Burg Distelstein in der Baronie Hollerheide, Travia 1035 BF


„Ach du liebes Bisschen, hast du das gelesen, Baraya?“

„Im Zweifel nicht, denn du umklammerst diesen Schrieb nun schon ... wie lange? Ein geschlagenes halbes Wassermaß? Ach, was sag’ ich, ein ganzes wird es sein. Aber immerhin bist Du schon über das erste Drittel hinaus, oder?“ Die Vögtin blickte zweifelnd über den Rand ihrer Tasse. Ihr Blick traf den dahingelümmelten Baron der Hollerheide. Unzufrieden schüttelte sie den Kopf. „Wenn deine Vasallen dich so sehen würden, Lanzelund! Oder deine Holde!“ Die Beine auf dem schweren Holztisch kippelte er mit seinem Stuhl, als gelte es auszuloten, wie weit er sich nach hinten lehnen konnte, ohne zu fallen. Das protestierende Ächzen des Möbelstücks ignorierte er geflissentlich.

„Pah ... nicht auf die Haltung kommt es an, sondern auf ...“, begann Lanzelund elanvoll und winkte ab, als ihm das Ende des Satzes nicht einfallen wollte. „Ich bin längst fertig, Schwesterlein“, ergänzte er in beleidigtem Tonfall. „Also, da du es nicht gelesen hast, lass’ mich dich mit Weisheit füllen: die albernische Regentin sucht eine Braut für ihren Sohn, den zukünftigen albernischen Fürsten.“ Er nickte wohlwollend und blickte mit beifallheischender Geste über den Tisch.

Baraya sah ihn an und zuckte mit den Schultern. „Weisheit nennst du das? Herrin Hesinde, steh’ mir bei in dieser Ödnis.“ Die Vögtin seufzte herzergreifend.

„Na, nu hör’ aber mal zu, das ist kein Kinkerlitzchen. So eine Heirat wäre politisch gesehen sicher nicht uninteressant.“

„Oh, ganz richtig, mein Lieber. Hättest du deiner Pflicht inzwischen genüge getan und einen Erben produziert – in diesem Fall günstigerweise einen weiblichen – würde ich dir zustimmen. Wiewohl ... Albernia? Das ist weit weg, nicht wahr? Wie auch immer, wir beide wissen, dass es uns an just einem solchen Erben gebricht,“ leiser ergänzte sie „so hoffe ich, bei Travia“, und wieder lauter, „mithin haben wir nichts, was wir als Verhandlungsmasse in die Waagschalen interprovinziellen Geschachers werfen können. Aber eine nette Idee ist es schon.“ Sie erhob sich und umrundete den Tisch.

„Jajaja,“ nörgelte der strahlende Recke und schniefte unleidlich, „ich bin ja dabei.“ Er warf das Pergament auf den Tisch und beobachtete Baraya, wie sie auf ihn zukam. Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen und ein mutwilliger Blick in seine Augen. „Eigentlich würde ich meiner Tochter Albernia gar nicht zumuten wollen, eben weil es so weit weg ist. Und außerdem wäre die Hollerheide ihr Erbe. Aber es muss ja gar nicht meine Tochter sein, eh?“

„Dein Sohn vielleicht?“, grinste Baraya.

Lanzelund schüttelte energisch den Kopf. „Natürlich nicht, der erst recht nicht. Aber,“ sein Grinsen wurde breit und breiter, „meine Schwester ihrerseits hat ja auch noch nichts für den Erhalt der Familie getan. Frei und ledig steht sie vor mir und predigt mir doch stets, dass ich politischer denken muss. Wie wäre es, Baraya? Alberia ist vielleicht nicht gar die Ödnis, wie Weiden es scheinbar ist und Finnian noch ein Knabe. Du könntest ihn dir also hinziehen ... wohin auch immer du wolltest.“

Baraya starrte ihren Bruder an, das Grinsen auf ihren Lippen gefroren. Dann zwang sie sich ein dünnes Lächeln ab und rümpfte die Nase. „Sagte ich schon, dass deine Witze immer blöder werden, Lanzelund? Nein? Dann sei dir das hiermit zur Kenntnis gegeben. Gehab’ dich wohl!“ Mit raschelnden Röcken rauschte sie an ihm vorbei.

Lanzelund seinerseits legte den Kopf in den Nacken und lachte dröhnend, bis Barayas Gehstock sich – Drachenkopf voran – in einem der Stuhlbeine verfing, mit einem kräftigen Stoß vorwärts gestoßen wurde und genau das passierte, was sie ihm die ganze Zeit prophezeit hatte: der Baron der Hollerheide ging mit großem Getöse zu Boden.

Seine Vögtin stand in der Tür, drehte den Gehstock, stützte sich wieder darauf und besah sich die Bescherung – gerade folgte das nicht gerade kleine Trinkhorn des Barons dessen Sturz und ergoss seinen golden schimmernden Inhalt schäumend über ihn – mit ungerührter Miene. „Hoppla,“ gab sie zum Besten, „da hast du dich wohl zu weit nach hinten gelehnt, eh?“ Und damit verschwand sie.