehr klar denken. Diese Spitzohren haben meine Eltern ermordet. Wolfhardt, dein Bruder ist einfach gemeuchelt worden. Niederträchtig! Wir müssen den Elfen eine Antwort geben, die sie endgültig verstehen!“ Rondrian wurde mit jedem Satz lauter und aufgebrachter. Erst die sanfte Hand Roannas, die sich auf seinen starken Arm legte, brachte ihn dazu, sich wieder etwas zu entspannen. Der stets ruhige Wolfhardt betrachtete das Paar an seiner Seite. Roanna war wahrlich das Beste, was dem Baron hätte passieren können. Und zu Beginn der Romanze hatte der Vogt, wie auch andere, die Liebelei eher skeptisch betrachtet. Eine Zahori als Baronin? Unerhört! Aber nun musste er zugeben, dass die Wahl seines Neffen nicht nur von Rahja, sondern auch von Hesinde gesegnet war. „Neffe, ich stimme Euch zu. Immerhin sind diese Morde der Gipfel der Rebellion. Die Elfen von Vana fordern doch schon seit Jahren ihren Wald zurück. Und dann dieses Spitzohr, dass dir hier in dieser Halle vor zwei Götterläufen mit dem Tod gedroht hat.“

Wolfhardt war aufgestanden und ging bei seinen Worten auf und ab. „Wir müssen ihnen unbedingt zeigen, dass so etwas hier nicht ungesühnt bleibt. Und das muss auch den Menschen hier in Wolfenbinge vor Augen geführt werden. Es wird schon geredet...“ Wie um Bestätigung heischend, blickte der Vogt die Edle und den ehemaligen Knappen an.

Mit einem Ruck stand die Geliebte des Barones auf, scheinbar um Fassung ringend. Mit dem Gesicht abgewandt atmete sie einige Male tief durch, bevor sie mit tiefer, ruhiger Stimme antwortete. „Liebster, Rondrian. Wir alle verstehen den Wunsch, deine Eltern zu rächen. Bedenke aber die Gefahren der Wildermark… die Untoten… Rondrian…“ Roanna kniete sich vor dem Baron und nahm seine großen kräftigen Hände. Ihre Stimme klang ein wenig brüchig, als sie zu Rondrian hochblickend zögernd hinzufügte: „Wir wissen nicht einmal, wer es war… und können doch nicht das ganze Elfenvolk auf Verdacht ausrotten. Sie sind viele, und sie sind machtvoll…“

Der besorgte Blick der Zahori wanderte unwillkürlich zu dem Körbchen, in dem zu Tage oft ihr gemeinsames Kind lag. „Ich bitte dich, Rondrian, schick ihnen in Hesindes Namen eine letzte Warnung. Sag ihnen, dass du sie vernichten wirst, wenn noch ein einziger Mensch in Weiden durch Elfenhand zu Tode kommt.“ Der Angesprochene runzelte die Stirn, als seine Geliebte weitersprach. „Wenn du den Kopf des Mörders forderst, wird es kein Zurück mehr geben…“

„Das weiß ich auch, Roanna.“ Rondrian schaute die Edle an. „Und ich werde Ihnen eine Nachricht senden. Aber diese Nachricht wird unmissverständlich sein. Ich will nicht nur, dass sie keinen Menschen mehr töten. Ich will auch, dass sie für die vergangenen Morde zahlen. Sie dürfen einfach nicht ungeschoren davon kommen. Insbesondere nicht, wo ich in der Vergangenheit immer so entgegenkommend war. Vor diesem Hintergrund sind die Taten der Elfen sogar noch unerhörter.“

Wolfhard meldete sich in der kurzen Pause zu Wort, die entstand, als der Baron einen Schluck aus seinem Becher nahm: „Da ist noch etwas zu bedenken, was Ihr, werte Edle, vielleicht noch nicht so ersehen könnt.“ Er schien dabei auf ihre nichtadlige Herkunft anzuspielen. „Wir dürfen auch die menschlichen Bewohner Wolfenbinges nicht vergessen. Auf der einen Seite garantieren wir ihren Schutz. Auf der anderen Seite, leisten sie uns dafür Dienst und Gehorsam. Das ist die Zwölfgöttliche Ordnung. Und genau diese sehe ich hier gefährdet. Denn unzufriedene Untertanen können sich ermutigt fühlen, wenn bekannt wird, was mit meinem Bruder und seiner Frau geschehen ist. Wir müssen ganz klar Stärke zeigen, sonst tanzen uns die Bauern noch auf der Nase herum.“

Nachdenklich strich sich der Baron durch den sorgfältig gestutzten Bart. „Was die Schrecken der Wildermark angeht, so würde ich die Ritter Wallfried und Edric auffordern, die Grenze zu sichern. Vielleicht sorgt das sogar dafür, dass die Beiden mal wieder miteinander reden.

Roanna blickte stumm zu Boden. Eine böse Vorahnung durchzuckte sie. Rondrian würde gehen und kämpfen. Blut würde fließen….



Derweil in Buchheim:

Der junge Waffenknecht gab seinem Pferd auf der letzten halbe Meile seiner Reise erneut die Sporen. Auf keinen Fall wollte er als Trödler gelten. Und außerdem würde es auch nicht schaden, abgekämpft und mit schweißnassem Ross an sein Ziel zu kommen, um die besondere Dringlichkeit seiner Botschaft hervorzuheben.

Er warf nur einen kurzen Blick auf das palisadenbewehrte Buchheim zu seiner Linken, das ihm schäbig und gedrungen wie ein geschundenes Tier vorkam. Seine Bewohner wirkten ängstlich und misstrauisch, als er an ihnen vorüber ritt. Zu viele Jahre war die Ortschaft ohne ritterlichen Schutz gewesen, und davor viel zu lange in den Händen eines ungeeigneten Mannes. Nun war das Rittergut vor wenigen Monden erneut an dessen Familie gegangen, wenn auch sein Enkel bislang durch keinerlei Fehltritte von sich reden machte.

Nach etwa zweihundert Schritt erreichte der Bote das Rittergut am Rande des Wulfenhains, von dessen Zinnen das Wappen mit der silbernen Schlange lebhaft im Wind flatterte. Dies allerdings war das einzig Fröhliche an dem Anwesen, wie sich schnell herausstellte. Das schlanke hölzerne Haus, das in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem gedrungenen Rundturm an dessen Seite stand, wie auch die Außenmauer hatten unter den Jahren der Misswirtschaft gelitten und waren nur notdürftig instand gehalten worden. Als der Waffenknecht das Gut erreichte, bemerkte er just, wie sich drei Arbeiter damit abplagten, einen großen Stein zurück an seinen rechten Platz in der Mauer zu hieven.

Vor dem Tor nahmen ihn zwei Bewaffnete im blauen und grünen Wappenrock des Hauses derer von Ährenbach in Empfang. Die eine war ein gertenschlankes, blasses Mädchen von kaum dreizehn Götterläufen, mit kurzem hellblonden Haar und strahlendblauen Augen, der andere ein sehniger, bärbeißiger alter Mann mit zotteligem grauen Bart, der notdürftig einige seiner Narben verdeckte, und nicht minder klaren Augen.

Unter den neugierigen Blicken der Wachen sprang der Bote beflissentlich aus dem Sattel und schritt forsch auf die beiden zu, wobei er durch das offene Tor einen seltsamen Haufen aus allerlei Gerümpel im Innenhof sah, auf dessen Spitze die Überreste einer riesigen, mit rotem Samt bezogenen Liegestatt tronten, die jemand mit viel Enthusiasmus in handliche Stücke zerlegt hatte. Der Alte, als er seinem Blick folgte, wandte sich kurz zur Seite, um auf den Boden zu spucken, um sich dann mit einer vorsichtigen Miene und einem leise gebrummelten „Praios vergib mir“ wieder umzudrehen. Bei dieser Bewegung entging es dem Boten nicht, dass der Veteran einen verkrüppelten rechten Arm hatte, den dieser aber sogleich wieder verbarg, indem er dem Neuankömmling die linke Seite zuwandte.

„Rondra zum Gruße“, hob der Neuankömmling mit fester Stimme an. „Ich bringe eine dringliche Botschaft vom Hofe. Ich muss sie eiligst eurem Herrn übergeben!“ Die gut vorbereiteten Worte verhallten ohne den gewünschten Effekt, als die beiden den Boten weiterhin anstarrten. „Ich sagte, ich“, begann er erneut, als ihn der Alte mit „Jaja, wir haben es verstanden“ unterbrach und seiner Kameradin zunickte, die daraufhin flink wie ein junges Reh zu den Arbeitern an der Mauer lief. Nach wenigen Augenblicken kam sie mit einem der Kerle zurück, der, wie der Bote überrascht feststellte, mit einem Schwert gegürtet war. Mit einem fröhlichen „Rondra zum Gruße! Ihr habt eine Nachricht von meiner Herrin für mich?“ stand der junge Mann alsbald freundlich lächelnd vor ihm, und dieses Mal war es an dem Waffenknecht, einige Herzschläge lang zu verharren, bis er verdutzt dem verdreckten und verschwitzten Ritter die Botschaft in die Hand gab. Dieser öffnete ohne Umschweife das grazile Siegel der Edlen von Buchheim und überflog die Nachricht, wobei sich seine Miene merklich verdüsterte. Schließlich faltete er das Blatt hastig und steckte es ein. „Guter Mann, ruht Euch einen Augenblick aus, während ich mich ohne Umschweife rüste“, sprach er zu dem Boten, und dann, zu seinen beiden Gefolgsleuten gewandt: „Harmbrecht, hole meine Rüstung und meine Lanze. Ifilde, bringe mir mein Pferd und suche Giselund, er wird mich begleiten. Meine Herrin und Seine Hochgeboren verlangen nach mir, und dies erlaubt keinen Aufschub!“



Zur gleichen Zeit in Wulfenhain:

Der Blauenburger Botenreiter kam immer gerne nach Wulfenhain. Es war immer unterhaltsam. Der Weg war zwar immer der gleiche, vorbei am Wäldchen, durch die drei Felsen hindurch, die aussahen, als hätten sie vor langer Zeit der Axthieb eines Riesen gespalten und dann die lange Biegung nach links am Waldrand entlang bis Gut Wulfenhain vor einem lag. Aber man konnte nie sagen was der Vater des Herrn von Grenfell wieder ausgeheckt hatte.

Mal waren es komische Gerüche, dann rumpelte oder polterte es oder es stieg Rauch in den merkwürdigsten Farben auf.. Einmal gab es sogar eine heftige Detonation, die den Boden beben ließ. Genau in dem Moment, als er sich zwischen den drei Felsen befand. Er könnte schwören, das sie gewackelt hatten und kurz davor standen, ihn unter sich zu begraben. Jedenfalls war es aufregend.

Aber alle diese Erfahrungen hatten ihn nicht auf den Anblick der Wagenburg vor dem Turm Wulfenprank vorbereitet. Bunt bemalte mit allen möglichen Dingen behängte und beladene Planwagen. Und dazwischen ebenso farbenfroh gekleidete Männer und Frauen, Großeltern und Kinder.

Er zügelte sein Pferd und trabte langsam auf den Turm zu. Sein Weg würde ihn mitten durch die Wagen führen. Ihm war ohne Frage mulmig, aber ein Waffenknecht des Barons von Blauenburg ließ sich durch so ein Volk nicht abschrecken.

Als er näher kam hörte er Musik, Lachen und Gespräche in einer Sprache, die er bisher nur vom Baron von Menzheim gehört hatte, als der mal in seiner Gegenwart geflucht hatte.

Danach konnten das hier nur Norbarden sein. Aus dem Wald kamen Kinder hervorgestolpert und liefen ihm hinterher. Schnauzbärtige Männer schichteten Holz aufeinander, einer spielte auf einer Klamfa, während ein junges Mädchen neben ihm sang. Ein anderer reparierte gerade eine Wagenrad. Trubel allerorten.

Eine Gruppe von Männern und Frauen, die zusammenstanden und sich unterhielten winkten ihm zu und sagten lautstark etwas, was er als Begrüßung verstand. Da er nichts zu erwidern wusste, schaute er nur steif geradeaus. Die Männer waren alle bis auf einen Zopf und teilweise beeindruckende Schnauzbärte kahl rasiert und die Frauen hatten alle eine breiten Scheitel auf dem Kopf.

Er war gespannt zu erfahren was die hier machten. Warum der Herr von Grenfell sie nicht vertrieben hatte und vor allen Dingen ob der Baron davon wusste. Und wenn nicht, welches Donnerwetter niedergehen würde, wenn er es erfahren würde.

In der Mitte schwenkte eine Norbardin einen riesigen Topf über einem Feuer. Als sie
aufblickte und ihn sah, lächelte sie und winkte ihm mit ihrem Kochlöffel zu. Dann sagte sie irgendwas in ihrem Kauderwelsch und zeigte zu einem Wagen, der komplett aus Holz gebaut war und sogar Fenster und Türen hatte.

Zu seiner Erleichterung erblickte er dort den Edlen von Grenfell und seinen Vater, Bagoas von Grenfell, Magister aus Beilunk und was man so hörte nicht mehr ganz richtig im Schädel. Er saß vor einem Fass auf dem ein Brett lag, auf dem sich rote und schwarze Figuren befanden. Ihm gegenüber saß eine alte von Falten und Runzeln geprägte Norbardin, die gerade eine dieser vierbeinigen Figuren verschob und dadurch Jubel bei den Umstehenden auslöste. Der Magister warf die Arme in die Luft und schüttelte den Kopf.

Der Edle von Grenfell, der ebenfalls zu den Beobachtern des Spiels gehörte sagte irgendetwas in dieser unbekannten Sprache zu seinem Vater und drehte den Kopf dann in Richtung seines Nachbarn, dem alten Händler Tannburg aus Wulfenhain. Dadurch nahm er aus dem Augenwinkel den neuen Besucher war und drehte sich um.

Als er den eiligen Reiter erkannte, der erst kurz vor dem Edlen abbremste, wurde er schlagartig ernst. Es handelte sich um einen Waffenknecht des Barons, Ailgrimm war wohl sein Name. Der Ritter erkannte den jungen Mann mit dem auffällig roten Schopf sofort. Aber was wollte er hier? Hatte er doch seinen Zehnt pünktlich geliefert. Und von der Anwesenheit des norbardischen Besuchs konnte der Baron noch nichts wissen. Der war erst gestern angekommen. Aber darüber wollte er ihm doch selber berichten.

Der Kaufmann Tannburg wandte sich überrascht an den jungen Krieger. „Na, Jüngelchen, so rasant unterwegs? Nicht, dass du dir den Hals brichst bei deinem Ausritt…“ Der Angesprochene blickte finster auf den alten Mann herab, zögerte aber kurz mit einer Antwort und beschloss zunächst, vom Pferd zu steigen, wie es sich gehörte. Ohne ein Zögern wandte er sich an den Edlen zu Wulfenhain, der nur in dunkler Lederhose und einem Unterhemd gewandet war.

„Ritter Marudas von Grenfell. Ich habe eine Nachricht von Hochgeboren Rondrian von Blauenburg.“

Er drehte sich ein wenig ab von dem doch sehr neugierig wirkenden Händler, welcher sich aufgeregt reckte, um ja kein Wort zu verpassen.

„Der Baron hat Befehle für euch, die keinen Aufschub dulden“, sagte Ailgrimm, während er ihm einen versiegelten Brief überreichte.

„Ach ja? Welche Palisaden soll ich denn diesmal bauen?“ fragte Marudas von Grenfell etwas missmutig, während er das Siegel erbrach und den Brief las. Lange Zeit sagte er nichts. Alle Zuschauer des Spiels hatten sich umgewandt und beobachteten ihn gespannt.

Als er die Lektüre beendet hatte schaute er nachdenklich auf. Im ganzen Lager war es jetzt still. Alle Augen waren auf den Edlen gerichtet. Als das Schweigen andauerte fragte der Magister: „Welche Nachrichten gibt es aus der Burg, mein Sohn?“

Marudas von Grenfell sah noch mal auf den Brief als er antwortete: „Keine guten. Es sollen sich alle wehrfähigen Männer unter des Barons Kommando in voller Ausrüstung einfinden. Die Mörder seiner Eltern sollen gefasst und Ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.“

„Die Mörder seiner Eltern? Bei allen Zwölfgöttern und Mokoscha dazu, was beginnt denn hier gerade?“

„Ich weiß es nicht, Vater. Aber das ist nicht alles. Es wird erwartet, dass wir es mit Elfenvolk zu tun bekommen. Und deswegen sollst du auch deine Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Der Baron wünscht es.“

Der Magister sprang auf und warf dabei ungestüm das Spielbrett vom Fass. „Was? Der Baron braucht meine Dienste?“ Hektisch drängte er sich durch die Schaulustigen und wandte sich an Ailgrimm. „He, Junge, äh, warte kurz auf mich, ich muss nur noch ein paar Sachen packen. Dann kannst du mich gleich mitnehmen.“ Dann stürmte er auf den Turm zu und verschwand in seiner Werkstatt.

Die Vorstellung, mit dem Herrn Bagoas hinter sich auf dem Pferd zur Blauenburg zurück zu reiten, überforderte den jungen Ailgrimm etwas. Zum Glück, schien der Edle genau seine Gedanken zu erraten. Er wandte sich an ihn und sagte: „Mach dir keine Gedanken, Junge. Du brauchst dich nicht mit ihm abplagen. Sag unserem Herrn einfach nur, das ich kommen werde.“

Dann gab er ihm den Brief zurück und ließ seinen Blick durchs Lager wandern. Überall waren die Norbarden aufgestanden und verschränkten die Arme oder stemmten sie demonstrativ in die Hüften. Einige legten vielsagend die Hände auf die in ihren Gürteln steckenden Äxte.
Nachdem er den Rundblick beendet hatte, grinste er breit, schaute Ailgrimm nochmal an und verabschiedete ihn mit den Worten: „Und sagt ihm, dass ich meinen Vater und Verstärkung mitbringen werde.“


EIN HALBER TAG SPÄTER

Marudas von Grenfell war unsicher. Er konnte nicht abschätzen, wie der Baron auf die neue Situation im Lehen Wulfenhain reagieren würde. Eine komplette Norbardensippe, die Marudas’ Familie darstellte, hat auf dem Grund und Boden seines Herrn ihr Lager aufgeschlagen. Abgesehen von der Neuigkeit, das seine Ehefrau, die wohl maßgeblich an diesem überraschendem Besuch beteiligt war, eine angehende Sibillya war. Und wie misstrauisch der Baron inzwischen gegenüber Magie geworden ist, war sogar ihm klar.

Aber Marudas wusste auch, dass sein Lehnsherr im Moment Schlagkraft brauchte und dass er gerade mit seinem Vater und acht hartgesottenen, zähen Hunden auf die Blauenburg zu ritt...



Währenddessen in Finstertann:

Die alte Haushälterin betrat nach einem leisen Klopfen das Kaminzimmer des Herren Waldebrand von Brockingen. „Verzeiht, mein Herr. Da war eben so ein junger Mann von der Blauenburg. Er sagte mir, hoher Herr, dass ihn der Baron zu euch schickt. Ihr sollt eure Waffen anlegen, so bittet seine Hochgeboren, und umgehend zu ihm eilen.“ Elisande zog die Stirn kraus. "Komisch, sah mir eher nach einem Stalljungen aus als nach einem Krieger… nunja…“

Nachdenklich blickte sie zu Boden. „Ist wohl kein gutes Zeichen, wenn er schon solche Buben schickt…? Soll ich dem Erfor sagen, dass er Euer Pferd bereiten soll?“

Unruhig rang die greise Elisande ihre Hände. Sie ahnte Böses, hatten ihre Träume doch schon Kunde gebracht von furchtbaren Wirren in Bärenwalde. Als der Ritter nicht reagierte und weiterhin tief in Gedanken versunken in die Flammen starrte, trat sie einen Schritt näher.

"Mein Herr?" Sie wartete einen Moment. "Hört Ihr mich, mein Herr?" Waldebrand von Brockingen tat einen tiefen Atemzug und sein Blick löste sich von den Flammen im Kamin. "Ja, Elisande, ich habe Euch gehört. Schickt mir Erfor herbei." Während die Haushälterin langsam aus dem Kaminzimmer humpelte, erhob sich Waldebrand. Erst vor drei Wochen war er mit Elisande und seinem Leibdiener Rashid in Finstertann eingetroffen, um an seines Vaters statt die Herrschaft über Finstertann anzutreten, dem Krankheit und hohes Alter die lange Reise nicht mehr erlaubten. Aus dem Dorf hatte er dann Erfor Dengler und seine Gemahlin Jane eingestellt, Erfor als Stall- und Waffenknecht, Jane als Köchin und Dienstmagd.

Seit dieser Zeit hatte Waldebrand versucht, sich an die Kälte in Weiden zu gewöhnen. Es war mitten im Sommer und doch war es kälter, als er es im heimatlichen Khunchom im härtesten Winter erlebt hatte.

Die festen Schritte Erfors unterbrachen den Ritter in seinen Grübeleien. "Ihr habt nach mir geschickt, mein Herr?" klang die raue Stimme des Knechts auf. Waldebrand sah sich zu seinem Knecht um. "Sattle mein Pferd, und das von Rashid."

"Verlasst Ihr uns, Herr?" Erfor klang ein wenig besorgt, wusste er doch nicht, wer in der Abwesenheit seines Herrn das Anwesen pflegen sollte. Möglicherweise irgend ein hochgestellter Fremder aus der Stadt. Der Ritter wandte sich zu ihm um. "Ich muss auf die Blauenburg und ich weiß nicht, wie lange mich die Geschäfte dort festhalten werden. Für die Zeit meiner Abwesenheit wirst du das Gut verwalten. In diesem Beutel hier befindet sich das Handgeld für einen weiteren Knecht für einen Monat. Stell jemanden ein, den du für zuverlässig hältst. Bedenke jedoch, dass ich dich verantwortlich mache, wenn bei meiner Rückkehr alles in Scherben liegt. Nun geh und sattle die Pferde."

Waldebrand wandte sich um und verließ den Salon, um Rashid die Kunde zu überbringen und seine Rüstung und Waffen zu überprüfen. Er fand seinen Leibdiener und Freund hinter dem Haus. Der Tulamide schoss mit seinem Bogen auf eine am Apfelbaum aufgestellte Zielscheibe, in der bereits mehrere Pfeile steckten.

"Rashid!" rief Waldebrand ihm zu. "Zieh die Pfeile aus der Scheibe und mache dich reisefertig. Wir statten meinem Lehnsherrn einen Besuch ab." Rashid ließ den Pfeil fliegen und traf den inneren Kreis der Scheibe. Waldebrand ging auf Rashid zu und klopfte dem kleineren Mann auf die Schulter. Gemeinsam gingen sie auf die Zielscheibe zu. Auf dem Weg pflückte Waldebrand zwei Äpfel und reichte einen davon an Rashid weiter.

Dann erreichten die beiden die Zielscheibe. Rashid begann, Pfeile aus der Zielscheibe zu
ziehen. Schweigend aßen sie und trugen, als alle Pfeile im Köcher des Tulamiden verschwunden waren, die Zielscheibe zurück in den Schuppen.

"Wir reiten also?" fragte Rashid, als die beiden kurz danach wieder das Haupthaus betraten.

"Ja. Ich muss zur Blauenburg und hätte dich gern dabei. Der Waffenknecht des Barons sagte unverzüglich, also werden wir jetzt unsere Sachen packen und losreiten."

"Wie weit ist es zur Blauenburg?"

"Ein Tagesritt. Wir übernachten irgendwo am Wegesrand und werden abwechselnd wachen. Wenn es kälter wird, kommen die Goblins aus den Bergen, sagte mein Vater immer." Die Freunde trennten sich und holten ihre Ausrüstung. Waldebrand trat einige Zeit später in voller Rüstung, mit gegürtetem Schwert, Lanze und Schild in Händen vor das Haus, wo Rashid, in wallende Gewänder gehüllt, wartete. Seine weiten Kleider verbargen die leichte Rüstung, die er trug, und an seiner Seite baumelte ein schwerer Khunchomer. Sein Bogen und die Pfeile steckten in einem Köcher auf seinem Rücken.

Erfor betrat den kleinen Hof zwischen Haupthaus und Stall und führte die Pferde der beiden Freunde. So ungleich wie die Männer waren auch die Pferde. Adamant, das gewaltige Schlachtross aus Tralloper Zucht, ein Geschenk seines Vaters blieb vor Waldebrand stehen und schnaubte einmal kurz. Al'Bastra, der pechschwarze Rappe war eher ein Rennpferd und von feurigem Charakter. Waldebrand bestieg sein Pferd mit Hilfe der Rosstreppe, während Rashid sich einfach in den Sattel schwang. "Du hast deine Anweisungen, Erfor." sagte Waldebrand zum Abschied. "Handle danach." Dann gaben die beiden ihren Pferde die Sporen und preschten davon. Düstere Ahnungen begleiteten den Stallknecht, als er wieder ins Haus ging.



Derzeit in Köhlersruh:

Die Waffenmagd Ilene glitt von ihrem Pferd, noch ehe es stand. Schon von weitem hat sie Jene erblickt, zu der sie geschickt wurde. „Hohe Dame Rovena von Rosenhagen?“ sprach sie die schöne junge Frau an, welche gerade in ihrem Garten eine Rebe voll Trauben begutachtete.

Ilene musste unwillkürlich grinsen, freute sie sich doch schon auf die nächste Lese auf Rovenas Anwesen, die immer mit einer kleiner gemütlichen Feierlichkeit für die Mägde und Knechte sowie einige Gäste zu Ende ging. Sie hasste derlei Aufgaben und war froh, dass sie nicht in einem großem Bottich mit Trauben steigen musste um diese mit einem Dutzend anderer Frauen Ringelreihen tanzend zu pressen, denn sie war froh, dass sie dem Baron als Kriegerin zu Diensten sein durfte. Wein treten, wie Rovena es gerne mit den Mägden tut, sind einer Ritterin nicht würdig, dachte sie noch, während sie sich selbst beim Gedanken ertappte, dass das unter Begleitung bardischer Musik bestimmt mal eine nette Erfahrung sein könnte.

Zumindest schien Rovena recht vergnügt, wenn sie sich ab und zu pro Götterlauf die Füße schmutzig machte.

Rovenas Versuch etwas Wein im Garten anzubauen, brachte zwar keine reiche Ernte, genügte aber zum Privatgebrauch. Daher war dieser rare Tropfen zwar kein formvollendeter, dafür doch ein selten doch trinkbarer Genuss. Ilene besann sich erneut ihrer Aufgabe und erhob erneut ihre Stimme.„ Seine Hochgeboren Rondrian von Blauenburg ersucht euch um die Erfüllung eures Lehnseides. Er braucht euch – sofort und in Waffen.“ Mit gradem Rücken, das Gesicht keine Mine verziehend, stand sie erwartungsvoll vor der Weidener Edlen.

Diese hielt immer noch gedankenversunken eine Rebe in der Hand, eher Ilene sie erneut ansprach und Rovena zu ihr aufsah. Sie hat ihren Besuch tatsächlich nicht kommen gehört, was ihr merklich leicht unangenehm war.

„Oh, verzeiht Ilene. Ich hatte Euch irgendwie nicht bemerkt. Doch nun werde ich meine kleine Leidenschaft ruhen lassen und mich eiligst reisebereit machen.“ Rovena ließ alles stehen und liegen. Schnell eilte sie hinauf in ihr Gemach und zog sich ihre Rüstung über, ehe sie, mit Bogen und Fechtwaffen geschultert, auf ihre junge temperamentvolle Stute stieg. Ein schönes wildes Tier im Alter von 4 Götterläufen, welches nur Rovena vermochte zu reiten. Denn sie hatte es einst per Hand aufgezogen nachdem die seine Mutter verstorben war.

So machte sie sich geschwind mit Ilene auf dem Weg zur Blauenburg.



Am nächsten Tag:

Waldebrand erwachte von dem Geräusch prasselnder Flammen. Er schrak hoch und merkte erst dann, dass er mitnichten in seinem Bett lag und um ihn herum das Haus in Flammen stand. Der Duft von Gebratenem stieg ihm in die Nase. Der Ritter gähnte herzhaft und reckte sich. Rashids leicht spöttisch klinge Stimme erhob sich."Haben Euer Wohlgeboren gut genächtigt?"

"Ach, sei still und schneide den Braten an." Immer noch gähnend erhob sich Waldebrand und trat zum Lagerfeuer. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Wasserschlauch und ließ sich nieder, während Rashid das über dem Feuer gebratene Karnickel auf zwei Holzteller verteilte. Die Männer aßen und tranken schweigend.

"Irgend etwas ungewöhnliches während deiner Wache?" fragte Waldebrand schließlich. Rashid, der gerade dabei war, seine Finger abzulecken, schüttelte nur den Kopf. Dann nahm er die Finger aus dem Mund. "Abgesehen davon, dass ich außer den Karnickeln kein einziges Tier in dieser Gegend kenne und bei jedem Rascheln im Gebüsch mit einem Angriff gerechnet habe." Waldebrand lachte auf. "Wer sollte uns hier denn Angreifen?" "Na, deine Goblins natürlich! Was dein Vater so alles erzählt, sollen die ja gefährlich sein." Der Ritter schnaubte verächtlich. "Klar, in fünffacher Übermacht vielleicht. Jetzt aber genug geredet. Pack Er zusammen, Knecht, und dann auf zur Blauenburg."

Auf dem Bergfried der Blauenburg standen die Waffenknechte Oswin und Peredor und hielten Wache. Dabei achtete Oswin sehr darauf, immer weit weg vom schwindelnden Abgrund zu bleiben. Er hasste Türmerdienst. Noch dazu, wenn es – wie heute – immer wieder regnete. Aber nun senkte sich das Praiosmal ja schon langsam dem Horizont entgegen. Das Gemütliche Bier zum Abendmal lachte schon. Peredor hingegen saß sogar auf einer Zinne. Ihm schien die Höhe überhaupt nichts auszumachen. Nicht zu fassen, Oswin verstand nicht, wie der Andere das fertig brachte. Ihm selbst wurden die Knie schon schwach, wenn er nur den Turm hinaufschaute.

Plötzlich schreckte Peredors Ruf den Waffenknecht aus seinen Gedanken. „Sieh dort, da kommen Reiter!“ „Kannst du sehen, welche Farben sie tragen? Dann lauf ich schnell hinunter und melde den Herrschaften den Besuch.“

"Sieht mir ganz nach Grün und Silber aus, mit einem inverten Symbol in gleichen Farben." Peredor stutzte. "Wenn sie aus Richtung Finstertann kommen, kann es eigentlich nur der Ritter von Brockingen sein, aber das ist doch ein alter Mann, soviel ich weiß." Oswin trat widerstrebend einen Schritt näher an die Zinnen heran. Es war so wie sein Kamerad sagte. Die Farben waren die des Ritters von Brockingen. Peredor war mittlerweile von der Zinne geklettert und bemühte sich, einen dienstbeflissenen Eindruck zu machen.

"WER DA?" rief Oswin durch trichterförmig zusammengelegte Hände. Die beiden Reiter, einer auf einem großen weißen Tralloper, der andere auf einem kleineren schwarzen Pferd hielten an. Der größere der beiden stieg etwas in den Bügeln auf und rief zurück.

"Meldet eurem Herrn, das Waldebrand von Brockingen, Ritter von Finstertann, dem Ruf zu den Waffen gefolgt ist!"

„Es ist tatsächlich der Brockinger,“ Oswin nickte seinem Kameraden zu. „Ja jetzt erkenne ich auch den Dreiberg in seinem Schild.“ „Ich werde den Herrschaften seine Ankunft vermelden.“ Mit diesen Worten war Peredor auch schon in der Dachluke verschwunden.

Oswin war nun allein mit seinen Gedanken und seiner Furcht vor einem Absturz. „So, dann stimmt das Gerücht also. Der Baron ruft seine Ritter zu den Waffen. Wird es wieder Krieg geben?“ Peredor ließ sich von solchen Gedanken nicht beeinflussen. Er eilte die Treppen des Bergfriedes hinab, bis er den gepflasterten Burghof erreichte. Dort entdeckte er den Lehnsvogt Wolfhard von Blauenburg im Gespräch vertieft mit Lingmar, dem Hauptmann der Burgwachen. Vorsichtig suchte er die Aufmerksamkeit der Beiden. „Hochgeboren, Hauptmann, ein Besucher kommt. Ritter Waldebrand von Brockingen ist angekommen.“ Der Vogt drehte sich zu Peredor um. „Ah, der Erste ist also da. Gut. Dann öffne ihm geschwind das Tor. Er dürfte bereits den Burgweg heraufgekommen sein.“ Auf ein Nicken des Hauptmanns hin, wandte sich Peredor in Richtung des Torhauses. Das Fallgatter war zwar hochgezogen, das schwere zweiflügelige Eichentor jedoch war geschlossen. Zusammen mit Bosper und Waidgunde zog er beide Eisenbeschlagene Flügel auf und begrüßte mit einer Verbeugung die beiden Reiter, die tatsächlich den Aufstieg auf den Burgberg beendet hatten.

...

„Beeile dich, Giselund, wir haben bereits mehr als genug Zeit vertrödelt!“ Der Angesprochene riss wild an seinem roten Mantel, der in die feste Umklammerung eines Dornenbusches geraten war, und fluchte dieweil im Stillen. ‚Trödeln, ich, bei Satinav!’, dachte Giselund, und ein weiterer Ausbruchsversuch blieb fruchtlos, ‚Als ob mein Klepper auf halber Strecke zu lahmen begonnen hätte und wir dadurch ein nächtliches Lager hatten aufschlagen müssen.’ Ein drittes Winden, und diesmal mit dem Ergebnis, dass Giselunds grüne Kappe vom Kopf rutschte und sich das vermaledeite Gebüsch auch noch zum Hohne damit schmückte! Sein Herr trohnte dieweil auf seinem wieder von Wunderhand genesenen, eigenwilligen Gaul und beobachtete aufmerksam wechselweise die Landschaft und das Intermezzo. Wäre noch der Bote vom Vortag bei ihnen gewesen, wäre jener vielleicht Giselund zu Hilfe geeilt, aber er hatte sich mit seinem gesunden Ross zur Blauenburg aufgemacht, um ihr Kommen anzukündigen.

Schließlich schwang sich Fennwel doch vom Pferd, und als auch ihr gemeinschaftliches Zerren nichts brachte, zog er sein Schwert und durchtrennte die hartnäckigsten Ranken. „Ich dachte, du wärst Schreiber, und kein Florist“, sprach er dabei. „Die Herrin Hesinde war so frei, mich für mehr als ein Gebiet zu interessieren“, erwiderte der Gebeutelte unwirsch, während er seine Kappe vom Strauch herunterriss und wieder auf seinen blonden Haarschopf setzte. Als er im Vorrüberreiten vom Rücken seines Pferdes aus und hinter einer Mauer von Beerensträuchern geschützt eine Ansammlung roter Blumen mit einem markanten dunklen Stempel ausgemacht hatte, kannte er kein Halten mehr und stürzte sich in die Dornen. Doch sollte es sich um die seltenen – und sicherlich gut zu Geld machenden – Lulanien handeln, so blieben sie zwei Schritte entfernt und unerreichbar.

„Mit Verlaub, aber meine Stärken entfalten sich besser in einer komfortablen Stube als auf freier Wildbahn“, ächzte Giselund, während er seine gutgenährte Gestalt wieder auf sein breites Ross hievte. „Wieso nehmt Ihr auch eine Feder mit statt eines weiteren Schwertes?“ „Ifilde ist zu jung, und Harmbrecht zu alt, und außerdem überwacht der Kämpe die Arbeiten am Gut, während ich fort bin“, erwiderte Fennwel. „Und wie du weißt, hinterließ mir mein Großvater lediglich ein einziges Buch, und sollte ich jemals mein Interesse für die Anatomie von Goblinweibern entdecken, werde ich sicherlich bedauern, es als erstes von allen anderen Dingen dem Feuer überantwortet zu haben.“ Giselund nickte, doch nicht ohne stilles Bedauern ob des Verlusts von jeglichem gesammelten Material. „Es wäre daher sehr schön“, fuhr der Ritter fort, „wenn dir erlaubt werden würde, den einen oder anderen Text auf der Blauenburg zu kopieren und damit unsere eigene Sammlung zu begründen. Im Übrigen“, und er deutete nach vorn, „sind wir bereits angekommen“. Und damit ritten die beiden ohne ein weiteres Wort eilends der Burg entgegen, die sich zwischen zwei kleinen Hainen vor ihnen enthüllt hatte.

Geschwind durchquerten sie das Dorf Blauenburg am Fuße der trutzigen Burg. Die Einwohner verneigten sich ehrerbietig als sie die Ährenbacher Schlange auf des Ritters Schild erblickten. Aber die Reiter hielten sich nicht im Dorf auf, immerhin hatte der Baron um Eile ersucht. Das schien auch den Torwachen bewusst gemacht worden sein, denn sie traten sofort respektvoll zurück und präsentierten ihre Hellebarden, als die Reiter das geöffnete Tor erreichten. Fennwel und Giselund ritten unter dem schweren Fallgatter hindurch und das Hufgetrappel ihrer Pferde erklang laut im nassen Burghof – erst heute Morgen hatten die Wolken über der Burg Efferds Segen abgeladen - , so dass ein älterer Mann mit grauem schütteren Haar, der soeben im Begriff war einen anderen Neuankömmling und dessen, wohl tulamidischen, Begleiter begrüßen wollte, überrascht aufsah. Er winkte kurz, und sofort nahm ein Stallbursche die Zügel der Reiter und hielt die Tiere sicher, damit Fennwel sicher absteigen konnte.



„Den Zwölfen zum Gruße, Ehrbarer Herr von Brockingen. Mein Name ist Beoric Wächter, ich bin der Haushofmeister seiner Hochgeboren. Seid auf’s Herzlichste Willkommen.“ Beoric strich sich sein Wams glatt, auf dem man den Blauenburger Schild über dem Herzen erblicken konnte. „Ihr und Euer fremdländischer Begleiter. Und auch Ihr seid Willkommen in Travias Namen, Ritter von Ährenbach.“ Der Haushofmeister hatte die letzten Worte über den Hof gerufen und neigte kurz das Haupt bei der Nennung des Namens, woraufhin die Neuankömmlinge ihrerseits die Hände zum Gruß hoben und sich beeilten, zu den Wartenden aufzuschließen. „Gut, dass Ihr so schnell gekommen seid. Ich werde Euch sofort zum Baron geleiten.“

Waldebrand streckte seinen Arm in Richtung des Ritters von Ährenbach aus. "Rondra mit Euch, von Ährenbach. Mein Name ist Waldebrand von Brockingen."

„Und Rondra mit Euch! Fennwel aus Buchheim, ich freue mich, Euch zu sehen“, erwiderte der Angesprochene fröhlich, während er den Arm ergriff. Der Haushofmeister und seine beiden Gäste schritten durch die Flure der Burg. "Wisst Ihr vielleicht mehr über den Grund unseres Hierseins?" Auf dem Weg durch die Burg zogen Waldebrand und Rashid seltsame Blicke auf sich. Bei Rashid als Ausländer war das nicht ungewöhnlich, doch ein der Statur nach Weidener Ritter in voller Rüstung und gegürtetem Langschwert mit tulamidischer Barttracht und kunstvoll aufgetragener Männerschminke war doch ein ungewöhnlicher Anblick in der Blauenburg.

„Leider nein“, sagte Fennwel. „Ich bin erst im letzten Peraine-Mond mit dem Rittergut zu Buchheim belehnt worden, und zuvor war ich lediglich zweimal in Blauenburg. Das Gut war einige Götterläufe nur notdürftig instand gehalten worden, und so habe ich die ganzen letzten Monde dort verbracht.“ „Aber offenbar“, fuhr er nach einigen Schritten lächelnd fort, „bin ich nicht das einzige frische Blut hier in Wolfenbinge. Ich wähnte den Herrn von Finstertann um einiges älter – zumindest ist er mir so beschrieben worden.“

Ein Hüsteln entsprang Waldebrands Kehle. "Dann ist Euch wohl mein Herr Vater beschrieben worden, an dessen Statt ich hier bin, Gerion von Brockingen. Er hat sich ziemlich schlimm die Keuche geholt, so dass er nicht selbst herkommen konnte." Der Ritter sah einen Moment lang zu Boden. "Die Ärzte sagen, er wird wieder gesund, aber in seinem hohen Alter..." Er warf ein gezwungenes Lächeln zu Fennwel hinüber. "Wie dem auch sei, er schickte mich, Finstertann zu verwalten. Ich will hoffen, dass Seine Hochgeboren mich als rechtmäßigen Lehnsmann anerkennt." Dann waren Beoric und seine Gäste an einer stabilen Holztür angekommen, die er jetzt öffnete.

Von der anderen Seite empfing die Ritter zunächst der Duft nach Kamille. Und dann sahen die Eintretenden auch die unzähligen Blüten, die in das frische Stroh auf dem Boden gemischt waren. Erwartungsvoll betrachteten Baron Rondrian, die Edle Roanna und Vogt Wolfhardt die Neuankömmlinge. Die Drei hatten sich – wohl um die Gäste zu empfangen, denn kein Krug oder Teller ließen auf eine Tafelei schließen – im Großen Saal versammelt.

Beoric, der Haushofmeister wies den Rittern eine Stelle in der Mitte der U-förmigen Tafel, und trat an die Wand zurück. „Der Ritter Fennwel von Ährenbach und der Ritter Waldebrand von Brockingen. Wie Euer Hochgeboren befohlen, sind die wackeren Kämpen hier zur Stelle um ihren Lehnseid zu erfüllen.“ „Ah, meine Ritter, seid in Travias Namen willkommen auf meiner Burg. Fühlt Euch, als wäret Ihr in Eurem eigenen Heim!“ Mit diesen Worten hatte sich Rondrian von Blauenburg erhoben und breitete einladend die Arme aus.

Die Gefährtin des Blauenburgers folgte Rondrian mit einem freundlichen Lächeln. „Die Götter zum Gruße! „Fennwel, gut, euch hier zu sehen.“

Fragend blickte Roanna Rondrian an. Der andere Edle war ihr noch nicht bekannt. Und mit wem habe ich hier das Vergnügen?“

„Das, meine Liebe, ist der gute Ritter Waldebrand von Brockingen.“ Baron Rondrian neigte sich Roanna zu. „Er ist nunmehr an seines Vaters Statt der Herr von Finstertann. Genau wie dein Ritter Fennwel ist Ritter Waldebrand erst seit kurzem Lehnsträger hier in Wolfenbinge.“

Freundlich wandte sich die Edle nun dem Vorgestellten zu. „Ich bin erfreut, Ritter Waldebrand.“

Der Brockinger und sein Gefolgsmann verbeugten sich nach tulamidischer Sitte, was zumindest dem gerüsteten Ritter etwas schwer fiel. "Den Segen der Zwölfe auf Euer Haus, Euer Hochgeboren. Erlaubt mir, ein Gastgeschenk zu überreichen, auch wenn es etwas bescheiden ausfällt, da meine Vorräte arg zur Neige gehen." Rashid hatte mittlerweile seinen Rucksack abgesetzt und kramte darin herum. Nacheinander brachte er zwei Tonflaschen von je zweieinhalb Schank, einen Lederbeutel, eine hölzerne Schatulle und ein in Stoff eingeschlagenes Päckchen zum Vorschein und stellte sie auf den Tisch. "Bester Dattelwein, Pfeifenkraut und Tee aus Khunchom, mit den besten Wünschen meines Herrn Vater, Euer Hochgeboren. Außerdem eine Wasserpfeife, die ich zum Verköstigen des Krauts zur Verfügung stelle. Wie ich schon sagte, meine Vorräte sind arg geschrumpft, doch das wenige, das ich habe, teile ich gern."

Fennwel verbeugte sich tief vor dem Herrscherpaar. „Meine Herrin, Euer Hochgeboren, habt Dank für Euren freundlichen Empfang den grimmen Nachrichten zum Trotz.“ Mit einem kurzen Seitenblick auf Waldebrand neben ihm errötete er leicht. „Ich fürchte, ich kann Euch dieses Mal nur meine Treue, meinen Schwertarm und meinen Schild anbieten. Noch fehlt es im Gut zu Buchheim an Vielem, aber mit dem Segen der Götter und viel Fleiß wird es bald wieder zu einer Wehr und Heimstatt werden.“

„Da bin ich ganz sicher, Fennwel. Mit dem rechten Mann am rechten Ort wird dies wohl gelingen.“ Mit sanfter Hand strichen Roannas Hände sanft über die Wasserpfeife, kurz abwesend wirkend. „Ein schönes Stück, Ritter Waldebrand. Wo habt ihr sie gefunden?“

„Oh ja, berichtet, Lehnsmann! Und ihr müsst uns zeigen, wie man die raucht. In den vergangenen Zeiten, als ich noch ein Fahrender Ritter war, da habe ich solcherlei Pfeifen in den Basaren der Tulamidenstädte gesehen. Doch niemals rauchte ich selbst eine.“ Baron Rondrian stützte sich auf der Tafel auf. „Und Ihr, wackerer Ährenbach, genau dafür hatten wir nach Euch geschickt: Treue, Schwertarm und Schild! Ihr seid wahrlich ein Mann nach meinem Sinne! Seid mir Willkommen! Nehmt an meiner Tafel Platz! Euch soll sofort aufgetragen werden. Wenn dann die anderen hier erscheinen, wollen wir Rat halten.

...



Währenddessen bei der Zollbrücke über das Silfurnwasser:


Ugo Berringer, der Brückenvogt saß an seinem Tisch und zählte die Einnahmen der Woche. Das beständige Klopfen des Regens auf dem Dach des Turms störte ihn nicht. Er hatte es ja behaglich hier drinnen. Und es war eine gute Woche gewesen. Mehrere Fuhrwerke waren mit Waren beladen in Richtung Blauenburg gefahren – und auch wieder zurück. Der Brückenzoll war eine stetige Einnahmequelle. Genau wie die Anteile an der Getreidemühle und der Papiermühle. Und ein Viertel der Münzstapel stand ihm zu. Jedenfalls offiziell. Ugo für seinen Teil war der Meinung, dass ihm ein Drittel zustand. Zumal er ja auch die Handvoll Reisigen bezahlen musste. Und so schob er einen Münzstapel mit einer Handbewegung in seine eigene Geldkatze, als die Tür zu seiner Kammer aufgerissen wurde, und seine Untergebene Walderia hereinrief, dass Reiter aus rahjawärtiger Richtung kommen würden. „Reiter? Wieviele? Boten oder Reisende? Oder Händler?“ Ugo stand auf, um selbst zu sehen, wer da kam.

„Bei allen Zwölfen, ist das ein Wetter! Ich bin nass bis auf die Haut. Hoffentlich kommen wir demnächst mal an einer Schutzhütte vorbei, in der wir uns aufwärmen und unsere Wäsche wechseln können.“ , fluchte Rovena. Ilene wünschte sich nichts sehnlicher als eine nahende Unterkunft, denn sie war der bereits seit Stunden anhaltenden Laune Rovenas mehr als überdrüssig. Ständig musste sie sich das Gejammer anhören und fragte, warum Rovena sich nicht genauso wie sie zusammenreißen konnte. Schließlich war das Wetter ja nicht zu ändern. Und, war es nicht Rovena, die am liebsten so schnell wie möglich zur Burg ihres Herren reiten wollte? Doch nun schien sie einigermaßen zur Vernunft gekommen zu sein und Rast machen zu wollen, sobald sich eine Möglichkeit ergeben würde. Doch was war das? Scheint da vorne am Ende des Waldes nicht ein Licht? „Rovena, mir scheint die Zwölfe möchten Dir geben, was Du Dir wünscht. Siehst Du nicht auch vor uns den Turm der Zollbrücke?“ Rovena schien bei der Entdeckung ein wenig erleichtert, doch konnte die Aussicht bei den Zöllnern Rast zu machen ihre Laune auch nicht wirklich bessern. „Naja, in der Not...Besser als gar nichts. Hauptsache wir kommen wieder in warme und trockene Gewänder ehe wir uns noch den Tod holen. Außerdem, täte eine warme Suppe gerade jetzt besonders gut.“ Bei diesen Worten lief bei Ilene geradezu das Wasser im Munde zusammen. Denn sie waren bereits den ganzen Tag unterwegs ohne etwas Weiteres zu sich genommen zu haben.

Als sie bei der Zollbrücke ankamen, stiegen sie von ihren Pferden ab und näherten sich dem Eingang des Hauses. Kaum wollten sie anklopfen, da ging auch schon die Tür auf, und die beiden Damen schauten in das überraschte Gesicht eines hochgewachsenen blonden Mannes. Seine Locken wackelten lustig, und das Leder seiner leichten Rüstung knarzte, als er sich vor den Beiden verneigte. „Holde Damen, welch Glanz an diesem grauen Praioslauf!“ Einladend öffnete er die Tür weiter, damit die beiden Gäste, die geradewohl aussahen, wie halbertrunkene Katzen, eintreten konnten. Er war sich nicht ganz sicher, um wen es sich bei der einen Dame handelte – die Andere war unzweifelhaft Ilene, eine der Waffenmägde des Barons. Die war ja gerade erst vor zwei Praiosläufen in die andere Richtung geritten. Aber die Blonde? Nein, an die konnte er sich nicht erinnern. Aber sie strahlte soviel Anmut aus, dass sie gewiss von Stand war. „So nehmt den Platz, werthe ...?“

„Ro..., Hatschi! Oh, verzeiht! Hatschi! Ro...Ro...Ha...Ha...Hatschi! Rovena von Rosenhagen mein Name. Entschuldigen Sie, aber wäre es eventuell möglich, dass wir hier bei Ihnen unsere durchnässten Gewänder gegen trockene aus unserem Gepäck tauschen könnten, ehe wir Gefahr laufen in Golgaris Schwingen zu geraten...? Das könnten wir und unser Herr Rondrian von Blauenburg, zu dem wir uns aufgemacht haben, überhaupt nicht gebrauchen.“ Erwiderte Rovena, während Ilene und Ihr ein mehr als angenehmer Geruch in die Nase stieg.

Den beiden ausgehungerten Damen lief förmlich das Wasser im Munde zusammen.- Und schon konnte man auch ein lautes Knurren vernehmen.

„Oh, wie unangenehm...Das war wohl meiner...“ sprach Ilene und schaute leicht peinlich berührt auf ihren Bauch. „Wäre es sehr vermessen, wenn wir Sie fragen täten, ob wir etwas von dem leckeren Eintopf abbekommen könnten, den Ihr dort auf dem Feuer habt? Schön wäre es, wenn wir uns ein wenig zur Weiterreise stärken könnten.“ fuhr sie fort.

„Oh ja, selbstverständlich. Wie ungebührlich von mir.“ Verphext – tatsächlich eine Adlige. Die junge Rosenhagen. Und auch noch auf geheiß des Barons. Na der würde er keinen Zoll abknöpfen können. Im Gegenteil – die würde sich hier noch vollfressen. Beflissentlich verschluckte Ugo diesen Gedanken und verneigte sich stattdessen noch ein Stück tiefer. „Bitte nehmt doch Platz und etwas von unserem bescheidenen Mahl.“ Mit diesen Worten schob der Brückenvogt Rovena seinen eigenen Stuhl zurecht, und wies auch für Ilene einen Platz auf der Bank an. Nur wenige Augenblicke später, nachdem er einen weiteren Scheit ins Feuer gelegt und die Glut wohlig warm angefacht hatte, standen zwei dampfende Teller mit gut gewürztem Rübeneintopf, angewärmetes Brot und ein Kanten Käse vor den Damen.
„Und natürlich dürft Ihr Euch hier gerne umziehen. Benutzt dazu einfach meine Kammer oben. Hier unten könnte plötzlich einer meiner Männer oder noch ein weiterer Gast hereinplatzen.“

„Habt Dank, aber dürften wir uns eventuell erstmal kurz umkleiden, ehe wir essen, damit wir nicht noch Krank werden? Wir sind auch gleich wieder da in trockenen Gewändern, die wir extra wetterfest verpackt hatten für den Fall der Fälle...“ sichtlich erfreut und erleichtert über die freundliche Aufnahme nahmen die Damen das Angebot des Brückenvogts an, sich in seiner Kammer umzuziehen.

Nachdem sie dieses getan hatten waren sie auch schon wieder sofort am Platz und man sah Ihnen mehr als deutlich an, dass auch diese einfache Mahlzeit ihnen mehr als gut Tat.

„Dieser Eintopf ist einfach köstlich!“ bemerkte Rovena. „Und das Brot mit dem Käse ist auch sehr lecker!“ fügte Ilene hinzu. „Ja, wir sind Ihnen wirklich sehr dankbar für Ihre nette Gastfreundschaft, doch sobald wir gestärkt sind und das Wetter sich wieder beruhigt hat, werden wir wieder gen Blauenburg aufbrechen. Beim momentanen Blick hinaus, erkenne ich, dass sich auch schon ein wenig die Wolken zu lichten beginnen.“ ergänzte Rovena.

Ugo ging zur Tür und äugte durch den Spalt hinaus. „Tatsächlich, Ihr habt Recht, Hohe Dame. Dort bricht der Himmel auf. Oh, und dort kommen weitere Reiter.“

„Walderia, erkennst du sie?“ wandte sich Ugo an seine Untergebene.

Walderia kniff die Augen zusammen. „Ich sehe … ich sehe … ungefähr zwei Handvoll Reiter. Keine Wappenröcke … aber vorne ist ein älterer Mann mit spitzem Hut.“ Walderia sprach langsam, als wenn sie laut nachdenken würde. „Ähm … das könnte Wohlgeboren Marudas von Grenfell sein mit … Gefolge?“ Walderia drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu Ugo.

Er nickte kurz. Das wäre auch seine Schlussfolgerung gewesen. Er stellte sich neben sie und spähte in Richtung der sich nähernden Schar. Es mussten an die zehn Reiter sein. Eine komplette Lanze, oder? Er wusste aber nicht, dass der Ritter von Grenfell damit ausgestattet war. Und als Brückenvogt war es seine Pflicht das zu wissen. „Hol meine Hellebarde! Was auch immer das zu bedeuten hat, wir sollten standhaft auftreten.“

Der Baron von Blauenburg hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, was er von ihm erwartete, als er zum Brückenvogt bestallt wurde. Den Personen von Adel höflich und Ihres Standes entsprechend begegnen. Alle anderen hatten den Zoll zu zahlen. Ohne Ausnahme. Dass er bei zehn Reitern, die alle den Zoll pro Bein errichten müssen ein hübsches Sümmchen für sich behalten könnte, verstärkte Ugos geplante Standhaftigkeit wesentlich.

Walderia drehte sich um, verschwand in der Station und kam einige Augenblicke später mit dem Zeichen seiner Autorität wieder. Als er den Schaft der Hellebarde umfasste, fühlte er sich besser. Die letzten Minuten, in denen sich die Reiter näherten, verharrte er regungslos und schweigend, bis sie direkt vor ihm waren. Walderia blieb hinter ihm stehen und schaute neugierig und gleichzeitig nervös über die Schulter. Als sie vor ihm die Pferde zum Stehen brachten sah er, dass er und Walderia gute Brückenvögte waren. Sie lagen richtig mit ihrer Einschätzung. Es war der Edle von Grenfell und sein Vater. Die acht Reiter dahinter hatte er noch nie gesehen. Aber es waren alles finstere Typen.



„Die Zwölfgötter zum Gruße, Brückenvogt“, ergriff Marudas das Wort. „Der Baron hat uns zu sich bestellt.“

„Sehr wohl, Euer Wohlgeboren. Ihr seid nicht die ersten die deswegen diesen Weg kamen. Tatsächlich ruhen sich die edle Dame von Rosenhagen und Ihre Dienerin gerade im Zollturm etwas aus.“

„Das ist schön. Vielleicht können wir den Rest der Strecke gemeinsam reiten. Fragt sie. Ob es den Damen recht ist.“

„Sehr wohl, Euer Wohlgeboren.“ Ugo Berringer nickte seiner Untergebenen Walderia zum Zeichen, dass sie diese Aufgabe übernehmen solle, zu, verließ selber aber nicht den Posten.

Aus dem Augenwinkel konnte er aber sehen, dass Walderia sich eilte, der Aufforderung nachzukommen. „Der Herr Baron wird sicher erfreut sein, dass ihr so zahlreich kommen wollt, doch verzeiht die Frage: Um wen genau handelt es sich bei Eurer illustren Begleitung?“

„Die hier? Das ist meine Familie. Meine Sippe. Ich und meine Brüder sind mit ihnen aufgewachsen. Gestern sind sie auf meinem Gut aufgetaucht. Und ich dachte, wenn der Baron ein paar kräftige Kerlchen braucht, ist das eine gute Gelegenheit ihn wohlwollend zu stimmen, wenn ein paar verlauste Zeckenbrüder auf seinem Land lagern. Nicht wahr, ihr Wegelagerer?“ Die Antwort war zustimmendes Johlen.

Von diesem Geräusch alarmiert, stürmten Ritterin Rovena und Ilene heraus um dem Brückenvogt seine Gastfreundschaft mit Hilfe zu vergelten. Doch freundliche Worte des Edlen von Wulfenhain, und das Beteuern Ugos, dass es sich nicht um einen Angriff der Fremden handelte, ließ die Damen ihre Waffen senken.

Und nach weiteren Wortwechseln, fand man sogar, dass eine gemeinsame Weiterreise von beiderseitigen Nutzen sei.

...



Als sich die angewachsene Reisegruppe nun auf den Weg machen wollte, vertrat der Brückenvogt dem Edlen vorsichtig aber bestimmt den Weg.

„Euer Wohlgeboren?“ sprach Ugo dann Marudas von Grenfell an.

„Was ist denn noch? Wir sind schon spät dran.“

„Nichts läge mir ferner als euch aufzuhalten, euer Wohlgeboren, aber da wäre noch die Sache mit der Gebühr.“

„Welche Gebühr?“

„Der Zoll für die Brücke.“

„Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Ich bin Edler zu Wulfenhain. Ich zahle keine Gebühr."

„Natürlich nicht, euer Wohlgeboren. Aber was ist mit … dem Magister und … eurer Bedeckung?“ In dem Moment, als das Gespräch auf ihn kam lenkte Marudas Vater sein Pferd nach vorne und mischte sich in den Disput ein. „Lass mal mein Junge. Ich regle das schon selber.“

Gönnerhaft beugte sich Magister Bagoas von Grenfell nach vorne wandte sich an Ugo.
„Es ist natürlich ganz klar, dass die Tatsache, dass ich ein Magister der Akademie Schwert und Stab bin und nebenbei ein profunder Kenner der Belagerungsmagie (hüstel) übrigens ein von mir neu entwickelter Zweig der arkanen Künste, wobei ich genau genommen nicht alles neu mache, sondern auf bestehenden Forschungen … ähm … wo war ich?... Ach ja, also Magier bin, nicht von der Last, äh, Pflicht befreit die Gebühr für die Benutzung dieser außergewöhnlich gut gepflegten Brücke zu entrichten … Heda, Sprößling, Blut von meinem Blute, verdrehst du gerade die Augen ...?“

Ugo schaute den Magister gespannt an, wie er sich zu seinem Sohn umwandte und ihn anbellte. Er wusste schon, was kommen würde. Der Baron von Blauenburg, zusammen mit dem Burgvogt, hatte ihn gut vorbereitet. Sehr gut sogar. Ah, jetzt drehte sich der gelehrte Herr wieder zu ihm um. „…Wie auch immer, mein braver Mann, ich bin nicht nur ein Magister, sondern auch der Vater des Edlen von Grenfell.“ Mit diesen Worten schaute er Ugo lächelnd an … Schweigen.



„Versteht ihr nicht. Ich bin sein Vater.“

„Aber das weiß ich doch, Magister. Der Baron sagte, dass ihr das sagen würdet.“

Die Gesichtszüge des Magisters veränderten sich etwas von jovial und verständnisvoll zu vorsichtig und wachsam. „Ist euch klar, dass ich es als Kenner der arkanen Kräfte nicht nötig habe diese Brücke zu benutzen? Für mich gäbe es auch andere Wege, die du niemals beschreiten wirst.“

„Der Baron sagte auch, dass ihr das sagen würdet.“

„Ich habe dem Baron eine beträchtliche Summe für den Ausbau der Blauenburg zukommen lassen!“

„Er sagte, das würdet ihr auf jeden Fall sagen.“


ETWAS SPÄTER KURZ VOR DER BLAUENBURG

Die jetzt zwölfköpfige Reitergruppe ritt die letzten hundert Meter zur Blauenburg. „108 HELLER. KREUZSCHOCKDONNERSCHLAGNOCHEINS. Über einen Dukaten. Nur dafür eine Brücke überqueren zu dürfen. Ich hätte den Rabbutnik in einen Stein verwandeln sollen. Du weißt, dass ich das kann.“ sagte der Magister zu seinem Sohn.

„Ja, Vater, ich weiß.“ sagte Marudas mit einem Lächeln auf den Lippen. „Aber jetzt halte deinen Ärger im Zaum. Wir sind da.“

„Wieso habe ich den Eindruck, dass dich das alles amüsiert?“

Marudas schaute seinem Vater ins Gesicht. „Weil ich dich kenne, Vater. Dir hat es Spaß gemacht mal wieder so richtig deine Zunge mit einem anderen über ein paar Heller zu wetzen.“

„Ein paar Heller? Über einen Dukaten“ brummelte Bagoas. Er kniff die Lippen fest zusammen. Fast so als ob er ein Schmunzeln unterdrücken wollte.

„Und insgeheim zollst du dem braven Brückenvogt Respekt, dass er sich nicht einschüchtern lies. Du hättest an seiner Stelle genauso gehandelt. Wenn ich mal einen Brückenvogt brauche, will ich auch so einen. Übrigens glaube ich, dass du dich mit dem Burgvogt gut verstehen wirst. Ich sehe da gewisse Ähnlichkeiten.“

„Etwas mehr Respekt vor dem Alter, wenn ich bitten darf.“ Die harschen Worten wurden durch das Lächeln Lügen gestraft, dass sich jetzt auf dem Gesicht des Magisters zeigte. „Und jetzt halte deine Zunge im Zaum, wir sind da.“

. . .



In der Burg

„Oh, ich höre Hufgeklapper.“ Roanna ging mit schnellen Schritten zum Erker der Burg und blickte hinaus. „Weitere Streiter, die dem Ruf der Gerechtigkeit folgen.“

Mit einem Nicken gab die Edle dem an der Tür stehenden Haushofmeister einen stummen Befehl. Dieser wusste, dass er nun dafür Sorge tragen sollte, dass die neu eintreffenden Gäste ebenfalls in den großen Saal geführt werden. Gleich würden die Streiter vollzählig sein. Phex sei mit Rondrian. Möge er die rechten Worte finden, so dass sie ihn nach vollen Kräften unterstützen würden…

Gedankenabwesend formten ihre schmalen Hände und reich beringten Finger das Zeichen des Listigen. Der Herr der Nacht würde dieser kleinen Gruppe zu ihrem Recht verhelfen.

Das, was sie sah, als sie aus dem schmalen Fenster schaute, hatte sie allerdings nicht erwartet. Insgesamt zwölf Reiter strömten lautstark durch das Tor in den Innenhof. Vorne die Ritterin von Rosenhagen, Ilene und zwei Grenfells und dahinter … du meine Güte, sind das etwa alles Norbarden? Sie wandte sich an Ihren Herzkönig: „Liebster, das solltest du dir vielleicht anschauen.“

„Norbarden? Auf meiner Burg? Dieses herumziehende...“ Den Rest des Satzes verschluckte Rondrian beflissentlich, da ihm gerade noch rechtzeitig einfiel, dass seine Liebste ja bis vor wenigen Götterläufen auch noch dem Fahrenden Volk angehörte.

Geschwind eilte er an der Tafel vorbei, hin zu dem mittleren der Fenster, die zum Burghof hinaus wiesen.

„Ja potztausend, was denkt der Marudas sich denn dabei?“




Im Burghof

Als Marudas und Bagoas abgestiegen waren, fiel ihr Blick auf das Fenster, an dem der Baron von Blauenburg und seine Frau standen.

„Vater, würdest du mich bitte mal über die Stimmung des Barons aufklären? Könnte wichtig sein.“

„Ich weiß nicht,“ sagte der Magister, während er amüsiert hoch schaute,“ meinst du die in die Seiten gestemmten Fäuste, die gerunzelte Stirn, die hochgezogenen Augenbrauen … ah, jetzt kommt auch noch ein energisches Kratzen am Hinterkopf hinzu … oder die Zornesader auf der Stirn? Und sehe ich da Schaum vor dem Mund?“

„Ha, Ha. Sehr witzig.“ erwiderte Marudas, während er seine riesige doppelschneidige Axt aus dem Halfter zog. „Es gibt eine Sprache, mit der ich seinen Mißmut etwas eindämmen kann.“

Dann drehte es sich wieder zu dem am Fenster stehenden Baron um und rief: „Rondra, zum Gruße, euer Hochgeboren. Mit Freude warte ich auf den Moment an dem wir unsere Schwerter ziehen. Und deswegen habe ich ein paar Rabauken mitgebracht, die mir gestern über den Weg gelaufen sind.“ Er drehte sich zu seinen Sippenbrüdern um. „Los, ihr fleißigen Bienchen, zeigt was ihr könnt.“

Alle hoben ihre Waffen, Äxte und Bögen, johlten und hieben auf Schilde oder andere Dinge, die Lärm machten.

„Na, Vater, was meinst du?“

„Mmmh. Es ist noch ein Kopfschütteln und ein Aufeinanderpressen der Lippen hinzugekommen. Könnte in diesem Fall aber auch ein unterdrücktes Lächeln gewesen sein.“

„Wobei bei dir im Moment von einem unterdrückten Lächeln wahrlich nicht die Rede sein kann. Hattest du mal was mit einem Meckerdrachen?“ Marudas straffte seine Gestalt, wies seine Brüder an, es sich hier im Hof gemütlich zu machen und die weiteren Geschehnisse abzuwarten und machte sich auf den Weg in den großen Saal. Sein Vater folgte ihm.

„Wie auch immer. Die Freude über die zusätzlichen Schwerthände wird ihn sicher darüber hinwegtrösten, dass ich ihn über meine Familienverhältnisse bisher im Unklaren gelassen habe.“

Auf dem Weg kam ihnen auch schon an der Tür zum Palas der dienstbeflissene Haushofmeister entgegen, um sie alsdann in den Saal zu geleiten.

Die Türen öffneten sich und das Vater-Sohn-Gespann rauschte in den Saal. Zielstrebig ging Marudas auf den Baron und seine Gemahlin zu, kniete sich vor ihnen hin und beugte sein Haupt. „Meine Gefährten und ich gehören euch, mein Herr. Verfügt über uns.“

„Natürlich verfüge ich über dich, du Troll. Deswegen bin ich Baron und du … WER IST DAS DA DRAUSSEN? Muss ich für die etwa noch bezahlen? Ihr schuldet mir eine Erklärung, von Grenfell.“

Der Edle räusperte sich und sprach, „Das ist eine etwas längere Geschichte, euer Hochgeboren. Lasst mich nur sagen, dass sie euch nichts kosten und eng mit mir verbunden sind. Sie sind loyal und wehrhaft.“

Der Baron verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging mit gesenktem Kopf grübelnd ein paar Momente hin und her.

„Gut, dann schuldet ihr mir eine längere Geschichte, wenn dass hier alles vorbei ist. Derzeit aber ist jede kämpfende Hand von Vorteil.“


Fortsetzung folgt...