Burg Efferddorn in der Baronie Pandlaril, Efferd 1035 BF


Baron Arbolf nutzte das schöne Spätsommerwetter und hatte Cloduar, seinen Schreiber, angewiesen, sich im Burghof einzufinden. Im Schatten der ausladenden Zeder – Herzbaum von Burg Efferddorn – saß er, die Füße weit von sich gestreckt, einen großen irdenen Pokal voll guten Almadaners auf dem imposanten Bauch postiert und sann über die weitere Nachmittaggestaltung nach. Derweil mühte sich sein ebenfalls fettleibiger Schreiber damit ab, Falttisch und -stuhl einerseits in gebührendem Abstand von seinem Baron, andererseits aber innerhalb des Baumschattens aufzustellen. Dabei schimpfte er wie ein Rohrspatz auf Freulinde, sein Lehrmädel. Er hatte sie angewiesen, Pergament, Feder, Federmesser, Tinte und den einen oder anderen Folianten zu bringen. Nun ließ das spichtelige Mädchen auf sich warten und Cloduar musste sich selbst darum kümmern, seinen Arbeitsplatz einzurichten.

„Nun, nun“, brummte Arbolf mit geschlossenen Augen. Im letzten halben Wassermaß hatte er sich gerade einmal dazu durchringen können, einige Fliegen, die seinem geliebten Wein unverschämt nahe kamen, davon zu winken. „Was soll denn die ganze Aufregung, Clod? So ein schöner Nachmittag und du ächzt und schimpfst wie ein Anderather Waschweib. Etwas mehr Würde, wenn ich bitten darf.“

Der Schreiber warf seinem Herrn einen missgelaunten Blick zu, verpasste dem Kappstuhl einen entschiedenen Tritt, sodass die Stuhlbeine einrasteten und ließ sich – seufzend – hineinfallen. Das Segeltuch ächzte protestierend, was Cloduar jedoch ignorierte. Missmutig stellte er fest, dass der Tisch nun im Schatten stand, er selbst hingegen im prallen Sonnenschein saß. Anders war es kaum zu machen, wollte er seinem Baron nicht den Rücken zuwenden. Er kniff die Augen zusammen und warf dem gleißenden Praiosmal einen anklagenden Blick zu, kleidete den dazugehörigen Fluch wohlweislich aber in unverständliches Gebrabbel.

„Können wir dann endlich?“, erhob sich die Stimme des Pandlarils schon wieder. Er richtete sich gerade so weit auf, dass er seinen Pokal zum Mund führen konnte und winkte zugleich einen Pagen herbei, das Gefäß gleich wieder aufzufüllen.

„Jawohl, Hochgeboren“, näselte Cloduar. Aus den Augenwinkeln bemerkte er Freulinde, wie sie – unter einem Turm aus Büchern, Pergamenten und obenauf einem Tintenfässchen schwankend – auf den Herzbaum zugewankt kam. „Da bist du ja endlich, du Nichtsnutz. Stell das alles hier ab und beeil dich, Hochgeboren wartet schon.“ Arnwulf von Pandlaril, der nun hinter Freulinde in der Tür erschien, übersah Cloduar vollkommen.

Es war eine artistische Glanzleistung, wie Freulinde nahezu blind die Folianten auf den wackeligen Tisch abließ. Allein das Tintenfässchen auf dem Gipfel der Berges aus Leder, Papier und Pergament geriet gefährlich ins Wanken. Ehe es fallen konnte, schnappte Arnwulf danach und stellte es sicher auf dem Tisch ab.

„Hoppla“, ließ er sich nun vernehmen, lächelte dem Lehrmädel zu, bedachte Cloduar jedoch mit einem tadelnden Blick. „Nach wie vor hervorragend darin, anderen die schwere Arbeit zu lassen, eh, Cloduar? Nächstes Mal ruf einen Knecht oder trag selbst die schweren Bücher, wenn es in den Hof geht, wenn ich bitten darf.“ Der Erstgeborene Arbolfs war wie immer tadellos ritterlich gekleidet und unterstrich seine Worte mit einer entsprechend herrischen Geste. Cloduar zog schuldbewusst den Kopf zwischen die Schultern und bemühte sich zugleich zu nicken, blieb aber stumm.

Baron Arbolf verfolgte die kleine Episode mit versonnenem Lächeln und schickte den Pagen dann nach einem weiteren Stuhl. „Recht so, recht so, üb dich nur in den Pflichten eines Lehnsherren, mein Sohn. Und wenn du schon da bist, unterstütz deinen armen alten Herrn auch ein bisschen bei seiner schweren Arbeit. Siehst du diesen Stapel? Das alles harrt einer Betrachtung und Beantwortung. Nicht, dass du noch denkst, das Leben eines Barons wäre nichts als süßes Nichtstun.“

Arnwulf rollte die Augen, gesellte sich aber gehorsam an die Seite seines Vaters. „Als wüsste ich es nicht längst, Herr Vater. Ich bin eigentlich auf dem Weg nach unten. Dort wartet Klein-Ysilda auf mich – und die versprochene Lektion im Schwertkampf.“ Erst jetzt fielen dem Baron die beiden Holzschwerter auf, die Arnwulf unter seinem Arm trug. „Nun denn, dann wird das warten müssen.“ Besorgt blickte Arbolf durch das blaugrün schimmernde Nadeldach in den Himmel. „Es ist ohnehin zu heiß für eine solche Übung. Ich möchte nicht, dass Ysilda sich einen Sonnenstich holt, wo sie schon mal für ein paar Tage ihren armen alten Großvater besuchen darf. Unten ist sie also, das Lausemädel?“ Arbolf deutete ein, von einem Grinsen begleitetes, Kopfschütteln an. „Planscht vermutlich wieder im Pandlaril, eh? Und am Ende des Tages gibt es Ammengeschrei, weil sie ihr Kleidchen völlig ruiniert hat, was? Ach, wie mir das fehlen wird, wenn sie erst wieder auf der Bärenburg ist.“

Arnwulf nickte grinsend, vermied aber einen Seitenblick, denn diese Gespräche liefen unweigerlich auf eine Sache hinaus und er hatte keine Lust darauf, schon wieder hören zu müssen, dass er endlich heiraten und Erben in die Welt setzen sollte. „Also, was liegt an?“, fragte er stattdessen und setzte sich in den eben herbeigebrachten Stuhl. „Zunächst einige Anfragen aus dem Reich,“ erklärte Arbolf genervt, „hätte ich mich längst drum kümmern müssen, aber du weißt ja wie das ist. Sigismer“, wandte er sich an den Pagen. „Lauf nach unten und hol meine Enkelin Ysilda in die Burg. Ihr Onkel wartet hier auf sie, sag ihr das! Und schick den Wächter, den ich ihr mitgegeben habe nach Anderath. Diese Weinlieferung, die ich erwarte ist überfällig. Er soll mal nachsehen, ob der Brückenzöllner wieder auf wichtig macht.“

***

Arbeitsame Stille hatte sich über den Hof gelegt, nur unterbrochen vom Kratzen der Feder auf Pergament und Arbolfs Stimme, wenn er Cloduar diktierte. Arnwulf döste vor sich hin, nachdem er anfangs vergeblich versucht hatte, sich einzubringen. Noch war sein Vater keinesfalls in der Stimmung, sich irgendetwas aus der Hand nehmen zu lassen. Gerade drehte er neugierig einen überformatigen, mit gleich drei Siegeln verschlossenen und blauseidenem Band umwundenen Brief in den Händen. „Aus Albernia“, murmelte er und schnupperte sogar daran. „Schade, man riecht das Meer nicht mehr. Was wollen die Albernier denn von mir, eh?“ Überaus neugierig drehte er den Brief noch einmal rundherum. „Das wirst du wohl nur erfahren, wenn du ihn öffnest, nicht wahr? Ich glaube außerdem, der Brief erreicht dich in deiner Funktion als Erster Weidener Baron.“ „Oder Oberster Freiherr des Reiches ... eins davon wird es schon sein“, selbstzufrieden lächelnd brach Arbolf das Siegel, entfaltete den Brief und las.

„Potzdonner“”, entschlüpfte es ihm, „die Albernier haben es mit einem Mal aber eilig, wie?“ Arnwulf hob in übertriebener Manier die Schultern. „Keine Ahnung, was wollen sie denn?“ „Eine Braut für Jung-Finnian suchen sie!“ „Prinz Finnian?“, versicherte Arnwulf sich und sein Vater nickte. „Das ist doch noch ein Bub“, wunderte sich Arnwulf. „Tjaja, in manchen Gegenden des Raulschen Reiches nimmt man die Verantwortung seinem Land gegenüber halt noch ernst“, konnte sich sein Vater eine Spitze nicht verkneifen. Arnwulf überging sie, nahm sich aber vor, endlich tätig zu werden und sich eine Braut zu suchen. Die ständigen Sticheleien seines Vaters konnte er schlicht nicht mehr ertragen, allzumal dieser durchaus im Recht war.

„Ich schätze er zählt elf Götterläufe“, Arbolf schaute nachdenklich drein und nickte langsam, „Die Albernier suchen wohl wieder Anschluss ans Reich, hm? Kein dummer Gedanke, das. Cloduar, bring mal das Wappenbuch her, wir tragen später die Neuigkeiten ein, die meine Baronsgeschwister mir gemeldet haben. Will mir nur kurz einen Überblick über Weidens holde Töchter verschaffen.“

Von jenseits des Tors erklang plötzlich Lärm. Ein Platschen eröffnete den Reigen, gefolgt von einem erschreckten Ausruf und eiligen, dem Tor der Westburg zustrebenden Schritten. Diese wurden unmittelbar von wütenden Beschimpfungen und schweren Stiefeltritten auf der hölzernen Brücke übertönt. Bewegung kam in die Pandlariler Torwächterin, die alarmiert die Hellebarde hob und aus dem Schatten des Torturms trat.

Die im Hof Versammelten hielten inne und starrten gespannt hinüber, um die Quelle des Aufruhrs zu entdecken. Diese witschte just unter dem ausgestreckten Arm der Wächterin hindurch und kam schliddernd zum Stand. Ein unverschämtes Grinsen zur Schau tragend, drehte sich das eben erschienene Mädchen auf dem Absatz um und spähte an der Wächterin vorbei die Brücke zur Ostburg entlang. Barfuss, die Beine bis zu den Knien mit Flussschlamm verschmiert, das grüne Kleidchen nass und dreckig, in ihren Händen – gehalten wie ein Schwert – eine frische Weidenrute, bot Ysilda von Pandlaril den mustergültigen Anblick eines Lausemädels. Ihre dunkelbraunen Haare waren in einem, nur noch vage zu erkennenden Pferdeschwanz gebändigt.

Lärm brandete erneut auf, als der Wächter der Ostburg auf die Wächterin der Westburg traf und beide einander hingebungsvoll zu beschimpfen begannen. Offenbar – so reimten Arbolf und sein Sohn sich zusammen – hatte Klein-Ysilda den Wächter mit einer eigens vom Pandlaril heraufgeschleppten ‚Erfrischung‘ bedacht, einem wohl gefüllten Wassergeschoss, gefertigt aus einem Wirrwarr von Materialien. Nun steckte sie die Daumen in die Ohren und streckte, ganz und gar uneinsichtig, dem erbosten Wachmann die Zunge heraus.

Arnwulf drehte den Kopf und blickte seinen Vater an, ein Lächeln breitete sich über das von zahlreichen Kinnen begrenzte Gesicht des Pandlariler Barons aus. Dann suchte er den Blick seines Sohnes. „Ich nehme dich beim Wort, Sohnemann: Du wirst Pandlaril einen Erben schenken, komme was wolle. Und deine Schwester schenkt Pandlaril Einfluss.“ „Du meinst, Ysilda wäre eine geeignete Kandidatin?“ „Du etwa nicht?“ Arnwulf nickte: „Doch, sie ist geeignet, sogar als Kandidatin der Grafschaft.“ Arbolf lachte leise. „Des Herzogtums“, verbesserte er, „Des Herzogtums, mein Sohn: Enkelin des Barons von Pandlaril, aus dem uralten und ehrwürdigen Haus Pandlaril, dem ersten Baron des Weidener Herzogtums und obersten Freiherren des Reiches Rauls. Tochter der Borghild und des Koscher Adligen Bork vom See, der inzwischen gar Grafenonkel ist. Zudem Tochter der Quartiermeisterin am reisenden Kaiserhof und Pagin am Herzogenhof Weidens. Wenige, mein Sohn, könnten das Herzogtum würdiger vertreten als Ysilda Isantrudt von Pandlaril und wenige passen besser zu einem Bennain, wir teilen ja sogar den Hausgott.“ „Wenn du es so formulierst, Vater, bleibt mir nichts, als mich deinen Worten anzuschließen. Du willst also in Ysildas Namen auf die Werbung antworten?“ „Das will ich, wenn die Eltern zustimmen. Und dann gilt es, meine Brüder und Schwestern Barone zu überzeugen, sich meiner Werbung anzuschließen.“