Nachbetrachtung 1
Was für ein Theater
Hauptwache der Grafencapitale Salthel, 16. Peraine 1046 BF
„Der Baron von Menzheim, der Baron von Rotenforst und der Baron von Ingerimms Steg“, antwortete Weibelin Kalkbier. „Oh, und ein Nandusgeweihter aus Uhdenberg namens Savertien“, schob sie einen Herzschlag später hinterher.
Draan Gerys, seines Zeichens Hauptmann der Stadwache von Salthel, saß hinter seinem Schreibtisch und blickte seine Unteroffizierin mit ausdruckslosen Augen an. „So so, ein Nandusgeweihter. Das ist mal was neues“, seufzte er resignierend und wandte seine Aufmerksamkeit dann dem gedrungenen Gardisten zu, der neben Kalkbier stand und scheinbar von irgendwas abgelenkt aus dem Fenster der Amtsstube hinunter auf den Stapelplatz schaute während er sich mit einem Finger im Ohr bohrte.
„Und, Gardist Rossendöpfel“, erhob Draan nun seine Stimme“, seit wann schickt seine Hochgeboren Bunsenholdt wohl ein wild zusammengewürfeltes Ensemble von Baronen aus den hinterletzten Winkeln der Mittnacht, um in einem Fall von Totschlag in den Straßen Salthels Untersuchungen anstellen zu lassen?“
„Und einen Nandusgeweihten“, erinnerte die Weibelin ihren Vorgesetzten pflichtgemäß.
Draans Kopf ruckte zu ihr zurück. „Und einen Nandusgeweihten“, knurrte er gefährlich leise.
„Das weiß ich nicht“, antwortete Gardist Rossendöpfel und hob unbedarft die Schulter. „Bin ja noch nicht so lange dabei.“
Draan holte tief Luft, beugte sich vor und stützte seinen rechten Arm auf die Tischplatte vor sich um mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel zu massieren. Dann atmete er lange und hörbar aus.
Der brave Rossendöpfel ließ sich davon jedoch nicht irritieren. „Dieser klapprige Priester mit dem grünen Stirnband hat immer davon gesprochen, dass das rechtens ist und ich ihnen helfen müsste, weil er und die hohen Herren ja auf irgendeinem Koteck draufstehen würden. Das hab ich aber nicht so ganz verstanden, weil die eigentlich nirgendwo draufgestanden haben. Und ich weiß auch gar nicht, was so ein Koteck überhaupt sein soll. Will ich eigentlich auch gar nicht, klingt schließlich nicht besonders appetitlich. Der hat dann jedenfalls recht viel von Paragraphen und so geredet, wie die Rohregger das auch immer bei Gericht macht, bevor sie einen in den Schuldturm sperrt, und da dachte ich, dass das schon so seine Richtigkeit haben muss.“
„Das stimmt“, pflichtete Weibelin Kalkbier bei. „Der Geweihte berief sich auch in der Wache auf den Codex Raulis und noch … ein paar andere Gesetze. Und da es sich bei dem Opfer ja um einen Diener am gräflichen Hof handelte …“
Draans Blick wechselte nun ein paar Mal zwischen den beiden hin und her um dann an Rossendöpfels argloser Miene haften zu bleiben. „Und da hast du ihm und seinen hochgeborenen Begleitern dann also Zugang zur Leiche gewährt?“
„Jawohl!“
„Aber du hast sie währenddessen nicht alleine gelassen und sie die ganze Zeit unter Beobachtung gehabt, richtig?“
„Jawohl!“
„Gut.“
„Nur als …“
Draans Augenbrauen zuckten alarmiert in die Höhe. „Nur als was?“
„Nur als ich mich um Alrike kümmern musste, hab ich ganz kurz nicht aufgepasst.“
„Alrike?“, fragte der Hauptmann verwirrt.
„Ein Pferd“, kam ihm Weibelin Kalkbier zu Hilfe. Die Leiche war ja wie üblich im Stall bei der Wachstube am Schwarzen Tor in Verwahrung.“
„Genau“, fuhr Rossendöpfel fort. „Der Baron mit der Glatze hat mich drauf aufmerksam gemacht, dass mit Alrike etwas nicht stimmte. War aber dann doch alles in Ordnung.“
Abermals nahm Draan seine Nasenwurzel in Bearbeitung, etwas kräftiger diesmal so schien es.
Nach einer Weile sah er wieder auf. „Also gut. Kein Wort über die ganze Sache! Zu niemanden! Habt Ihr das verstanden?“
„Jawohl!“
„Wir schließen den Fall als das unglückliche Ergebnis eines Händels zwischen einem Dienstboten vom Aarkopf und ein paar auswärtigen Besuchern des Zunftmarktes ab, die die Stadt schon längst wieder verlassen haben. Weibelin, verstärkt in den nächsten Tagen die Streifen östlich der Grifiossstraße. Die feinen Herren Barone haben mir die Witwe von Zunftmeister Pagol ganz kirre gemacht, als sie am Tatort rumgeschnüffelt haben. Die liegt mir jetzt in den Ohren und verlangt mehr Präsenz der Wache.“
„Jawohl!“
„Dann weggetreten. Ich muss mich noch um die Angelegenheit mit der al’anfanischen Diebesbande kümmern. Was für ein Theater.“