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Burg Schwarzenstein im Phex 1035
Als sich die Tür öffnete, schaute Thûan Fîrnbold von Erlbach von dem Pergamentstückchen auf, dass er vor sich auf der Tischplatte gerade glattzustreichen versuchte. In der Tür stand seine Tochter Tharîna. „Du wolltest mich sprechen?“, fragte sie.
„Ja.“ Der Baron winkte das Mädchen herein. „Komm, setz dich zu mir.“ Er wartete, bis seine Tochter Platz genommen hatte, dann schob er mit den Worten: „Was hältst du eigentlich von dem hier, gefällt er dir?“ das kleine Pergament zu ihr hinüber.
Das Mädchen betrachtete das Bild darauf. Es zeigte das Portrait eines Jünglings mit dunklem, welligem Haar, einem offenen Blick und offensichtlich einer Tätowierung auf der rechten Gesichtshälfte. Ein leichtes spitzbübisches Lächeln schien seine Mundwinkel zu umspielen. Ihr Vater hatte in Trallop extra wegen dieses Bildes das Redaktionshaus der Fantholi-Gazette aufgesucht, und für ein paar zusätzliche Heller hatte ein Gehilfe ihm die Druckplatte mit dem Bildnis noch schnell nebenher auf einen Pergamentrest gepresst.
„Er hat eine niedliche Stupsnase“, kommentierte Tharîna. „Dein neuer Knappe?“
Thûan musste lachen. „Nein, nein. Das ist ein waschechter Prinz, die gehen nicht zu einfachen Baronen in die Knappschaft. Es handelt sich um Prinz Finnian ui Bennain, den angehenden Fürsten Albernias, und er sucht nun unter den adligen Familien des ganzen Reiches eine Braut.“
„Wieso? Findet er keine?“, fragte Tharîna frei heraus.
„Ähm“, stutzte Thûan, „genauer gesagt ist es eher seine Familie, die eine würdige Braut für ihn sucht.“
Seine Tochter legte den Kopf schief und schaute ihren Vater fragend an, ganz so, als wolle sie fragen: Und was hat das nun mit mir zu tun?
„Nun“, begann der Baron zu erklären, „wir Erlbachs sind eine der ältesten Familien des Reiches, zusammen mit den Nordfalks sogar die älteste des Herzogtums Weidens. Und adlig und ritterlich ist unser Geschlecht allemal. Auch wenn wir nicht den Stand eines Fürsten besitzen, so finden sich in der langen Tafel unserer Ahnen so edle und hochrangige Namen wie jene von Weiden und gar von Gareth. Der Prinz ist 14 Götterläufe alt, soweit ich weiß, und du bist gerade 11 geworden, das würde doch gut passen. Meinst du, dass du ihn heiraten könntest?“
„Aber ich kenne ihn doch garnicht“, erwiderte das Mädchen.
„Nunja, man kann sich deshalb doch trotzdem liebgewinnen.“
„Und wenn nicht?“
„Schau, Kleines, an seiner Seite wärest du immerhin Fürstin Albernias, die Herrscherin einer ganzen Provinz, mit allen Annehmlichkeiten, die dir diese Position bietet. Du könntest die schönsten Kleider tragen, feinsten Schmuck …“
„Ich trage aber lieber meine Kettenweste und die Lederhose“, unterbrach ihn Tharîna, „da kann man sich wenigstens auch mal schmutzig machen. Du weißt doch, wie Mutti immer geschimpft hat, wenn ich im Kleid mit Daron oder Ilka Waffenübungen mit dem Holzschwert gemacht habe, und das Kleid ein paar Schmutzflecke abbekommen hat oder gar irgendwo zerrissen war.“
„Als Fürstin kannst du natürlich tragen was du willst. Und ich glaube, da wird auch Mamma nicht mehr schimpfen, wenn du deine Kleidung ruinierst. Denk doch mal, wieviele Bedienstete du hättest, und welch schönes Leben du da führen könntest.“
Tharîna überlegte. „Aber erst will ich ihn kennen lernen. Kommt er hierher?“
„Tja, da liegt das Problem“, musste der Baron zugeben. „Wenn wir nach Albernia reisen, werden dem Prinzen dort sicherlich noch etliche andere Bräute angetragen werden, und es durchaus möglich, dass du selbst noch nicht einmal ein einziges Wort mit Finnian wechseln kannst, bevor du ihn dann gleich heiraten müsstest – sofern sich die Fürstenfamilie und ihre Berater überhaupt für dich als beste Wahl für den Prinzen entscheiden.“
„Dann will ich ihn nicht“, lehnte Tharîna schlichtweg ab. „Ohne ihn kennenzulernen … Nein.“
„Aber überleg doch mal: Die Vorteile, die du hättest … Und außerdem wäre das auch eine Aufwertung unseres gesamten Adelsgeschlechtes der Erlbachs – zumindest jener des Hauses Fîrnbold.“
„Aber wenn ich doch nicht weiß, ob ich ihn liebe?“
„Nunja, seine Nase schien dir ja schon gefallen zu haben“, versuchte Thûan seine Tochter zu überzeugen.
„Und wenn er krumme Füße hat? Oder ein Tollpatsch ist? Nein, erst will ich ihn kennenlernen und mich richtig in ihn verlieben, bevor ich ihn heirate.“
„Das mit dem Verlieben kann ja auch später noch kommen“, gab ihr Vater noch einmal zu bedenken.
„Papa, du hast mir versprochen, dass ich aus Liebe heiraten darf.“
„Nunja, …“, versuchte der Baron sich herauszuwinden.
„Du hast es versprochen“, beharrte Tharîna mit fester Stimme.
„Ja, schon“, musste Thûan zugeben. „Aber denk doch, was du bei dieser Heirat alles gewinnen könntest.“
„Nein, ich will nur aus Liebe heiraten. So wie du und Mamma“, erklärte das Mädchen beharrlich. „Kann ich jetzt los? Korporal Kasner wartet schon wegen der Hellebardenübung auf mich.“
Der Baron nickte, wenn auch ein wenig betrübt. „Ja, gut, dann wollen wir ihn nicht länger warten lassen. Geh nur.“
Das Portrait des albernischen Prinzen lag einsam auf dem großen Tisch, nachdem seine Tochter den Rittersaal verlassen hatte. Baron Thûan nahm es wieder an sich, als er sich erhob. Nachdenklich betrachtete er das Pergamentstück, während er mit langsamen Schritten hinüber zum großen Kamin ging, dessen ruhig züngelnde Flammen dem großen Raum an diesem kühlen Morgen etwas mehr Wärme spendeten. „Tja, mein lieber Prinz“, sprach er zum Bild. „Wenn du mein Knappe wärest, hättest du vielleicht noch eine Chance bei meiner Tochter. Aber so …“ Dann warf er das Pergament ins Feuer.