Stimmungstext 5, Autorin: Nina
Lilien und Luchse
Feste Aarkopf, Grafencapitale Salthel, Ende Tsa 1046 BF
„So ein verdammter Scheißdreck!“
Tsarahbella fluchte lauthals los, als ihr der gesamte Inhalt des Schrottfachs – also jenes Fachs in ihrem großen Regal, in dem sie Dinge aufbewahrte, die sie für wertlos hielt oder die sie schlicht nervten – entgegengestürzt kam.
Eigentlich hatte sie einfach nur einen Brief dieses vermaledeiten Rauheneck ... des mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Herrn von Rotenforst aus dem Stapel herausziehen wollen. Dass der Kerl überhaupt schreiben konnte, war eine Überraschung gewesen. Zunächst hatte sie sich noch eingeredet, der Brief könne nur von seiner Frau kommen. Aber die klare, kantige Handschrift ließ diese Überzeugung ins Wanken geraten. Und die Tatsache, dass die Nachricht in ebenso klaren, kantigen Worten abgefasst war, brachte sie wenig später ganz zu Fall.
Der Lehnsherr ihrer Schwiegertochter nervte mit einer leider sehr berechtigten Anfrage zum Wappen seiner Baronie, mit der sie sich aber nicht befassen wollte, weil er nun mal war, wer er war. Deshalb schmorte das vermaledeite Schreiben schon seit Monden im Schrottfach, aber ewig konnte es dort ja auch nicht bleiben. Also hatte sie es sich gerade nochmal genauer ansehen wollen – und beim Hervorkramen übersehen, dass ganz oben auf dem Stapel ein Teller mit einem Rahjensbrüstchen thronte, das sie wohl irgendwann dort vergessen hatte.
Das Gewicht von Geschirr und Gebäck auf dem Gipfel hatte dafür gesorgt, dass der Zug an dem Schreiben aus Rotenforst in der Mitte den ganzen Schrottpost-Berg zum Einsturz brachte. Und jetzt stand sie in einem beängstigend hohen Stoß verschieden großer Pergamentseiten, die vorher schon nicht gut sortiert gewesen, nun aber vollends durcheinandergeraten waren.
Immerhin: Sie hatte es geschafft, das Brüstchen vor dem Absturz zu bewahren. Es war nur leider schon sehr trocken und damit nicht mehr genießbar. Also stellte Tsarahbella es seufzend zurück ins Fach, während sie sich auf die Knie begab, um das Chaos zu beseitigen, das sie gerade gestiftet hatte: Briefe, Skizzen, Notizen und ... ein kleines Büchlein.
Die Heroldin der Grafschaft Sichelwacht starrte einen Moment ratlos auf den schmucklosen, ledernen Einband. Sie hatte keine Ahnung, was sie da in den Händen hielt und woher es kam – bis sie das Ding aufschlug und förmlich vom Schlag getroffen wurde.
Noch mehr Skizzen, hastig hingekritzelt und deshalb teils nur sehr schwer erkennbar. Luchse, Aale, Klingen, zahlreiche Sparren-Varianten. Und Ortbänder. In den verschiedensten Ausführungen. Es handelte sich um Trockenübungen für das Wappen der Familie Högelstein, deren Erbe dieses Werk vor rund zehn Götterläufen in ihre Studierstube geschleppt hatte, weil er nichts damit anzufangen wusste. So wenig wie sie, weshalb es irgendwann im Schrottfach gelandet war.
Aber jetzt ... jetzt ...
Tsarahbellas Herzschlag setzte kurz aus, als ihr Blick auf ein Ortband fiel, in das eine Lilie eingelassen war. Eine Anomalie, die es speziell machte. Unverkennbar! Nur dass es diese Variante letztlich nicht in das Familienwappen geschafft hatte, sondern eine abgeschwächte Form. Eine, die mit dem Original weitaus weniger zu tun hatte. Nicht mehr genug, dass sie die Verbindung hätte ziehen können, die sich ihr angesichts der Skizzen nun förmlich aufdrängte.
Die sich ihr auch jetzt erst aufdrängen konnte, weil sie vor einem Jahrzehnt noch nicht über das Wissen verfügte, das sie heute besaß. Es war schließlich erst zwei Götterläufe her, dass der Erste Ritter der Sichelwacht ein Bildnis des Originals hierher nach Salthel geschafft hatte. Oder vielmehr: Ein Bildnis dessen, was sie mit dem Wissen von heute für das Original ... die Vorlage zu diesem speziellen Ortband hielt.
Die Heroldin ließ ihr Chaos Chaos sein und erhob sich schwankend.
Die Augen nicht für einen Lidschlag von der Skizze nehmend, stolperte sie zum Schreibtisch hinüber. Dort legte sie das Büchlein behutsam ab und begann zu wühlen. In den Dokumenten direkt am Arbeitsplatz, denen sie mehrheitlich eine überragende Bedeutung beimaß. Leider nur war vieles, womit sie sich so herumschlug, ziemlich wichtig. Daher dauerte es einen Moment, bis sie fand, wonach sie suchte.
Mit zitternden Fingern schlug sie das Pergament mit ihrer Kopie der Beonsschneide auf und legte es direkt neben das högelsteinsche Büchlein.
Die Ähnlichkeit war unverkennbar!
Nicht nur die der beiden Ortbänder, sondern ... ja, bei genauerer Betrachtung schien ihr auch der Schwung des Sparrens im Wappen Familie nahe an dem der legendären Klinge dran. Es fiel Tsarahbella wie Schuppen von den Augen. Sie schluckte leise und wusste für einen Moment gar nicht, was sie denken sollte.
Was hatte das zu bedeuten?
Warum gab es im Wappen eines unbedeutenden Schroffenfelser Adelsgeschlechts derart klare Bezüge zur Talismanwaffe der Grafschaft Sichelwacht? Das ergab keinen Sinn! Die Familie Högelstein gab es erst seit rund 300 Jahren, die Waffe der ersten Gräfin der Sichelwacht war jedoch schon in der Zeit der Priesterkaiser verlorengegangen – sprich: etwa 400 Jahre früher.
Die erste Gräfin der Sichelwacht ...
Glafira von Aschengrat. Luchskronerin hatte man sie seinerzeit auch geheißen. Tsarahbellas Blick fiel auf die grauslich verhunzten Luchsköpfe im högelsteinschen Skizzenbuch.
Sie musste sich setzen.
Dann blies sie ihre Backen auf und ließ die Luft langsam entweichen, während sie sich das Wappen der Gräfin in Erinnerung rief. Ein Lindwurm, von einer Klinge durchbohrt – zur Erinnerung an ihren Sieg über den Drachen, dem sie auch ihren Adelsnamen zu verdanken hatte: von Aschengrat, weil es nach ihrem Kampf gegen die Bestie auf den Graten der Roten Sichel im heutigen Beonspfort nur noch Asche gegeben hatte. Keine Sträucher mehr, keine Bäume ...
Tsarahbellas Blick glitt weiter zu dem, was sie bisher für Skizzen von Aalen gehalten hatte. Waren das vielleicht Lindwürmer? Sie wusste nicht, wer diese Bilder seinerzeit angefertigt hatte, aber begabt war der Zeichner auf keinen Fall gewesen. Das hier war ... es war ziemlich armselig, da reichte auch Eile nicht als Entschuldigung.
Der nächste Schritt wäre an sich gewesen, das Wappen der Luchskronerin hervorzukramen und es neben Büchlein um Schemazeichnung zu legen. Um die Waffen zu vergleichen. Zu schauen, ob es auch im Wappen der Gräfin von einst dieses spezielle Ortband gab. Oder ob die Aale vielleicht irgendwie an den Lindwurm erinnerten.
Nur leider konnte sie das nicht.
Am Sichler Grafenhofs existierte kein solches Bildnis, denn die Familie von Salthel hatte in der Zeit ihrer Herrschaft über die Sichelwacht alles daran gesetzt, die Erinnerung an Glafira auszulöschen. Für sie war die Luchskronerin unwürdig gewesen. Ein Emporkömmling. Ein Bauerntrampel, der den Thron in Salthel niemals hätte besteigen dürfen. Deshalb hatte sie auch die Familie der Aschengraterin mit Stumpf und Stiel ausgerottet: Niemals wieder sollte sie die Hand nach der Krone der Sichelwacht ausstrecken können.
Ausgelöscht.
Vermeintlich.
Vermeintlich!
Tsarahbella stützte den Kopf auf ihre Hand, während sie ein tiefes Seufzen ausstieß. Sie verbat es sich, darüber nachzudenken, was es bedeuten könnte, wenn sich herausstellte, dass es vielleicht doch Nachfahren gab.
Noch verbat sie es sich!
Besser, sie begab sich erst einmal nach Trallop und nahm dort Einsicht in die alten Wappenrollen. Sah sich das Wappen der legendären Gräfin an. Den Blason. Wenn möglich auch Notizen, die der Herold seinerzeit gemacht hatte. Zu seinen Überlegungen bezüglich des Wappens.
Erst wenn sie diesbezüglich Klarheit hatte, lohnte es si...
„Was ist denn das?“
Tsarahbella wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen, als eine Männerstimme sie völlig unerwartet aus ihren Gedanken riss.
Sie zuckte zusammen, hob den Kopf, starrte entsetzt ins Gesicht des Kanzlers und fauchte dann:
„Wie könnt Ihr es wagen, einfach so hier reinzuplatzen. Ilmhold? Hat Eure Mutter Euch denn keine Manieren gelehrt.“
„Ich bin nicht einfach so reingeplatzt“, gab er unwillig zurück. „Ich habe erst geklopft und dann auch Euren Namen gerufen, aber es kam keine Antwort. Deshalb wollte ich gucken, ob alles in Ordnung ist. Eine der Mägde draußen hat gesagt, dass es hier vorhin einen riesen Schlag getan hat und Ihr dann geschimpft habt wie ein Rohrspatz. Hätte ja sein können, dass einer der Pergamentstapel über Euch zusammengestürzt ist und Ihr Euch selbst nicht mehr befreien könnt ...“
Er warf einen halb pikierten, halb resignierten Blick auf das Chaos vor ihrem Schrottfach und schüttelte dann bekümmert den Kopf.
Dass er nichts davon hielt, wie sie ihre Amtsstube führte, war von jeher ein offenes Geheimnis gewesen. Aber solange er nicht den Schneid aufbrachte, sie dafür zu tadeln, gedachte die Heroldin, diesen Umstand zu ignorieren. Und jetzt kam ihr das Durcheinander sogar zupass, denn während Ilmhold vorwurfsvoll glotzte, konnte sie ein paar andere Pergamente über das högelsteinsche Büchlein und die Schemazeichnung ziehen.
Sie wusste noch nicht genau, womit sie es zu tun hatte, aber sehr wohl, dass sie zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall mit einem der ergebensten Speichellecker Bunsenholds darüber reden wollte. Es gab womöglich einen ... halbwegs legitimen Anwärter auf den Thron, den der Wolkensteiner vor 20 Jahren nur deshalb hatte kaufen können, weil just davon niemand wusste. So wackelig und wenig belegbar dieser vermeintliche Anspruch gegenwärtig auch sein mochte ... nicht auszudenken, was der Graf anstellen würde, wenn er davon erfuhr.
„War das die Beonsschneide, Meisterin?“
Ilmhold riss sie abermals aus ihren Gedanken. Und sie stierte ihn abermals konsterniert an. Dieser kleine Mistbock war für ihren Geschmack einfach viel zu schnell und viel zu clever.
„Ja, war es.“
„Und das Heft?“, wollte er wissen.
„Rauheneck!“
Tsarahbella sagte einfach das Erste, was ihr in den Sinn kam, und hob dabei demonstrativ den Brief des Rotenforsters, den sie nun eh schon in der Hand hielt. Sie hatte ihn vorhin achtlos auf ihren Schreibtisch geworfen, damit sie sich ungestört um das Schrottberg-Desaster auf dem Boden ihrer Amtsstube kümmern konnte – und ihn nun in blindem Eifer schützend über die eigentlichen Objekte ihres Interesses gezogen.
„Der kann schreiben?“
„Hat mich auch gewundert!“
„Und was will er von Euch?“
„Der Idiot ist der Meinung, das Schwert der Aschengraterin in einer alten Grabstätte auf Rotenforster Gemarkung gefunden zu haben, Meister“, murmelte sie und starb innerlich vor Scham. Sie mochte den Rauheneck zwar nicht, aber das hier war dennoch hart an der Grenze. „Hat auch ein paar grauenhaft schlechte Skizzen mit seinem Brief mitgeschickt. Von der Waffe, Wappen, Gravuren und Ornamenten aus der Gruft ... als hätte ich nichts Besseres zu tun! Hirngespinste eines vernebelten Hinterwäldlers eben ...“
„Hirngespinste?“
„Das ist natürlich alles Unsinn“, brummelte Tsarahbella. „Nicht mal ein Hauch von Ähnlichkeit vorhanden. Er hätte wahrscheinlich gern überall rumerzählt, dass einer seiner Ahnen diese Waffe geführt hat, weil es seine Familie gut dastehen lassen würde. Den Irrtum werde ich jetzt halt mal flugs ausräumen. Und wenn Ihr meint, dass ich die Zeit des Grafen mit derartigem Murks verschwenden soll, setze ich ihn selbstverständlich gern ins Bild.“
„Hum“, der Kanzler warf einen kurzen Blick auf das Schreiben, wohl um sich zu vergewissern, dass sie ihn in puncto Urheber nicht angeflunkert hatte. Dabei hob er erst die Brauen, dann auch die Schultern und schüttelte schließlich den Kopf. „Das wird nicht nötig sein. Herr Bunsenhold hat seinerzeit schon an der Zeichnung vom Rhodenstein kein Interesse gezeigt, da werden ihn Kritzeleien aus Rotenforst erst recht nicht interessieren.“
Tsarahbella kam nicht umhin, zu registrieren, dass Ilmhold nach diesen Worten nervös schluckte. Seit der Hochzeit des Rauheneck vor rund zehn Jahren schien er eine Heidenangst vor dem Mann zu haben. Sie war bislang nicht dahintergekommen, woran es lag, im Moment kam ihr der Umstand aber sehr gelegen, denn er führte dazu, dass ihr Gegenüber das Thema schnell wechseln wollte.
„Lasst uns zu meinem Anliegen kommen, würde ich sagen?!“, schlug der Kanzler vor, hob einen Stapel Pergamente und sah sie fragend an.
„Wie Ihr wünscht!“
Tsarahbella legte den Schrieb des Rauheneck beiseite, nickte beflissen und hoffte inbrünstig, dass Ilmhold ihr nicht anmerkte, wie erleichtert sie war.