Stimmungstexte im Vorfeld & im Nachgang des Kaminstübchens 2026

Nachfolgende Texte wurden zur Einstimmung und thematischen Einordnung vor Beginn des jährlichen Treffens Weidener Briefspieler (aka Kaminstübchen) von Orga-Seite und unserer Kanzlerin an die Teilnehmenden versandt. Fortgeführt wurden diese 5 Texte durch Beiträge von Spielern, in denen ihre Erlebnisse während der ausgespielten Szenarien nachgezeichnet oder kommentiert werden.


Stimmungstext 1, Autorin: Katja

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen!
Burg Aarkopf bei Salthel, Grafschaft Sichelwacht, Ende 1045 BF

Bunsenhold zur Sichel blickte ein letztes Mal auf das Schreiben in seinen Händen, dann ließ er es achtlos fahren. Ein günstiger Lufthauch erfasste es und trug es in eleganten, kleinen Kreisen hin zum Tisch, wo es sanft landete.

Die meisten Anwesenden waren dem unerwarteten Schauspiel fasziniert mit den Augen gefolgt. Nicht so der Graf. Der räusperte sich nun, auf dass auch jedem ins Gedächtnis gerufen wurde, wo die Musik spielte.

„Eine Einladung“, konstatierte er, „aus Bärwalde. Von der alten Schabr… der Altgräfin. Zu ihrem 90. Tsatag.“ Unter halb gesenkten Lidern blickte er sich um. Doch keiner der im Rittersaal des Aarkopfs Versammelten schien auf den naheliegenden Gedanken zu kommen, den er ihnen zugedacht hatte. Unzufrieden schniefte er.

„Wie auch immer, sie ist mir zuvorgekommen, die gute Walderia. Das soll aber nichts daran ändern, dass mein 90. Ehrentag natürlich ebenfalls gebührend gefeiert wird. Und damit das auch gelingt, müsst ihr frühzeitig mit den Vorbereitungen anfangen. Allzumal mein Geburtstag im kommenden Jahr günstigerweise ja mit dem Zunftmarkt zusammenfällt.“

Rheja von der Klamm, Hochgeweihte des Saltheler Ingerimmtempels, die sich schon die ganze Zeit gefragt hatte, warum sie und die anderen Tempelvorsteher auf den Aarkopf befohlen worden waren, warf auf. Das entging dem Grafen nicht und ebenso wenig, dass sie es sich verkniff, ihn zu unterbrechen. Es entlockte ihm die Andeutung eines selbstzufriedenen Lächelns.

„Stadt und Burg sollen sich bereits machen für all die Adelsleute, Bürger und was auch immer, die selbstredend kommen werden, um mir die Ehre zu erweisen. Nehmt das in die Hände, Odilbert und Gernlind.“ Die genannten wirkten wenig begeistert und warfen einander Blicke zu, die kaum einen Skrupel Zuneigung erkennen ließen. Ungerührt fuhr der Wolkensteiner fort. „Meinethalben“, er nickte in Richtung des Ersten Ritters der Sichelwacht, „veranstaltet auch ein Ritterturnier, daran haben ja offenbar einige große Freude.“ Wie zur Bestätigung nickte der Högelsteiner voller Begeisterung.

„Es ist natürlich einiges zu bedenken und noch viel mehr zu planen. Also schlage ich vor, ihr findet euch zu einem Festkomitee zusammen. Klawitter, stelle eines zusammen, das der Aufgabe gewachsen ist, und sorg dafür, dass die Einladungen alsbald auf ihre Wege gehen. Rheja“, wandte er sich nun an die inzwischen sichtbar angespannte Ingerimmgeweihte, „Ihr wollt etwas sagen?“

„Und ob ich das will“, brach es aus der untersetzten, muskelbepackten Frau mit dem dicken, kupferblonden Zopf heraus. „Mir scheint, Euch …“, sie presste die Zähne aufeinander, atmete tief durch, „… es“, korrigierte sie sich minimal, „hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen.“

„Ach“, erhob der Sichelgraf gelangweilt die Stimme, „ist dem so. Ein Fehler? Wie das?“

„Nun, der Saltheler Zunftmarkt findet ja anlässlich des Tages der Waffenschmiede statt, der bekanntlich ein hoher Feiertag meines Herrn ist und auf dem 21. Ingerimm liegt“, erläuterte die Geweihte. „Ein heiliger Tag und gute Tradition. Wenn ich richtig erinnere, ist Euer Tsatag, Hochwohlgeboren, aber im Peraine?“

Bunsenhold nickte gönnerhaft. „Dem ist so, am 17. Peraine, gut aufgemerkt.“ Dann veränderte sich seine Kopfhaltung, senkten sich die Lider einmal mehr halb über die Augen und verliehen dem leicht schrägen Haupt nun etwas Abwartendes, Lauerndes. „Seht Ihr da etwa ein Problem.“

Es war offensichtlich, dass sie das tat, denn sie atmete tief ein und warf sich in die Brust. Doch ehe sie antwortet konnte spürte sie zwei Berührungen. Von links war die Hohe Mutter an sie herangetreten, von rechts der Schwertbruder. Beide berührten sie kaum und doch fühlte sie ihre Nähe einer unausgesprochenen Warnung gleich. Verwundert entließ Rheja zischend ihren Atem und blickte von rechts nach links in Augenpaare, deren bittender Ausdruck sich erstaunlich glich.

„Keines, das sich nicht lösen lässt“, sprang Sarnah Rohregger, Vorsteherin des Phextempels, lächelnd in die Bresche. „Letztlich“, damit wandte nun auch sie ihre Augen der Amtsschwester in Ingerimm zu, „bietet dies die einmalige Möglichkeit, den Tag der Waffenschmiede anno 46 mal für sich stehen zu lassen, eh? Befreit vom Markt und sonstigem Treiben. Das schafft Platz für einen würdigen Rahmen“, ihr Blick glitt wieder hinüber zum Sichelgrafen, „meint Ihr nicht auch, Hochwohlgeboren? Ein feierlicher Götterdienst im Dom des Flammenden Erzes ist doch der richtige Anlass für den einen oder anderen Gedanken des Dankes.“ Die Mondschattin lächelte noch breiter. „Gerade Eingedenk einer, nun sagen wir, kreativen Beugung guter alter Traditionen.“

Die Meisterin der Esse schnaubte im selben Augenblick, da der Graf brummte. Beide maßen einander mit Blicken. Throndmai Birseninger, die Traviahochgeweihte, trat einen halben Schritt vor und so auf eine Höhe mit Rheja. „Es ist ein Geben und ein Nehmen“, sagte sie breit lächelnd und eine Spur zu gut gelaunt. „Jeder gibt ein bisschen und jeder nimmt ein bisschen, dann sind am Ende alle zufrieden. Das sage ich auch immer den Kin …“

Nun ergriff Mamertus Droangrasch von Ferdok ein wenig eilig das Wort. „Nun, 90 Götterläufe ist fürwahr ein bedeutsames Alter. Dessen eingedenk mag es angemessen sein, den Zunftmarkt einmal vor dem Tag der Waffenschmiede anzuberaumen. Der Heiligkeit des Feiertages wird das keinen Abbruch tun, denn dafür werden wir sorgen, nicht wahr, Brüder und Schwestern?“ Die Hochgeweihten nickten, die einen mit mehr, die anderen mit weniger Elan.

„Solange die göttergefällige Ordnung gewahrt bleibt“, steuerte Heliodorus Rapax von Greifenfurt Lichthüter des Praiostempels, etwas schmallippig bei, „mag eine einmalige Ausnahme vertretbar sein.“

„Meinst du?“, schnarrte Rheja und warf dem Amtsbruder einen zornlodernden Blick zu.

„Nun, ich jedenfalls meine das“, antwortete an seiner Statt der Graf, „allzumal es bereits entschieden ist. Nun gilt es, alles ins Werk zu setzen.“ Er maß die Anwesenden mit eiskaltem Blick und erhob sich. „In diesem Sinne: Gutes Gelingen, allerseits.“

Die Audienz war beendet.


Stimmungstext 2, Autorin: Katja

Nur das Beste vom Besten!
Die große Küche von Burg Aarkopf bei Salthel, Grafschaft Sichelwacht, im Phex 1046 BF

„Fragst du die Leute, was sie über die Sichelwacht wissen, kommt als erstes: Goblins und als zweites entweder arme Schlucker oder dicke Kartoffeln. Manchmal sogar beides.“ Farling Heubrenn, oberster Küchenmeister auf Burg Aarkopf, war drauf und dran, sich in Rage zu reden.

„Naja, woran denkt Ihr denn, wenn ich Euch frage, was Ihr über die Heldentrutz wisst, Meister?“, fragte Herdwig Feyenteich kokett. Die junge Küchenmagd war der erklärte Liebling Farlings und konnte sich diese und andere Frechheit erlauben.

„Die Heldentrutz? Orks und Hungerleider, natürlich. Aber das lässt sich doch nicht vergleichen“, begehrte der Heubrenner auf. „Nicht im Geringsten.“

„Najaaa“, grinste Herdwig, „ich schätze, der Koch von Burg Reichsend würde dem widersprechen.“

Sichtlich aus dem Tritt gebracht glotzte Farling sie an. „Die haben da einen Koch? Einen Küchenmeister gar?“ Dann schüttelte er den Kopf und wedelte unwillig mit der Hand. „Wie auch immer. Die Sichelwacht ist die größte Grafschaft Weidens und sie wird seit Jahren … seit JAHREN … völlig unter Wert gehandelt. Dies jetzt ist unsere Gelegenheit. Jetzt können wir endlich mit den Pfunden wuchern, die wir haben.“

Die Magd zog irritiert das Kinn an. „Pfunde? Was meint Ihr denn damit, Meister?“

„Na, Dinge, die es nur hier hat, nur in der Sichelwacht. Die guten Kartoffeln aus der Tiefen Mark, den wohlschmeckenden, großem Rogen von den Neunaugen, gute, heiß brennende Kohle aus Tannenholz und das, was wir, wie keiner sonst, mit ihrem Rauch zu veredeln verstehen!“

„Ah, und natürlich den guten Bergmeskinnes, eh? Damit könnten wir doch vielleicht ein bisschen Fisch beizen, eh?“

„Ganz genau“, nickte der Meister, „gaaanz genau, du gutes Mädchen. Darum hab‘ ich dafür gesorgt, das aus allen Ecken, Kellern, Löchern und Wassern der Sichelwacht nur das Beste hierher geschafft wird. Und die Tage werde ich dem Grafen dann ein Probeessen kredenzen. Es ist schließlich in seinem Sinne, dass seine hochedlen und geehrten Gäste nur das Beste bekommen.“

„Das Beste vom Besten“, setzte Herdwig seiner Begeisterung noch einen drauf und ihr Meister nickte ihr darob zufrieden zu.

***

„Und das da?“

„Was da?“ Meister Heubrenn knurrte mehr, als er sprach. Er warf dem Fragenden einen ungnädigen Blick zu. Sie saßen jetzt schon ein halbes Wassermaß hier und der Küchenmeister war noch immer nicht darüber hinweg, dass an der prächtig gedeckten Tafel nicht Graf Bunsenhold Platz genommen hatte. Nicht einmal sein Speichellecker von einem Kanzler. Nein, da saß ein einfacher Schreiberling aus der Kanzley. Man habe keine Zeit für derlei Nichtigkeiten, hatte der Klawitterer ihn wissen lassen. Damit er sich die ganze Arbeit aber nicht umsonst gemacht hatte, habe man jemanden geschickt, der sich ein Bild machen solle. Jemanden mit reichlich Expertise, hatte der Kanzler süffisant angemerkt.

Meister Farling verdrehte die Augen und schnaubte leise. „Kartoffelplätzchen. Statt der bornischen Blinis. Eine Übersetzung ins Sichelwachtsche, wenn ihr so wollt.“

„Eine … was? Übersetzung?“ der pummelige Schreiberling blickte zweifelnd auf. „Für mich sieht das ja aus, wie ein stinknormaler Kartoffelpuffer, in klein halt. Von wegen Übersetzung, tsk.“ Er hatte sogar die Dreistigkeit leicht den Kopf zu schütteln.

„So nennt man das in der gehobenen Küche, wenn man sich der Rezepte anderer Kulturen bedient und sie an die hiesige anpasst, Mann“, schnarrte Farling.

„Aha“, der Schreiber namens Ardan Vernichel schob die Lippen vor und nickte irgendwie gönnerhaft, „meine gute Mutter, die Götter halten sie selig, nannte das immer: mit dem kochen, was man hat, aber gut, dass ich jetzt weiß, wie es richtig heißt.“

„Das ist etwas gänzlich anderes“, polterte der Küchenchef los, „du wirst ja wohl nicht die hohe Küche des Grafenhauses mit der deiner alten Mutter vergleichen wollen!“

Ardan schüttelte den Kopf, verkniff sicher aber wohlweislich die auf seiner Zunge brennende Replik. Seine liebe Frau Mama hatte nämlich deutlich bessere Kartoffelpuffer gebraten. Stattdessen notierte er mit spitzer Feder ‚Kartoffelplätzchen, klein, mit …‘

„Und was ist das da nun?“ Mit dem Griffel deutete er auf die gelbgrünen Kügelchen, die auf einem Klecks Rahm zuoberst auf den Puffern thronten. Gekrönt von einem kleinen Dillzweig.

„Neunaugenrogen“, warf der Koch sich stolz in die Brust, „auf zart aufgeschlagenem Rahm, an Dill.“

„…an Dill“, murmelte der Vernichel, während er schrieb. Dann starrte er die Kreation, auf die Ferling sehr stolz war, einige Herzschläge an. „Aha.“ Vorsichtig, um nicht zu sagen argwöhnisch, nahm er das kleine Kunstwerk, beäugte es noch einmal aus der Nähe und schob es sich dann mit Todesverachtung in den Mund. Er kaute, hielt inne, zog seine Augenbrauen zusammen und runzelte die Stirn, und kaute dann weiter.

„Hmhm“, brummte er und ignorierte die Anspannung des Gegenübers vollkommen. In aller Ruhe notierte er sich etwas.

„Na“, platze es aus Ferling heraus, „und?“

„Kann man essen“ erwiderte Ardan und bedachte den Koch mit einem nachdenklichen Blick. „Kleiner Rat: habt die Nachweise, wo ihr all diese kostspieligen Leckereien gekauft habt und für wieviel besser griffbereit und in Ordnung. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass unser geschätzter Kanzler volle Rechenschaft von Euch verlangen wird.“

„DAS ist alles, was dir dazu einfällt?“

„Nein, mir fällt noch eine Menge mehr dazu ein, aber ich bin ja nur hier, um mir Euren Menüvorschlag anzusehen, nech?! Beispielsweise hätte ich den Vorschlag, dass Ihr den Rogen besser aus einer offiziellen Quelle beziehen solltet.“ Er nickte bedeutungsschwanger. „Jetzt aber schön weiter im Text. Was gibt’s als nächstes? Ich hoffe, wir sind über die Gaumenschmeichler hinweg und kommen jetzt zu den richtigen Sachen, eh?“ Vorfreudig rieb er sich die Hände.

Ferling Heubrenn grunzte, schnappte sich den kleinen Teller auf dem bis eben seine Lieblingskreation gethront hatte und bedeutete der schweigend an der Seite stehenden Magd, den nächsten Gang aufzutragen. „Drachenspalter Marsch“, erläuterte er unlustig, „ein Eintopf aus geschnetzeltem Lammfleisch, reichlich Kartoffeln, Mehlklößen und Gemüse. Ein einfaches Gericht und damit vermutlich eher deine Kragenweite.“

Dem schien ganz offenbar so, denn Ardan gab einen Laut des Entzückens von sich.


Stimmungstext 3, Autorin: Katja

Mehr als ein Leben!
Theater von Salthel, Grafschaft Sichelwacht, Anfang Peraine 1046 BF

Clothild zu Grötz saß im Dunkel der Zuschauerränge. Auf dem Schoß hatte sie Des Wettersteiners Lied ihr Werk in dem ihre Rechte die gerade dargebotene Szene markierte. Die Linke war derweil nach oben geflogen und untermalte mit wohlgesetzten Gesten ihre Worte.

„Gut, gut, aber bedenke wohl, dass der große Nigidius vom Wetterstein in dieser Szene noch jung ist und seine erste Heldentat erst vollbringen muss. Lass deine Stimme also durchaus von Zweifel einfärben, Alrikslaus.“

Auf der Bühne des Saltheler Theaters herrschte Unruhe. Zimmerleute waren dabei, die übermannsgroßen Tafeln zu befestigen, auf die Bühnenmaler eine Hochgebirgsszenerie inklusive fliegendem, dreiköpfigen Drachen, gepinselt hatten. Eine dürre Malerin war mit Farbe und Pinsel bei der Hand, um sich kleinerer Schäden anzunehmen. Seitlich wurde am Vorhang herumgewerkelt, im Graben vor der Bühne wurden Kerzen verteilt und die eisernen Muscheln, deren Innenseite versilbert war, poliert sowie positioniert. Auf der Bühne indessen mühte sich der junge Schauspieler Alrikslaus Jodinger damit ab, Haltung und Worte gleichermaßen zu bewahren.

Seine Spielpartner waren zum einen abgelenkt, weil von einem Handwerker um ihre Position gebracht, und hingen zum anderen an seinen Lippen, sprachen den Text sogar mit.

„Desidero“, schnappte Clothild darum auch in die Richtung des Übereifrigen, „schön und gut, wenn du Nigidius Text beherrscht, aber soweit ich erinnere ist deine Rolle die des dritten Hirten, der nur einen Satz hat, eh? Also, steh Alrikslaus nicht im Licht.

Der Angesprochene reagierte erst, als Alrikslaus ihm mit einem Nicken bedeutete, dass sein Typ gefragt war.

„Äh, was?“, fragte der hübsche blonde Jüngling, hob sich die Hand über die Augen und spähte in die Dunkelheit. „Verzeihung, ich meine, was soll ich tun, Frau zu Grötz?“

Die seufzte. Er war wirklich ein hübscher Junge, dieser Desidero Silbertann, und ausgesprochen höflich. In ein-zwei Jahren hatte er vielleicht das Format für eine tragende Rolle, aber im Augenblick stand er mit seiner Begeisterung einfach zu oft im Weg. „Fürs Erste, sieh zu, dass Alrikslaus seinen Text verinnerlicht. Zum zweiten, bleib weiter in der Kulisse, wenn du deinen Satz sagst, ja? Und jetzt, weiter im Text, die Damen und Herrn Hammerschwinger, lasst meinen Schauspielern Raum und Luft! Hier wird schließlich Kunstgeschichte geschrieben.“

***

Wie immer nach der Probe summte und brummte es in der Schankstube des Salzstocks. Neben all den Händlern und Handwerkern drängten sich nun auch die Theaterleute in den heimeligen Gastraum. Überall standen und saßen kleine Grüppchen und tauschten sich aus. Je näher der Premierenabend rückte, desto fiebriger schienen die Unterhaltungen.

„Ich muss nur ein wenig vorsichtig sein“, erklärte Desidero, den alle nur Dissi nannten, seinem Gegenüber, einer vielleicht Fünfzehnjährigen in verschlissener Kleidung und mit Gliedmaßen, die zu groß für den Rumpf wirkten. „Mir ist das wichtig, Mara! Da oben hab‘ ich ein anderes Leben, ein besseres. Nimm mir das nicht!“, insistierte der Blondschopf. „So lange ich beim Bankett wieder da bin, läuft das. In der übrigen Zeit interessiert der Alte sich doch eh einen feuchten Kehricht für uns. Tirold und ich sind raus und wieder rein, wie die kleinen Mäuse, die es auf dem Aarkopf überall gibt. Kein Problem, du wirst schon sehen!“

Das Mara genannte Mädchen schürzte die Lippen und wollte gerade zu einer Gegenrede ansetzen, als sie jäh nach vorne gestoßen wurde. „‘schulligun“, schallte es mit unsicherer Zunge an die Ohren der beiden, „bin jestolpert, habter noch’n Plätzchen für mich, Dissi?“ Ohne die Antwort abzuwarten ließ sich Erdgard, eine Chorsängerin, neben und fast auf Desidero fallen. Sie kicherte schnapstrunken und entschuldigte sich ein weiteres Mal. „Was habter denn da zu mauscheln, ihr zwei Hübschen, eh?“, fragte sie und fasste Mara konzentriert ins Auge. „Du bis‘ aber nich‘ von uns, oda? Vom Chor, mein ich? Das wüsst ich. Oda, Dissi?“ Sie drehte den Kopf und fand sich beinahe Nase an Nase mit dem Ziel ihrer Ansprache wieder. Der kurze Augenblick verblüfften Staunens wurde von ihrem wiehernden Gelächter beendet. Desideros Bemühungen, Platz zwischen sich und die dralle Sängerin zu bringen, war derweil nur mäßiger Erfolg beschieden.

Der stellte sich erst ein, als Mara aufsprang und ihn entschieden auf die Füße zog. Der überaus heiteren Erdgard, die nun endlich Platz genug auf der Bank hatte, warf sie einen einigermaßen amüsierten Blick zu, der sich verhärtete, als er Desidero traf. „Jetzt ist es aber zu früh für solche Sperenzchen. Wir gehen. Jetzt.

„Aiaiai, du bis‘ mir aber einer, Dissi“, röhrte Erdgard, „hass‘ dir ein Liebchen gesucht, wa? Na, die Allschöne wird’s mögen, da binnich sicha.“

Der gequälten Mine, die der so gerühmte ob dieser Worte zeigte, entging der Sängerin, die eine Freundin erspäht hatte und eifrig zu sich herwinkte.

Mara derweil zog den widerspenstigen Jungschauspieler ohne Erbarmen hinter sich her.



Stimmungstext 4, Autorin: Nina

Klingen und Quaffee
Feste Aarkopf, Grafencapitale Salthel, Ende Ingerimm 1044 BF

„Aaaaaah, hier steckt Ihr also!“

Tsarahbella zuckte erschrocken zusammen, als eine laute Stimme in ihrem Rücken ertönte und die bisher herrlich entspannte Stille im Salon abrupt beendete.

„Das ist ja schlimm mit Euch, schwerer zu finden als ein Rasselbock! Und das, obwohl ihr alles andere als klein seid!“

Die Heroldin runzelte verärgert die Stirn: Sollte das eine Anspielung auf ihren Leibesumfang sein, fand sie es wahrlich nicht witzig! Tsarahbella warf einen prüfenden Blick über die Schulter, erkannte den Ersten Ritter der Sichelwacht und seufzte schicksalsergeben.

Eigentlich wollte sie einfach nur hier sitzen und in aller Ruhe den Quaffee schlürfen, den Bunsenholds Hofmagus ihr eben äußerst großzügig überlassen hatte. Aber Ruhe und Gringolf – das waren zwei Dinge, die schwerlich gemeinsam in einem Raum existieren konnten.

Immerhin: Es war davon auszugehen, dass die Bemerkung über ihre Größe keine Beleidigung hatte sein sollen. Vielmehr handelte es sich sehr wahrscheinlich um einen verbalen Verstolperer des Högelsteiners. Der hatte es halt nicht so mit Worten!

„Die Zwölfe zum Gruße, Meisterin“, schmetterte er frohgemut, während er sich ungefragt auf dem Sessel niederließ, der ihrem gegenüberstand. „Rondra und Hesinde voran!“

„Hesinde?“, Tsarahbella blinzelte irritiert. „Wo kommt die denn plötzlich her?“

„Na, ich bin doch gerade von einer Reise zum Rhodenstein zurück und habe dort etwas überaus Spannendes aufgestöbert. Verschollen geglaubtes Wissen. Da kommt sie her!“ Er lachte: „Schwert und Feder. Feder – Hesinde. Hesinde – Wissen. So!“

„Uhuuum“, brummte Tsarahbella gedehnt, während sie dem Ritter einen skeptischen Blick zuwarf. „Auf dem Rhodenstein? Ihr? Um Wissen zu erringen? Verschollenes gar? Ihr seht mich überrascht. Was für einer Sache seid Ihr denn auf der Spur gewesen?“

„Gut, dass Ihr fragt, darüber wollte ich nämlich eh mit Euch reden!“

„Sagt bloß?“

„Ja, ich denke doch, dass ich damit bei Euch genau richtig bin, denn es geht um was Historisches, das die ganze Sichelwacht betrifft. Und von überragender Bedeutung ist, eigentlich. Weshalb es mich wundert, dass sich noch niemand anders darum gekümmert hat. Kommt mir vor, als würde hier als mal auf die falschen Dinge geachtet!“

„Auf die falschen ... Dinge?“, Tsarahbella hob halb pikiert, halb amüsiert die Brauen. „Ihr habt mein Interesse, Hoher Herr. Bitte klärt mich auf! Was sind denn die richtigen Dinge? Also worauf hätten wir achten sollen, haben es bislang aber versäumt?“

Er quittierte ihre Frage mit einem huldvollen Nicken und erhob sich, um eine lederne Transportrolle von seinem Rücken zu schnallen und sie sofort zu öffnen. Es dauerte nicht lange, bis er ein Pergament vor ihr auf dem Tisch ausgerollt hatte. Dann tippte er mit dem Zeigefinger ein paarmal wichtig auf die just freigelegte Schemazeichnung und hob seinerseits bedeutungsschwer die Brauen.

Tsarahbella setzte ihre Sehgläser auf, ehe sie sich vorneigte, um einen Blick zu riskieren.

Sie war keine Ritterin und auch keine Waffenexpertin, daher wusste sie nicht so genau, was sie da eigentlich sah. Sie erkannte aber immerhin, dass es sich um eine Klinge handelte ... von einem Schwert, das aus verschiedenen Perspektiven dargestellt wurde, einen recht eleganten Schwung aufwies, aber dennoch ziemlich urtümlich anmutete.

„Erhellt mich, bitte!“, forderte sie. „Was habt Ihr habt Ihr mir da vorgelegt, Gringolf?“

„Eine unter Aufwendung von viel Zeit, mit viel Sorgfalt und noch mehr Mühe sowie der großartigen Hilfe der Wahrer in deren Bibliothek aufgetane Zeichnung ... na ja ... nein ... . Also, es ist nicht die eigentliche Zeichnung, sondern eine ebendort angefertigte Kopie, aber eine wirklich gute halt! Das Original wollten sie mir leider nicht aushändigen, obwohl seine Geschichte ja untrennba...

„Schon gut, Junge! Was ist es?“ 

„Die Beonsschneide, Meisterin!“, erneut tippte Gringolf auf das Pergament, noch vehementer diesmal, und strahlte sie dabei mit vor Begeisterung leuchtenden Augen an. „Das Talismanschwert der Sichelwacht.“

„Das seit der Zeit der Priesterkaiser verschollen ist“, brummelte Tsarahbella schmallippig.

Sie wollte sich um keinen Preis der Welt anmerken lassen, dass sie im Anbetracht dieses Fundes tatsächlich beeindruckt war. Wenn es um etwas ging, das ihn interessierte, konnte der Erste Ritter sich offenbar doch länger als nur fünf Herzschläge konzentrieren.

„Ja schon, aber das heißt ja nicht, dass wir sie ganz aufgeben müssen, oder?“, fragte er. „Ich meine ... selbst wenn schon lange nicht mehr nach ihr gesucht wird, kann so ein Bild hier an unserem Hof ja nicht schaden? Schließlich ist dies die Waffe der ersten Gräfin der Sichelwacht gewesen! Das Schwert, mit dem die Luchskronerin seinerzeit den Wurm von Beonspfort erschlagen und eine sichere Besiedlung in der Kante überhaupt erst möglich gemacht hat! Das ist doch eine ... ich meine das hat doch einen ... zumindest symbolischen Wert, oder nicht?“

„Da uns von Glafira sonst nichts geblieben ist ... durchaus, ja“, Tsarahbella nickte erst bedächtig und konnte ein anerkennendes Lächeln dann nicht länger unterdrücken. „Und Ihr seid sicher, dass es die Beonsschneide ist?“

„Das stand so auf einer begleitenden Notiz aus alten Tagen, haben die Wahrer gesagt. Und auf deren Urteil kann man sich doch verlassen, wenn es um Waffen geht, oder etwa nicht?“

„Für gewöhnlich schon, ja! Konnten sie Euch denn auch etwas dazu sagen, woher die ursprüngliche Zeichnung stammte?“

„Nein. Nur dass sie aus der Zeit der Priesterkaiser ist. Mehr war in ihren Unterlagen offenbar nicht verzeichnet. Es grenzt überhaupt an ein Wunder, dass wir das Bild gefunden haben: Keiner wusste mehr, dass es existiert. Wir haben nach einer Weile angefangen, uns einfach durch alle Kataloge mit Waffen zu wälzen, die irgendwelche Rondrianer irgendwann mal aus irgendeinem Grund für erwähnenswert hielten. Von da aus dann ...“

Wahrscheinlich hatte er die armen Wahrer in der Bibliothek einfach solange genervt, bis sie es nicht mehr aushielten. Bis sie alles daran setzten, ihm mit seinem Anliegen zu helfen, einfach nur, um ihn wieder loszuwerden. Tsarahbella schmunzelte, rückte ihre Sehgläser zurecht und neigte sich weiter vor, um das Bild genauer in Augenschein zu nehmen.

„Haben sie was dazu gesagt, warum der Griff fehlt?“, fragte sie.

„Sie denken, es könnte so vom Schlachtfeld geborgen worden sein. Nachdem die Schergen der Familie von Salthel Glafira und ihre Familie abgeschlachtet hatten“, Gringolf schnaubte geringschätzig und verzog die Lippen zu einem schiefen Strich. „Dass es beim Kampf gegen die Speichellecker der Priesterkaiser vielleicht geborsten ist und der Griff einfach nicht mehr vorhanden war, als diese Zeichnung angefertigt wurde.“

„Aber wenn es damals geborgen wurde ... warum ist es dann heute noch verschollen?“, murmelte Tsarahbella. „Wenn es den Anhängern der Gräfin gelungen ist, dafür zu sorgen, dass diese legendäre Klinge nicht in die Hände der Herzogenwahrer fällt ... warum haben sie sie nicht wieder hervorgezaubert, nachdem der Spuk vorbei war? Mit dem Untergang derer von Salthel? Als hier neue Herrscher eingesetzt wurden?“

„Vielleicht, weil es bei uns seither keine Grafen mehr gab? Erst Vögte, dann Verweser ... bis Bunsenhold ins Amt gehoben wurde?“

„Hört, hört!“

Tsarahbella schnalzte anerkennend. Der Junge kannte sich mit der Geschichte der Grafschaft besser aus, als gedacht. Das war eine angenehme Überraschung!

„Oder sie ist ganz verlorengegangen, als die Leute damals versucht haben, sie im Verborgenen zu halten? Muss ja nur einer von denen mal in einem schlechten Moment das Zeitliche gesegnet haben und schon: alles futsch!“, mutmaßte der Högelsteiner.

„Möglich!“ Tsarahbella kniff die Augen zusammen, als ihr Blick auf etwas fiel, das sie neugierig machte. „Aber wenn außer der Klinge nichts geborgen wurde, was ist dann das da?“

Gringolf beugte sich ebenfalls tiefer über das Pergament, überlegte kurz und meinte dann: „Sieht für mich wie ein verbogenes Ortblech aus, Meisterin. Also das Teil an der Spitze einer Scheide, das man da anbringt, damit das Schwert nicht das Led...“

„Schon gut!“, unterbrach Tsarahbella ihn ungeduldig. „Hesindenocheins, Ortblech hätte gereicht! Ich weiß, was das ist! Ich bin die Heroldin dieser Grafschaft, liebe Güte.“

„Wie in meinem Wappen, nicht wahr?“

„Ein Ortband ist ein Ortband, Hoher Herr. Es gibt viele Familien, die so was im Wappen haben. Das eine hat mit dem anderen jetzt nicht wirkl...“

„Natürlich nicht, das wollte ich auch gar nicht sagen!“, Gringolf lachte abermals. „Habe nur gerade begriffen, woher ihr Euch mit so was auskennt und ich es Euch nicht erklären muss, obwohl ihr mit Schwertern nix am Hut habt.“

„Gleichwohl ...“, Tsarahbella hatte nur mit halbem Ohr zugehört, weil ein Gedanke sie einfach nicht losließ. „Die Einbuchtungen da sind einer Lilie nachempfunden, oder etwa nicht? Ich meine, ich hätte so was in der Art schon mal in einem Wappen gesehen. Ich weiß nur nicht mehr wo. Keines aus der Sichelwacht, ohne Frage, sonst hätte ich es sofort parat. Vielleicht aus einer anderen Grafschaft ... oder auch aus einem von meinen Büchern? Überaus kurios ...“

„Was ist daran denn komisch? Die Lilie ist ein rondrianisches Symbol, das Schwert Rondras liebste Waffe ... ich finde das eher passend?“

Tsarahbella warf dem Högelsteiner einen zweifelnden Blick zu.

Gerade hatte sie weder die Zeit noch den Nerv, ihm die Feinheiten der Heraldik zu erläutern. Nicht, dass ein Ortband mit eingelassener Lilie sehr wohl eine Anomalität war, die Beachtung verdiente. Ihr Quaffee hatte schon lange aufgehört zu dampfen. Er war jetzt sicher nur noch lauwarm und Xabrasil hatte gesagt, dass er kalt nicht zu genießen sei.

„Habt Ihr was dagegen, dass ich das hier an mich nehme und eine Kopie anfertige, Gringolf?“, fragte sie stattdessen. „Um selbst weitere Nachforschungen anstellen zu können? Es dauert höchstens ein paar Tage!“

„Eine Kopie von der Kopie?“, der Högelsteiner schien das witzig zu finden, nickte aber trotzdem. „Klar. Ich habe es jetzt schon so ziemlich jedem gezeigt, dem ich es zeigen wollte. Ich gebe es Euch gern, bevor es an den Grafen geht, Meisterin.“

„Trefflich!“ Tsarahbella rollte das Pergament zusammen und gab es ihm, damit er es zurück in seine Hülle stecken konnte. „Und wahrlich: Gut gemacht, junger Mann! Das ist ein Fund, auf den Ihr als Erster Ritter der Sichel stolz sein könnt.“

„Danke“, der Högelsteiner schien über das Lob ernsthaft erfreut, denn er strahlte schon wieder.

Tsarahbella quittierte es mit einem gönnerhaften Lächeln und griff nach ihrer Tasse, um endlich von dem angeblich so himmlischen Getränk zu kosten. Sie hoffte, dass ihr Gegenüber den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und sich diskret verabsentieren, oder wenigstens für einen paar Momente schweigen würde.

Stattdessen blieb Gringolf einfach sitzen, nachdem er die Transportrolle vorsichtig zwischen ihnen auf dem Tisch platziert hatte, und warf ihr einen neugierigen Blick zu:

„Was trinkt ihr denn da eigentlich, Frau Tsarahbella? Das riecht ja wirklich köstlich!“

Keine Ruhe. Nicht in seiner Gegenwart. Niemals ...


Stimmungstext 5, Autorin: Nina

Lilien und Luchse
Feste Aarkopf, Grafencapitale Salthel, Ende Tsa 1046 BF

„So ein verdammter Scheißdreck!“

Tsarahbella fluchte lauthals los, als ihr der gesamte Inhalt des Schrottfachs – also jenes Fachs in ihrem großen Regal, in dem sie Dinge aufbewahrte, die sie für wertlos hielt oder die sie schlicht nervten – entgegengestürzt kam.

Eigentlich hatte sie einfach nur einen Brief dieses vermaledeiten Rauheneck ... des mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Herrn von Rotenforst aus dem Stapel herausziehen wollen. Dass der Kerl überhaupt schreiben konnte, war eine Überraschung gewesen. Zunächst hatte sie sich noch eingeredet, der Brief könne nur von seiner Frau kommen. Aber die klare, kantige Handschrift ließ diese Überzeugung ins Wanken geraten. Und die Tatsache, dass die Nachricht in ebenso klaren, kantigen Worten abgefasst war, brachte sie wenig später ganz zu Fall.

Der Lehnsherr ihrer Schwiegertochter nervte mit einer leider sehr berechtigten Anfrage zum Wappen seiner Baronie, mit der sie sich aber nicht befassen wollte, weil er nun mal war, wer er war. Deshalb schmorte das vermaledeite Schreiben schon seit Monden im Schrottfach, aber ewig konnte es dort ja auch nicht bleiben. Also hatte sie es sich gerade nochmal genauer ansehen wollen – und beim Hervorkramen übersehen, dass ganz oben auf dem Stapel ein Teller mit einem Rahjensbrüstchen thronte, das sie wohl irgendwann dort vergessen hatte.

Das Gewicht von Geschirr und Gebäck auf dem Gipfel hatte dafür gesorgt, dass der Zug an dem Schreiben aus Rotenforst in der Mitte den ganzen Schrottpost-Berg zum Einsturz brachte. Und jetzt stand sie in einem beängstigend hohen Stoß verschieden großer Pergamentseiten, die vorher schon nicht gut sortiert gewesen, nun aber vollends durcheinandergeraten waren.

Immerhin: Sie hatte es geschafft, das Brüstchen vor dem Absturz zu bewahren. Es war nur leider schon sehr trocken und damit nicht mehr genießbar. Also stellte Tsarahbella es seufzend zurück ins Fach, während sie sich auf die Knie begab, um das Chaos zu beseitigen, das sie gerade gestiftet hatte: Briefe, Skizzen, Notizen und ... ein kleines Büchlein.

Die Heroldin der Grafschaft Sichelwacht starrte einen Moment ratlos auf den schmucklosen, ledernen Einband. Sie hatte keine Ahnung, was sie da in den Händen hielt und woher es kam – bis sie das Ding aufschlug und förmlich vom Schlag getroffen wurde.

Noch mehr Skizzen, hastig hingekritzelt und deshalb teils nur sehr schwer erkennbar. Luchse, Aale, Klingen, zahlreiche Sparren-Varianten. Und Ortbänder. In den verschiedensten Ausführungen. Es handelte sich um Trockenübungen für das Wappen der Familie Högelstein, deren Erbe dieses Werk vor rund zehn Götterläufen in ihre Studierstube geschleppt hatte, weil er nichts damit anzufangen wusste. So wenig wie sie, weshalb es irgendwann im Schrottfach gelandet war.

Aber jetzt ... jetzt ...

Tsarahbellas Herzschlag setzte kurz aus, als ihr Blick auf ein Ortband fiel, in das eine Lilie eingelassen war. Eine Anomalie, die es speziell machte. Unverkennbar! Nur dass es diese Variante letztlich nicht in das Familienwappen geschafft hatte, sondern eine abgeschwächte Form. Eine, die mit dem Original weitaus weniger zu tun hatte. Nicht mehr genug, dass sie die Verbindung hätte ziehen können, die sich ihr angesichts der Skizzen nun förmlich aufdrängte.

Die sich ihr auch jetzt erst aufdrängen konnte, weil sie vor einem Jahrzehnt noch nicht über das Wissen verfügte, das sie heute besaß. Es war schließlich erst zwei Götterläufe her, dass der Erste Ritter der Sichelwacht ein Bildnis des Originals hierher nach Salthel geschafft hatte. Oder vielmehr: Ein Bildnis dessen, was sie mit dem Wissen von heute für das Original ... die Vorlage zu diesem speziellen Ortband hielt.

Die Heroldin ließ ihr Chaos Chaos sein und erhob sich schwankend.

Die Augen nicht für einen Lidschlag von der Skizze nehmend, stolperte sie zum Schreibtisch hinüber. Dort legte sie das Büchlein behutsam ab und begann zu wühlen. In den Dokumenten direkt am Arbeitsplatz, denen sie mehrheitlich eine überragende Bedeutung beimaß. Leider nur war vieles, womit sie sich so herumschlug, ziemlich wichtig. Daher dauerte es einen Moment, bis sie fand, wonach sie suchte.

Mit zitternden Fingern schlug sie das Pergament mit ihrer Kopie der Beonsschneide auf und legte es direkt neben das högelsteinsche Büchlein.

Die Ähnlichkeit war unverkennbar!

Nicht nur die der beiden Ortbänder, sondern ... ja, bei genauerer Betrachtung schien ihr auch der Schwung des Sparrens im Wappen Familie nahe an dem der legendären Klinge dran. Es fiel Tsarahbella wie Schuppen von den Augen. Sie schluckte leise und wusste für einen Moment gar nicht, was sie denken sollte.

Was hatte das zu bedeuten?

Warum gab es im Wappen eines unbedeutenden Schroffenfelser Adelsgeschlechts derart klare Bezüge zur Talismanwaffe der Grafschaft Sichelwacht? Das ergab keinen Sinn! Die Familie Högelstein gab es erst seit rund 300 Jahren, die Waffe der ersten Gräfin der Sichelwacht war jedoch schon in der Zeit der Priesterkaiser verlorengegangen – sprich: etwa 400 Jahre früher.

Die erste Gräfin der Sichelwacht ...

Glafira von Aschengrat. Luchskronerin hatte man sie seinerzeit auch geheißen. Tsarahbellas Blick fiel auf die grauslich verhunzten Luchsköpfe im högelsteinschen Skizzenbuch.

Sie musste sich setzen.

Dann blies sie ihre Backen auf und ließ die Luft langsam entweichen, während sie sich das Wappen der Gräfin in Erinnerung rief. Ein Lindwurm, von einer Klinge durchbohrt – zur Erinnerung an ihren Sieg über den Drachen, dem sie auch ihren Adelsnamen zu verdanken hatte: von Aschengrat, weil es nach ihrem Kampf gegen die Bestie auf den Graten der Roten Sichel im heutigen Beonspfort nur noch Asche gegeben hatte. Keine Sträucher mehr, keine Bäume ...

Tsarahbellas Blick glitt weiter zu dem, was sie bisher für Skizzen von Aalen gehalten hatte. Waren das vielleicht Lindwürmer? Sie wusste nicht, wer diese Bilder seinerzeit angefertigt hatte, aber begabt war der Zeichner auf keinen Fall gewesen. Das hier war ... es war ziemlich armselig, da reichte auch Eile nicht als Entschuldigung.

Der nächste Schritt wäre an sich gewesen, das Wappen der Luchskronerin hervorzukramen und es neben Büchlein um Schemazeichnung zu legen. Um die Waffen zu vergleichen. Zu schauen, ob es auch im Wappen der Gräfin von einst dieses spezielle Ortband gab. Oder ob die Aale vielleicht irgendwie an den Lindwurm erinnerten.

Nur leider konnte sie das nicht.

Am Sichler Grafenhofs existierte kein solches Bildnis, denn die Familie von Salthel hatte in der Zeit ihrer Herrschaft über die Sichelwacht alles daran gesetzt, die Erinnerung an Glafira auszulöschen. Für sie war die Luchskronerin unwürdig gewesen. Ein Emporkömmling. Ein Bauerntrampel, der den Thron in Salthel niemals hätte besteigen dürfen. Deshalb hatte sie auch die Familie der Aschengraterin mit Stumpf und Stiel ausgerottet: Niemals wieder sollte sie die Hand nach der Krone der Sichelwacht ausstrecken können.

Ausgelöscht.

Vermeintlich.

Vermeintlich!

Tsarahbella stützte den Kopf auf ihre Hand, während sie ein tiefes Seufzen ausstieß. Sie verbat es sich, darüber nachzudenken, was es bedeuten könnte, wenn sich herausstellte, dass es vielleicht doch Nachfahren gab.

Noch verbat sie es sich!

Besser, sie begab sich erst einmal nach Trallop und nahm dort Einsicht in die alten Wappenrollen. Sah sich das Wappen der legendären Gräfin an. Den Blason. Wenn möglich auch Notizen, die der Herold seinerzeit gemacht hatte. Zu seinen Überlegungen bezüglich des Wappens.

Erst wenn sie diesbezüglich Klarheit hatte, lohnte es si...

„Was ist denn das?“

Tsarahbella wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen, als eine Männerstimme sie völlig unerwartet aus ihren Gedanken riss.

Sie zuckte zusammen, hob den Kopf, starrte entsetzt ins Gesicht des Kanzlers und fauchte dann:

„Wie könnt Ihr es wagen, einfach so hier reinzuplatzen. Ilmhold? Hat Eure Mutter Euch denn keine Manieren gelehrt.“

„Ich bin nicht einfach so reingeplatzt“, gab er unwillig zurück. „Ich habe erst geklopft und dann auch Euren Namen gerufen, aber es kam keine Antwort. Deshalb wollte ich gucken, ob alles in Ordnung ist. Eine der Mägde draußen hat gesagt, dass es hier vorhin einen riesen Schlag getan hat und Ihr dann geschimpft habt wie ein Rohrspatz. Hätte ja sein können, dass einer der Pergamentstapel über Euch zusammengestürzt ist und Ihr Euch selbst nicht mehr befreien könnt ...“

Er warf einen halb pikierten, halb resignierten Blick auf das Chaos vor ihrem Schrottfach und schüttelte dann bekümmert den Kopf.

Dass er nichts davon hielt, wie sie ihre Amtsstube führte, war von jeher ein offenes Geheimnis gewesen. Aber solange er nicht den Schneid aufbrachte, sie dafür zu tadeln, gedachte die Heroldin, diesen Umstand zu ignorieren. Und jetzt kam ihr das Durcheinander sogar zupass, denn während Ilmhold vorwurfsvoll glotzte, konnte sie ein paar andere Pergamente über das högelsteinsche Büchlein und die Schemazeichnung ziehen.

Sie wusste noch nicht genau, womit sie es zu tun hatte, aber sehr wohl, dass sie zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall mit einem der ergebensten Speichellecker Bunsenholds darüber reden wollte. Es gab womöglich einen ... halbwegs legitimen Anwärter auf den Thron, den der Wolkensteiner vor 20 Jahren nur deshalb hatte kaufen können, weil just davon niemand wusste. So wackelig und wenig belegbar dieser vermeintliche Anspruch gegenwärtig auch sein mochte ... nicht auszudenken, was der Graf anstellen würde, wenn er davon erfuhr.

„War das die Beonsschneide, Meisterin?“

Ilmhold riss sie abermals aus ihren Gedanken. Und sie stierte ihn abermals konsterniert an. Dieser kleine Mistbock war für ihren Geschmack einfach viel zu schnell und viel zu clever.

„Ja, war es.“

„Und das Heft?“, wollte er wissen.

„Rauheneck!“

Tsarahbella sagte einfach das Erste, was ihr in den Sinn kam, und hob dabei demonstrativ den Brief des Rotenforsters, den sie nun eh schon in der Hand hielt. Sie hatte ihn vorhin achtlos auf ihren Schreibtisch geworfen, damit sie sich ungestört um das Schrottberg-Desaster auf dem Boden ihrer Amtsstube kümmern konnte – und ihn nun in blindem Eifer schützend über die eigentlichen Objekte ihres Interesses gezogen.

„Der kann schreiben?“

„Hat mich auch gewundert!“

„Und was will er von Euch?“

„Der Idiot ist der Meinung, das Schwert der Aschengraterin in einer alten Grabstätte auf Rotenforster Gemarkung gefunden zu haben, Meister“, murmelte sie und starb innerlich vor Scham. Sie mochte den Rauheneck zwar nicht, aber das hier war dennoch hart an der Grenze. „Hat auch ein paar grauenhaft schlechte Skizzen mit seinem Brief mitgeschickt. Von der Waffe, Wappen, Gravuren und Ornamenten aus der Gruft ... als hätte ich nichts Besseres zu tun! Hirngespinste eines vernebelten Hinterwäldlers eben ...“

„Hirngespinste?“

„Das ist natürlich alles Unsinn“, brummelte Tsarahbella. „Nicht mal ein Hauch von Ähnlichkeit vorhanden. Er hätte wahrscheinlich gern überall rumerzählt, dass einer seiner Ahnen diese Waffe geführt hat, weil es seine Familie gut dastehen lassen würde. Den Irrtum werde ich jetzt halt mal flugs ausräumen. Und wenn Ihr meint, dass ich die Zeit des Grafen mit derartigem Murks verschwenden soll, setze ich ihn selbstverständlich gern ins Bild.“

„Hum“, der Kanzler warf einen kurzen Blick auf das Schreiben, wohl um sich zu vergewissern, dass sie ihn in puncto Urheber nicht angeflunkert hatte. Dabei hob er erst die Brauen, dann auch die Schultern und schüttelte schließlich den Kopf. „Das wird nicht nötig sein. Herr Bunsenhold hat seinerzeit schon an der Zeichnung vom Rhodenstein kein Interesse gezeigt, da werden ihn Kritzeleien aus Rotenforst erst recht nicht interessieren.“

Tsarahbella kam nicht umhin, zu registrieren, dass Ilmhold nach diesen Worten nervös schluckte. Seit der Hochzeit des Rauheneck vor rund zehn Jahren schien er eine Heidenangst vor dem Mann zu haben. Sie war bislang nicht dahintergekommen, woran es lag, im Moment kam ihr der Umstand aber sehr gelegen, denn er führte dazu, dass ihr Gegenüber das Thema schnell wechseln wollte.

„Lasst uns zu meinem Anliegen kommen, würde ich sagen?!“, schlug der Kanzler vor, hob einen Stapel Pergamente und sah sie fragend an.

„Wie Ihr wünscht!“

Tsarahbella legte den Schrieb des Rauheneck beiseite, nickte beflissen und hoffte inbrünstig, dass Ilmhold ihr nicht anmerkte, wie erleichtert sie war.


Nachbetrachtung 1

Was für ein Theater
Hauptwache der Grafencapitale Salthel, 16. Peraine 1046 BF

„Der Baron von Menzheim, der Baron von Rotenforst und der Baron von Ingerimms Steg“, antwortete Weibelin Kalkbier.  „Oh, und ein Nandusgeweihter aus Uhdenberg namens Savertien“, schob sie einen Herzschlag später hinterher.

Draan Gerys, seines Zeichens Hauptmann der Stadwache von Salthel, saß hinter seinem Schreibtisch und blickte seine Unteroffizierin mit ausdruckslosen Augen an. „So so, ein Nandusgeweihter. Das ist mal was neues“, seufzte er resignierend und wandte seine Aufmerksamkeit dann dem gedrungenen Gardisten zu, der neben Kalkbier stand und scheinbar von irgendwas abgelenkt aus dem Fenster der Amtsstube hinunter auf den Stapelplatz schaute während er sich mit einem Finger im Ohr bohrte.

„Und, Gardist Rossendöpfel“, erhob Draan nun seine Stimme“, seit wann schickt seine Hochgeboren Bunsenholdt wohl ein wild zusammengewürfeltes Ensemble von Baronen aus den hinterletzten Winkeln der Mittnacht, um in einem Fall von Totschlag in den Straßen Salthels Untersuchungen anstellen zu lassen?“

„Und einen Nandusgeweihten“, erinnerte die Weibelin  ihren Vorgesetzten pflichtgemäß.

Draans Kopf ruckte zu ihr zurück. „Und einen Nandusgeweihten“, knurrte er gefährlich leise.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Gardist Rossendöpfel und hob unbedarft die Schulter. „Bin ja noch nicht so lange dabei.“

Draan holte tief Luft, beugte sich vor und stützte seinen rechten Arm auf die Tischplatte vor sich um mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel zu massieren. Dann atmete er lange und hörbar aus.

Der brave Rossendöpfel ließ sich davon jedoch nicht irritieren. „Dieser klapprige Priester mit dem grünen Stirnband hat immer davon gesprochen, dass das rechtens ist und ich ihnen helfen müsste, weil er und die hohen Herren ja auf irgendeinem Koteck draufstehen würden. Das hab ich aber nicht so ganz verstanden, weil die eigentlich nirgendwo draufgestanden haben. Und ich weiß auch gar nicht, was so ein Koteck überhaupt sein soll. Will ich eigentlich auch gar nicht, klingt schließlich nicht besonders appetitlich. Der hat dann jedenfalls recht viel von Paragraphen und so geredet, wie die Rohregger das auch immer bei Gericht macht, bevor sie einen in den Schuldturm sperrt, und da dachte ich, dass das schon so seine Richtigkeit haben muss.“

„Das stimmt“, pflichtete Weibelin Kalkbier bei. „Der Geweihte berief sich auch in der Wache auf den Codex Raulis und noch … ein paar andere Gesetze. Und da es sich bei dem Opfer ja um einen Diener am gräflichen Hof handelte …“

Draans Blick wechselte nun ein paar Mal zwischen den beiden hin und her um dann an Rossendöpfels argloser Miene haften zu bleiben. „Und da hast du ihm und seinen hochgeborenen Begleitern dann also Zugang zur Leiche gewährt?“

„Jawohl!“

„Aber du hast sie währenddessen nicht alleine gelassen und sie die ganze Zeit unter Beobachtung gehabt, richtig?“

„Jawohl!“

„Gut.“

„Nur als …“

Draans Augenbrauen zuckten alarmiert in die Höhe. „Nur als was?“

„Nur als ich mich um Alrike kümmern musste, hab ich ganz kurz nicht aufgepasst.“

„Alrike?“, fragte der Hauptmann verwirrt.

 „Ein Pferd“, kam ihm Weibelin Kalkbier zu Hilfe. Die Leiche war ja wie üblich im Stall bei der Wachstube am Schwarzen Tor in Verwahrung.“

„Genau“, fuhr Rossendöpfel fort. „Der Baron mit der Glatze hat mich drauf aufmerksam gemacht, dass mit Alrike etwas nicht stimmte. War aber dann doch alles in Ordnung.“

Abermals nahm Draan seine Nasenwurzel in Bearbeitung, etwas kräftiger diesmal so schien es.

Nach einer Weile sah er wieder auf. „Also gut. Kein Wort über die ganze Sache! Zu niemanden! Habt Ihr das verstanden?“

„Jawohl!“

„Wir schließen den Fall als das unglückliche Ergebnis eines Händels zwischen einem Dienstboten vom Aarkopf und ein paar auswärtigen Besuchern des Zunftmarktes ab, die die Stadt schon längst wieder verlassen haben. Weibelin, verstärkt in den nächsten Tagen die Streifen östlich der Grifiossstraße. Die feinen Herren Barone haben mir die Witwe von Zunftmeister Pagol ganz kirre gemacht, als sie am Tatort rumgeschnüffelt haben. Die liegt mir jetzt in den Ohren und verlangt mehr Präsenz der Wache.“

„Jawohl!“

„Dann weggetreten. Ich muss mich noch um die Angelegenheit mit der al’anfanischen Diebesbande kümmern. Was für ein Theater.“


Nachbetrachtung 2

Von Weicheiern und Attentätern
Villa Gringelbaum, Grafencapitale Salthel, 16. Peraine 1046 BF

„Was war das denn nun mit dem Schreiben, das heute Morgen hier abgegeben wurde?“

Die Frage kam von Wiberath, er sprach damit aber offensichtlich etwas an, das auch Schwanhildt und Aarulan brennend interessierte, denn die beiden sahen Widderich genauso neugierig an wie der Herr des Hauses. Also erbarmte er sich.

„Das war die Antwort auf einen Brief des Ingerimms Steger Barons an den Baronet von Uhdenwald. Er hat ihn dazu aufgefordert, hierher zu uns zu kommen, wenn er Schutz suchen und nicht wissen sollte, wo er den finden kann.“

„Und wie hat der Uhdenwalder diesen Brief erhalten? Ihr wusstet doch gar nicht, wo der Knirps steckt, oder habe ich da irgendetwas falsch verstanden?“, hakte Schwanhildt nach.

„Wir haben ihn bei der Hangefru deponiert, für den Fall, dass er dort noch mal vorbeikommt.“

„Ich kann nach wie vor nicht glauben, dass die beiden ausgerechnet diesen verfluchten Ort für ihre ... /Kostümwechsel/ gewählt haben“, Aarulan schüttelte den Kopf.

Derweil zischte Schwanhildt leise und machte ein sehr unzufriedenes Gesicht: „Ihr habt das Ding da einfach so hingelegt? Für jedermann offen zugänglich? Was, wenn die Leute des Grafen es stattdessen gefunden hätten und hierhergekommen wären? Was dann, eh? Ist ja nicht gerade so, als würden wir zu seinen Lieblingsgefolgsleuten gehören!“

„Erstens“, hob Widderich an, „geht aus der Stadt doch kaum jemand freiwillig dorthin. Zweites hat der Geweihte, dieser ... Uhdenberger irgendwas mit dem Schreiben gemacht, sodass niemand außer Meinhardt die Schrift entziffern kann. Und drittens glaube ich ... glauben wir alle  nicht, dass der Mordanschlag von Bunsenhold beauftragt wurde. Wir haben den Binsböckler in Verdacht, den Vogt von Uhdenwald, der gern Baron an Stelle des Baronets wäre.“

Nach diesen Worten entspannten sich Schwanhildt und Wiberath sichtlich. Offenbar waren sie wirklich in Sorge gewesen, dass der Graf seine Finger im Spiel haben könnte – schließlich lebte ihre Tochter Falkmara ebenfalls als Knappin am Hof des Alten und wenn der eine seiner Friedgeiseln beseitigen ließ ... warum dann nicht gleich bei der anderen weitermachen?

„Können wir nochmal von vorne anfangen?“, meldete sich Aarulan da wieder zu Wort. „Habe ich das richtig verstanden, dass Meinhardt von Binsböckel einen Diener vom Aarkopf dazu angestiftet hat, sich in regelmäßigen Abständen als er auszugeben, damit er sich selbst als Gemeiner verkleiden und an den Proben im Theater teilnehmen kann?“

„Ja“, Widderich seufzte leise und hob die ergeben Schultern. „Der Knirps ist den schönen Künsten offenbar sehr zugetan und konnte sich natürlich denken, dass so was auf dem Aarkopf nicht auf große Gegenliebe stoßen würde.“

„Wie lange ging das denn schon so?“

„Keine Ahnung, ein paar Monde?“

„Offenbar lange genug, dass der Binsböckler Wind davon bekommen konnte“, meinte Satijana. Sie saß mit am Tisch, hatte sich aber bislang vornehm zurückgehalten, weil sie eh schon alles wusste. „Jemand muss es ihm zugetragen haben und er sah eine Chance, sich des letzten Uhdenwalders zu entledigen, der einen direkten Anspruch auf den Thron hat.“

„Und dann haben die einfach den Falschen erwischt?“, Wiberath hob fragend die Brauen. „Das ist tragisch, der arme Junge ...“

„Wär’s dir etwa lieber, sie hätten den Baronet abgestochen?“, fragte Schwanhildt.

„Natürlich nicht. Aber tragisch darf ich den Verlust eines so jungen Lebens ja wohl hoffentlich trotzdem finden?“

„Geschenkt! Ich würde es gleichwohl eher als glücklichen Zufall bezeichnen!“

„Und sie haben den Jungen nur ein paar Schritt von der Grifiosstraße entfernt angegriffen?“, wollte Aarulan wissen. „Das ist ja an sich schon ziemlich gewagt?“

„Keine Ahnung, warum sie das so gemacht haben“, Widderich hob abermals die Schultern. „Vielleicht dachten sie, dass die Garde wegen des Markts und des Banketts alle Hände voll zu tun hat und das Wagnis deshalb nicht so groß ist? Die Gardisten waren dann wohl unerwartet schnell da, aber die Attentäter trotzdem schon über alle Berge.“

„Und wie habt diese Mordbuben aufstöbern können?“

„Glück?! Uns wurde zugetragen, dass ein Planwagen von verdächtig guter Machart die ganze Nacht lang vor einer dieser Baracken im Armenviertel stand und früh am Morgen zwei Leute eingestiegen sind, die den Beschreibungen diverser Zeugen entsprachen. Sie sind durchs Schweinetor und wollten über den Salzweg entkommen.“

„Stattdessen habt ihr sie tot gefunden ...“, murmelte Satijana.

„Ja, mit durchgeschnittenen Kehlen in besagtem Planwagen, drüben in Östlingen.“

„Den hat der Fahrer da einfach so stehen lassen?“, fragte Schwanhildt.

„Den Spuren nach zu urteilen, war das nicht so geplant“, brummte Widderich. „Der Menzheimer hat sich umgeguckt und gesagt, dass alles für einen Überfall spricht. Anscheinend waren die beiden Bornischen gerade erst getötet worden, als der Wagen von dem Gelumpe hier aus der Gegend angegriffen wurde, weil es auf fette Beute hoffte.“

„Und warum glaubt ihr, dass es ein Handlanger des Vogts von Uhdenwald war, der die Attentäter beauftragt und dann aus dem Weg hat räumen lassen?“, wollte Schwanhildt wissen.

„Wir haben in der Nähe des Wagens eine Handarmbrust gefunden und Meinhardt sagte, dass Kirians Frau fürs Grobe ständig mit so etwas herumhantiert. Ist leichenblass geworden, als er das Ding gesehen hat“, Widderich schüttelte sacht den Kopf. „Und dann ist Kirian ja auch noch im Hotel Bürgerstolz aufgetaucht, um Geron auf den Zahn zu fühlen. Wollte vermutlich herausfinden, wir unser Wissensstand nach ein paar Stunden Herumfragen in der Stadt ist.“

Nachdem das gesagt war, herrschte für einen Moment Schweigen im Raum. Alle hingen sie ihren Gedanken nach, bis sich Wiberath leise zu Wort meldete:

„Und wie geht es jetzt weiter? Ich meine ... der Junge hat Glück gehabt, aber glaubt ihr denn, dass er wirklich außer Gefahr ist? Wer sagt, dass dieser Binsböckel es nicht noch einmal versucht?“

„Bestimmt nicht, ehe sich die Wogen ein bisschen geglättet haben“, meinte Widderich. „Er ist jetzt ... halbwegs ungeschoren davongekommen, aber offenbar wirkte er ziemlich besorgt, als er mit dem Ingerimms Steger geredet hat – und das sicher nicht wegen Meinhardt, sondern weil er gefürchtet hat, dass wir ihm auf den Fersen sind.“

„Was ihr ja auch wart, aber letztlich halt keine konkreten Beweise habt“, murmelte Satijana.

„Wir haben Gringolf trotzdem von der Geschichte erzählt. Schließlich ist er der Schwertvater des Jungen. Er wird ihn künftig sicher besser im Auge behalten, schließlich ist ihm an seinem Wohlergehen gelegen.“

„Ich will nicht respektlos klingen ...“, warf Schwanhildt ein, „... aber nach allem, was Mara so erzählt, ist der Erste Ritter nicht unbedingt der Hellste. Seid Ihr sicher, dass das reicht?“

Das war die erste Frage, auf die Widderich nicht sofort antwortete. Stattdessen überlegte er kurz, biss die Zähne zusammen, schnaubte schließlich geringschätzig und knurrte leise:

„Nein, sind wir nicht. Deshalb haben wir dem Jungen gesagt, dass er sich mit dem Grafen gut stellen soll. Wenn der zu dem Eindruck gelangt, ihn umgedreht und zu einem treuen Gefolgsmann gemacht zu haben, wird er dafür sorgen, dass ihm kein Haar gekrümmt wird. Davon war Geron überzeugt und er muss wissen, hat den Alptraum da am Hof ja schließlich
selbst durchlebt und ist ihm vor Kurzem erst entkommen.“

„Er soll dem Grafen was vorspielen?“, fragt Aarulan ungläubig.

„Offenbar sieht er sich selbst als Schauspieler“, Wiberaths Stimme klang ruhig, obwohl aus seiner Miene deutliche Sorge sprach. „Wahrscheinlich stehen seine Chancen, mit so etwas durchzukommen, weitaus besser, als es bei irgendjemandem sonst der Fall wäre.“

„Das ... und er ist selbst der Meinung, nirgends so sicher zu sein wie auf dem Aarkopf, im nahen Umfeld des Grafen. Schließlich hat der Vogt es diesmal ja auch nicht dort versucht, sondern eine Gelegenheit genutzt, die sich überhaupt erst durch Meinhardts Alleingänge in der Stadt bot. Der Junge mag 17 Winter zählen, aber er ist ... nicht ... besonders wehrhaft. Er sollte sich da nicht allein rumtreiben.“

„Vielleicht kann Mara ja auch auf ihn aufpassen?“, schlug Aarulan vor. „Ich meine ... sie sind beide Knappen des Herrn Gringolf, sie hängen doch eh ständig gemeinsam rum, oder nicht?“

„Und sich so selbst in Gefahr bringen?“, fuhr Schwanhildt auf. „Wohl kaum! Wenn noch mal jemand versuchen sollten, den Uhdenwalder zu ermorden, wäre es mit ganz lieb, meine Tochter stünde nicht direkt daneben und müsste es mitansehen ... oder gerät am Ende noch ins Visier. Sie ist 15, Aarulan, hat gerade erst mit der Knappenschaft angefangen!“

„Ich habe ja nicht gesagt, dass sie sich in den Weg werfen soll, wenn wieder was ist. Aber wenn sie ein waches Auge auf ihn hat, fallen ihr ja vielleicht mehr Dinge auf als Herrn Gringolf. Du hast doch gerade selbst gesagt, dass er ... nun ja ... in seiner Wahrnehmung etwas beschr... vielleicht einfach zu sehr auf andere Dinge konzentriert ist?“

„Es klingt so, als ob der Junge dort am Hof ziemlich einsam und unglücklich wäre und am liebsten in die Wälder seiner Heimat
zurückkehren würde“, meinte Satijana. „Seine ganze Familie ist tot, die Leute zerreißen sich aber trotzdem noch das Maul über sie und lachen ihn aus, weil er eben ... ein sensibler und schüchterner Kerl ist. Es kann nicht schaden, wenn er eine Freundin hat.“

„Dann soll er sich ein Paar Eier wachsen lassen, statt mein Mädchen mit sich in den Abgrund zu reißen, Tijana“, motzte Schwanhildt.

„Es ist der künftige Baron von Uhdenwald, Hilde“, gab die gelassen zurück. „Gleich ob dir seine Art gefällt oder nicht: Wenn er überlebt, wird er in ... drei bis vier Jahren den Thron einer Baronie ganz in der Nähe von Rotenforst besteigen. Glaubst du, es wäre dann auch noch von Nachteil, wenn er sich Mara freundschaftlich verbunden fühlt? Wir haben kaum Verbündete, sollten wir nicht nehmen, was wir kriegen können? Und wenn es überdies dazu beiträgt, dass er nicht mehr ganz so traurig ist
... was kostet es Mara denn?“

„Mir kommen gleich die Tränen“, fauchte Schwanhildt.

Ihre Stimme klang dabei allerdings lange nicht mehr so scharf und ablehnend, wie sie es Augenblicke zuvor noch getan hatte. Schwer zu sagen, ob Mitgefühl oder das Wittern einer Chance den Anlass dafür bot. Das Ergebnis blieb ja ohnehin das Gleiche.

„Er ist offenbar ein anständiger Kerl“, fiel Widderich wieder in den Reigen ein. „Weich, ohne Frage, aber das kann sich ja noch auswachsen. Unabhängig davon: Mara mag ihn, sonst hätte sie uns nicht gebeten, nach ihm zu suchen, eh? Also kannst du wettern wie du willst: Es ist ohnehin zu spät! Wenn du dich nicht in einem Machtkampf mit ihr verausgaben willst, vertrau auf ihre Instinkte und lass sie machen, was sie für richtig hält!“