Nachbetrachtung 2
Von Weicheiern und Attentätern
Villa Gringelbaum, Grafencapitale Salthel, 16. Peraine 1046 BF
„Was war das denn nun mit dem Schreiben, das heute Morgen hier abgegeben wurde?“
Die Frage kam von Wiberath, er sprach damit aber offensichtlich etwas an, das auch Schwanhildt und Aarulan brennend interessierte, denn die beiden sahen Widderich genauso neugierig an wie der Herr des Hauses. Also erbarmte er sich.
„Das war die Antwort auf einen Brief des Ingerimms Steger Barons an den Baronet von Uhdenwald. Er hat ihn dazu aufgefordert, hierher zu uns zu kommen, wenn er Schutz suchen und nicht wissen sollte, wo er den finden kann.“
„Und wie hat der Uhdenwalder diesen Brief erhalten? Ihr wusstet doch gar nicht, wo der Knirps steckt, oder habe ich da irgendetwas falsch verstanden?“, hakte Schwanhildt nach.
„Wir haben ihn bei der Hangefru deponiert, für den Fall, dass er dort noch mal vorbeikommt.“
„Ich kann nach wie vor nicht glauben, dass die beiden ausgerechnet diesen verfluchten Ort für ihre ... /Kostümwechsel/ gewählt haben“, Aarulan schüttelte den Kopf.
Derweil zischte Schwanhildt leise und machte ein sehr unzufriedenes Gesicht: „Ihr habt das Ding da einfach so hingelegt? Für jedermann offen zugänglich? Was, wenn die Leute des Grafen es stattdessen gefunden hätten und hierhergekommen wären? Was dann, eh? Ist ja nicht gerade so, als würden wir zu seinen Lieblingsgefolgsleuten gehören!“
„Erstens“, hob Widderich an, „geht aus der Stadt doch kaum jemand freiwillig dorthin. Zweites hat der Geweihte, dieser ... Uhdenberger irgendwas mit dem Schreiben gemacht, sodass niemand außer Meinhardt die Schrift entziffern kann. Und drittens glaube ich ... glauben wir alle nicht, dass der Mordanschlag von Bunsenhold beauftragt wurde. Wir haben den Binsböckler in Verdacht, den Vogt von Uhdenwald, der gern Baron an Stelle des Baronets wäre.“
Nach diesen Worten entspannten sich Schwanhildt und Wiberath sichtlich. Offenbar waren sie wirklich in Sorge gewesen, dass der Graf seine Finger im Spiel haben könnte – schließlich lebte ihre Tochter Falkmara ebenfalls als Knappin am Hof des Alten und wenn der eine seiner Friedgeiseln beseitigen ließ ... warum dann nicht gleich bei der anderen weitermachen?
„Können wir nochmal von vorne anfangen?“, meldete sich Aarulan da wieder zu Wort. „Habe ich das richtig verstanden, dass Meinhardt von Binsböckel einen Diener vom Aarkopf dazu angestiftet hat, sich in regelmäßigen Abständen als er auszugeben, damit er sich selbst als Gemeiner verkleiden und an den Proben im Theater teilnehmen kann?“
„Ja“, Widderich seufzte leise und hob die ergeben Schultern. „Der Knirps ist den schönen Künsten offenbar sehr zugetan und konnte sich natürlich denken, dass so was auf dem Aarkopf nicht auf große Gegenliebe stoßen würde.“
„Wie lange ging das denn schon so?“
„Keine Ahnung, ein paar Monde?“
„Offenbar lange genug, dass der Binsböckler Wind davon bekommen konnte“, meinte Satijana. Sie saß mit am Tisch, hatte sich aber bislang vornehm zurückgehalten, weil sie eh schon alles wusste. „Jemand muss es ihm zugetragen haben und er sah eine Chance, sich des letzten Uhdenwalders zu entledigen, der einen direkten Anspruch auf den Thron hat.“
„Und dann haben die einfach den Falschen erwischt?“, Wiberath hob fragend die Brauen. „Das ist tragisch, der arme Junge ...“
„Wär’s dir etwa lieber, sie hätten den Baronet abgestochen?“, fragte Schwanhildt.
„Natürlich nicht. Aber tragisch darf ich den Verlust eines so jungen Lebens ja wohl hoffentlich trotzdem finden?“
„Geschenkt! Ich würde es gleichwohl eher als glücklichen Zufall bezeichnen!“
„Und sie haben den Jungen nur ein paar Schritt von der Grifiosstraße entfernt angegriffen?“, wollte Aarulan wissen. „Das ist ja an sich schon ziemlich gewagt?“
„Keine Ahnung, warum sie das so gemacht haben“, Widderich hob abermals die Schultern. „Vielleicht dachten sie, dass die Garde wegen des Markts und des Banketts alle Hände voll zu tun hat und das Wagnis deshalb nicht so groß ist? Die Gardisten waren dann wohl unerwartet schnell da, aber die Attentäter trotzdem schon über alle Berge.“
„Und wie habt diese Mordbuben aufstöbern können?“
„Glück?! Uns wurde zugetragen, dass ein Planwagen von verdächtig guter Machart die ganze Nacht lang vor einer dieser Baracken im Armenviertel stand und früh am Morgen zwei Leute eingestiegen sind, die den Beschreibungen diverser Zeugen entsprachen. Sie sind durchs Schweinetor und wollten über den Salzweg entkommen.“
„Stattdessen habt ihr sie tot gefunden ...“, murmelte Satijana.
„Ja, mit durchgeschnittenen Kehlen in besagtem Planwagen, drüben in Östlingen.“
„Den hat der Fahrer da einfach so stehen lassen?“, fragte Schwanhildt.
„Den Spuren nach zu urteilen, war das nicht so geplant“, brummte Widderich. „Der Menzheimer hat sich umgeguckt und gesagt, dass alles für einen Überfall spricht. Anscheinend waren die beiden Bornischen gerade erst getötet worden, als der Wagen von dem Gelumpe hier aus der Gegend angegriffen wurde, weil es auf fette Beute hoffte.“
„Und warum glaubt ihr, dass es ein Handlanger des Vogts von Uhdenwald war, der die Attentäter beauftragt und dann aus dem Weg hat räumen lassen?“, wollte Schwanhildt wissen.
„Wir haben in der Nähe des Wagens eine Handarmbrust gefunden und Meinhardt sagte, dass Kirians Frau fürs Grobe ständig mit so etwas herumhantiert. Ist leichenblass geworden, als er das Ding gesehen hat“, Widderich schüttelte sacht den Kopf. „Und dann ist Kirian ja auch noch im Hotel Bürgerstolz aufgetaucht, um Geron auf den Zahn zu fühlen. Wollte vermutlich herausfinden, wir unser Wissensstand nach ein paar Stunden Herumfragen in der Stadt ist.“
Nachdem das gesagt war, herrschte für einen Moment Schweigen im Raum. Alle hingen sie ihren Gedanken nach, bis sich Wiberath leise zu Wort meldete:
„Und wie geht es jetzt weiter? Ich meine ... der Junge hat Glück gehabt, aber glaubt ihr denn, dass er wirklich außer Gefahr ist? Wer sagt, dass dieser Binsböckel es nicht noch einmal versucht?“
„Bestimmt nicht, ehe sich die Wogen ein bisschen geglättet haben“, meinte Widderich. „Er ist jetzt ... halbwegs ungeschoren davongekommen, aber offenbar wirkte er ziemlich besorgt, als er mit dem Ingerimms Steger geredet hat – und das sicher nicht wegen Meinhardt, sondern weil er gefürchtet hat, dass wir ihm auf den Fersen sind.“
„Was ihr ja auch wart, aber letztlich halt keine konkreten Beweise habt“, murmelte Satijana.
„Wir haben Gringolf trotzdem von der Geschichte erzählt. Schließlich ist er der Schwertvater des Jungen. Er wird ihn künftig sicher besser im Auge behalten, schließlich ist ihm an seinem Wohlergehen gelegen.“
„Ich will nicht respektlos klingen ...“, warf Schwanhildt ein, „... aber nach allem, was Mara so erzählt, ist der Erste Ritter nicht unbedingt der Hellste. Seid Ihr sicher, dass das reicht?“
Das war die erste Frage, auf die Widderich nicht sofort antwortete. Stattdessen überlegte er kurz, biss die Zähne zusammen, schnaubte schließlich geringschätzig und knurrte leise:
„Nein, sind wir nicht. Deshalb haben wir dem Jungen gesagt, dass er sich mit dem Grafen gut stellen soll. Wenn der zu dem Eindruck gelangt, ihn umgedreht und zu einem treuen Gefolgsmann gemacht zu haben, wird er dafür sorgen, dass ihm kein Haar gekrümmt wird. Davon war Geron überzeugt und er muss wissen, hat den Alptraum da am Hof ja schließlich
selbst durchlebt und ist ihm vor Kurzem erst entkommen.“
„Er soll dem Grafen was vorspielen?“, fragt Aarulan ungläubig.
„Offenbar sieht er sich selbst als Schauspieler“, Wiberaths Stimme klang ruhig, obwohl aus seiner Miene deutliche Sorge sprach. „Wahrscheinlich stehen seine Chancen, mit so etwas durchzukommen, weitaus besser, als es bei irgendjemandem sonst der Fall wäre.“
„Das ... und er ist selbst der Meinung, nirgends so sicher zu sein wie auf dem Aarkopf, im nahen Umfeld des Grafen. Schließlich hat der Vogt es diesmal ja auch nicht dort versucht, sondern eine Gelegenheit genutzt, die sich überhaupt erst durch Meinhardts Alleingänge in der Stadt bot. Der Junge mag 17 Winter zählen, aber er ist ... nicht ... besonders wehrhaft. Er sollte sich da nicht allein rumtreiben.“
„Vielleicht kann Mara ja auch auf ihn aufpassen?“, schlug Aarulan vor. „Ich meine ... sie sind beide Knappen des Herrn Gringolf, sie hängen doch eh ständig gemeinsam rum, oder nicht?“
„Und sich so selbst in Gefahr bringen?“, fuhr Schwanhildt auf. „Wohl kaum! Wenn noch mal jemand versuchen sollten, den Uhdenwalder zu ermorden, wäre es mit ganz lieb, meine Tochter stünde nicht direkt daneben und müsste es mitansehen ... oder gerät am Ende noch ins Visier. Sie ist 15, Aarulan, hat gerade erst mit der Knappenschaft angefangen!“
„Ich habe ja nicht gesagt, dass sie sich in den Weg werfen soll, wenn wieder was ist. Aber wenn sie ein waches Auge auf ihn hat, fallen ihr ja vielleicht mehr Dinge auf als Herrn Gringolf. Du hast doch gerade selbst gesagt, dass er ... nun ja ... in seiner Wahrnehmung etwas beschr... vielleicht einfach zu sehr auf andere Dinge konzentriert ist?“
„Es klingt so, als ob der Junge dort am Hof ziemlich einsam und unglücklich wäre und am liebsten in die Wälder seiner Heimat
zurückkehren würde“, meinte Satijana. „Seine ganze Familie ist tot, die Leute zerreißen sich aber trotzdem noch das Maul über sie und lachen ihn aus, weil er eben ... ein sensibler und schüchterner Kerl ist. Es kann nicht schaden, wenn er eine Freundin hat.“
„Dann soll er sich ein Paar Eier wachsen lassen, statt mein Mädchen mit sich in den Abgrund zu reißen, Tijana“, motzte Schwanhildt.
„Es ist der künftige Baron von Uhdenwald, Hilde“, gab die gelassen zurück. „Gleich ob dir seine Art gefällt oder nicht: Wenn er überlebt, wird er in ... drei bis vier Jahren den Thron einer Baronie ganz in der Nähe von Rotenforst besteigen. Glaubst du, es wäre dann auch noch von Nachteil, wenn er sich Mara freundschaftlich verbunden fühlt? Wir haben kaum Verbündete, sollten wir nicht nehmen, was wir kriegen können? Und wenn es überdies dazu beiträgt, dass er nicht mehr ganz so traurig ist
... was kostet es Mara denn?“
„Mir kommen gleich die Tränen“, fauchte Schwanhildt.
Ihre Stimme klang dabei allerdings lange nicht mehr so scharf und ablehnend, wie sie es Augenblicke zuvor noch getan hatte. Schwer zu sagen, ob Mitgefühl oder das Wittern einer Chance den Anlass dafür bot. Das Ergebnis blieb ja ohnehin das Gleiche.
„Er ist offenbar ein anständiger Kerl“, fiel Widderich wieder in den Reigen ein. „Weich, ohne Frage, aber das kann sich ja noch auswachsen. Unabhängig davon: Mara mag ihn, sonst hätte sie uns nicht gebeten, nach ihm zu suchen, eh? Also kannst du wettern wie du willst: Es ist ohnehin zu spät! Wenn du dich nicht in einem Machtkampf mit ihr verausgaben willst, vertrau auf ihre Instinkte und lass sie machen, was sie für richtig hält!“