Für den 11. Ingerimm 1035 BF hat Kronverweserin Idra ni Bennain den Adel des Raulschen Reiches und ausgewählter anderer Herrschaften und Reiche nach Havena eingeladen. In persönlichen Beratungen im kleinen Kreis und bei einem großen Fest will sie eine geeignete Heiratskandidatin für den designierten Fürsten Albernias, Finnian ni Bennain, finden und den Knaben auch gleich mit dieser verloben.
Dramatis Personae
Burg Efferddorn in der Baronie Pandlaril, Efferd 1035 BF
Baron Arbolf nutzte das schöne Spätsommerwetter und hatte Cloduar, seinen Schreiber, angewiesen, sich im Burghof einzufinden. Im Schatten der ausladenden Zeder – Herzbaum von Burg Efferddorn – saß er, die Füße weit von sich gestreckt, einen großen irdenen Pokal voll guten Almadaners auf dem imposanten Bauch postiert und sann über die weitere Nachmittaggestaltung nach. Derweil mühte sich sein ebenfalls fettleibiger Schreiber damit ab, Falttisch und -stuhl einerseits in gebührendem Abstand von seinem Baron, andererseits aber innerhalb des Baumschattens aufzustellen. Dabei schimpfte er wie ein Rohrspatz auf Freulinde, sein Lehrmädel. Er hatte sie angewiesen, Pergament, Feder, Federmesser, Tinte und den einen oder anderen Folianten zu bringen. Nun ließ das spichtelige Mädchen auf sich warten und Cloduar musste sich selbst darum kümmern, seinen Arbeitsplatz einzurichten.
„Nun, nun“, brummte Arbolf mit geschlossenen Augen. Im letzten halben Wassermaß hatte er sich gerade einmal dazu durchringen können, einige Fliegen, die seinem geliebten Wein unverschämt nahe kamen, davon zu winken. „Was soll denn die ganze Aufregung, Clod? So ein schöner Nachmittag und du ächzt und schimpfst wie ein Anderather Waschweib. Etwas mehr Würde, wenn ich bitten darf.“
Der Schreiber warf seinem Herrn einen missgelaunten Blick zu, verpasste dem Kappstuhl einen entschiedenen Tritt, sodass die Stuhlbeine einrasteten und ließ sich – seufzend – hineinfallen. Das Segeltuch ächzte protestierend, was Cloduar jedoch ignorierte. Missmutig stellte er fest, dass der Tisch nun im Schatten stand, er selbst hingegen im prallen Sonnenschein saß. Anders war es kaum zu machen, wollte er seinem Baron nicht den Rücken zuwenden. Er kniff die Augen zusammen und warf dem gleißenden Praiosmal einen anklagenden Blick zu, kleidete den dazugehörigen Fluch wohlweislich aber in unverständliches Gebrabbel.
„Können wir dann endlich?“, erhob sich die Stimme des Pandlarils schon wieder. Er richtete sich gerade so weit auf, dass er seinen Pokal zum Mund führen konnte und winkte zugleich einen Pagen herbei, das Gefäß gleich wieder aufzufüllen.
„Jawohl, Hochgeboren“, näselte Cloduar. Aus den Augenwinkeln bemerkte er Freulinde, wie sie – unter einem Turm aus Büchern, Pergamenten und obenauf einem Tintenfässchen schwankend – auf den Herzbaum zugewankt kam. „Da bist du ja endlich, du Nichtsnutz. Stell das alles hier ab und beeil dich, Hochgeboren wartet schon.“ Arnwulf von Pandlaril, der nun hinter Freulinde in der Tür erschien, übersah Cloduar vollkommen.
Es war eine artistische Glanzleistung, wie Freulinde nahezu blind die Folianten auf den wackeligen Tisch abließ. Allein das Tintenfässchen auf dem Gipfel der Berges aus Leder, Papier und Pergament geriet gefährlich ins Wanken. Ehe es fallen konnte, schnappte Arnwulf danach und stellte es sicher auf dem Tisch ab.
„Hoppla“, ließ er sich nun vernehmen, lächelte dem Lehrmädel zu, bedachte Cloduar jedoch mit einem tadelnden Blick. „Nach wie vor hervorragend darin, anderen die schwere Arbeit zu lassen, eh, Cloduar? Nächstes Mal ruf einen Knecht oder trag selbst die schweren Bücher, wenn es in den Hof geht, wenn ich bitten darf.“ Der Erstgeborene Arbolfs war wie immer tadellos ritterlich gekleidet und unterstrich seine Worte mit einer entsprechend herrischen Geste. Cloduar zog schuldbewusst den Kopf zwischen die Schultern und bemühte sich zugleich zu nicken, blieb aber stumm.
Baron Arbolf verfolgte die kleine Episode mit versonnenem Lächeln und schickte den Pagen dann nach einem weiteren Stuhl. „Recht so, recht so, üb dich nur in den Pflichten eines Lehnsherren, mein Sohn. Und wenn du schon da bist, unterstütz deinen armen alten Herrn auch ein bisschen bei seiner schweren Arbeit. Siehst du diesen Stapel? Das alles harrt einer Betrachtung und Beantwortung. Nicht, dass du noch denkst, das Leben eines Barons wäre nichts als süßes Nichtstun.“
Arnwulf rollte die Augen, gesellte sich aber gehorsam an die Seite seines Vaters. „Als wüsste ich es nicht längst, Herr Vater. Ich bin eigentlich auf dem Weg nach unten. Dort wartet Klein-Ysilda auf mich – und die versprochene Lektion im Schwertkampf.“ Erst jetzt fielen dem Baron die beiden Holzschwerter auf, die Arnwulf unter seinem Arm trug. „Nun denn, dann wird das warten müssen.“ Besorgt blickte Arbolf durch das blaugrün schimmernde Nadeldach in den Himmel. „Es ist ohnehin zu heiß für eine solche Übung. Ich möchte nicht, dass Ysilda sich einen Sonnenstich holt, wo sie schon mal für ein paar Tage ihren armen alten Großvater besuchen darf. Unten ist sie also, das Lausemädel?“ Arbolf deutete ein, von einem Grinsen begleitetes, Kopfschütteln an. „Planscht vermutlich wieder im Pandlaril, eh? Und am Ende des Tages gibt es Ammengeschrei, weil sie ihr Kleidchen völlig ruiniert hat, was? Ach, wie mir das fehlen wird, wenn sie erst wieder auf der Bärenburg ist.“
Arnwulf nickte grinsend, vermied aber einen Seitenblick, denn diese Gespräche liefen unweigerlich auf eine Sache hinaus und er hatte keine Lust darauf, schon wieder hören zu müssen, dass er endlich heiraten und Erben in die Welt setzen sollte. „Also, was liegt an?“, fragte er stattdessen und setzte sich in den eben herbeigebrachten Stuhl. „Zunächst einige Anfragen aus dem Reich,“ erklärte Arbolf genervt, „hätte ich mich längst drum kümmern müssen, aber du weißt ja wie das ist. Sigismer“, wandte er sich an den Pagen. „Lauf nach unten und hol meine Enkelin Ysilda in die Burg. Ihr Onkel wartet hier auf sie, sag ihr das! Und schick den Wächter, den ich ihr mitgegeben habe nach Anderath. Diese Weinlieferung, die ich erwarte ist überfällig. Er soll mal nachsehen, ob der Brückenzöllner wieder auf wichtig macht.“
***
Arbeitsame Stille hatte sich über den Hof gelegt, nur unterbrochen vom Kratzen der Feder auf Pergament und Arbolfs Stimme, wenn er Cloduar diktierte. Arnwulf döste vor sich hin, nachdem er anfangs vergeblich versucht hatte, sich einzubringen. Noch war sein Vater keinesfalls in der Stimmung, sich irgendetwas aus der Hand nehmen zu lassen. Gerade drehte er neugierig einen überformatigen, mit gleich drei Siegeln verschlossenen und blauseidenem Band umwundenen Brief in den Händen. „Aus Albernia“, murmelte er und schnupperte sogar daran. „Schade, man riecht das Meer nicht mehr. Was wollen die Albernier denn von mir, eh?“ Überaus neugierig drehte er den Brief noch einmal rundherum. „Das wirst du wohl nur erfahren, wenn du ihn öffnest, nicht wahr? Ich glaube außerdem, der Brief erreicht dich in deiner Funktion als Erster Weidener Baron.“ „Oder Oberster Freiherr des Reiches ... eins davon wird es schon sein“, selbstzufrieden lächelnd brach Arbolf das Siegel, entfaltete den Brief und las.
„Potzdonner“”, entschlüpfte es ihm, „die Albernier haben es mit einem Mal aber eilig, wie?“ Arnwulf hob in übertriebener Manier die Schultern. „Keine Ahnung, was wollen sie denn?“ „Eine Braut für Jung-Finnian suchen sie!“ „Prinz Finnian?“, versicherte Arnwulf sich und sein Vater nickte. „Das ist doch noch ein Bub“, wunderte sich Arnwulf. „Tjaja, in manchen Gegenden des Raulschen Reiches nimmt man die Verantwortung seinem Land gegenüber halt noch ernst“, konnte sich sein Vater eine Spitze nicht verkneifen. Arnwulf überging sie, nahm sich aber vor, endlich tätig zu werden und sich eine Braut zu suchen. Die ständigen Sticheleien seines Vaters konnte er schlicht nicht mehr ertragen, allzumal dieser durchaus im Recht war.
„Ich schätze er zählt elf Götterläufe“, Arbolf schaute nachdenklich drein und nickte langsam, „Die Albernier suchen wohl wieder Anschluss ans Reich, hm? Kein dummer Gedanke, das. Cloduar, bring mal das Wappenbuch her, wir tragen später die Neuigkeiten ein, die meine Baronsgeschwister mir gemeldet haben. Will mir nur kurz einen Überblick über Weidens holde Töchter verschaffen.“
Von jenseits des Tors erklang plötzlich Lärm. Ein Platschen eröffnete den Reigen, gefolgt von einem erschreckten Ausruf und eiligen, dem Tor der Westburg zustrebenden Schritten. Diese wurden unmittelbar von wütenden Beschimpfungen und schweren Stiefeltritten auf der hölzernen Brücke übertönt. Bewegung kam in die Pandlariler Torwächterin, die alarmiert die Hellebarde hob und aus dem Schatten des Torturms trat.
Die im Hof Versammelten hielten inne und starrten gespannt hinüber, um die Quelle des Aufruhrs zu entdecken. Diese witschte just unter dem ausgestreckten Arm der Wächterin hindurch und kam schliddernd zum Stand. Ein unverschämtes Grinsen zur Schau tragend, drehte sich das eben erschienene Mädchen auf dem Absatz um und spähte an der Wächterin vorbei die Brücke zur Ostburg entlang. Barfuss, die Beine bis zu den Knien mit Flussschlamm verschmiert, das grüne Kleidchen nass und dreckig, in ihren Händen – gehalten wie ein Schwert – eine frische Weidenrute, bot Ysilda von Pandlaril den mustergültigen Anblick eines Lausemädels. Ihre dunkelbraunen Haare waren in einem, nur noch vage zu erkennenden Pferdeschwanz gebändigt.
Lärm brandete erneut auf, als der Wächter der Ostburg auf die Wächterin der Westburg traf und beide einander hingebungsvoll zu beschimpfen begannen. Offenbar – so reimten Arbolf und sein Sohn sich zusammen – hatte Klein-Ysilda den Wächter mit einer eigens vom Pandlaril heraufgeschleppten ‚Erfrischung‘ bedacht, einem wohl gefüllten Wassergeschoss, gefertigt aus einem Wirrwarr von Materialien. Nun steckte sie die Daumen in die Ohren und streckte, ganz und gar uneinsichtig, dem erbosten Wachmann die Zunge heraus.
Arnwulf drehte den Kopf und blickte seinen Vater an, ein Lächeln breitete sich über das von zahlreichen Kinnen begrenzte Gesicht des Pandlariler Barons aus. Dann suchte er den Blick seines Sohnes. „Ich nehme dich beim Wort, Sohnemann: Du wirst Pandlaril einen Erben schenken, komme was wolle. Und deine Schwester schenkt Pandlaril Einfluss.“ „Du meinst, Ysilda wäre eine geeignete Kandidatin?“ „Du etwa nicht?“ Arnwulf nickte: „Doch, sie ist geeignet, sogar als Kandidatin der Grafschaft.“ Arbolf lachte leise. „Des Herzogtums“, verbesserte er, „Des Herzogtums, mein Sohn: Enkelin des Barons von Pandlaril, aus dem uralten und ehrwürdigen Haus Pandlaril, dem ersten Baron des Weidener Herzogtums und obersten Freiherren des Reiches Rauls. Tochter der Borghild und des Koscher Adligen Bork vom See, der inzwischen gar Grafenonkel ist. Zudem Tochter der Quartiermeisterin am reisenden Kaiserhof und Pagin am Herzogenhof Weidens. Wenige, mein Sohn, könnten das Herzogtum würdiger vertreten als Ysilda Isantrudt von Pandlaril und wenige passen besser zu einem Bennain, wir teilen ja sogar den Hausgott.“ „Wenn du es so formulierst, Vater, bleibt mir nichts, als mich deinen Worten anzuschließen. Du willst also in Ysildas Namen auf die Werbung antworten?“ „Das will ich, wenn die Eltern zustimmen. Und dann gilt es, meine Brüder und Schwestern Barone zu überzeugen, sich meiner Werbung anzuschließen.“
Burg Aarkopf, Gräflich Salthel, Efferd 1035 BF
Es war noch früh morgens. Das Praiosmal versteckte sich noch hinter der mächtigen Zackenreihe der schwarzen Sichel und es pfiff ein kalter Wind über die Lande der Weidener Grafschaft Sichelwacht. Eine einzelne Ritterin stand hoch oben an der Burgmauer von Burg Aarkopf. Der Wind zerrte an ihrem Mantel und ihren braunen Locken. Ullgrein von Gugelforst war das erste Mal seit ihrem Traviabund mit dem Sichler Baron Riko von Sterz am Grafenhof zu Salthel. Sie hasste das rege Treiben am Grafenhof, doch war es eine willkommene Abwechslung zu Burg Beonspfort und der Mutter ihres neuen Gemahls.
Mit Schaudern erinnerte sie sich noch heute an den Tag zurück, als die Tulamidin ihr von ihrer magischen Begabung erzählte. Ullgrein schüttelte den Kopf, als wolle sie einen Gedanken vertreiben und zog ihren Mantel enger um den Hals. Es war verdammt kalt für einen Praioslauf im späten Efferd, dennoch liebte sie die klare Luft und in gewissen Maßen auch die Einsamkeit, die der frühmorgendliche Spaziergang mit sich brachte, um ihre Gedanken zu ordnen. Die junge Ritterin blickte in den Himmel, wo immer noch einige Sterne glitzerten. Sie vermisste ihre Familie in der Heldentrutz, vor allem ihren Vater und ihre älteste Schwester, von welcher sie letzten Mond einen Brief geschickt bekommen hatte. Gwidûhenna hat ihre erste Niederkunft gut überstanden und Zwillinge geboren – einen Bub und ein Mädchen. Ullgrein lächelte, sie wusste, wie sehr sich ihre Schwester eine Familie gewünscht hatte.
Der aufkommende Hunger trieb die Ritterin wieder zurück in die Mauern des Grafensitzes. Ullgrein begab sich in ihr Zimmer. Es war nichts Besonderes und sie befürchtete, dass es eines der schlechteren Gästezimmer auf Aarkopf war, dennoch war es dank des angefeuerten Kamins genau das, was sie jetzt brauchte, um ihre Lebensgeister wieder zu wecken. Die hochauflodernden Flammen, genährt durch zischende und knackende Fichtenscheite, erfüllten die Räumlichkeit mit wohliger Wärme. Ullgrein legte ihren Mantel ab und wärmte sich einige Momente händereibend am Feuer, als sich plötzlich und ohne Ankündigung die Tür mit einem Rumpeln und begleitet von einem glockenhellen Kinderlachen öffnete. Erschrocken fuhr die Ritterin herum und blickte direkt in das wasserblaue Augenpaar eines Kindes – eines kleinen Mädchens in einem schmucklosen weißen Leinenkleidchen. Die Bäckchen vor Anstrengung gerötet stand ihr der junge Neuankömmling schwer atmend gegenüber wie eine junge Löwin. Das Kind, es mochte um die sieben Winter zählen, blickte sie ganz ohne Furcht fordernd an. Just in diesem Moment schien das aufgehende Praiosmal das erste Mal zum Fenster hinein und übergoss die Züge des blonden Mädchens mit einem warmen goldgelben Licht.
Normalerweise hätte Ullgrein dem Mädchen für sein Auftreten sofort die Leviten gelesen, doch etwas hinderte sie in diesem Fall. Ja sie musste sich gar eingestehen, dass ihr das respektlose Gebaren gefiel und sie sich darin in gewisser Art und Weise selbst erkannte. Ein Lächeln stahl sich auf die Lippen der Ritterin und sie zauste dem Kind sanft das blonde Haar.
„Na wer bist denn du?“, fragte sie grinsend.
„Ich bin Dankrade, und du?“
„Ich bin Ullgrein ...“
„Bist du eine Ritterin?“, unterbrach Dankrade sie neugierig.
Ullgrein nickte knapp, dann fiel ihr Blick erstmals auf eine papierene Rolle in der Hand des Kindes. Sie meinte darauf ein Siegel erkennen zu können. „Was hast du denn da?“, begleitet von einem tadelnden Blick verlangte sie die Herausgabe des Schreibens. Eine Aufforderung, der das Mädchen nur sehr ungern und nach einem unwilligen Schnaufen Folge leistete. Das Siegel war bereits gebrochen und es war an den Grafen Bunsenhold von Wolkenstein und Wettershag zur Sichel höchst selbst gerichtet. „Hast du das Schreiben geöffnet? Wo hast du das her?“
Dankrade schüttelte wortlos den Kopf. Ullgrein überflog die Zeilen des Schreibens. Es war vom albernischen Fürstenhof. Die dortige Thronverweserin suchte allem Anschein nach eine Braut für ihren erst 14-jährigen Enkel. Die Gugelforsterin nickte anerkennend. Um eine Erbdynastie nicht zu gefährden, war es manchmal auch von Nöten noch Unmündige miteinander zu verloben.
Ein Klopfen an der Tür riss die Ritterin aus ihren Gedanken und holte sie in die Realität zurück. „Herrin entschuldigt.“ Mit schüchternem Schritt wagte sich eine der Zofen des Grafenhofes in ihr Zimmer. Ihr Gesicht war tränennass und Ullgrein merkte, dass ein Ruck der Erleichterung durch ihren Körper ging als sie des Mädchens ansichtig wurde. „Ach, da seid Ihr ja“, sprach sie und nahm Dankrade an die Hand. Dann wandte sich die Zofe zu Ullgrein um und verbeugte sich leicht. „Habt Dank, Herrin. Seine Hochwohlgeboren ist außer sich vor Zorn, dass seine Enkelin ständig in der Burg herumgeistert und seine Gäste belästigt.“
Die eben Angesprochene zwang sich zu einem gönnerhaften Lächeln, konnte aber mit Sicherheit ihre in diesem Moment empfundene Verwunderung nicht verbergen. Rondra, Donner und Blitz. Jetzt schoss es Ullgrein durch den Kopf: Erst gestern hatte sie das Gespräch eines Beamten vernommen, in welchem es genau um dieses Mädchen gegangen war. Dankrade von Grîngelbaum, ein Phexenskind und furchtloses Mädchen sollte sie sein, das den halben Hof seiner Hochwohlgeboren in Atem hielt, wichtige Dokumente stibitzte und darüber hinaus noch von edelstem Blut war. Die Enkelin des Grafen Bunsenhold zur Sichel, Nichte der Pfalzgräfin von Donnerschalk und Tochter des Grafensohnes Wienand von Wolkenstein und einer Edlen aus einem der ältesten und angesehensten Häuser Weidens, den Grîngelbaums. Ullgrein blickte noch einmal auf das Schreiben des albernischen Fürstenhofes und lächelte ...
Burg Distelstein in der Baronie Hollerheide, Travia 1035 BF
„Ach du liebes Bisschen, hast du das gelesen, Baraya?“
„Im Zweifel nicht, denn du umklammerst diesen Schrieb nun schon ... wie lange? Ein geschlagenes halbes Wassermaß? Ach, was sag’ ich, ein ganzes wird es sein. Aber immerhin bist Du schon über das erste Drittel hinaus, oder?“ Die Vögtin blickte zweifelnd über den Rand ihrer Tasse. Ihr Blick traf den dahingelümmelten Baron der Hollerheide. Unzufrieden schüttelte sie den Kopf. „Wenn deine Vasallen dich so sehen würden, Lanzelund! Oder deine Holde!“ Die Beine auf dem schweren Holztisch kippelte er mit seinem Stuhl, als gelte es auszuloten, wie weit er sich nach hinten lehnen konnte, ohne zu fallen. Das protestierende Ächzen des Möbelstücks ignorierte er geflissentlich.
„Pah ... nicht auf die Haltung kommt es an, sondern auf ...“, begann Lanzelund elanvoll und winkte ab, als ihm das Ende des Satzes nicht einfallen wollte. „Ich bin längst fertig, Schwesterlein“, ergänzte er in beleidigtem Tonfall. „Also, da du es nicht gelesen hast, lass’ mich dich mit Weisheit füllen: die albernische Regentin sucht eine Braut für ihren Sohn, den zukünftigen albernischen Fürsten.“ Er nickte wohlwollend und blickte mit beifallheischender Geste über den Tisch.
Baraya sah ihn an und zuckte mit den Schultern. „Weisheit nennst du das? Herrin Hesinde, steh’ mir bei in dieser Ödnis.“ Die Vögtin seufzte herzergreifend.
„Na, nu hör’ aber mal zu, das ist kein Kinkerlitzchen. So eine Heirat wäre politisch gesehen sicher nicht uninteressant.“
„Oh, ganz richtig, mein Lieber. Hättest du deiner Pflicht inzwischen genüge getan und einen Erben produziert – in diesem Fall günstigerweise einen weiblichen – würde ich dir zustimmen. Wiewohl ... Albernia? Das ist weit weg, nicht wahr? Wie auch immer, wir beide wissen, dass es uns an just einem solchen Erben gebricht,“ leiser ergänzte sie „so hoffe ich, bei Travia“, und wieder lauter, „mithin haben wir nichts, was wir als Verhandlungsmasse in die Waagschalen interprovinziellen Geschachers werfen können. Aber eine nette Idee ist es schon.“ Sie erhob sich und umrundete den Tisch.
„Jajaja,“ nörgelte der strahlende Recke und schniefte unleidlich, „ich bin ja dabei.“ Er warf das Pergament auf den Tisch und beobachtete Baraya, wie sie auf ihn zukam. Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen und ein mutwilliger Blick in seine Augen. „Eigentlich würde ich meiner Tochter Albernia gar nicht zumuten wollen, eben weil es so weit weg ist. Und außerdem wäre die Hollerheide ihr Erbe. Aber es muss ja gar nicht meine Tochter sein, eh?“
„Dein Sohn vielleicht?“, grinste Baraya.
Lanzelund schüttelte energisch den Kopf. „Natürlich nicht, der erst recht nicht. Aber,“ sein Grinsen wurde breit und breiter, „meine Schwester ihrerseits hat ja auch noch nichts für den Erhalt der Familie getan. Frei und ledig steht sie vor mir und predigt mir doch stets, dass ich politischer denken muss. Wie wäre es, Baraya? Alberia ist vielleicht nicht gar die Ödnis, wie Weiden es scheinbar ist und Finnian noch ein Knabe. Du könntest ihn dir also hinziehen ... wohin auch immer du wolltest.“
Baraya starrte ihren Bruder an, das Grinsen auf ihren Lippen gefroren. Dann zwang sie sich ein dünnes Lächeln ab und rümpfte die Nase. „Sagte ich schon, dass deine Witze immer blöder werden, Lanzelund? Nein? Dann sei dir das hiermit zur Kenntnis gegeben. Gehab’ dich wohl!“ Mit raschelnden Röcken rauschte sie an ihm vorbei.
Lanzelund seinerseits legte den Kopf in den Nacken und lachte dröhnend, bis Barayas Gehstock sich – Drachenkopf voran – in einem der Stuhlbeine verfing, mit einem kräftigen Stoß vorwärts gestoßen wurde und genau das passierte, was sie ihm die ganze Zeit prophezeit hatte: der Baron der Hollerheide ging mit großem Getöse zu Boden.
Seine Vögtin stand in der Tür, drehte den Gehstock, stützte sich wieder darauf und besah sich die Bescherung – gerade folgte das nicht gerade kleine Trinkhorn des Barons dessen Sturz und ergoss seinen golden schimmernden Inhalt schäumend über ihn – mit ungerührter Miene. „Hoppla,“ gab sie zum Besten, „da hast du dich wohl zu weit nach hinten gelehnt, eh?“ Und damit verschwand sie.
Burg Weißenstein, Herzoglich Waldleuen im Travia 1035 BF
Eberwulf von Weißenstein, seines Zeichens Kanzler der Herzogtum Weidens, war nach längerer Zeit endlich wieder auf der Stammburg seiner Familie zu Besuch. Sein Bruder und Herr der Burg, Aldewein, den man den ‚Reitenden Troll‘ nannte, hatte ihn wie immer einen herzlichen Empfang bereitet. Die ersten Tage hatten die beiden Brüder genutzt, um gemeinsam zu jagen und sich gegenseitig mit Kindheitserinnerungen aufzuziehen.
Firnja von Hohenstein, die Ehefrau von Aldewein – eine Tatsache, die vielen im Herzogtum Weiden immer noch unbekannt war – hatte einiges an Zeit mit den beiden verbracht. Daneben kümmerte sie sich rührend um ihre Kinder. Neben der Tatsache, dass Aldewein und Firnja viele Jahre durch Aventurien gezogen waren, hatte die Geburt von insgesamt fünf Kindern, von denen vier erst in den letzen fünf Jahren das Licht der Welt erblickt hatten, dazu geführt, dass weder Firnja noch Aldemwein in eben diesen letzten Jahren den Weißenstein länger verlassen hatten.
Während Aldewein, unbedarft und fröhlich wie immer, sich einfach freute etwas von seinem älteren Bruder zu haben und Neuigkeiten aus der weiten Welt zu hören, vermutete Firnja schon vom ersten Moment an, dass etwas anderes der eigentliche Grund für den Besuch ihres Schwagers war. Sie mochte Eberwulf, aber sie war sich seiner Intelligenz bewusst und ebenso der Tatsache, dass der Kanzler von Weiden sicherlich Wichtigeres zu tun hatte, als einen ausgedehnten Familienbesuch zu tätigen. Sie war sich recht sicher, dass er eigentlich nicht die Zeit haben sollte, sie zu besuchen und schon gar nicht solange und ohne Anzeichen bald wieder abreisen zu müssen. Was sie noch misstrauischer gestimmt hatte, war die Tatsache, dass er sich auffällig oft für ihre Kinder und insbesonders für ihre beiden Töchter Arryn und Saginta interessierte. Sie hatte ihren Mann abends in der Kemenate einmal darauf angesprochen, doch dieser hatte lachend abgewinkt, und angemerkt, dass Eberwulf wohl nun endlich anfinge an eigene Kinder zu denken.
Doch Firnja sollte recht behalten. Eberwulf war inzwischen schon über eine Woche auf dem Weißenstein und abgesehen von paar Boten, die ihm schwere Kuverte überreichten, und die er mit gesiegelten Pergamentrollen wieder davon schickte, deutete nichts darauf hin, dass er der einflussreiche Kanzler der Mittnacht war. Am Abend des achten Tages, nachdem sie gespeist hatten und zu dritt noch beisammen saßen, ergriff Eberwulf schließlich das Wort: „Habe ich euch eigentlich schon erzählt welche Kunde mich vor kurzem aus Albernia erreicht hat?“
Aldewein horchte gespannt auf, er liebte Geschichten aus der Fremde, Firnja dagegen schaute eher misstrauisch zu ihrem Schwager herüber. „Nun, tatsächlich hat doch Kronverweserin Idra den Adel des Raulschen Reiches für den nächsten Ingerimm nach Havena eingeladen. Sie möchte ihren Enkel Finnian verheiraten und lädt dazu zu Beratungen im ‚kleinen Kreis‘, um dabei dann eine geeignete Heiratskandidatin für den designierten Fürsten Albernias zu finden und anschließend gleich bei einem großen Fest die Verlobung des neuen Paares bekannt geben!“
Aldwein von Weißenstein nickte kräftig und zustimmend: „Da tut sie gut dran! Sie hat ja schon viele Jahre gesehen, und die meisten ihrer Jahre waren nicht einfach. Wird wohl nicht mehr sehr lange dauern bis sie Golgaris Schwingen hört, würd’ ich meinen. Ich hab sie mal gesehen vor ... ja bestimmt schon fast 10 Jahren. Das war sogar noch vor dem Krieg gegen die Nordmarken und der Rebellion ihrer Tochter. Da sah sie schon ... na, halt alt aus. Wobei, seitdem sie wieder das Ruder in der Hand hat, da in Albernia, laufen die ja wieder in der Spur, sagt man doch, oder? Jedenfalls wenn sie nicht mehr ist ... braucht ihr Enkel Verwandte, auf die man sich verlassen kann. Das ist ja in der eigenen Familie nicht so einfach und der Adel Albernias ... der streitet sich ja auch nicht erst seit gestern dauernd.“
Aldewein sprach wie immer alles aus was er dachte und meinte. Während Eberwulf vorsichtig nickte und scheinbar nach Worten suchte, um die Einlassungen seines Bruder zu kommentieren, ergriff Firnja das Wort: „Wir danken dir, Eberwulf, dass du ins diese interessanten Neuigkeiten überbracht hast. Doch ich bin mir sicher, dass der Kanzler Weidens besseres zu tun hat, als den Boten zu spielen und – wenn vielleicht auch später – hätten wir das hier in der Trutz doch bestimmt auch bald erfahren!“
Aldewein wollte protestieren, aber Eberwulf ergriff vor ihm das Wort. „Nun, da magst du nicht ganz unrecht haben, Firnja. Natürlich bin ich in erster Linie hier, um mal wieder Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Aber nicht nur da hast du Recht. Ich habe viel nachgedacht, seitdem ich von der Einladung gehört habe und mir in den vergangenen Tagen ... nun, sagen wir, ein Bild gemacht.“
„Wovon?“, fragte Aldewein etwas verwirrt.
„Nun Bruder ... von deinen Töchtern. Ich denke, dass ich, als Familienoberhaupt der Weißensteins, nach Havena reisen sollte und hoffe auf deine Begleitung.“ Insgeheim hoffte Eberwulf, dass Aldewein nicht mitkommen würde, da seine Wesensart eine Brautwerbung ihrer Familie sicherlich nicht einfach machen würde. Zu viele der Raulschen Adligen konnten mit offenen und ehrlichen Worten nichts anfangen. Allerdings hütete Eberwulf seine Zunge.
„Um was zu tun? Was haben meine Töchter mit Finnian ui Bennain zu tun?“ erwiderte Aldewein von Weißenstein.
Firnja massierte sich mit Zeigefinger und Daumen die Nasenwurzel nach diesem Kommentar während Eberwulf die Antwort übernahm: „Ich denke, es ist eine gute Idee Arryn als mögliche Braut für Finnian vorzustellen.“
„Niemals!“, sprang Aldewein auf.
„Die Albernier und besonders die Bennains sind Verräter ... ich würde nie die Entscheidungen der Kaiserin in Zweifel ziehen, aber sie hätten weit mehr verdient als Kloster. In so einer Stunde zu rebellieren. Nein, niemals sag ich. Außerdem sind das doch alles halbe Thorwaler da. Ich hab gehört, der Bengel soll sogar im Gesicht eine Zeichnung von der Bande haben.. Nein, meine Arryn ist zwar ein Wildfang aber sie wird einen Weidener heiraten. Von mir aus auch einen Tobrier oder Greifenfurter ... vielleicht auch ‘nen Koscher oder wenn es ganz schlecht läuft ‘nen Garetier ... aber bestimmt keinen Albernier oder Nordmärker. NEIN, sage ich!“
Jeder andere hätte es wohl nun mit der Angst zu tun bekommen, wenn der ‚Reitende Troll‘ sich so aufregte. Nicht aber sein Bruder Eberwulf. Er ließ Aldewein eine Weile toben und blickte auf Aldeweins Frau Firnja, um zu erfahren, was sie von der Sache dachte.
„Sie ist doch viel zu jung“, war ihre erste Antwort. „Ist der Junge nicht schon 16 Winter alt? Arryn wird im Phex doch erst sieben.“, fügte sie an.
„Nein, nein. Gerade 14 ist Finnian vor drei Monaten geworden. Sieben Jahre Altersunterschied sind gar nichts. Sie sollen ja auch noch nicht im Ingerimm heiraten. Es wird nur die Verlobung bekannt gegeben. Ich sorge dafür, dass sie frühestens heiraten, wenn Finnian die Schwertleite erhält, versprochen. Eher noch später. Wie wäre es an Arryns 17. Geburtstag?“
„Hört ihr mir nicht zu? Ich habe Nein gesagt!“ polterte Aldwein dazwischen. „Sie sind Verräter alle zusammen und ...“
Eberwulf unterbrach seinen Bruder: „Du magst ja recht haben. Aber immerhin wird er auch der Fürst von Albernia werden. Wer wäre wohl besser geeignet als eine Weidenerin, um dem Reich zu zeigen, dass Albernia und damit die Bennains wieder treu zur Kaiserin stehen werden. Gibt es jemanden auf den sich Rohaja mehr verlassen kann als auf uns? Hat unser Schild jemals gewankt? Haben wir schon einmal gezaudert? Haben wir nicht immer unsere Pflicht getan und selbst in so dunklen Stunden wie nach Ysilia treu zum Reich gestanden?“
Firnja versuchte es auf einem anderen Weg. „Das stimmt ja alles ... aber wir sind nur Junker und Herren über eine Burg. Das Fürstentum Albernia ist fast so groß wie Weiden!“
Eberwulf nickte kurz zustimmend entgegnete dann aber: „Das mag sein. Aber Arryn steht ja nicht nur für euch beide. Hinter ihr wird die ganze Familie Weißenstein stehen. Nur zwei oder drei Familien im Herzogtum kommen der unseren gleich oder überstrahlen uns. Und vergesst nicht meine Stellung! Ich kann mit der Herzogin sprechen und denke, dass sie uns unterstützen wird. Wenn ich abreise, werde ich als nächstes Thordenin in Fuchshag besuchen und auch ihn überzeugen. Wie ihr wisst, ist er mit einer Tochter des Grafen der Sichelwacht verheiratet. Ein paar Andeutungen über die Zukunft und was eine Heirat von einer Weißenstein mit Finnian für die Zukunft bedeuten kann, wird auch ihn überzeugen. Aldewein, du reist am besten noch zu Emmeran von Löwenhaupt. Ich denke alleine der Hinweis, dass du damals Arlan von Löwenhaupt bei den Unruhen gerettet hast, wird schon ausreichen ihn für uns zu gewinnen. Dazu kommt ja noch deine Art. Welcher aufrechter Weidener könnte dich denn nicht unterstützen?“
Aldwein war still geworden und fing an nachzudenken. Firnja ergriff wieder da Wort: „Selbst wenn das alles so stimmt und ganz Weiden für Arryn wirbt ... was ist mit Garetien, mit den Darpaten, die es noch gibt, mit den Almadanern, mit den Nordmärkern. Glaubst du wirklich, sie werden eine Weidenerin unterstüzten?“
Diese Einwände schienen an Eberwulf abzuperlen wie Wasser. Er schien sich seiner Sache sehr sicher: „Vielleicht, vielleicht. Aber du hast einige vergessen. Ich habe Gerüchte vernommen, dass der Kosch eine Weidenerin unterstützen würde, egal aus welchem Haus sie kommt. Die Greifenfurter haben – soweit ich gehört habe – niemanden, der in Frage kommt. Auch sie würden sicherlich eine Weidenerin unterstützen! Tobrien gibt es auch noch und sie stehen Weiden näher als jeder anderen Provinz! Die haben wir zwar alle keineswegs in der Tasche, aber doch gute Aussichten. Bei den anderen kommt noch etwas dazu. Die meisten von ihnen werden Idra nicht überzeugen. Schaut doch mal genau hin.
Eine Darpatin? Darpatien ist zerschlagen, liegt am Boden. Soll es das sein, was der zukünftige Fürst von Albernia an seiner Seite braucht? Wohl kaum!
Eine Almadanerin? Womöglich noch eine Verwandte eines der Häuser, die gerade Selindian bis zum Schluss treu waren? Ihr vergesst wohl, dass Almada sich bis vor kurzem selber gegen die Kaiserin aufgelehnt hat. Meint ihr, Kaiserin Rohaja würde es zulassen, dass der Sohn einer Reichsverräterin mit der Tochter eines Reichsveräters zusammengeht? Da ist die nächste Rebellion ja fast schon sicher!
Garetien? Ja Garetien könnte ein Problem werden. Aber die Bennains wollen mit dieser Heirat sicher ein Signal senden. Eines das zeigt das sie wieder treu und fest zum Reich stehen. Da ist eine Verbindung mit Weiden doch das viel bessere, als das mit Garetien. Es gibt wohl kaum eine Provinz die so untereinander zerstritten ist. Denkt nur an diese ewig lange Fehde um die Grafenkrone von Hartsteen. Die zukünftige Fürstgemahlin von Albernia wird viel zu tun haben um das Land nach diesem Bürgerkrieg wieder zu einen. Da kann es wohl kaum so jemand sein!
Die Nordmarken allerdings könnten ein Problem werden, denn Idra ist Baronin von Elenvina und hat immer zu vermitteln gesucht, im Krieg. Dennoch glaube ich, dass sie ihre Vasallen nicht derart brüskieren würde.“
„Meinst du wirklich?“ fragte Aldewein seinen Bruder und schien schon fast überzeugt. Nur selten tat er nicht das was sein Bruder für richtig empfand.
Doch Firnja gab sich noch nicht ganz geschlagen. „Diese Gedanken werden aber sicherlich noch andere Familien in Weiden haben. Was ist wenn es diverse junge Frauen aus Weiden gibt die von ihren Familien ins ... Rennen geschickt werden?“
Eberwulf überlegte kurz, er würde es nicht zugeben, aber dies sah er tatsächlich als größte Hürde an. Er war sich sicher, dass er die Albernier überzeugen konnte. Aber die Weidener?
„Nun, soweit ich bis jetzt gehört habe, wollen die Pandlaril wohl jemanden benennen. Auch Pfalzgraf Kornrath spielt angeblich mit dem Gedanken, eine Tochter seiner Familie zu benennen. Wer weiß, vielleicht gibt es noch unter den kleineren Häusern welche, die eine passende Braut hätten. Bis jetzt weiß ich aber von niemanden. Was gut ist. Herzogin Walpurga hat bereits verlauten lassen, dass das Herzogenhaus nur eine einzelne Kandidatin Weidens unterstützen würde. Das heißt, wenn wir die meisten Stimmen unter den Baronen gewinnen können, werden sie uns alle unterstützen. Es mag dann noch einzelne geben, die ausscheren könnten und auf ihrer Kandidatin bestehen werden. Das kann man nie ausschließen. Aber für Weiden wird nur eine stehen und ich bin mir sicher das wird eure Arryn sein!“
Firnja blickte zu ihrem Mann. Sie erkannte das Aldewein, wie immer, seinem Bruder und dessen Rat folgen würde. Auch sie musste sagen, so skeptisch wie sie anfänglich war. Ganz verschließen konnte sie sich den Argumenten von Eberwulf nicht. Sie fand daher, bevor sie sich zurückzog, ein vorläufiges Schlusswort: „Nun, schauen wir doch mal, was die nächsten Wochen so bringen, und was die Familien Weidens entscheiden.“
Burg Räuharsch in der Stadtmark Baliho, Boron 1035 BF
Das halbe Dutzend Pagen, gewandet in rote, mit silbernem Rad verzierte, Wappenröcke, hatte sich in einer beinahe geraden Reihe vor dem jungen Ritter der Au aufgebaut. Die Holzschwerter fest umklammert, verfolgten große Kinderaugen, was Eulrich von Krummetsau ihnen erklärte und zugleich vorführte.
Wilfing von Falkenstein, erster Ritter der Au lehnte am anderen Ende der Halle an einer Säule und beobachtete es mit sachtem Lächeln. Seine Augen flogen immer wieder zu dem hoch aufgeschossenen Mädchen am linken Rand der Reihe. Das weißblonde Haar in einem strengen Pferdeschwanz gebändigt, verfolgte seine Enkelin Fehild die Lektion des Ritters mit zusammengezogenen Brauen. Nun sollten die Kinder die formalisierten Angriffe, die Eulrich gerade vorgeführt hatte, nachmachen. Wilfing lächelte breiter, als er die Unordnung beobachtete, in die die Reihe geriert, weil manche eilig zu Werke gingen, wo andere noch überlegten, wie sie wohl beginnen sollten. Zu letzteren gehörte seine Enkelin. Die Stirn in konzentrierte Falten gelegt, wiederholte sie die Namen der Angriffe, ehe sie in Positur ging. Als sie endlich so weit war, waren die anderen schon fertig.
“Man kann nicht unbedingt behaupten, Base Fehild wäre stürmisch, eh, Wilfing?”, vernahm der Erste Ritter in seinem Rücken. Sofort stieß er sich von seiner Säule ab und wollte sich umwenden, doch eine kräftige Hand hinderte ihn daran. “Lass’ gut sein, Getreuer. Ich stehe gerne hier und und sehe mir in aller Ruhe Balihos Zukunft an”, schmunzelte seine Burggräfin Ardariel Nordfalk von Moosgrund.
“So weit würde ich nicht gehen, Hochwohlgeboren. Sie kann durchaus stürmen, wie alle Falkensteins. Doch zuvor überlegt sie in der Regel. Nicht wie alle Falkensteins, daher nehme ich an, sie hat es von ihrem Vater”, er schmunzelte in Gedanken an seine aufbrausende Tochter. “Wie macht sie sich”, forschte Ardariel weiter nach. “Bin ich da der Rechte, das zu fragen? Sie ist mein Fleisch und Blut, mein Herz schwillt vor Stolz, wenn ich sie in Rot und Silber vor mir sehe.” Ardariel lachte leise. “Ich denke schon, du bist mein Erster Ritter und als solchen frage ich dich nun: wie macht sich die jüngste Falkenstein in Balihos Diensten?”
Wilfing überlegte und bemerkte nicht, wie eben das ein Grinsen auf Ardariels Lippen erblühen ließ. “Vom Vater also?”, murmelte sie von Wilfing in seiner Konzentration unbemerkt. “Fehild ist verständig, sehr gelehrig in allem Hoffärtigem, aber noch ungelenk in den rondrianischen Bereichen. Doch ich bin sicher, wenn sie sich in ihrem Körper erst wieder zurecht findet, wir sich das angleichen. Ihr habt vielleicht bemerkt, wie sehr sie im letzten halben Götterlauf gewachsen ist.” “In der Tat.” Wilfing fuhr mit gekrauster Stirn fort. “Im Schreiben ist sie die Beste, hörte ich und äh ...”, “Ja?” “Sie singt schön”, schob der Falkensteiner beinahe entschuldigend hinterher. Die Burggräfin nickte wohlwollend.
“Sag’ an, Wilfing, hast du die Neuigkeiten aus Albernia gehört?”, ergriff sie wieder das Wort. “Eine Braut für den zukünftigen Fürsten wird gesucht. Unser erster Landrat ist schon eifrig dabei, die Edlen Weidens für seine Enkelin zu begeistern. Er erinnert ohne müde zu werden an die ruhmreiche Geschichte seines Hauses.” “Es ist ein großes und ehrwürdiges Haus, Hochwohlgeboren.” “Ich weiß, wie könnte ich es vergessen, so oft, wie ich daran erinnert werde” replizierte sie gereizt. Wilfing schmunzelte.
“Ich finde nur, es gibt noch andere Familien mit glorreicher Geschichte. Auch wenn der eine oder andere Schatten auf sie gefallen ist. Und wenn ich Fehild so sehe, frage ich mich, ob es nicht an der Zeit ist, einer dieser Familien den Weg aus dem Rückzug nahe zulegen. Die Familie Falkenstein herrschte lange und gut über die Grafschaft Baliho, Wilfing. Ich will nicht vergessen, welche Schande Praiodane, die letzte Gräfin, über sich und ihre Familie brachte. Es war recht und gut vom Reichbehüter, die Pandlarilstränen zurück zu nehmen. Doch es ist nicht recht und gut, dass diese alte Weidener Familie in Sack und Asche geht. Nicht umsonst ist der Erste Ritter der Au ein Falkensteiner, denn sein Ruf ist untadelig.”
“Ihr ehrt mich, Hochwohlgeboren und dennoch muss ich fragen: ist das eine gute Idee? Ich glaube nicht, dass man den Verrat meiner Tante hier vergessen hat. Im Reich hat man das sicher nicht.” “Gewiss nicht, du hast recht. Aber wir sind hier verdammt noch mal in Weiden und seit wann gilt bei uns die Sippenhaft, eh? Was kann Fehild für das Fehlgehen ihrer Urgroßtante? Kennt sie diese überhaupt, hat sie sie auch nur einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen? Ich glaube doch kaum! Insofern kann sich ihr verderbter Einfluss wohl auch nicht auf das Mädchen ausgebreitet haben, möchte ich meinen. Ich bin überhaupt der Ansicht, wenn man Versagen in die Bahn wirft, dürfen Verdienste nicht fehlen. Davon jedoch höre ich nichts, nichts von der Treue der Falkensteins, ihrem Geist und dem Guten, das sie der Grafschaft während ihrer Herrschaft gebracht haben. Machen wir uns nichts vor, Wilfing.” Ardariel lehnte sich an die Wand und winkte zugleich ihrer Knappin, Getränke zu bringen. “Der Vorschlag des ollen Arbolf ist ziemlich gut und wenn ich nun Fehild protegiere, wissen wir beide ganz genau, wen wir damit auf die Zinnen treiben.” Die Nordfalkin grinste, als bereite ihr die Vorstellung ein gewisses Vergnügen.
“Auf der anderen Seite aber”, und nun sah sie Wilfing voller Ernst in die Augen, “passiert genau das, was ich möchte: die Familie Falkenstein wird wieder wahrgenommen, selbst wenn Fehild keine Mehrheit finden sollte. Und mal ehrlich: es gibt schlechtere Vorschläge! Wir können wenigstens auf eine jüngere Linie im Garetischen verweisen, wiewohl ich mich nicht darauf verlassen möchte, dass diese Fehild unterstützen würden. Die Garetier, fiel mir unlängst auf, sehen nur bis zum nächsten Schlagbaum. Aber was schert’s mich? Ich jedenfalls würde deine Enkelin unterstützen, denn sie wäre eine würdige Weidener Vertreterin: Finnian bekäme eine Gemahlin, die dort zur Ritterin ausgebildet wird, wo die Wiege der Ritterschaft steht. Kann ein Albernier mehr erwarten?” “Wenn ihr mich fragt nicht, aber ich bin als Großvater wohl auch befangen.” Sie lachten, dann nickte Wilfing bedächtig. “Ich werde mit meiner Tochter sprechen und ich werde – wohl oder übel – daran gehen, unsere Wappenrolle auf Vordermann zu bringen. So oder so, Hochwohlgeboren, ich habe Euren Ruf gehört und die Falkensteins folgen dem Schrei des Nordfalken von jeher!”
Burg Bockenstein, Baronie Nordhag, Boron 1035 BF
Baron Firian Böcklin von Buchsbart zu Schneehag ritt auf seinem Tralloper Graf Morgenstrahl in den Hof von Burg Bockenstein, dem uralten Stammsitz der Familie Böcklin. Neugierig schaute er sich um. Der Torturm war immer noch nicht fertig und der äußere, von einer zweieinhalb Schritt hohen Palisade umschlossene, Hof bot, wie immer zu dieser Jahreszeit, keinen schönen Anblick. Durch den vielen herbstlichen Regen war der Boden sehr weich und an vielen Stellen schlammig. Es gab zwar auf dem Bockenstein keine Rinder mehr aber dafür waren andere Vierbeiner an ihre Stelle getreten. Weshalb es zwar nicht mehr nach Kuh roch und die Spuren dieser Tiere den Boden bedeckten, dafür aber roch es deutlich nach Ziege und Schaf. Firian überquerte den äußeren Hof recht schnell und ritt vor die Pforte die in den inneren Hof führte. Zum Glück war der Boden hier mit Bruchsteinen bestückt. Denn die enge und schmale Pforte war zu niedrig als das er auf seinem Pferd durch sie durchreiten konnte. Er stieg als ab und durchschritt die Pforte zu Fuß. Auf dem inneren Hof, der von einer massiven Mauer aus dunkelrotem Buntsandstein umgeben war, übergab die Zügel von seinem Pferd an seinen Knappen und betrat den Sieben Schritt hohen, fünfeckigen Palas von Burg Bockenstein.
Firian war auf "Einladung" von Junkerin Yolanda Suminia Böcklin von Bockenstein, dem Oberhaupt der Familie Böcklin, auf den Stammsitz gekommen. Nachdem er eingetreten war nahm ihn Rowina Böcklin, dass letzte lebende von ehemals vier Kindern von Yolanda in Empfang. Sie begrüßten sich kurz und Rowina führte Firian anschließend gleich zu Yolanda.
Kurz nachdem sie den Bockenstein nach kaiserlichem Richtspruch zurückerhalten hatte war Yolanda vom Schlag getroffen worden. Ihr Geist hatte sich vollkommen erholt und wollte den Eindruck erwecken das sie noch viele viele Jahre die Geschicke der Familie Böcklin würde leiten können. Doch ihr Körper, noch vor wenigen Jahren erstaunlich kräftig und dazu in der Lage in einer Tjost gegen die besten anzutreten, war nur noch ein Schatten. Abgemagert und die eine Seite gelähmt saß sie neben einem Kaminfeuer in einem hohem Sessel. Bei den ersten Malen hatte Firian dieser Anblick erschreckt doch inzwischen hatte er sich daran gewöhnt. Er wollte nicht zu lange hier bleiben hatte er doch zu Hause eine hochschwangere Frau und er wollte die Geburt seines zweiten Kindes auf keinen Fall verpassen auch wenn Adaque ihm versichert hatte das es noch etwas dauern würde.
Deshalb kam er, nach einer kurzen, recht förmlichen Begrüßung, gleich auf den Punkt: "Natürlich freue ich mich dich zu sehen Yolanda und bin natürlich gerne deiner "Einladung" nachgekommen doch ist das Wetter und die Jahreszeit keine Schöne um zu Reisen. Also was gibt es so wichtiges?"
Yolanda gab ein grummelndes Geräusch von sich und sagte: "Manchmal frage ich mich ob ich mir nicht deinen schweigsamen Vater zurückwünschen soll. Der fiel jedenfalls nicht gleich sofort mit der Tür ins Haus. Andererseits war ich mir manches mal nicht so sicher ob er überhaupt ein Böcklin war so ruhig er immer geblieben ist ... . Wie geht es denn meinem "Enkel", dass wäre doch mal ein guter Anfang für ein Gespräch meinst du nicht auch?"
Firian wollte erst aufbegehren wusste aber dass das bei Yolanda sinnlos war. Von daher konzentrierte er sich auf den zweiten Teil. Yolanda war zwar keineswegs seine Großmutter doch sie fühlte sich für alle Böcklins verantwortlich: "Lebanus wächst täglich, im Ingerimm wird er schon 2 Götterläufe alt, und er hat sowohl eine kräftige Stimme als auch Griff. Ich denke er wird beizeiten ein würdiger Böcklin und Baron von Schneehag werden."
"Und wie geht es deiner Mersingen und dem zweiten Kind?"
Firian seufzte: "Kannst du sie nicht Adaque nennen und mal über deinen Schatten springen und sie einladen. Sie würde dich gerne einmal kennen lernen. Auch wenn sie ihren Namen behalten hat so ist sie doch meine Frau und gehört nun zur Familie!"
"Ich bin eine alte Frau und habe in meinen vielen Jahren viel über die "Großen" Familien gelernt. Die Mersingens denken sie sind was besseres und so wie sich die meisten von ihnen in den letzten Jahren benommen haben ist mir meine verbliebene Zeit zu kostbar um Gefahr zu laufen das sie auch zu dieser Sorte gehört. Ich weiß nicht wie es deine Mutter geschafft hat Adaques Vater dazu zu bringen dich zu heiraten, einen mickrigen Baron aus der Heldentrutz! Nein du brauchst es gar nicht abstreiten. Auch wenn ich körperlich gebrechlich bin habe ich doch noch Augen und Ohren die umherziehen", Yolanda blickte kurz zu ihrer Tochter Rowina, "und mir viel berichten. Ich weiß wie es auf deiner Hochzeit zugegangen ist. Aber genug davon ich habe gefragt wie es ihr und dem Ungeborenem geht?"
Mit Mühe schaffte Firian es sich zusammen zu reißen. Wobei Yolanda nicht ganz unrecht hatte. Adaque und ihr Vater waren ganz anders gewesen als die sonstigen Mersingens die er kennen gelernt und von denen er gehört hatte. Aber die Hochzeit auf Burg Dornensee war doch in einem sehr kleinen Rahmen, was die Familie der Braut anging, gefeiert worden. "Soweit man das sagen kann scheint alles in Ordnung zu sein. Es strampelt kräftig und der Bauch wird immer größer, ebenso wie das Gejammer über dicke Füße und dergleichen...."
"Wenn ich noch könnte würde ich dir jetzt die Ohren lang ziehen. Typisch Mann. Werd du erst einmal schwanger und bekomm ein Kind und dann unterhalten wir uns noch einmal über das Thema", Yolandas Stimme war für ihre Verhältnisse etwas sanfter geworden.
"Wie auch immer... ich gehe jedenfalls davon aus das ich nicht deshalb hier bin oder?"
"Nein nicht wirklich auch wenn es um Kinder geht. Ich gehe davon aus das du es auch schon gehört hast oder bald hören wirst. Die Regentin von Albernia sucht eine Frau für den zukünftigen Fürsten und hat nach Havena eingeladen."
Firian hatte das am Rande gehört und ebenso das es schon so einige Familien in Weiden gab die Damen ins "Rennen" bringen wollten. "Ja und ... du willst doch nicht auch jemanden zum werben nach Havena schicken oder?"
"Nein, ganz bestimmt nicht! Wir haben hier mehr als genug damit zu tun den Schwarzpelz abzuwehren als das wir uns eine Böcklin leisten könnten die für Ruhe in dieser Rebellenprovinz sorgt. Aber ich habe etwas anderes gehört. Die Herzogin will noch etwas abwarten und sich dann für eine der Kandidatinnen aus Weiden entscheiden. Diese erhält dann die Unterstützung der gesamten Familie Löwenhaupt und sehr viele werden ihr folgen. Man könnte auch sagen sie erwartet das alle Weidener dann dem Willen der Herzogin folgen und ihre Kandidatin unterstützen. Doch wir können es uns nicht leisten dem einfach so zuzustimmen. Der Kampf gegen den Ork verlangt viel und unsere Ländereien werfen nur wenig mehr ab als das was wir zum Leben brauchen. Bevor ich sterbe will ich noch ein einziges Mal sehen wie wir ein Orklager, oder noch besser einen ganzen Stamm vernichten. Ich will das wir angreifen und uns nicht immer nur verteidigen. Ich weiß das du ebenso denkst mein Junge und daran arbeitest. Nach unserem Sieg im letzten Götterlauf ist die Gelegenheit günstig. Wir müssen endlich die Initiative ergreifen und unseren Rücken frei machen vor der ständigen Bedrohung durch die Schwarzpelze die sich auf unserer Seite des Finsterkamms eingenistet haben. Erst dann können wir uns um die Schnewlins kümmern und weiterdenken. Aus diesem Grund habe ich vor jemanden nach Havena zu schicken und etwas für unsere Unterstützung zu bekommen als bloß den Undank der Löwenhaupts."
Firian wusste nicht so genau ob ihm gefiel was er da hörte. Wollte Yolanda die Unterstützung der Familie Böcklin "verkaufen". Skeptisch blickte er sie an. "Wer soll das sein der nach Havena reist. Ich kann hier nicht weg und überhaupt einfach so dem Höchstbietenden unsere Unterstützung "verkaufen" ... ich weiß nicht... das gehört sich doch nicht."
"Sei nicht dumm", herrschte Yolanda ihn an, "Natürlich nicht an den Höchstbietenden... am Ende taucht Goldo Paligan auf und wird am meisten bieten... nein das geht natürlich nicht. Auch ist mir natürlich bewusst das du nicht den weiten Weg machen kannst. Aber das brauchst du auch gar nicht. Mein Enkel Anshag zieht als Fahrender Ritter doch durch die Lande da unten. Er hat mir vor Monden einen Brief aus Kuslik geschickt und darin geschrieben das er sich noch einige Zeit im Westen des Reiches aufhalten will. Er wird bestimmt die Gelegenheit nutzen und in Havenna sein wenn sich dort so viel Adel versammelt. Ihm werden wir eine Botschaft überbringen das er für uns dort sprechen wird." Yolanda schaute wieder kurz zu Rowina als sie sagte sie würde eine Botschaft überbringen lassen.
"Du wirst ein Schreiben siegeln indem du als höchster Böcklin in der Adelspyramide ihm bestätigst das er mit unserer Stimme sprichst und ich werde dafür sorgen das er genau weiß was er zu tun hat."
Firian war nicht ganz glücklich mit der Sache aber nachdem er ein paar weitere Erklärungen erhalten hatte fing Rowina an zu schreiben und am Ende siegelte Firian das Schreiben und es ging auf den Weg nach Albernia zu Ritter Anshag Böcklin von Bockenstein.
Burg Hohenstein, Herzoglich Weiden, Ende Phex 1035 BF
Firutin von Hohenstein blickte durch die Butzenscheiben. Die Ränder waren von außen noch mit Ifirnssternen gesäumt und draußen bot sich der majestätische Finsterkamm noch mit schneebedeckten Spitzen. Im Tal war die Schneeschmelze bereits eingetreten und das erste zarte Grün fand seinen Weg an die Oberfläche. Der Vogt von Herzoglich Weiden saß gerne in dem kleinen Erker im obersten Stockwerk seines Turm. Meistens hatte er seine Laute auf dem Schoß, zupfte gedankenverloren an den Saiten und wartete darauf, dass ihm eine Melodie oder ein Reim einfiel. Gerade kam ihm einen solcher Gedanke. Er versuchte ihn festzuhalten und zu Ende zudenken, als ein Klopfen an der Tür die flüchtige Idee wieder aus seinem Kopf verjagte.
„Ja!“ rief er verärgert. Ein Diener öffnete die Tür, doch herein trat ein älterer etwas schlacksig wirkender Mann. Kurzes ergrautes Haar, würdige und strenge Gesichtszüge und makellose Kleidung, die man jederzeit zu einem höfischen Empfang tragen konnte, zierten den Gast der so energische in seine Gemächer schritt.
Mit einem Lächeln legt Firutin die Laute beiseite und erhob sich. „Kornrath, welche Freude,“ sagte er und schloss den Älteren in die Arme, „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Junge.“ antwortete Der Pfalzgraf Bibergaus. „Wie geht es dir? Frau und Kinder gesund und munter, die Baronie im Griff und den Ork im Zaum?“ Beide lachten. Es war eine nur halb ernst gemeinte Floskel, die das Familienoberhaupt der Hohensteins immer gebrauchte, wenn er die Stammburg aufsuchte. Firutin legte den Kopf zur Seite und schaute seinen Onkel kritisch an. „Die Reise muss um die Jahreszeit noch recht beschwerlich gewesen sein. Also bist du sicher nicht nur gekommen, um Nettigkeiten auszutauschen, oder?“
Der Pfalzgraf von Bibergau lächelte. „Immer gleich zur Sache, eh? Du bist deines Vaters Sohn, ohne Zweifel. Aber du hast Recht, es gibt Wichtiges zu besprechen. Sag an, bekommt ein alter Mann hier nichts zu essen und zu trinken, nach so langer Reise?“
Im selben Augenblick klopfte es erneut, die Tür öffnete sich vorsichtig und eine Magd mit einem Tablett kam herein und stellte eine Kanne Bier, zwei Becher, Brot und Schmalz auf den Tisch. Sie bemerkte offenbar das überraschte Gesicht der beiden hohen Herren und errötete leicht. „Die Herrin schickt mich. Der hohe Gast ist sofort zu euch hier hoch geeilt, so dass wir ihn nicht gebührend in der Halle empfangen konnten. Sie bittet um Verzeihung.“
Firutin entließ das Mädchen. „Du kommt wohl auch gleich zu Sache?“ sagte er zu Kornrath „Muss wohl eine Eigenart unserer Familie sein.“ Der ältere Hohensteiner brummte nur, während er einen Schluck Bier nahm. „Deine Frau weiß auf jeden Fall, was sich geziemt.“
„Begina ist das Beste, was mir in meinem Leben bislang wiederfahren ist – neben den Geburten meiner Kinder.“ „Eine Aussage, die ich die ich seinerzeit nie von dir erwartet hätte. Als ich Deine Heirat angestrengt habe, hatte ich das Gefühl einem jungen Mann, der lieber noch herumstreunen wollte, Ketten anzulegen. Ich fürchtete aufgrund von Beginas Herkunft würdest du mir ewig böse sein.“ Firutin lachte „Warum das? Meine Gemahlin ist fröhlich, herzlich, klug und hübsch. Also so gar nicht wie der Sichelgraf, ihr Vater.“ „Den Göttern sei Dank dafür. Ich hätte nie gedacht, dass der verkniffene alte Sack etwas so liebliches hervorbringen könnte.“ Wieder lachten beide und ließen sich erst einmal Brot und Bier schmecken.
„Nun, was treibt dich nun zu mir?“ fragte Firutin nach einer Weile. „Hast du schon gehört, was in Albernia los ist?“ antwortete der Pfalzgraf. „Über den Winter dringt kaum Neues bis in den Finsterkamm vor. Daher ist meine Antwort: Nein.“ Kornrath nickte bedächtig. „Der Fürstensohn und Erbe soll verlobt werden. Im Ingerimm diesen Jahres soll eine Brautschau stattfinden. Soweit ich weiß, haben die Familien Pandlaril und Weißenstein bereits Mädchen ausgesucht, die sie dem Fürsten vorschlagen wollen.“ Beide Männer sahen sich einige Augenblicke schweigend an. „Gilamund?“ fragte Firutin einfach. „Ja. Sie ist im richtigen Alter und von richtiger Abstammung.“ „Sie ist erst zwölf. Ich wollte eher nach einem Schwertvater als nach einem Ehemann für sie Ausschau halten.“ „Eine ritterliche Ausbildung kann sie auch am albernischen Fürstenhof erhalten.“ Auf die Erwiderung reagierte Firutin nur mit einem abfälligen schnauben und halb ausgespieen „Albernische Ritter.“
Firutin lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich nehme an, du wirst mit mir nicht über die Entscheidung diskutieren. Viel mehr glaube ich, du hast bereits alles in die Wege geleitet und warst nur so höflich, mich über das zukünftige Schicksal meiner Tochter vorab zu informieren.“
„Junge. Was denkst du von mir? Ich liebe dich, wie den Sohn, den ich einst verlor und ich würde nichts tun, dem du nicht zustimmst. Nicht in solchen Sachen zumindest. Denk darüber nach, besprich dich mit deiner Gattin. Denk dabei aber, dass Mütter ein weiches Herz haben und über ihre Mutterliebe oft die höheren Ziele aus dem Auge verlieren. Diese Heirat würde das Ansehen der Hohensteins auf eine neue Stufe heben. Es liegt bei dir. Du hast die Wahl!“
Burg Schwarzenstein im Phex 1035
Als sich die Tür öffnete, schaute Thûan Fîrnbold von Erlbach von dem Pergamentstückchen auf, dass er vor sich auf der Tischplatte gerade glattzustreichen versuchte. In der Tür stand seine Tochter Tharîna. „Du wolltest mich sprechen?“, fragte sie.
„Ja.“ Der Baron winkte das Mädchen herein. „Komm, setz dich zu mir.“ Er wartete, bis seine Tochter Platz genommen hatte, dann schob er mit den Worten: „Was hältst du eigentlich von dem hier, gefällt er dir?“ das kleine Pergament zu ihr hinüber.
Das Mädchen betrachtete das Bild darauf. Es zeigte das Portrait eines Jünglings mit dunklem, welligem Haar, einem offenen Blick und offensichtlich einer Tätowierung auf der rechten Gesichtshälfte. Ein leichtes spitzbübisches Lächeln schien seine Mundwinkel zu umspielen. Ihr Vater hatte in Trallop extra wegen dieses Bildes das Redaktionshaus der Fantholi-Gazette aufgesucht, und für ein paar zusätzliche Heller hatte ein Gehilfe ihm die Druckplatte mit dem Bildnis noch schnell nebenher auf einen Pergamentrest gepresst.
„Er hat eine niedliche Stupsnase“, kommentierte Tharîna. „Dein neuer Knappe?“
Thûan musste lachen. „Nein, nein. Das ist ein waschechter Prinz, die gehen nicht zu einfachen Baronen in die Knappschaft. Es handelt sich um Prinz Finnian ui Bennain, den angehenden Fürsten Albernias, und er sucht nun unter den adligen Familien des ganzen Reiches eine Braut.“
„Wieso? Findet er keine?“, fragte Tharîna frei heraus.
„Ähm“, stutzte Thûan, „genauer gesagt ist es eher seine Familie, die eine würdige Braut für ihn sucht.“
Seine Tochter legte den Kopf schief und schaute ihren Vater fragend an, ganz so, als wolle sie fragen: Und was hat das nun mit mir zu tun?
„Nun“, begann der Baron zu erklären, „wir Erlbachs sind eine der ältesten Familien des Reiches, zusammen mit den Nordfalks sogar die älteste des Herzogtums Weidens. Und adlig und ritterlich ist unser Geschlecht allemal. Auch wenn wir nicht den Stand eines Fürsten besitzen, so finden sich in der langen Tafel unserer Ahnen so edle und hochrangige Namen wie jene von Weiden und gar von Gareth. Der Prinz ist 14 Götterläufe alt, soweit ich weiß, und du bist gerade 11 geworden, das würde doch gut passen. Meinst du, dass du ihn heiraten könntest?“
„Aber ich kenne ihn doch garnicht“, erwiderte das Mädchen.
„Nunja, man kann sich deshalb doch trotzdem liebgewinnen.“
„Und wenn nicht?“
„Schau, Kleines, an seiner Seite wärest du immerhin Fürstin Albernias, die Herrscherin einer ganzen Provinz, mit allen Annehmlichkeiten, die dir diese Position bietet. Du könntest die schönsten Kleider tragen, feinsten Schmuck …“
„Ich trage aber lieber meine Kettenweste und die Lederhose“, unterbrach ihn Tharîna, „da kann man sich wenigstens auch mal schmutzig machen. Du weißt doch, wie Mutti immer geschimpft hat, wenn ich im Kleid mit Daron oder Ilka Waffenübungen mit dem Holzschwert gemacht habe, und das Kleid ein paar Schmutzflecke abbekommen hat oder gar irgendwo zerrissen war.“
„Als Fürstin kannst du natürlich tragen was du willst. Und ich glaube, da wird auch Mamma nicht mehr schimpfen, wenn du deine Kleidung ruinierst. Denk doch mal, wieviele Bedienstete du hättest, und welch schönes Leben du da führen könntest.“
Tharîna überlegte. „Aber erst will ich ihn kennen lernen. Kommt er hierher?“
„Tja, da liegt das Problem“, musste der Baron zugeben. „Wenn wir nach Albernia reisen, werden dem Prinzen dort sicherlich noch etliche andere Bräute angetragen werden, und es durchaus möglich, dass du selbst noch nicht einmal ein einziges Wort mit Finnian wechseln kannst, bevor du ihn dann gleich heiraten müsstest – sofern sich die Fürstenfamilie und ihre Berater überhaupt für dich als beste Wahl für den Prinzen entscheiden.“
„Dann will ich ihn nicht“, lehnte Tharîna schlichtweg ab. „Ohne ihn kennenzulernen … Nein.“
„Aber überleg doch mal: Die Vorteile, die du hättest … Und außerdem wäre das auch eine Aufwertung unseres gesamten Adelsgeschlechtes der Erlbachs – zumindest jener des Hauses Fîrnbold.“
„Aber wenn ich doch nicht weiß, ob ich ihn liebe?“
„Nunja, seine Nase schien dir ja schon gefallen zu haben“, versuchte Thûan seine Tochter zu überzeugen.
„Und wenn er krumme Füße hat? Oder ein Tollpatsch ist? Nein, erst will ich ihn kennenlernen und mich richtig in ihn verlieben, bevor ich ihn heirate.“
„Das mit dem Verlieben kann ja auch später noch kommen“, gab ihr Vater noch einmal zu bedenken.
„Papa, du hast mir versprochen, dass ich aus Liebe heiraten darf.“
„Nunja, …“, versuchte der Baron sich herauszuwinden.
„Du hast es versprochen“, beharrte Tharîna mit fester Stimme.
„Ja, schon“, musste Thûan zugeben. „Aber denk doch, was du bei dieser Heirat alles gewinnen könntest.“
„Nein, ich will nur aus Liebe heiraten. So wie du und Mamma“, erklärte das Mädchen beharrlich. „Kann ich jetzt los? Korporal Kasner wartet schon wegen der Hellebardenübung auf mich.“
Der Baron nickte, wenn auch ein wenig betrübt. „Ja, gut, dann wollen wir ihn nicht länger warten lassen. Geh nur.“
Das Portrait des albernischen Prinzen lag einsam auf dem großen Tisch, nachdem seine Tochter den Rittersaal verlassen hatte. Baron Thûan nahm es wieder an sich, als er sich erhob. Nachdenklich betrachtete er das Pergamentstück, während er mit langsamen Schritten hinüber zum großen Kamin ging, dessen ruhig züngelnde Flammen dem großen Raum an diesem kühlen Morgen etwas mehr Wärme spendeten. „Tja, mein lieber Prinz“, sprach er zum Bild. „Wenn du mein Knappe wärest, hättest du vielleicht noch eine Chance bei meiner Tochter. Aber so …“ Dann warf er das Pergament ins Feuer.