Reichsend & Gräflich Schneehag, Praios 1047 BF
Die ziemlich genau 100 Jahre andauernde Herrschaft der Familie Böcklin über Schneehag hat zu Beginn dieses Jahres ein ebenso abruptes wie unrühmliches Ende gefunden. Da der bisherige Baron Firian Böcklin von Buchsbart die Frist, innerhalb derer er beim Grafen zu Reichsend hätte vorstellig werden sollen, verstreichen ließ, erklärte eben jener das Lehn zum Heimfall – und mehr noch als das: zu einem gräflichen Allod. Emmeran von Löwenhaupt hat folglich nicht nur Frau und Kinder des Mannes, mit dem er seit Jahren über Kreuz lag, vor die Tür gesetzt, sondern sich überdies das Land von dessen Ahnen angeeignet.
Kurz zur Erinnerung: Der Böcklin ist seit einem Scharmützel im Finsterkamm Ende 1046 BF spurlos verschwunden. Wahrscheinlich fiel er im Kampf gegen den Schwarzpelz, dem er vor allem in den vergangenen paar Jahren sein ganzes Leben gewidmet hatte – weniger mit Leidenschaft, als vielmehr mit einem geradezu fanatischen Eifer, wie allenthalben gemunkelt wird. Weil er mit dem Vorstoß ins Gebirge nicht zum ersten Mal gegen eine klare Weisung des Grafen verstieß, riss dem nun endgültig der Geduldsfaden und er drohte die Entlehnung von Herrn Firians Familie an, wenn die Sache nicht bis Praios 1047 BF geklärt ist.
Das ist nicht geschehen, was niemanden verwundern dürfte, da sich Tote allgemein recht schwer damit tun, Termine einzuhalten. Herr Emmeran nahm es dennoch zum Anlass, die angekündigte Entmachtung ins Werk zu setzen und Schneehag unter seine eigene Herrschaft zu stellen. Um die Verhältnisse dort zu klären und das Land auf einen vernünftigen Weg zu bringen, ehe es wieder vergeben wird, heißt es aus Reichsend. Viele Trutzer bezweifeln jedoch, dass es je zu einer Neubelehnung kommen wird. Vielmehr scheint die Meinung verbreitet, dass der Löwenhaupter die Gelegenheit, sich mehr Land einzuverleiben, nur zu gern beim Schopf gepackt hat.
Der überwiegende Teil des Trutzer Adels nimmt die Vorgänge schweigend hin. Das dürfte zum einen daran liegen, dass niemand den Zorn des Grafen auf sich ziehen will: Wohin das führen kann, wurde seinen Vasallen ja gerade erst sehr eindrücklich vor Augen geführt. Es liegt zum anderen aber bestimmt auch daran, dass Herr Firian sich unter den Seinen in den vergangenen Jahren viele Feinde gemacht hat. Der Vorwurf, dass niemand außer ihm die Gefahr durch den Ork ernst genug nehme und er nur von Zauderern und Feiglingen umgeben sei, kam bei den anderen Baronen – wenig überraschend – nicht gut an.
So hat sich denn von den Herrscherinnen der Trutz nach Informationen des FANTHOLI auch nur eine öffentlich geäußert, und das nicht etwa, indem sie das Wort an ihren Lehnsherrn richtete, sondern indem sie sich direkt gen Trallop wandte: Leudane von Finsterkamm, die Nachbarin des verschollenen Böcklin, stellte eine förmliche Anfrage ans Herzogenhaus. Unter anderem will sie darin wissen, ob es wirklich im Interesse Walpurgens ist, dass Familien, die jahrhundertelang treu für die Mittnacht gefochten haben, wegen eines privaten Händels aller Ämter enthoben und ins Exil geschickt werden. Eine Antwort gibt es bislang allerdings noch nicht.
Überhaupt ist das Schweigen Trallops zu den jüngsten Vorgängen in der Trutz als nachgerade dröhnend zu bezeichnen. Vermutlich hängt das unter anderem damit zusammen, dass Frau Walpurga und Herr Emmeran seit jeher auf dem Kriegsfuß stehen, aber nun mal vom gleichen Blute sind. Die engen familiären Bande führen dazu, dass sie sich Kommentare über Handlungen des jeweils anderen oft lieber zähneknirschend verkneifen, als zu sagen, was in manchen Fällen dringend gesagt werden müsste. Aus dem Kreise Walpurgas und ihrer engsten Berater hat jedenfalls bislang nur einer Stellung bezogen: Wachtgraf Halgan von Hirschenborn.
Der Nordwaller mahnte, dass das Vorgehen des Grafen, die „Wacht wider den Ork schwäche“, da die ebenso kopf- wie kampfstarke Familie Böcklin nunmehr brüskierte sei. Tatsächlich hat die Witwe von Herrn Firian, Adaque von Mersingen, Schneehag Anfang Praios mit Sack und Pack verlassen – nicht nur in Begleitung ihrer Kinder, sondern auch einiger Dienstritter samt Gefolge sowie von allerlei Waffenvolk. Von einer Schwächung der Wehr Weidens kann also durchaus die Rede sein. Und dass die verbliebenen Böcklins, die auf dem Junkergut Bockenstein in Nordhag sitzen, dem Grafen künftig mit Freuden dienen werden, darf auch bezweifelt werden.
In jedem Falle ruhen viele Augen heuer gespannt auf Reichsend. Alle fragen sich, wen Herr Emmeran wohl als Vogt für sein Allod nach Süden schicken wird. Die Aufgabe ist undankbar, denn wer auch immer das Amt bekleidet, darf kaum darauf zählen, in Schneehag mit offenen Armen empfangen zu werden. Schließlich kennen die Bewohner der Baronie seit Generationen keine anderen Herrscher als aus der Familie Böcklin und dürften sich dieser in vielerlei Hinsicht nach wie vor verbunden fühlen.