Stimmungstexte im Vorfeld & im Nachgang des Kaminstübchens 2026

Nachfolgende Texte wurden zur Einstimmung und thematischen Einordnung vor Beginn des jährlichen Treffens Weidener Briefspieler (aka Kaminstübchen) von Orga-Seite und unserer Kanzlerin an die Teilnehmenden versandt. Fortgeführt wurden diese 5 Texte durch Beiträge von Spielern, in denen ihre Erlebnisse während der ausgespielten Szenarien nachgezeichnet oder kommentiert werden.


Stimmungstext 1, Autorin: Katja

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen!
Burg Aarkopf bei Salthel, Grafschaft Sichelwacht, Ende 1045 BF

Bunsenhold zur Sichel blickte ein letztes Mal auf das Schreiben in seinen Händen, dann ließ er es achtlos fahren. Ein günstiger Lufthauch erfasste es und trug es in eleganten, kleinen Kreisen hin zum Tisch, wo es sanft landete.

Die meisten Anwesenden waren dem unerwarteten Schauspiel fasziniert mit den Augen gefolgt. Nicht so der Graf. Der räusperte sich nun, auf dass auch jedem ins Gedächtnis gerufen wurde, wo die Musik spielte.

„Eine Einladung“, konstatierte er, „aus Bärwalde. Von der alten Schabr… der Altgräfin. Zu ihrem 90. Tsatag.“ Unter halb gesenkten Lidern blickte er sich um. Doch keiner der im Rittersaal des Aarkopfs Versammelten schien auf den naheliegenden Gedanken zu kommen, den er ihnen zugedacht hatte. Unzufrieden schniefte er.

„Wie auch immer, sie ist mir zuvorgekommen, die gute Walderia. Das soll aber nichts daran ändern, dass mein 90. Ehrentag natürlich ebenfalls gebührend gefeiert wird. Und damit das auch gelingt, müsst ihr frühzeitig mit den Vorbereitungen anfangen. Allzumal mein Geburtstag im kommenden Jahr günstigerweise ja mit dem Zunftmarkt zusammenfällt.“

Rheja von der Klamm, Hochgeweihte des Saltheler Ingerimmtempels, die sich schon die ganze Zeit gefragt hatte, warum sie und die anderen Tempelvorsteher auf den Aarkopf befohlen worden waren, warf auf. Das entging dem Grafen nicht und ebenso wenig, dass sie es sich verkniff, ihn zu unterbrechen. Es entlockte ihm die Andeutung eines selbstzufriedenen Lächelns.

„Stadt und Burg sollen sich bereits machen für all die Adelsleute, Bürger und was auch immer, die selbstredend kommen werden, um mir die Ehre zu erweisen. Nehmt das in die Hände, Odilbert und Gernlind.“ Die genannten wirkten wenig begeistert und warfen einander Blicke zu, die kaum einen Skrupel Zuneigung erkennen ließen. Ungerührt fuhr der Wolkensteiner fort. „Meinethalben“, er nickte in Richtung des Ersten Ritters der Sichelwacht, „veranstaltet auch ein Ritterturnier, daran haben ja offenbar einige große Freude.“ Wie zur Bestätigung nickte der Högelsteiner voller Begeisterung.

„Es ist natürlich einiges zu bedenken und noch viel mehr zu planen. Also schlage ich vor, ihr findet euch zu einem Festkomitee zusammen. Klawitter, stelle eines zusammen, das der Aufgabe gewachsen ist, und sorg dafür, dass die Einladungen alsbald auf ihre Wege gehen. Rheja“, wandte er sich nun an die inzwischen sichtbar angespannte Ingerimmgeweihte, „Ihr wollt etwas sagen?“

„Und ob ich das will“, brach es aus der untersetzten, muskelbepackten Frau mit dem dicken, kupferblonden Zopf heraus. „Mir scheint, Euch …“, sie presste die Zähne aufeinander, atmete tief durch, „… es“, korrigierte sie sich minimal, „hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen.“

„Ach“, erhob der Sichelgraf gelangweilt die Stimme, „ist dem so. Ein Fehler? Wie das?“

„Nun, der Saltheler Zunftmarkt findet ja anlässlich des Tages der Waffenschmiede statt, der bekanntlich ein hoher Feiertag meines Herrn ist und auf dem 21. Ingerimm liegt“, erläuterte die Geweihte. „Ein heiliger Tag und gute Tradition. Wenn ich richtig erinnere, ist Euer Tsatag, Hochwohlgeboren, aber im Peraine?“

Bunsenhold nickte gönnerhaft. „Dem ist so, am 17. Peraine, gut aufgemerkt.“ Dann veränderte sich seine Kopfhaltung, senkten sich die Lider einmal mehr halb über die Augen und verliehen dem leicht schrägen Haupt nun etwas Abwartendes, Lauerndes. „Seht Ihr da etwa ein Problem.“

Es war offensichtlich, dass sie das tat, denn sie atmete tief ein und warf sich in die Brust. Doch ehe sie antwortet konnte spürte sie zwei Berührungen. Von links war die Hohe Mutter an sie herangetreten, von rechts der Schwertbruder. Beide berührten sie kaum und doch fühlte sie ihre Nähe einer unausgesprochenen Warnung gleich. Verwundert entließ Rheja zischend ihren Atem und blickte von rechts nach links in Augenpaare, deren bittender Ausdruck sich erstaunlich glich.

„Keines, das sich nicht lösen lässt“, sprang Sarnah Rohregger, Vorsteherin des Phextempels, lächelnd in die Bresche. „Letztlich“, damit wandte nun auch sie ihre Augen der Amtsschwester in Ingerimm zu, „bietet dies die einmalige Möglichkeit, den Tag der Waffenschmiede anno 46 mal für sich stehen zu lassen, eh? Befreit vom Markt und sonstigem Treiben. Das schafft Platz für einen würdigen Rahmen“, ihr Blick glitt wieder hinüber zum Sichelgrafen, „meint Ihr nicht auch, Hochwohlgeboren? Ein feierlicher Götterdienst im Dom des Flammenden Erzes ist doch der richtige Anlass für den einen oder anderen Gedanken des Dankes.“ Die Mondschattin lächelte noch breiter. „Gerade Eingedenk einer, nun sagen wir, kreativen Beugung guter alter Traditionen.“

Die Meisterin der Esse schnaubte im selben Augenblick, da der Graf brummte. Beide maßen einander mit Blicken. Throndmai Birseninger, die Traviahochgeweihte, trat einen halben Schritt vor und so auf eine Höhe mit Rheja. „Es ist ein Geben und ein Nehmen“, sagte sie breit lächelnd und eine Spur zu gut gelaunt. „Jeder gibt ein bisschen und jeder nimmt ein bisschen, dann sind am Ende alle zufrieden. Das sage ich auch immer den Kin …“

Nun ergriff Mamertus Droangrasch von Ferdok ein wenig eilig das Wort. „Nun, 90 Götterläufe ist fürwahr ein bedeutsames Alter. Dessen eingedenk mag es angemessen sein, den Zunftmarkt einmal vor dem Tag der Waffenschmiede anzuberaumen. Der Heiligkeit des Feiertages wird das keinen Abbruch tun, denn dafür werden wir sorgen, nicht wahr, Brüder und Schwestern?“ Die Hochgeweihten nickten, die einen mit mehr, die anderen mit weniger Elan.

„Solange die göttergefällige Ordnung gewahrt bleibt“, steuerte Heliodorus Rapax von Greifenfurt Lichthüter des Praiostempels, etwas schmallippig bei, „mag eine einmalige Ausnahme vertretbar sein.“

„Meinst du?“, schnarrte Rheja und warf dem Amtsbruder einen zornlodernden Blick zu.

„Nun, ich jedenfalls meine das“, antwortete an seiner Statt der Graf, „allzumal es bereits entschieden ist. Nun gilt es, alles ins Werk zu setzen.“ Er maß die Anwesenden mit eiskaltem Blick und erhob sich. „In diesem Sinne: Gutes Gelingen, allerseits.“

Die Audienz war beendet.