Wo ist Traviahilf?
Baronie Urkentrutz, 11. Boron 1043

Nach einer Nacht im väterlichen Junkergut Schwarze Au, machte sich Lyssandra auf in Richtung Herzoglich Dornstein. Sie schlug den Weg entlang des Bingenbachs in Richtung Bingenbrück ein.
Die Nacht war kalt und klar gewesen. Laut klapperten die Hufe Dardanellas auf dem gefrorenen Boden. Raureif überzog die Zweige der Bäume. Die letzten, verbliebenen Blätter an den Sträuchern entlang des Weges bedeckte ein weißer, stacheliger Pelz. Still war es geworden in den Wäldern von Urkentrutz. Außer dem vereinzelten Ruf des Habichts, den sie bereits am Vortag vernommen hatte, und einem Schwarm Krähen, die sich in den hohen Bäumen des Auwaldes sammelten, waren keine tierischen Laute zu vernehmen.

Diese Nacht verbrachte die Ritterin in Bingenbrück. Schon früh am kommenden Morgen machte sie sich auf den Weg nach Dûrensend. Es war eine lange Wegstrecke und Lyssandra gönnte ihrer Stute nur zwei kurze Pausen zum Fressen und trinken. Sie selbst verzehrte die mitgenommene Wegzehrung. Die Burg in Dûrensend diente ihr als Nachtquartier. Die Reichsvögtin bekam sie allerdings nicht zu Gesicht. Die ließ sich entschuldigen wegen Unpässlichkeit.

 

***

 

Herzoglich Dornstein, Dûrensend, 13. Boron 1043

Der kommende Boronmorgen überraschte die Ritterin aus der Schwarzen Au mit einem Schauspiel am Himmel. Der Horizont im Rahja schien in Flammen zu stehen. Die Wolkenberge, die sich über dem hügeligen Land mit seinen Mischwäldern aufgetürmt hatten, wurden von der im Aufgehen befindlichen Praiosscheibe in ein flammendes Rotorange getaucht. Lyssandra betrachtete das Schauspiel, als sie Dardanella auf den Binger Stieg lenkte.

Was so furios begonnen hatte, endete rasch. Das Praiosmal gab sich nur kurz die Ehre eines vielfach bewunderten Tagesbeginns, dann verschwand die Scheibe des Himmelsfürsten hinter den dichten, dunklen Wolken. Sprühregen setzte ein. Lyssandra ließ Kaiserlich Blaubinge hinter sich und erreichte Herzoglich Dornstein. Wiesen und Weiden kündeten von einem gewissen landwirtschaftlichen Reichtum. Der Bingenbach entsprang irgendwo hier in der Baronie.

Mittagsrast legte die Ritterin im Landedlengut Weidenfeld ein, wo sie herzlich aufgenommen wurde. Gernwald Gressen von Weidenfeld, den man gern auch den „Bullen von Weidenfeld“ nannte, seiner körperlichen Erscheinung wegen, ließ sie an der üppigen Brotzeit der Gutsbewohner teilhaben. Der glatzköpfige Rinderzüchter hatte einige Knechte und Mägde, die ordentlich zupacken konnten und entsprechend gut zulangten, wenn es ums Essen ging. Am Nachmittag ließ Lyssandra das Edlengut Eichelhain am Wegrand liegen und beeilte sich, den Wehrtempel Perainetrutz zu erreichen, der ihr in dieser Nacht als Quartier dienen sollte. Der Regen hatte inzwischen zugenommen. Sie war froh als sie das trutzige Heiligtum der Gebenden erreichte.

Das wuchtige Gebäude stand etwas erhöht über dem Ort Perainefelden. Ein steiler Weg führte über eine Zugbrücke in einen Innenhof. Das Pflaster war durch den Regen nass und glitschig. Lyssandra saß ab und überreichte einem der sogleich herbeigeeilten Knechte die Zügel ihrer Stute Dardanella. Sie bat darum, ihre Satteltaschen abzunehmen und ihr später zu bringen. Neugierig sah sie sich um. Sie erinnerte sich, vor langer Zeit einmal mit ihrem Gemahl Wonnebolt hier gewesen zu sein. Damals war das Wetter weitaus besser gewesen. Die Außenmauer des Innenhofes enthielt Lagerräume für die Lebensmittelvorräte der Bauern. Jede der vielen Doppeltüren trug die Stempel der Höfe, deren Vorräte dahinter lagerten. So bot der Wehrtempel nicht nur den Angehörigen des Tempels sondern auch den Bauern Schutz vor Überfällen. Die Gebetshalle befand sich in dem zweiten Hof, der von diesem durch eine Mauer getrennt war.

Eine Akoluthin kam herbeigeeilt. Sie trug eine einfache, langärmlige, grüne Tunika und eine braune Schürze darüber. „Peraine zum Gruße!“ wurde die Ritterin mit einer ungewöhnlich tiefen Stimme begrüßt.

Lyssandra erwiderte den Gruß und fragte, ob sie für die Nacht ein Quartier haben könnte.

Die Akoluthin nickte. „Mein Name ist Senna, ich bin eine Dienerin der Ähre. Wollt ihr mir bitte folgen, Hohe Dame?“

Die Ritterin der Schwarzen Au ließ sich über eine hölzerne Außentreppe in das obere Stockwerk führen. Senna öffnete eine der Türen und bat Lyssandra einzutreten. Die einfache Kammer wurde nur spärlich durch das Licht, das durch die Schießscharten fiel, erhellt. Ein einfaches Bett mit einer Strohmatratze, ein Tischchen mit Waschschüssel und ein simpler Hocker waren das einzige Mobiliar. Hinter der Tür bot ein Haken dem Reisemantel Platz.

Senna erkannte den zweifelnden Blick der Ritterin. „Wenn Ihr möchtet, kann ich die nassen Sachen in den Raum neben dem Badehaus bringen. Der ist immer schön warm. Dort trocknen auch wir die Wäsche.“

Zufrieden nickte die Finsterbornerin. „Das klingt gut. Sobald ich meine Satteltaschen habe und mich umziehen kann, bringe ich dir meine nassen Sachen. Ist das recht so?“

Die tiefe Stimme der Akoluthin bestätigte die Vereinbarung. Senna lud die Ritterin zum gemeinsamen abendlichen Götterdienst in den Tempel ein und danach zum Abendmahl im Speisesaal des Klosters. Das ließ sich die Ritterin nicht zweimal sagen.

Gemeinsam mit den Geweihten, den Akoluthen und sonstigen Bewohnern des Wehrtempels schritt Lyssandra von Finsterborn durch das girlandengeschmückte Tempelportal, das seitlich in das Langhaus der Bethalle führte. Etwa mittig im Langhaus befand sich eine großzügige Vierung, die von einem quadratischen, hohen Turm mit schmalen Fenstern überdeckt wurde. Hinter der Vierung, die dem steinernen Altar Platz bot, führte ein Durchgang wohl in die Sakristei des Klosters. Über den Köpfen der Gläubigen, im Obergeschoß des Vierungsturms schwebte eine filigrane, hölzerne Storchenskulptur.

Senna, die der Ritterin beim Eintreten zugenickt hatte, wies ihr einen Platz in der Holzbank hinter den Akoluthen zu. Als letzte kam Mutter Amathe am Arm eines Geweihten, der sie bis vor den Altar brachte. Er mochte so an die 45 Winter zählen und führte die zerbrechlich wirkende Hüterin der Saat.

Der Göttinnendienst begann mit einem Lied, dann sprach die Tempelvorsteherin von dem Segen der Feldfrüchte und davon wie man durch die Weisungen Peraines diese haltbar machen konnte, so dass sie uns durch den gesamten Winter hindurch nährten. Sobald Mutter Amathe vor dem Altar stand, wirkte sie plötzlich nicht mehr so gebrechlich. Die Gütige schien ihr die notwendige Kraft für ihre Aufgabe zu verleihen. Zuletzt folgte ein Abendgebet, das dann auch das Ende des Götterdienstes einleitete.

„Die Sonne geht unter, es dämmert die Nacht,
wir loben Peraines lebendige Macht.
Wir sitzen beisammen zu gemeinsamen Speisen,
wir loben die Gebende und wollen sie preisen.“

Gestärkt durch Göttinnendienst und eine reichhaltige und schmackhafte Suppe aus Wurzelgemüsen und Streifen grünen Kohls nahm Lyssandra das Angebot eines Paars an, den Abend bei einem Becher warmen Met an einem offenen Kamin in einem der Ecktürme des Wehrklosters zu verbringen.

Perainor Weidenbast war der Geweihte gewesen, der Mutter Amathe zum Altar führte. Der Heiler der Göttin war mit der Vögtin des Guts Perainefelde, zu dessen Lehen das Wehrkloster gehörte, im göttergefälligen Bund vermählt. Hilmtrud Schnewlin von Orkenwacht, ihres Zeichens bis zur Übernahme des Vögtinnenamtes reisende Medica, war erst vor gut einem Götterlauf Mutter eines Sohns geworden. Das gemeinsame Kind hatte Lyssandra beim Abendessen gesehen. Ein fröhlicher kleiner Blondschopf, der wie ein Wiesel unter den Tischen herumgekrabbelt war und sich auch an der Ritterin aus der Schwarze Au hochgezogen hatte, um an ein Stück Brot vom Tisch zu bekommen.

Gewärmt vom Met und dem Schein des Kaminfeuers berichtete die Finsterbornerin von ihrer Mission.

Nachdenklich nickte Hilmtrud: „Wir kennen den jungen Mann, der im Traviatempel zu Dorngrund lebt. Er ist sehr verschlossen und Mutter Marinad, die vor ein paar Götterläufen die Leitung des Tempels übernahm und ihn mit sich führte, fragte hier im Kloster ein paar Mal um Hilfe.“

„Um Hilfe wofür?“, wollte Lyssandra wissen.

Nun war es Perainor, der antwortete. „Es wäre eigentlich eher ein Noionit vonnöten gewesen. Mutter Marinad beklagte sich, dass er zum einen unglaublich verschlossen sei und kaum ein Wort seine Lippen verließ, er andererseits aber auch urplötzlich sehr aufbrausend und aggressiv werden konnte. Wir versuchten es mit Waschungen, Salbungen und Kräutertränken, sowie Gebeten zum Heiligen Therbûn. Einmal sprach sie gar davon, ob wir es nicht einmal gemeinsam mit einem Exorzismus versuchen sollten. Doch so weit kam es noch nicht. Nur ein Vorgespräch mit Mutter Marinad und Mutter Amathe fand statt.“

Interessiert hörte die Finsterbornerin zu. Alles passte ins Bild. Nun kam die wichtigste Frage: „Ist Traviahilf noch bei Mutter Marinad?“

Nun sahen sich Perainor und Hilmtrud überrascht an. „Hm, ich denke schon“, erwiderte die Medica. „Wobei sie unlängst fragte, ob wir ihn gesehen hätten und ob er wohl hier Quartier genommen habe. Doch als wir es verneinten, schien sie damit zufrieden zu sein. Sie hat nichts darüber hinaus erzählt. Nehmt Ihr an, dass er nicht mehr bei ihr ist?“

Lyssandra zuckte mit den Schultern. „Das ist es, was ich herauszufinden gedenke. Denn wenn es so ist, wo ist er dann? Das würde ein ganz anderes Licht auf die Mordserie, mit der wir uns in Urkentrutz befassen müssen, werfen. Die Gräfin entsandte mich, um seinen Verbleib zu klären.“

Betreten sahen sich die beiden an. „Keine leichte Aufgabe“, bemitleidete Perainor Lyssandra und Hilmtrud schloss noch einen weiteren Gedanken an. „Es wird für Mutter Marinad und die Baronin von Urkentrutz nicht einfach sein, einzusehen, dass der Versuch gescheitert ist, Traviahilf in der Obhut der Strengen und Gütigen in einen würdigen Erben der Baronie wandeln.“

Mit einem weiteren Becher Met und erfreulicheren Gesprächen über das Elterndasein und die Arbeit in einem so großen Kloster der Hüterin des Lebens beschlossen sie den Abend.

Nachdenklich fiel die Finsterbornerin schließlich auf das harte Bett. Die Informationen, die sie hier bekommen hatte, erhärteten den Verdacht, dass der Baronet etwas mit den Mädchenmorden zu tun haben könnte. Sie war gespannt, was sie am kommenden Tag in Dorngrund erwartete. Doch eines nahm sie aus dem Wehrkloster auch noch mit. Die Erkenntnis, dass ihr das Leben der Klostergemeinschaft gefiel. Wenn ihr nicht von der Familie ein anderer Weg vorbestimmt worden wäre, so meinte sie, könnte sie sich gut vorstellen in Perainetrutz einzuziehen. Mit diesem angenehmen Gefühl sank sie schließlich in Bishdariels Arme.

 

Wehrtempel Perainetrutz, Baronie Herzoglich Dornstein, 14. Boron 1043

Über Nacht war der Regen in Schnee übergegangen. Es schneite auch noch, als Lyssandra den Wehrtempel Perainetrutz verließ. Nass und matschig zeigte sich der Dornstieg, auf dem die Ritterin mit ihrer Stute das letzte Stück zum Dorf Dorngrund zurücklegte. Der Ort lag an den Ufern des Dornenwassers. Ähnlich wie das Dorf Schwarze Au lebten etwa 250 Einwohner in Dorngrund.

Den Schafen, die auf den Weiden der Höfe nach Fressbarem suchten, schien der Schnee nichts auszumachen. Sie fanden auch unter der weißen Decke noch verwertbare Halme.

Der Traviatempel befand sich direkt im Ortszentrum. Er war, wenngleich schlicht, doch das dominierende Gebäude am Platz. Vier hölzerne, mit Kalk weiß getünchte Halbsäulen zierten die Front mit dem dreieckigen Giebelfeld. In diesem war ein sehr einfach gestalteter, geschnitzter Holzfries zu sehen, der zwei einander festhaltende Hände zeigte. Hinter dem kleinen Bethaus standen ein paar weitere, einfache Fachwerkgebäude, die zum Heiligtum zu gehören schien. Ein etwas größeres Haus, von dem Lyssandra vermutete, dass es das Gästehaus war, und ein kleineres Haus, das offenbar eine Küche oder Backstube enthielt.

Lyssandra saß ab. Sie sah sich suchend nach einer Möglichkeit um, Dardanella unterzubringen. Ein junges Mädchen, das offenbar Wasser geholt hatte, kam näher. Sie betrachtete das schöne Pferd mit seiner wappengeschmückten Satteldecke.

Die Ritterin sprach sie an: „Hey da, Mädchen! Kann ich hier irgendwo mein Pferd unterbringen? Ich bin auf der Suche nach der Traviageweihten Mutter Marinad.“

Die Rothaarige kam schüchtern näher. „Ein schönes Pferd habt ihr, Edle Dame. Wie heißt es?“

„Dardanella“, erwiderte die Finsterbornerin ein wenig ungehalten, da das Mädchen nicht auf ihre Frage geantwortet hatte. „Kannst du mir jetzt bitte sagen, wo ich mein Pferd unterbringen kann?“

Nur widerwillig schien das Mädchen den Blick vom Pferd zur Reiterin zu wenden: „Hm, hier im Dorf hat nur der Xandi ein Pferd. Bei ihm Stall könnt Ihr Eure Dardanella sicher unterbringen. Wenn Ihr wollt, zeige ich Euch seinen Hof. Er ist ein wenig außerhalb von Dorngrund. Mit seinem Kaltblut holt der Xandi die Baumstämme aus dem Bergwald.“

Immerhin ein Lichtblick. Lyssandra nahm Dardanella beim Zügel und folgte dem Mädchen, das nun fröhlich plauderte. Sie erzählte, dass der Mann, den sie Xandi nannte, ein mürrischer Einzelgänger sei und sie ihn nicht mochte. Dann begann sie Lyssandra auszufragen, wer sie denn sei und woher sie komme. Die Ritterin hielt sich bedeckt, erzählte nur, dass sie aus Urkentrutz käme und dort Ritterin sei. Vom Grund ihrer Reise verriet sie nichts. Musste sie auch nicht, denn Marthe, wie sich das Mädchen nannte, berichtete von sich aus, dass Mutter Marinad gerade nicht im Tempel sei. Sie sei mal wieder auf Reisen. Und mit der Unbekümmertheit der Jugend erzählte sie freimütig, dass die Tempelvorsteherin, seit sie mit dem seltsamen jungen Mann aus Urkentrutz gekommen war, den Tempel immer wieder allein ließ.
„Na ja, sie musste ja auch erstmal die Baronie kennenlernen und dann hat sie diesen Traviahilf auch oft mit sich genommen. Ein seltsamer Kerl. Der war so riesig, dass man sich leicht vor ihm fürchten konnte“, sagte Marthe. „Starren konnte der, Wohlgeboren! Ich bin ihm lieber aus dem Weg gegangen. Was auch einfach war, denn gesprochen hat er ja sowieso nicht.“

Sie waren ein Stück des Dornstiegs in Richtung Dornstein gelaufen, als ein Weg nach rechts in den Wald abzweigte. Hier ging es schon deutlich aufwärts. Der Bergwald zog sich vom Hang des felsigen Dornsteins über sanftere Ausläufer mit gelegentlichen Felszacken bis nach Dorngrund. Der Pfad war matschig und Dardanellas Hufe sanken tief in den mit Schneematsch bedeckten Waldboden. Nach ungefähr 500 Schritten erreichten sie eine kleine Lichtung, für die der Bergwald ringsherum gerodet worden war. Ein einfaches Holzhaus stand am Waldrand, ein aus dünnen Brettern gezimmerter Stall und eine windschiefe Scheune. Ein furchteinflößend wirkender Mann trat aus dem Holzhaus. Er war groß und breitschultrig. Das lange, verfilzte Haar hing bis weit über die Schultern und ein ungepflegter Bart verdeckte fast gänzlich den Mund. Kleine, dunkle Augen musterten Marthe und ihre Begleiterin.

„Heijo, Xandi!“, rief das Mädchen. „Guck mal, wen ich dir da bringe! Das hier ist Ritterin Lyssandra von Finsterborn aus Urkentrutz. Sie will Mutter Marinad besuchen und braucht eine Einstellmöglichkeit für ihr Pferd.“

Der Mann erwiderte zunächst nichts. Er grummelte etwas in seinen Bart. Mit viel gutem Willen konnte man es als „Hm, schon recht“ verstehen. Von einer adäquaten, respektvollen Begrüßung schien er nichts zu halten. Lyssandra atmete tief durch. Sie musste an ihre Mission denken. Alles andere war nicht wichtig. Und dafür musste sie erst einmal Dardanella unterbringen.

Xandi ging zum Stallgebäude und zog die Tür auf. Sie quietschte und ließ sich auch nicht wirklich ganz öffnen. Der kräftige Kerl brummte erneut ungehalten und hob die Tür in den Angeln etwas an, was dazu führte, dass sie doch noch ganz zu öffnen war. Ein muffiger Geruch nach Pferdeäpfeln und feuchtem Stroh kam Lyssandra entgegen. Wahrlich kein guter Platz für ihre Warunkerstute. Dennoch blieb ihr nichts andere übrig. Sie trat ins Dunkel des Stalls und brauchte einen Augenblick bis sich ihre Augen an die schwachen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Vor ihr standen eine Futtertruhe und ein paar Arbeitsgeräte wie Heugabel und Schaufel. Rechts von ihr war eine große Pferdebox abgeteilt, aus der ein gewaltiges, aschgraues Svellttaler Kaltblut neugierig herüberguckte. Eine weitere Pferdebox gab es nicht. Die Finsterbornerin sah etwas zweifelnd den Mann an.

„Die wern sich schon nix tun“, kam die mürrische Antwort auf die unausgesprochene Frage.

Achselzuckend zog Lyssandra die Warunkerstute in den Stall, die sich zunächst kräftig gegen die Aufforderung wehrte, dieses muffige, dunkle Gebäude zu betreten. Dann gab sie widerwillig nach.

Xandi öffnete den Verschlag und scheuchte den neugierigen Svellttaler zur Seite: „Hey du… mach Platz!“

Die Ritterin sattelte ihre Stute ab und öffnete auch den Zaum. Mit einem Zungeschnalzen ließ sie Dardanella in den Verschlag treten und zog ihr zeitgleich den Zaum vom Kopf. Ängstlich verzog sich die Warunkerstute in die dem grauen Riesen entgegengesetzte Ecke. Sie hatte die Ohren eng an den Kopf gelegt – eine deutliche Drohgebärde.

Eine Weile lang beobachtete Lyssandra das Schauspiel. Der Svellttaler witterte und versuchte sich neugierig der Fuchsstute zu nähern. Doch die legte die Ohren nur noch weiter an, bleckte die Zähne und drehte ihm unmissverständlich das Hinterteil zu, bereit, jeden Augenblick auszuschlagen.

Irgendwann beschloss die Ritterin darauf zu vertrauen, dass sich die Stute schon zu wehren vermochte, wenn ihr das Kaltblut zu aufdringlich werden sollte. Sie drückte Xandi einen Heller in die Hand, ihrem Verständnis nach mehr als ausreichend für die Unterbringung der Warunkerstute. Dann ließ sie sich von Marthe wieder zurück ins Dorf geleiten. Dabei erfuhr sie das ein oder andere an Dorfklatsch, unter anderem, dass der Novize im Tempel ein Waisenjunge war, dessen Eltern bei einem Bootsunfall auf dem Dornenwasser ums Leben gekommen waren. Sein Name war Luitgar.

Lyssandra betrat die Bethalle, nachdem sie sich von Marthe verabschiedet und ihre Hilfsbereitschaft mit drei Kreuzern vergolten hatte. Der Raum war karg eingerichtet. Die Wände waren gekalkt und hinter dem Altar, der die Schmalseite gegenüber dem Eingang einnahm, hatte ein Maler von mäßigem Talent eine Szenerie gemalt, die Travia und eine weitere Frau, vermutlich Domara, zeigte. Beide Frauen waren von Gänsen umgeben und während die eine Brot auf einem einfachen Tisch knetete, schob die andere den fertigen Leib in einen großen Backofen. An den Langseiten des Tempelbaus schmückten Girlanden aus Kornähren und Fächer aus Gänsefedern die Wände. Der Boden bestand lediglich aus gestampftem Lehm. Alles in allem war es ein sehr schmuckloses Haus der Hüterin des Himmlischen Herdfeuers.

Lyssandra setzte sich in die zweite Bankreihe und wartete. Als nach einiger Zeit niemand erschienen war, machte sie sich auf die Suche nach einer Tür, die sie womöglich in eines der weiteren Gebäude bringen würde. Und tatsächlich: Links vom Altar befand sich eine Tür hinter einem Vorhang. Lyssandra öffnete sie und stand in einem schmalen Gang. Rechts von ihr führte eine Holzstiege nach oben. Sie schritt gerade aus. Es war still in dem Gebäude, von draußen aber konnte sie das Geschnatter von Gänsen und Enten hören. Auf der Tür am Ende des Gangs war ein Schild angebracht. Speisesaal stand darauf.

Die Ritterin aus der Schwarzen Au klopfte. Keine Antwort. Dann drückte sie die Tür auf. Vor ihr war ein Raum mit einer U-förmig angelegten Tafel. In der Öffnung des Us stand ein kleiner Altar, geschmückt mit den Symbolen Travias. Die Tafel und die etwa ein Dutzend Stühle daran waren aus einfachem Fichtenholz hergestellt. Regale an den Wänden enthielten Holzteller und Schüsseln, Tonbecher, Krüge und diverses mehr, das für die Speisung der Pilger und Wanderer benötigt wurde. In der rechten hinteren Ecke führte eine Tür nach draußen. Lyssandra durchquerte den Raum und öffnete auch diese Tür. Schlagartig wurde das friedliche Gänsegeschnatter zum wütenden Gezeter. Im Nu sah sich die Ritterin von vier Gänsen umgeben, die beinahe feindselig mit den Schnäbeln nach ihr pickten.

In ihrer Not hielt die Finsterbornerin Ausschau nach Hilfe. Diese nahte nun auch – in Gestalt eines etwa 14 oder 15 Götterläufe zählenden Jungen im Gewand eines Novizen. Mit ruhiger Stimme rief er das Federvieh zur Räson und bahnte sich einen Weg durch die aufgeregte Gänseschar. „Travia zum Gruße!“, begrüßte er Lyssandra. „Und entschuldigt, aber die Söhne und Töchter Domaras verteidigen den Tempel ihrer Mutter, wenn es sein muss, mit ihrem Leben.“

„Der Eidmutter meinen Gruß. Es ist an mir eine Entschuldigung auszusprechen… äh Bruder….“

„Mein Name ist Luitgar, ich bin noch ein Gänslein, also nicht Bruder Luitgar, sondern schlicht Luitgar. Ihr sucht eine Unterkunft und Speisung auf Eurer Reise?“ Sein Blick wanderte an Lyssandra hinab. Es war nicht eindeutig zu erkennen, ob sie von Stand war. Der durchnässte Reitermantel, die lederne Bruche und die Stiefel ließen aber erkennen, dass ihre Trägerin nicht arm war.

„Lyssandra von Finsterborn, Ritterin aus der Schwarzen Au in der Baronie Urkentrutz“, stellte sie sich vor. „Ich wäre dankbar für einen warmen, trockenen Platz und ein wenig zu Essen.“

„Urkentrutz?“ Liutgar horchte auf. „Dann seit ihr aus der Heimat von Mutter Marinad und Traviahilf! Seid Ihr wegen ihnen hier? Dann muss ich Euch enttäuschen. Sie sind nicht da.“

Lyssandra nickte. „Ja, ich wollte tatsächlich die Geweihte sprechen. Du musst wissen, dass ich im Auftrag der Gräfin von Bärwalde unterwegs bin. Wie schade, dass ich sie nicht antreffe. Kannst du mir sagen, wo sie und Traviahilf sind? Sind sie gemeinsam unterwegs?“

Der Novize öffnete die Tür und dirigierte die Ritterin in den Speisesaal. Dort nahm er ihr den nassen Mantel ab und hängte ihn über einen Haken in der Nähe des Herdfeuers. „Nehmt erstmal Platz, Wohlgeboren. Möchtet Ihr etwas Warmes trinken? Ich habe Kräutertee.“

Dankbar nahm die Ritterin aus der Schwarzen Au den Kräutertee und zeigte Liutgar das Schreiben mit dem gräflichen Siegel. Er sah nur kurz auf darauf, las es nicht, erkannte wohl aber das Siegel. Lyssandra war sich nicht sicher, ob er überhaupt des Lesens mächtig war.

Während Liutgar ein Eiergericht für sich und den Gast zubereitete, erzählte er von dem Grund für die Abwesenheit der Geweihten. „Nun, wie soll ich sagen... Es gab Streit mit einer jungen Pilgerin und danach ist Traviahilf ausgerissen. Das ist schon eine Weile her. So Anfang Efferd muss das gewesen sein. Mutter Marinad hat ihn gesucht. Zunächst in der Umgebung und Anfang Travia hat sie dann schließlich ihre Rückentrage gepackt und ist in Richtung Urkentrutz aufgebrochen. Sie wollte sehen, ob er in Urken im dortigen Traviatempel ist.“

Liutgar zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich habe seither nichts mehr von ihr gehört.“ Geschickt balancierend brachte der Novize die irdenen Teller mit der Eierspeise. Sie dampfte und roch verlockend.

Lyssandra bedankte sich und wünschte dem Gänslein „Wohlschmecken“.  „Hmm, was ist da außer den Eiern noch drin?“, fragte sie nach einer Weile. „Es ist ein ganz eigentümlicher Geschmack. Ein Kraut? Ein Gewürz?“

„Pimpinelle“, antwortete der Junge. „Die wächst wie Unkraut hier im Garten und die Gänse mögen sie nicht. Ich weiß auch nicht warum. Nicht mal der Schnee kann ihr was antun. Man muss nur ein wenig graben und schon findet man welche.“  Liutgar grinste und schaufelte dann weiter das Omelett in seinen Mund. 

Als sie eine Weile schweigend gegessen hatten, fragte Lyssandra beiläufig: „So viel ich gehört habe, ist Traviahilf eigentlich eher schweigsam und insichgekehrt. Wie kommt es, dass er sich mit der Pilgerin gestritten hat?“

Der Novize sah die Baronin etwas zweifelnd an. Er schien unsicher zu sein, ob er ihr vertrauen konnte und wusste wohl nicht recht, wie viel er preisgeben durfte. „Sie hat sich auch nicht mit ihm direkt gestritten, sondern sich bei Mutter Marinad über ihn beschwert. Er habe sie im Badehaus beobachtet und ihr unsittlich nachgestellt. Aber das muss unter uns bleiben, Wohlgeboren! Bitte!“

Lyssandra nickte. „Aber sicher, Liutgar!“

„Mutter Marinad hat ihn daraufhin zur Rede gestellt. Ich war nicht dabei. Sie haben mich weggeschickt, um in Ruhe reden zu können. Wie auch immer, am kommenden Morgen war er fort. Und ich habe nichts gemerkt, obwohl wir uns eine Kammer teilen. Er muss ich ganz leise rausgeschlichen haben.“ Er schob den letzten Löffel Omelett in den Mund. Als auch dieser in seinen Magen gewandert war, fragte der Novize: „Wollt ihr hier auf Mutter Marinad warten, Wohlgeboren? Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis sie wieder da ist.“

Die Ritterin aus der Schwarzen Au schüttelte den Kopf. „Nein, Liutgar. So lange kann ich nicht bleiben. Ich würde mich aber über ein Quartier für die Nacht freuen und morgen dann schon in aller Frühe wieder aufbrechen.“

Das Gänslein nickte. „Dann will ich Euch mal die Kammer zeigen, die Ihr nutzen könnt. Soll ich im Badehaus Bescheid geben, dass Ihr ein Bad wünscht?“

Die Finsterbornerin nickte erfreut. „Wenn es nicht zu viele Umstände macht?“

Er winkte ab. „Iwo, wird gleich erledigt!“

„Travias Dank, Liutgar! Du wirst der Gebenden ein guter Diener werden. Da bin ich überzeugt!“ erwiderte Lyssandra und ließ sich die Kammer zeigen.