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Burg Aarkopf, Gräflich Salthel, Efferd 1035 BF
Es war noch früh morgens. Das Praiosmal versteckte sich noch hinter der mächtigen Zackenreihe der schwarzen Sichel und es pfiff ein kalter Wind über die Lande der Weidener Grafschaft Sichelwacht. Eine einzelne Ritterin stand hoch oben an der Burgmauer von Burg Aarkopf. Der Wind zerrte an ihrem Mantel und ihren braunen Locken. Ullgrein von Gugelforst war das erste Mal seit ihrem Traviabund mit dem Sichler Baron Riko von Sterz am Grafenhof zu Salthel. Sie hasste das rege Treiben am Grafenhof, doch war es eine willkommene Abwechslung zu Burg Beonspfort und der Mutter ihres neuen Gemahls.
Mit Schaudern erinnerte sie sich noch heute an den Tag zurück, als die Tulamidin ihr von ihrer magischen Begabung erzählte. Ullgrein schüttelte den Kopf, als wolle sie einen Gedanken vertreiben und zog ihren Mantel enger um den Hals. Es war verdammt kalt für einen Praioslauf im späten Efferd, dennoch liebte sie die klare Luft und in gewissen Maßen auch die Einsamkeit, die der frühmorgendliche Spaziergang mit sich brachte, um ihre Gedanken zu ordnen. Die junge Ritterin blickte in den Himmel, wo immer noch einige Sterne glitzerten. Sie vermisste ihre Familie in der Heldentrutz, vor allem ihren Vater und ihre älteste Schwester, von welcher sie letzten Mond einen Brief geschickt bekommen hatte. Gwidûhenna hat ihre erste Niederkunft gut überstanden und Zwillinge geboren – einen Bub und ein Mädchen. Ullgrein lächelte, sie wusste, wie sehr sich ihre Schwester eine Familie gewünscht hatte.
Der aufkommende Hunger trieb die Ritterin wieder zurück in die Mauern des Grafensitzes. Ullgrein begab sich in ihr Zimmer. Es war nichts Besonderes und sie befürchtete, dass es eines der schlechteren Gästezimmer auf Aarkopf war, dennoch war es dank des angefeuerten Kamins genau das, was sie jetzt brauchte, um ihre Lebensgeister wieder zu wecken. Die hochauflodernden Flammen, genährt durch zischende und knackende Fichtenscheite, erfüllten die Räumlichkeit mit wohliger Wärme. Ullgrein legte ihren Mantel ab und wärmte sich einige Momente händereibend am Feuer, als sich plötzlich und ohne Ankündigung die Tür mit einem Rumpeln und begleitet von einem glockenhellen Kinderlachen öffnete. Erschrocken fuhr die Ritterin herum und blickte direkt in das wasserblaue Augenpaar eines Kindes – eines kleinen Mädchens in einem schmucklosen weißen Leinenkleidchen. Die Bäckchen vor Anstrengung gerötet stand ihr der junge Neuankömmling schwer atmend gegenüber wie eine junge Löwin. Das Kind, es mochte um die sieben Winter zählen, blickte sie ganz ohne Furcht fordernd an. Just in diesem Moment schien das aufgehende Praiosmal das erste Mal zum Fenster hinein und übergoss die Züge des blonden Mädchens mit einem warmen goldgelben Licht.
Normalerweise hätte Ullgrein dem Mädchen für sein Auftreten sofort die Leviten gelesen, doch etwas hinderte sie in diesem Fall. Ja sie musste sich gar eingestehen, dass ihr das respektlose Gebaren gefiel und sie sich darin in gewisser Art und Weise selbst erkannte. Ein Lächeln stahl sich auf die Lippen der Ritterin und sie zauste dem Kind sanft das blonde Haar.
„Na wer bist denn du?“, fragte sie grinsend.
„Ich bin Dankrade, und du?“
„Ich bin Ullgrein ...“
„Bist du eine Ritterin?“, unterbrach Dankrade sie neugierig.
Ullgrein nickte knapp, dann fiel ihr Blick erstmals auf eine papierene Rolle in der Hand des Kindes. Sie meinte darauf ein Siegel erkennen zu können. „Was hast du denn da?“, begleitet von einem tadelnden Blick verlangte sie die Herausgabe des Schreibens. Eine Aufforderung, der das Mädchen nur sehr ungern und nach einem unwilligen Schnaufen Folge leistete. Das Siegel war bereits gebrochen und es war an den Grafen Bunsenhold von Wolkenstein und Wettershag zur Sichel höchst selbst gerichtet. „Hast du das Schreiben geöffnet? Wo hast du das her?“
Dankrade schüttelte wortlos den Kopf. Ullgrein überflog die Zeilen des Schreibens. Es war vom albernischen Fürstenhof. Die dortige Thronverweserin suchte allem Anschein nach eine Braut für ihren erst 14-jährigen Enkel. Die Gugelforsterin nickte anerkennend. Um eine Erbdynastie nicht zu gefährden, war es manchmal auch von Nöten noch Unmündige miteinander zu verloben.
Ein Klopfen an der Tür riss die Ritterin aus ihren Gedanken und holte sie in die Realität zurück. „Herrin entschuldigt.“ Mit schüchternem Schritt wagte sich eine der Zofen des Grafenhofes in ihr Zimmer. Ihr Gesicht war tränennass und Ullgrein merkte, dass ein Ruck der Erleichterung durch ihren Körper ging als sie des Mädchens ansichtig wurde. „Ach, da seid Ihr ja“, sprach sie und nahm Dankrade an die Hand. Dann wandte sich die Zofe zu Ullgrein um und verbeugte sich leicht. „Habt Dank, Herrin. Seine Hochwohlgeboren ist außer sich vor Zorn, dass seine Enkelin ständig in der Burg herumgeistert und seine Gäste belästigt.“
Die eben Angesprochene zwang sich zu einem gönnerhaften Lächeln, konnte aber mit Sicherheit ihre in diesem Moment empfundene Verwunderung nicht verbergen. Rondra, Donner und Blitz. Jetzt schoss es Ullgrein durch den Kopf: Erst gestern hatte sie das Gespräch eines Beamten vernommen, in welchem es genau um dieses Mädchen gegangen war. Dankrade von Grîngelbaum, ein Phexenskind und furchtloses Mädchen sollte sie sein, das den halben Hof seiner Hochwohlgeboren in Atem hielt, wichtige Dokumente stibitzte und darüber hinaus noch von edelstem Blut war. Die Enkelin des Grafen Bunsenhold zur Sichel, Nichte der Pfalzgräfin von Donnerschalk und Tochter des Grafensohnes Wienand von Wolkenstein und einer Edlen aus einem der ältesten und angesehensten Häuser Weidens, den Grîngelbaums. Ullgrein blickte noch einmal auf das Schreiben des albernischen Fürstenhofes und lächelte ...