Stimmungstext 2, Autorin: Katja
Nur das Beste vom Besten!
Die große Küche von Burg Aarkopf bei Salthel, Grafschaft Sichelwacht, im Phex 1046 BF
„Fragst du die Leute, was sie über die Sichelwacht wissen, kommt als erstes: Goblins und als zweites entweder arme Schlucker oder dicke Kartoffeln. Manchmal sogar beides.“ Farling Heubrenn, oberster Küchenmeister auf Burg Aarkopf, war drauf und dran, sich in Rage zu reden.
„Naja, woran denkt Ihr denn, wenn ich Euch frage, was Ihr über die Heldentrutz wisst, Meister?“, fragte Herdwig Feyenteich kokett. Die junge Küchenmagd war der erklärte Liebling Farlings und konnte sich diese und andere Frechheit erlauben.
„Die Heldentrutz? Orks und Hungerleider, natürlich. Aber das lässt sich doch nicht vergleichen“, begehrte der Heubrenner auf. „Nicht im Geringsten.“
„Najaaa“, grinste Herdwig, „ich schätze, der Koch von Burg Reichsend würde dem widersprechen.“
Sichtlich aus dem Tritt gebracht glotzte Farling sie an. „Die haben da einen Koch? Einen Küchenmeister gar?“ Dann schüttelte er den Kopf und wedelte unwillig mit der Hand. „Wie auch immer. Die Sichelwacht ist die größte Grafschaft Weidens und sie wird seit Jahren … seit JAHREN … völlig unter Wert gehandelt. Dies jetzt ist unsere Gelegenheit. Jetzt können wir endlich mit den Pfunden wuchern, die wir haben.“
Die Magd zog irritiert das Kinn an. „Pfunde? Was meint Ihr denn damit, Meister?“
„Na, Dinge, die es nur hier hat, nur in der Sichelwacht. Die guten Kartoffeln aus der Tiefen Mark, den wohlschmeckenden, großem Rogen von den Neunaugen, gute, heiß brennende Kohle aus Tannenholz und das, was wir, wie keiner sonst, mit ihrem Rauch zu veredeln verstehen!“
„Ah, und natürlich den guten Bergmeskinnes, eh? Damit könnten wir doch vielleicht ein bisschen Fisch beizen, eh?“
„Ganz genau“, nickte der Meister, „gaaanz genau, du gutes Mädchen. Darum hab‘ ich dafür gesorgt, das aus allen Ecken, Kellern, Löchern und Wassern der Sichelwacht nur das Beste hierher geschafft wird. Und die Tage werde ich dem Grafen dann ein Probeessen kredenzen. Es ist schließlich in seinem Sinne, dass seine hochedlen und geehrten Gäste nur das Beste bekommen.“
„Das Beste vom Besten“, setzte Herdwig seiner Begeisterung noch einen drauf und ihr Meister nickte ihr darob zufrieden zu.
***
„Und das da?“
„Was da?“ Meister Heubrenn knurrte mehr, als er sprach. Er warf dem Fragenden einen ungnädigen Blick zu. Sie saßen jetzt schon ein halbes Wassermaß hier und der Küchenmeister war noch immer nicht darüber hinweg, dass an der prächtig gedeckten Tafel nicht Graf Bunsenhold Platz genommen hatte. Nicht einmal sein Speichellecker von einem Kanzler. Nein, da saß ein einfacher Schreiberling aus der Kanzley. Man habe keine Zeit für derlei Nichtigkeiten, hatte der Klawitterer ihn wissen lassen. Damit er sich die ganze Arbeit aber nicht umsonst gemacht hatte, habe man jemanden geschickt, der sich ein Bild machen solle. Jemanden mit reichlich Expertise, hatte der Kanzler süffisant angemerkt.
Meister Farling verdrehte die Augen und schnaubte leise. „Kartoffelplätzchen. Statt der bornischen Blinis. Eine Übersetzung ins Sichelwachtsche, wenn ihr so wollt.“
„Eine … was? Übersetzung?“ der pummelige Schreiberling blickte zweifelnd auf. „Für mich sieht das ja aus, wie ein stinknormaler Kartoffelpuffer, in klein halt. Von wegen Übersetzung, tsk.“ Er hatte sogar die Dreistigkeit leicht den Kopf zu schütteln.
„So nennt man das in der gehobenen Küche, wenn man sich der Rezepte anderer Kulturen bedient und sie an die hiesige anpasst, Mann“, schnarrte Farling.
„Aha“, der Schreiber namens Ardan Vernichel schob die Lippen vor und nickte irgendwie gönnerhaft, „meine gute Mutter, die Götter halten sie selig, nannte das immer: mit dem kochen, was man hat, aber gut, dass ich jetzt weiß, wie es richtig heißt.“
„Das ist etwas gänzlich anderes“, polterte der Küchenchef los, „du wirst ja wohl nicht die hohe Küche des Grafenhauses mit der deiner alten Mutter vergleichen wollen!“
Ardan schüttelte den Kopf, verkniff sicher aber wohlweislich die auf seiner Zunge brennende Replik. Seine liebe Frau Mama hatte nämlich deutlich bessere Kartoffelpuffer gebraten. Stattdessen notierte er mit spitzer Feder ‚Kartoffelplätzchen, klein, mit …‘
„Und was ist das da nun?“ Mit dem Griffel deutete er auf die gelbgrünen Kügelchen, die auf einem Klecks Rahm zuoberst auf den Puffern thronten. Gekrönt von einem kleinen Dillzweig.
„Neunaugenrogen“, warf der Koch sich stolz in die Brust, „auf zart aufgeschlagenem Rahm, an Dill.“
„…an Dill“, murmelte der Vernichel, während er schrieb. Dann starrte er die Kreation, auf die Ferling sehr stolz war, einige Herzschläge an. „Aha.“ Vorsichtig, um nicht zu sagen argwöhnisch, nahm er das kleine Kunstwerk, beäugte es noch einmal aus der Nähe und schob es sich dann mit Todesverachtung in den Mund. Er kaute, hielt inne, zog seine Augenbrauen zusammen und runzelte die Stirn, und kaute dann weiter.
„Hmhm“, brummte er und ignorierte die Anspannung des Gegenübers vollkommen. In aller Ruhe notierte er sich etwas.
„Na“, platze es aus Ferling heraus, „und?“
„Kann man essen“ erwiderte Ardan und bedachte den Koch mit einem nachdenklichen Blick. „Kleiner Rat: habt die Nachweise, wo ihr all diese kostspieligen Leckereien gekauft habt und für wieviel besser griffbereit und in Ordnung. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass unser geschätzter Kanzler volle Rechenschaft von Euch verlangen wird.“
„DAS ist alles, was dir dazu einfällt?“
„Nein, mir fällt noch eine Menge mehr dazu ein, aber ich bin ja nur hier, um mir Euren Menüvorschlag anzusehen, nech?! Beispielsweise hätte ich den Vorschlag, dass Ihr den Rogen besser aus einer offiziellen Quelle beziehen solltet.“ Er nickte bedeutungsschwanger. „Jetzt aber schön weiter im Text. Was gibt’s als nächstes? Ich hoffe, wir sind über die Gaumenschmeichler hinweg und kommen jetzt zu den richtigen Sachen, eh?“ Vorfreudig rieb er sich die Hände.
Ferling Heubrenn grunzte, schnappte sich den kleinen Teller auf dem bis eben seine Lieblingskreation gethront hatte und bedeutete der schweigend an der Seite stehenden Magd, den nächsten Gang aufzutragen. „Drachenspalter Marsch“, erläuterte er unlustig, „ein Eintopf aus geschnetzeltem Lammfleisch, reichlich Kartoffeln, Mehlklößen und Gemüse. Ein einfaches Gericht und damit vermutlich eher deine Kragenweite.“
Dem schien ganz offenbar so, denn Ardan gab einen Laut des Entzückens von sich.