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Burg Räuharsch in der Stadtmark Baliho, Boron 1035 BF
Das halbe Dutzend Pagen, gewandet in rote, mit silbernem Rad verzierte, Wappenröcke, hatte sich in einer beinahe geraden Reihe vor dem jungen Ritter der Au aufgebaut. Die Holzschwerter fest umklammert, verfolgten große Kinderaugen, was Eulrich von Krummetsau ihnen erklärte und zugleich vorführte.
Wilfing von Falkenstein, erster Ritter der Au lehnte am anderen Ende der Halle an einer Säule und beobachtete es mit sachtem Lächeln. Seine Augen flogen immer wieder zu dem hoch aufgeschossenen Mädchen am linken Rand der Reihe. Das weißblonde Haar in einem strengen Pferdeschwanz gebändigt, verfolgte seine Enkelin Fehild die Lektion des Ritters mit zusammengezogenen Brauen. Nun sollten die Kinder die formalisierten Angriffe, die Eulrich gerade vorgeführt hatte, nachmachen. Wilfing lächelte breiter, als er die Unordnung beobachtete, in die die Reihe geriert, weil manche eilig zu Werke gingen, wo andere noch überlegten, wie sie wohl beginnen sollten. Zu letzteren gehörte seine Enkelin. Die Stirn in konzentrierte Falten gelegt, wiederholte sie die Namen der Angriffe, ehe sie in Positur ging. Als sie endlich so weit war, waren die anderen schon fertig.
“Man kann nicht unbedingt behaupten, Base Fehild wäre stürmisch, eh, Wilfing?”, vernahm der Erste Ritter in seinem Rücken. Sofort stieß er sich von seiner Säule ab und wollte sich umwenden, doch eine kräftige Hand hinderte ihn daran. “Lass’ gut sein, Getreuer. Ich stehe gerne hier und und sehe mir in aller Ruhe Balihos Zukunft an”, schmunzelte seine Burggräfin Ardariel Nordfalk von Moosgrund.
“So weit würde ich nicht gehen, Hochwohlgeboren. Sie kann durchaus stürmen, wie alle Falkensteins. Doch zuvor überlegt sie in der Regel. Nicht wie alle Falkensteins, daher nehme ich an, sie hat es von ihrem Vater”, er schmunzelte in Gedanken an seine aufbrausende Tochter. “Wie macht sie sich”, forschte Ardariel weiter nach. “Bin ich da der Rechte, das zu fragen? Sie ist mein Fleisch und Blut, mein Herz schwillt vor Stolz, wenn ich sie in Rot und Silber vor mir sehe.” Ardariel lachte leise. “Ich denke schon, du bist mein Erster Ritter und als solchen frage ich dich nun: wie macht sich die jüngste Falkenstein in Balihos Diensten?”
Wilfing überlegte und bemerkte nicht, wie eben das ein Grinsen auf Ardariels Lippen erblühen ließ. “Vom Vater also?”, murmelte sie von Wilfing in seiner Konzentration unbemerkt. “Fehild ist verständig, sehr gelehrig in allem Hoffärtigem, aber noch ungelenk in den rondrianischen Bereichen. Doch ich bin sicher, wenn sie sich in ihrem Körper erst wieder zurecht findet, wir sich das angleichen. Ihr habt vielleicht bemerkt, wie sehr sie im letzten halben Götterlauf gewachsen ist.” “In der Tat.” Wilfing fuhr mit gekrauster Stirn fort. “Im Schreiben ist sie die Beste, hörte ich und äh ...”, “Ja?” “Sie singt schön”, schob der Falkensteiner beinahe entschuldigend hinterher. Die Burggräfin nickte wohlwollend.
“Sag’ an, Wilfing, hast du die Neuigkeiten aus Albernia gehört?”, ergriff sie wieder das Wort. “Eine Braut für den zukünftigen Fürsten wird gesucht. Unser erster Landrat ist schon eifrig dabei, die Edlen Weidens für seine Enkelin zu begeistern. Er erinnert ohne müde zu werden an die ruhmreiche Geschichte seines Hauses.” “Es ist ein großes und ehrwürdiges Haus, Hochwohlgeboren.” “Ich weiß, wie könnte ich es vergessen, so oft, wie ich daran erinnert werde” replizierte sie gereizt. Wilfing schmunzelte.
“Ich finde nur, es gibt noch andere Familien mit glorreicher Geschichte. Auch wenn der eine oder andere Schatten auf sie gefallen ist. Und wenn ich Fehild so sehe, frage ich mich, ob es nicht an der Zeit ist, einer dieser Familien den Weg aus dem Rückzug nahe zulegen. Die Familie Falkenstein herrschte lange und gut über die Grafschaft Baliho, Wilfing. Ich will nicht vergessen, welche Schande Praiodane, die letzte Gräfin, über sich und ihre Familie brachte. Es war recht und gut vom Reichbehüter, die Pandlarilstränen zurück zu nehmen. Doch es ist nicht recht und gut, dass diese alte Weidener Familie in Sack und Asche geht. Nicht umsonst ist der Erste Ritter der Au ein Falkensteiner, denn sein Ruf ist untadelig.”
“Ihr ehrt mich, Hochwohlgeboren und dennoch muss ich fragen: ist das eine gute Idee? Ich glaube nicht, dass man den Verrat meiner Tante hier vergessen hat. Im Reich hat man das sicher nicht.” “Gewiss nicht, du hast recht. Aber wir sind hier verdammt noch mal in Weiden und seit wann gilt bei uns die Sippenhaft, eh? Was kann Fehild für das Fehlgehen ihrer Urgroßtante? Kennt sie diese überhaupt, hat sie sie auch nur einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen? Ich glaube doch kaum! Insofern kann sich ihr verderbter Einfluss wohl auch nicht auf das Mädchen ausgebreitet haben, möchte ich meinen. Ich bin überhaupt der Ansicht, wenn man Versagen in die Bahn wirft, dürfen Verdienste nicht fehlen. Davon jedoch höre ich nichts, nichts von der Treue der Falkensteins, ihrem Geist und dem Guten, das sie der Grafschaft während ihrer Herrschaft gebracht haben. Machen wir uns nichts vor, Wilfing.” Ardariel lehnte sich an die Wand und winkte zugleich ihrer Knappin, Getränke zu bringen. “Der Vorschlag des ollen Arbolf ist ziemlich gut und wenn ich nun Fehild protegiere, wissen wir beide ganz genau, wen wir damit auf die Zinnen treiben.” Die Nordfalkin grinste, als bereite ihr die Vorstellung ein gewisses Vergnügen.
“Auf der anderen Seite aber”, und nun sah sie Wilfing voller Ernst in die Augen, “passiert genau das, was ich möchte: die Familie Falkenstein wird wieder wahrgenommen, selbst wenn Fehild keine Mehrheit finden sollte. Und mal ehrlich: es gibt schlechtere Vorschläge! Wir können wenigstens auf eine jüngere Linie im Garetischen verweisen, wiewohl ich mich nicht darauf verlassen möchte, dass diese Fehild unterstützen würden. Die Garetier, fiel mir unlängst auf, sehen nur bis zum nächsten Schlagbaum. Aber was schert’s mich? Ich jedenfalls würde deine Enkelin unterstützen, denn sie wäre eine würdige Weidener Vertreterin: Finnian bekäme eine Gemahlin, die dort zur Ritterin ausgebildet wird, wo die Wiege der Ritterschaft steht. Kann ein Albernier mehr erwarten?” “Wenn ihr mich fragt nicht, aber ich bin als Großvater wohl auch befangen.” Sie lachten, dann nickte Wilfing bedächtig. “Ich werde mit meiner Tochter sprechen und ich werde – wohl oder übel – daran gehen, unsere Wappenrolle auf Vordermann zu bringen. So oder so, Hochwohlgeboren, ich habe Euren Ruf gehört und die Falkensteins folgen dem Schrei des Nordfalken von jeher!”