In der Burg
„Oh, ich höre Hufgeklapper.“ Roanna ging mit schnellen Schritten zum Erker der Burg und blickte hinaus. „Weitere Streiter, die dem Ruf der Gerechtigkeit folgen.“
Mit einem Nicken gab die Edle dem an der Tür stehenden Haushofmeister einen stummen Befehl. Dieser wusste, dass er nun dafür Sorge tragen sollte, dass die neu eintreffenden Gäste ebenfalls in den großen Saal geführt werden. Gleich würden die Streiter vollzählig sein. Phex sei mit Rondrian. Möge er die rechten Worte finden, so dass sie ihn nach vollen Kräften unterstützen würden…
Gedankenabwesend formten ihre schmalen Hände und reich beringten Finger das Zeichen des Listigen. Der Herr der Nacht würde dieser kleinen Gruppe zu ihrem Recht verhelfen.
Das, was sie sah, als sie aus dem schmalen Fenster schaute, hatte sie allerdings nicht erwartet. Insgesamt zwölf Reiter strömten lautstark durch das Tor in den Innenhof. Vorne die Ritterin von Rosenhagen, Ilene und zwei Grenfells und dahinter … du meine Güte, sind das etwa alles Norbarden? Sie wandte sich an Ihren Herzkönig: „Liebster, das solltest du dir vielleicht anschauen.“
„Norbarden? Auf meiner Burg? Dieses herumziehende...“ Den Rest des Satzes verschluckte Rondrian beflissentlich, da ihm gerade noch rechtzeitig einfiel, dass seine Liebste ja bis vor wenigen Götterläufen auch noch dem Fahrenden Volk angehörte.
Geschwind eilte er an der Tafel vorbei, hin zu dem mittleren der Fenster, die zum Burghof hinaus wiesen.
„Ja potztausend, was denkt der Marudas sich denn dabei?“
…
Im Burghof
Als Marudas und Bagoas abgestiegen waren, fiel ihr Blick auf das Fenster, an dem der Baron von Blauenburg und seine Frau standen.
„Vater, würdest du mich bitte mal über die Stimmung des Barons aufklären? Könnte wichtig sein.“
„Ich weiß nicht,“ sagte der Magister, während er amüsiert hoch schaute,“ meinst du die in die Seiten gestemmten Fäuste, die gerunzelte Stirn, die hochgezogenen Augenbrauen … ah, jetzt kommt auch noch ein energisches Kratzen am Hinterkopf hinzu … oder die Zornesader auf der Stirn? Und sehe ich da Schaum vor dem Mund?“
„Ha, Ha. Sehr witzig.“ erwiderte Marudas, während er seine riesige doppelschneidige Axt aus dem Halfter zog. „Es gibt eine Sprache, mit der ich seinen Mißmut etwas eindämmen kann.“
Dann drehte es sich wieder zu dem am Fenster stehenden Baron um und rief: „Rondra, zum Gruße, euer Hochgeboren. Mit Freude warte ich auf den Moment an dem wir unsere Schwerter ziehen. Und deswegen habe ich ein paar Rabauken mitgebracht, die mir gestern über den Weg gelaufen sind.“ Er drehte sich zu seinen Sippenbrüdern um. „Los, ihr fleißigen Bienchen, zeigt was ihr könnt.“
Alle hoben ihre Waffen, Äxte und Bögen, johlten und hieben auf Schilde oder andere Dinge, die Lärm machten.
„Na, Vater, was meinst du?“
„Mmmh. Es ist noch ein Kopfschütteln und ein Aufeinanderpressen der Lippen hinzugekommen. Könnte in diesem Fall aber auch ein unterdrücktes Lächeln gewesen sein.“
„Wobei bei dir im Moment von einem unterdrückten Lächeln wahrlich nicht die Rede sein kann. Hattest du mal was mit einem Meckerdrachen?“ Marudas straffte seine Gestalt, wies seine Brüder an, es sich hier im Hof gemütlich zu machen und die weiteren Geschehnisse abzuwarten und machte sich auf den Weg in den großen Saal. Sein Vater folgte ihm.
„Wie auch immer. Die Freude über die zusätzlichen Schwerthände wird ihn sicher darüber hinwegtrösten, dass ich ihn über meine Familienverhältnisse bisher im Unklaren gelassen habe.“
Auf dem Weg kam ihnen auch schon an der Tür zum Palas der dienstbeflissene Haushofmeister entgegen, um sie alsdann in den Saal zu geleiten.
Die Türen öffneten sich und das Vater-Sohn-Gespann rauschte in den Saal. Zielstrebig ging Marudas auf den Baron und seine Gemahlin zu, kniete sich vor ihnen hin und beugte sein Haupt. „Meine Gefährten und ich gehören euch, mein Herr. Verfügt über uns.“
„Natürlich verfüge ich über dich, du Troll. Deswegen bin ich Baron und du … WER IST DAS DA DRAUSSEN? Muss ich für die etwa noch bezahlen? Ihr schuldet mir eine Erklärung, von Grenfell.“
Der Edle räusperte sich und sprach, „Das ist eine etwas längere Geschichte, euer Hochgeboren. Lasst mich nur sagen, dass sie euch nichts kosten und eng mit mir verbunden sind. Sie sind loyal und wehrhaft.“
Der Baron verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging mit gesenktem Kopf grübelnd ein paar Momente hin und her.
„Gut, dann schuldet ihr mir eine längere Geschichte, wenn dass hier alles vorbei ist. Derzeit aber ist jede kämpfende Hand von Vorteil.“
Fortsetzung folgt...