Sonnenuntergang über Urkenfurt
Urkenfurt, 19. Boron 1043
Die Fahrt mit dem Reisewagen war beschwerlich gewesen. Die schmalen Reifenräder der horasischen Kutsche hatten sich mehr als einmal tief in den schlammigen Boden eingegraben. Immer wenn sie einem anderen Fuhrwerk ausweichen mussten und auf den unbefestigten Wegrand des Urkenwegs kamen, liefen sie Gefahr, sich festzufahren. Lyssandra, die den Reisewagen mit ihrer Warunkerstute Dardanella begleitete, stieg dann ab und gemeinsam mit Leubrecht, ja manchmal sogar mithilfe der Führer des entgegengekommenen Fahrzeugs, schoben sie dann mit vereinten Kräften. Bald schon war der elegante Wagen vollkommen dreckverkrustet.
Der Tag neigte sich bereits dem Ende als Lyssandra und ihr Vater Urkenfurt erreichten. Als sie den Urkenweg ins Flusstal des Fialgralwas hinabritten, riss der Wolkenvorhang für einen Augenblick auf. Das Praiosmal zeigte sich in einem blassorangefarbenen Halbkreis am Horizont bevor es, zerrissen durch graue Querstreifen, nur noch als rötlicher Widerschein die Wolken zum Glühen brachte.
Den Reisewagen mussten die Finsterborns auf der praiosseitigen Ufer des Finsterbachs, etwas außerhalb der Ortschaft, unterbringen. Die letzte Meile gingen sie zu Fuß, wobei Lyssandra ihren Vater stützen musste. Der schmierige Schneematsch, der sich durch die andauernden Schneeregenschauer gebildet hatte, erschwerte dem ohnehin schon gehbehinderten Junker den Weg auf der pflastergeschmückten Brücke.
Im „Brückenwirt“ nahmen sie Quartier. Leubrecht erschien, nachdem er sich um die Pferde und die Unterbringung des Reisewagens gekümmert hatte. Bei einer wärmenden und sättigenden Fischsuppe unterhielten sie sich mit dem Wirtsehepaar über dies und das. Am kommenden Morgen wollten sie gemeinsam auf die Burg und hofften zur Baronin vorgelassen zu werden.
20. Boron 1043
Die Nacht war kalt gewesen und in den Morgenstunden fiel sachte und fein ein wenig Schnee. Das Dorf und die über ihm thronende Baronsburg erschienen überzuckert mit winzigen Firunskristallen. Das anhaltend kalte Wetter führte dazu, dass sich nur wenige Menschen vor die Tür bewegten. Urkenfurt wirkte wie erstarrt als Theofried und Lyssandra zunächst den Urkenweg und dann von diesem abzweigend den Karrenweg zur Burg entlanggingen. Der alte Junker, der die 82 Götterläufe bereits vollendet hatte, stützte sich auch angesichts des schneebedeckten und eisigen Weges mit der einen Hand auf seinen Stock, mit der anderen hatte er sich bei seiner Ältesten eingehängt. Sie spürte seine Unsicherheit und den Wunsch nach Halt.
Beide hatten sich standesgemäß gekleidet. Bruche, Wams und Wappenrock. Darüber den langen Reisemantel mit Kapuze. Gegürtet mit Schwertgurt, Schwert und Dolch und die Beine in hohen Stiefeln steckend boten sie den Anblick zweier typischer weidener Ritter, die bei der Baronin um eine Audienz ansuchten.
Schon beim Überqueren der Brücke über den Burggraben fiel beiden auf, dass das Burgtor verschlossen war. Nun, vielleicht waren sie einfach zu früh dran.
Lyssandra ließ den Arm des Vaters los und klopfte an das Burgtor. Dann warteten sie. Irgendwann wurde vorsichtig die kleine Holzluke geöffnet über die der Wächter mit den Besuchern reden konnte.
Ein Augenpaar erschien und blickte sie finster an.
„Heute ist kein Einlass!“ war die barsche Antwort, dann wurde die Holzluke wieder geschlossen. Man konnte hören, dass sich er Wächter bereits wieder zurückzog.
Nun kam Leben in den 82jährigen. Er trat vor an das Tor und wiederholte das Klopfen. Laut und energisch.
„Hör zu, Kerl! Ich bin Theofried von Finsterborn, Junker von der Schwarzen Au, verdienter Vasall der Baronin Grimmwulf von Hartenau. Und bei mir ist meine Tochter Lyssandra, Ritterin der Schwarzen Au. Wir verlangen Einlass und müssen die Baronin ein einer dringlichen Sache sprechen! Der Umstand unseres Besuches hier duldet keinen Aufschub!“
Die Klappe blieb zu. Zwar vermeinten beide durchaus Schritte und Getuschel hinter dem Burgtor zu vernehmen, doch schien man nicht gewillt mit ihnen zu sprechen, geschweige denn ihnen zu öffnen.
Der Finsterborner unternahm einen letzten Versuch sich bei der Baronin Gehör zu verschaffen.
„He! Hört! Ich bin den weiten Weg von der Schwarzen Au nach Urkenfurt nicht gekommen um mich hier am Tore abweisen zu lassen! Richte deiner Herrin aus, dass ich als treuer Vasall ein Anrecht darauf habe Gehör zu finden bei meiner Lehnsherrin. Meine Tochter und ich haben im „Brückenwirt“ Quartier bezogen. Wenn Grimmwulf von Hartenau geruht uns zu empfangen, kann man uns einen Boten senden. Gehabt Euch wohl!“
Am liebsten hätte er ein „und lernt erstmal Manieren und Anstand“ hinterhergebrüllt, doch er wollte die ohnehin schlechte Stimmung nicht noch zusätzlich vergiften.
Nach einer weiteren Wartephase in der sich wiederum nichts hinter dem Tor zu tun schien, drehte sich der Junker zu seiner Ältesten um.
„Unfassbar! Ein Affront! Ich bin fassungslos!“ Der Unmut des Finsterborners war nicht zu überhören, eine tiefe Zornesfalte unterstrich dies.
Lyssandra bot ihm den Arm an. „Ich muss auch sagen, dass das dem Fass den Boden ausschlägt. Das letzte Mal hat man mir wenigstens Ritter Ludopoldt geschickt, der mir dann den Korb gab. Nun öffnet man nicht einmal das Tor. Grimmwulf versteigt sich in ihrem Hochmut. Aber was sollen wir machen? Ich finde du hast es richtig gemacht. Wir warten im „Brückenwirt“ und wollen sehen, ob sie doch noch ein Einsehen hat.“
Sie kehrten also um und machten sich auf den Rückweg ins Dorf. Schweigend, jeder seinen Gedanken nachhängend, waren sie bereits um den Burgberg herumgelaufen und schon kurz vor der Wegkreuzung mit dem Urkenweg, als sich von links eine junge Frau näherte. Sie hatte den Rock mit den Händen gerafft, um die Füße sicherer auf dem glatten Trampelpfad zu setzen, der offenbar zu einer Seitenpforte der Burg führte.
Lyssandra erkannte Wigdis, deren Wangen rosig leuchteten, als sie schwer atmend die beiden Finsterborner erreichte. Die blonde 19 Winter zählende Magd mit den Feenküsschen um die Nase wirkte gehetzt und blickte sich immer wieder ängstlich um, ob sie verfolgt wurde.
„Ich muss Euch dringend sprechen, ihr wohlgeborenen Herrschaften! Folgt mir bitte in den Schatten des nächsten Hauses, damit man uns von der Burg aus nicht beobachten kann.“
Sie eilte sich erneut nach oben umblickend und die beiden Finsterborner mit einem Winken dirigierend zu einem der ersten Häuser der Ortschaft, das linkerhand noch vor der Einmündung des Karrenwegs in den Urkenweg stand. Erst als sie sich versichert hatte, dass man sie von oben nicht sehen konnte, entspannte sie sich ein wenig.
„Es ist etwas Furchtbares passiert!“, platzte sie mit dem Grund ihrer Aufregung heraus.
Theofried und Lyssandra hingen an den Lippen der jungen Magd, die zunächst etwas unzusammenhängend von den Ereignissen der letzten Tage berichtete. Das Wichtigste aber sagte sie sofort. „Grimmwulf und ihr Gemahl Pirejus sind tot!“
Man konnte sehen wie beide Finsterborner tief einatmeten und dann den Atem anhielten.
„Das gibt es doch nicht!“, Theofried fasste sich zuerst wieder. "Du lügst mich doch nicht an, oder?"
„Doch, doch, Wohlgeboren! Ich sage die Wahrheit! Eine Verkettung unglücklicher Umstände hat zu den Todesfällen geführt. Außerdem glaube ich, dass die Geweihte Mutter Marinad auch tot ist. Doch ich bin mir nicht so sicher.“
Zwischen Lyssandras Augenbrauen bildeten sich Falten. „Wie? Du bist dir nicht sicher? Wo sind die Toten? Sind sie bestattet?“
„Mitnichten. Sie sind noch im Thronsaal, gemeinsam mit dem Baronet… äh dem Baron. Mit Ingrold.“
Wigdis wirkte zerknirscht. „Ich sage ja, es ist alles sehr schwer zu verstehen.“
Theofried zuckte ein wenig als sie Ingrold als Baron bezeichnete, faktisch jedoch hatte sie Recht. Der Junker fasste die Magd an beiden Schultern. „Langsam, junge Frau! Versuch die Ereignisse der Reihe nach zu erzählen. Wie hat das alles angefangen?“
Wigdis atmete ein paar Mal tief durch. Dann begann sie der Reihe nach die Ereignisse zu schildern.
„Alles begann damit, dass der Baronet kurz nach der Rückkehr des Baronsehepaars aus Pallingen plötzlich vor dem Burgtor stand. Abgerissen sah er aus. Das Haar lang und strähnig, einen Bart hatte er auch und seltsame Kleidung. Eine Bruche, die viel zu kurz und unförmig war und eine viel zu große Tunika. Von seiner Robe als Akoluth der Gütigen keine Spur. Kaum, dass ihn der Torwächter erkannte. Er sprach kein Wort, doch während der folgenden Tage bekam Grimmwulf die Wahrheit über die Mädchenmorde in Urkentrutz aus ihm heraus. Ingrold beteuerte wohl, dass er keinem der Mädchen weh tun wollte und im Nachhinein nichts mehr von den Taten wusste, sondern selbst erschrocken war über das, was geschehen war. So zumindest hat mir das Traugunde Plötzenbühler, die Hausdame erzählt, die an der Tür gelauscht hat.“
Lyssandra hörte aufmerksam zu. Die Geschichte klang durchaus nachvollziehbar. Wigdis fuhr fort.
„Es wurden schlimme Tage mit vielen Diskussionen und Streitereien. Ich bekam einiges davon mit, wenn ich Speisen oder Getränke servierte oder andere Handreichungen machte. Zunächst führten Grimmwulf und Pirejus Dispute darüber wie sie weiter vorgehen sollten. Der Gemahl der Baronin brachte ein Noionitenkloster im Finsterkamm ins Gespräch und plädierte dafür Ingrold für immer hinter den Mauern des Klosters im Geifenfurt´schen verschwinden zu lassen. Traugunde wiederum erzählte mir, dass Grimmwulf hin- und hergerissen war zwischen Ausliefern an die Gerichtsbarkeit oder einem „Erlösen“ wie sie es nannte. Ingrold hatten sie in seine Kammer gesperrt. Ich musste ihm seine Mahlzeiten bringen. Er sprach kein Wort mit mir.“
Die beiden Finsterborner hörten mit wachsendem Interesse zu.
„Dann erschien vor einer Woche Mutter Marinad. Die Meinungsverschiedenheiten wurden noch ausgeprägter, die Geweihte mahnte Grimmwulf die Gebote der Zwölfgötter zu beachten. Letztlich beschloss man Ingrold hinzuzuziehen. Ich holte ihn. Als sich die Tür des Thronsaals schloss, blieb ich vor der Tür stehen und lauschte. Wenig später kam noch Traugunde dazu. Als der Streit laut wurde, versuchte sie durch das Schlüsselloch zu sehen, was drinnen stattfand, während ich weiter lauschte. Grimmwulf eröffnete ihrem Sohn, dass man übereingekommen war, ihn in das Boronkloster zu geben. Ingrold begehrte auf, fühlte sich von Mutter Marinad und seiner Mutter verraten. Er wurde laut und aggressiv. Als Pirejus dann sagte, dass er Ritter Ludopoldt bereits vor Tagen losgeschickt hatte, die Noioniten zu bitten, ihn aufzunehmen, wurde Grimmwulf böse. Sie fühlte sich übergangen. Die Situation eskalierte. Grimmwulft schrie ihren Gemahl an und daraufhin ging Ingrold auf Pirejus los, begann ihn zu würgen. Beide Frauen versuchten den aggressiven Baronet zu beruhigen. In seiner Wut schlug er um sich und traf die Geweihte unglücklich. Sie fiel in den Schürhaken, der am Boden neben dem offenen Kamin lag. Ihr erschreckter Schrei führte dazu, dass Ingrold von Pirejus abließ und zu Marinad lief. Er sah das Blut und geriet völlig außer Kontrolle.“
Atemlos lauschten Vater und Tochter den Geschehnissen. Nach dem letzten Satz unterbrach Theofried die Magd. „Wo waren die Wachen? Du müssen das doch mitbekommen haben?“
„Ja, ja, da dann schon“, beeilte sich Wigdis zu erklären. „Wir riefen sie ja auch, als Ingrold auf Pirejus losging, aber es dauerte bis sie zur Stelle waren. Unter normalen Umständen bewacht niemand den Thronsaal. Nur wenn Gäste oder Bittsteller vor Ort sind. Also kamen die Wachen vom Torturm herübergelaufen. Als sie erfuhren, was gerade passierte, stürmten die drei in den Thronsaal. Der Baronet ergriff in seinem Jähzorn einen der massiven Stühle, ließ ihn über seinem Kopf kreisen und warf ihn dann auf die Wachen. Oh, ich sage Euch, es war so eine unglückliche Verkettung von Zufällen! Grimmwulf wollte ihren Sohn zur Raison bringen und rannte im falschen Moment auf ihn zu. Der Stuhl traf sie am Kopf. Die Baronin ging zu Boden und rührte sich nicht mehr. Die Tür stand ja nun weit offen und ich wollte hineinlaufen und der Herrin helfen, aber Traugunde hielt mich zurück. Die Wachen waren uneins wie man vorgehen sollte. Merthold, der jüngste von ihnen wollte gleich auf den Baronet losstürmen, die anderen aber hielten ihn zurück. Bärnbart gab zu bedenken, dass man sich in Familienangelegenheiten nicht einmischen solle und Trauwald riet dazu, sich lieber in Sicherheit zu beraten, wie man der Baronin, ihrem Gemahl und Mutter Marinad helfen konnte. Also traten die Wachen den Rückzug an und verbarrikadierten sich hinter der Tür.“
Mit einem Kopfschütteln quittierte Theofried die Aktion. Wigdis versuchte die Wachen zu verteidigen.
„Wir haben gemeinsam beraten und immer wieder durch das Schlüsselloch geguckt. Die Baronin rührte sich nicht mehr. Sie lag in ihrem Blut und schien tatsächlich tot zu sein. Ihren Gemahl kann man durchs Schlüsselloch nicht sehen, aber als die Tür offen war, konnte ich seine weit geöffneten Augen erkennen. Wenn Ihr mich fragt, dann hat Golgari seine Seele bereits geholt. Bärnbart hat schließlich festgestellt, dass Ingrold nach dem Tod seiner Mutter der neue Baron von Urkentutz wäre und wir ihm deshalb untergeben. Für ihn stand fest, dass man Ingrold nicht einfach festnehmen konnte. Die Beratungen zogen sich hin. Schließlich kam man überein, dass man Hilfe und den Rat eines Adeligen brauchte. Also schickten die Wachen die Schildmaid Heidelind los, um Ritter Ludopoldt zurückzuholen.“
Sie atmete hörbar seufzend aus.
„Ihr wohlgeborenen Herrschaften, das ist der Stand der Dinge! Der junge Baron ist seit drei Tagen im Thronsaal eingeschlossen. Anfangs konnte man noch sehen und hören wie er mit Mutter Marinad sprach. Aber seit zwei Tagen beobachten wir nur noch dabei wie er mit dem leblosen Körper der Geweihten durch den Raum läuft. Er spricht immer noch mit ihr, weint und streichelt sie. Das habe ich gesehen als ich ihm sein Essen durch den Türspalt geschoben habe. Angerührt hat er die Speisen allerdings nicht. Wir sind unsicher, ob die Geweihte noch am Leben ist oder nicht.“
Entsetzt schlug Lyssandra die Hände vors Gesicht. „Was für eine Katastrophe! Das klingt unfassbar, wie in einer Schauergeschichte. Wigdis, du sagst auch ganz sicher die Wahrheit?“
Die blonde, junge Frau nickte schweigend. „Bei Travia, das tue ich!“
Lyssandra und ihr Vater sahen sich an. Der Junker schüttelte ungläubig den Kopf. „Unfassbar! Das Vertrackte dabei ist, dass es dauern kann bis Ritter Ludopoldt zurück ist. Selbst wenn die Schildmaid ihn inzwischen eingeholt haben sollte, vergehen sicher noch einmal zwei bis drei Tage, bis sie wieder hier sind. So lange können wir nicht warten! Wenn noch ein Funke Leben in Mutter Marinad steckt, muss ihr dringend geholfen werden. Ganz zu schweigen, dass man die Toten bestatten muss!“
Die Ritterin der Schwarzen Au nickte zustimmend und wandte sich dann ihrerseits an die junge Magd. „Ist Ingrold denn ansprechbar und zugänglich? Kann man normal mit ihm reden?“
Wigdis schüttelte den Kopf. „Ich habe es versucht und die anderen auch… normalerweise reagiert er ganz gut auf mich. Immerhin haben wir früher viel Zeit miteinander verbracht… aber er wirkt als wäre er in seiner eigenen Welt. Er ist nicht wirklich zu erreichen…“
Ratlos blickte Lyssandra ihren Vater an. „Was sollen wir tun? Sollen wir es versuchen? Oder sollen wir mit den Wachen gemeinsam den Thronsaal stürmen?“
Ein wenig mulmig war der Finsterbornerin der Gedanke schon. Immerhin war ihr Vater über Achzig Winter alt. So eine Kampfsituation hatte er seit vielen Götterläufen nicht mehr gehabt.
Theofried von Finsterborn wollte erstmal noch mehr zu den Umständen wissen.
„Du sagst, die Wachen halten loyal zu ihrem neuen Baron, nicht wahr? Aber so wirklich weiß ja noch niemand, ob Grimmwulf, Pirejus und die Geweihte tot sind. Also muss man zunächst einmal das sicher feststellen. Denkst du Lyssandra und ich, als Adelige und loyale Vasallen der Baronin, könnten die Wachen zur Zusammenarbeit überreden? Sie erscheinen mir doch etwas verunsichert und führerlos.“
Die Magd nickte. „Oh ja das sind sie. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie Euch einlassen werden. Ich befürchte, sie wollen lieber auf Ritter Ludopoldt warten.“
„Auch, wenn das noch Tage dauern kann? Wie fahrlässig! Stell dir vor, Grimmwulf, Pirejus oder Mutter Marinad wären nur bewusstlos! Wir könnten Ihnen womöglich noch helfen?“
Der Junker ergriff erneut die Schultern der Magd. „Wir können da doch nicht tatenlos zusehen!“
Wigdis traten die Tränen in die Augen. Das alles war zu viel für die junge Frau. „Ich weiß, deshalb bin ich ja auch zu Euch gelaufen! Was sollen wir nur machen?“
Nun war es Lyssandra, die einen klaren Kopf behielt. „Fest steht, dass wir auf Ludopoldt nicht warten können. Du bist vermutlich durch die Seitenpforte aus der Burg gekommen, Wigdis? Liegt sie hier am Steilhang?“
Die Ritterin deutete in Richtung der Hangkante, die zum Finsterbach steil abfiel. Wigdis nickte.
„Und wissen die Wachen, dass du uns nachgelaufen bist?“
„Ich weiß nicht“, gab die Magd kleinlaut zu. „Ich nehme an, dass sie es nicht bemerkt haben. Traugunde gab mir den Schlüssel.“
„Gut!“ Lyssandra dachte nach. „Gibt es einen Zeitpunkt wo die Wachen zusammensitzen? So wie ich es schon beim Frühstück mal erlebt habe.“
„Momentan ist immer eine Wache an der Thronsaaltür. Tag und Nacht. Der Wachhabende bekommt von den anderen das Essen gebracht“, erklärte Wigdis.
„Hm, ja dann müssen wir es eben drauf ankommen lassen. Wir werden mit dir durch die Seitenpforte in die Burg gehen und versuchen, die Wachen zu überzeugen, dass man nichts unversucht lassen darf, Grimmwulf, Pirejus und Mutter Marinad zu helfen. Dann überlegen wir uns gemeinsam eine Strategie.“
Die älteste Tochter des Finsterborner Junkers sah erst ihren Vater und nach dessen kurzen Nicken die Magd um Zustimmung heischend an.
Diese seufzte. „Nun gut, ich denke das wird das Beste sein. Folgt mir bitte!“
Steil ging es aufwärts auf einem matschigen und rutschigen Trampelpfad, der sich dem Steilhang in Serpentinen aufwärtswand. Lyssandra hatte einige Mühe damit, ihren Vater vor dem Ausrutschen und Stürzen zu bewahren. Er atmete hörbar als sie endlich an dem kleinen, hinter einem Rosenbusch gut versteckten, Durchlass ankamen. Und die Ritterin konnte spüren, dass der alte Junker zitterte. Solch eine körperliche Kraftanstrengung war er nicht mehr gewöhnt. Hatte er das Junkergut in den letzten Götterläufen allemal für einen kleinen Spaziergang ins Dorf verlassen.
Auf ein Kopfnicken hin sperrte Wigdis die Pforte auf. Vorsichtig zog die Magd an der Holztür und blickte neugierig durch den sich öffnenden Spalt. Dann zog sie die Tür weiter auf.
„Niemand zu sehen!“, flüsterte sie.
Lyssandra zog das Schwert. Sie machte zwei schnelle Schritte durch den Einlass und sah sich nach allen Richtungen um. Dann ließ sie ihren Vater nachkommen. Theofried von Finsterborn ließ das Schwert in der Scheide und stützte sich stattdessen mit der Rechten weiter auf seinen Gehstock.
Vor ihnen lag der Burghof links von ihnen der Pallas.
„Kommt!“, rief Wigdis leise und schlich sich an der Burgmauer entlang zum Pallas hinüber.
Statt durch das Hauptportal betraten sie das Hauptgebäude der Burg durch eine Tür im Treppenturm, der außen an den Palas angebaut war. Gleich die erste Tür nehmend standen sie in der Burgküche, in der zwar selten gekocht wurde, wohl aber Speisen vorbereitet und Geschirr, Humpen und Krüge aufbewahrt wurden. Vor ihnen standen die erstaunte Traugunde Plötzenbühler und ein Junge von vielleicht 12 oder 13 Wintern, dessen Augen angstvoll geweitet waren.
„Travia zum Gruße“, flüsterte Lyssandra und blickte sich vorsichtig sondierend nach allen Seiten um. Sie wollte sich versichern, nicht überrumpelt und niedergeschlagen zu werden. Als sie sich sicher war, dass keine der Wachen sie mit gezückter Waffe erwartete, ließ sie das Schwert sinken und bedeutete ihrem Vater und Wigdis nachzukommen. „Entschuldigt unser Eindringen, aber Wigdis bat uns um Beistand. Wir sahen keine andere Möglichkeit in die Burg zu gelangen als heimlich auf diesem Wege, nachdem die Wachen uns am Tor abgewiesen haben.“
Die Hausdame atmete sich erleichtert aus. „Travia zum Gruße, hohe Herrschaften. Obwohl ich glaube, dass Travia diesem Haus schon seit längerem ihren Segen entzogen hat.“
Der Junker nickte bestätigend. „Das muss einem auch so erscheinen, gute Frau. Theofried von Finsterborn, Junker der Schwarzen Au und meine Tochter Lyssandra“, stellte er sich und die Ritterin vor.
Die Plötzenbühlerin verbeugte sich. „Eure Tochter kenne ich bereits, Wohlgeboren, und ich denke, Ihr seid früher auch schon einmal Gast in diesem Hause gewesen. Ich versehe den Dienst als Hausdame ja auch nicht erst seit gestern. Die Umstände könnten unglücklicher nicht sein, doch ich bin froh, dass Wigdis Euch gebeten hat, uns in dieser schweren Zeit beizustehen. Bei allen Alveraniaren, gar Unseliges geschieht in diesen Mauern. Nie erlebte ich schwerere Stunden auf Burg Urkenfurt!“
„Das glaube ich Euch, meine Beste!“ Theofried versuchte die aufgelöste Mitvierzigerin zu beruhigen.
Es schien ihm zumindest ansatzweise zu gelingen. Sie ließ sich auf einem der Hocker nieder, der um den einfach gezimmerten Holztisch in der Mitte der Burgküche stand. Hier bereitete das Gesinde die Speiseplatten und Schüsseln vor und nahm auch selbst die Mahlzeiten ein. Ihr Blick fiel auf den Jungen, der nach wie vor wie versteinert dastand.
„Herrje, das ist Friedwart, der Page der Baronin. Entschuldigt bitte, dass ich vergaß ihn vorzustellen.“
Die Vorstellung trieb dem blassen Jungen das Blut in die fahlen Wangen. Er verbeugte sich artig vor den Gästen und flüsterte einen Gruß.
Theofried angelte sich einen der einfachen, dreibeinigen Hocker und nahm am Tisch Platz. Lyssandra zog es vor zu stehen. Ebenso der Page und Wigdis. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, dann begann Lyssandra die Umstände zu klären.
„Nun, bald dürfte die Praiosstunde sein. Wie sieht die Lage im Thronsaal aus? Wie viele Wachen sind vor der Tür und wer hat das Kommando bei den Wachleuten?“
Traugunde Plötzenbühlers angespanntes, spitzes Kinn, schien sich zu entspannen. Sie schien Vertrauen zu schöpfen.
„Nun, Bärnbart ist der dienstälteste Waffenknecht und somit obliegt ihm das Kommando, wenn Ritter Ludopold nicht zugegen ist. Trauwald steht vor der Thronsaaltür und Merthold schläft. Er hatte die Nachtschicht. Allerdings dürfte er gleich von Bärnbart geweckt werden, wenn es das Mittagessen gibt. Der nächste Wachwechsel ist zur Efferdstunde. Die anderen sind alle unterwegs mit Ritter Ludopoldt oder auf dem Weg zum nächsten Perainetempel um einen Heiler zu holen. Was habt Ihr vor, wenn ich fragen darf, Euer Wohlgeboren?“
Lyssandra sah ihren Vater an. Der Junker beantwortete die Frage. „Werte Traugunde, wir möchten versuchen mit dem Baronet zu sprechen. Dazu müssten wir wissen, welche der Wachen am zugänglichsten für den Plan ist, den Gesundheitszustand der Personen im Thronsaal mit eigenen Augen zu überprüfen. Nach Möglichkeit ohne die Ausübung von Gewalt. Wenn Grimmwulf, ihr Gemahl oder die Geweihte noch am Leben sind, ist es unsere Aufgabe sie bergen und einem Heiler zuzuführen.“
Bestätigend nickte die Finsterbornerin. „Und ich denke auch für das Seelenheil des Baronets sollte Hilfe geholt werden. Meint Ihr nicht auch?“
„Oh ja!“ Die Hausdame wirkte erleichtert. „Das ist genau das, was schon seit Tagen hätte versucht werden sollen. Aber die Wachen waren sich nicht einig wie sie vorgehen sollten und selbst Wigdis, die Ingrold eigentlich gut leiden kann, bekam keinen Zugang zu ihm. Es ist als wäre er gar nicht da, obwohl er andauernd im Thronsaal auf und abläuft. Er scheint weder zu schlafen noch nimmt er etwas zu sich. Wie ein Untoter…“
Traugunde Plötzenbühler schüttelte sich bei dem Gedanken an diese unheiligen Geschöpfe und machte ein Abwehrzeichen.
Wigdis begehrte auf. „Das ist er aber nicht! Gewiss nicht! Er ist nur so verletzt! Seine Seele ist zerrüttet von all den schrecklichen Ereignissen. Ingrold ist nicht Herr seiner selbst! Glaubt mir bitte, er ist kein schlechter Mensch!“
Nun war es an Lyssandra zu seufzen. „Das will ich dir ja glauben, Wigdis. Gleichwohl muss er sich verantworten für die Taten, die er begangen hat - ob es nun Unfälle waren oder Gewalttaten - das muss untersucht werden! Aber das ist jetzt zweitrangig. Zunächst müssen wir sehen ob wir noch jemanden retten können!“
Die Hausdame hob zaghaft die Hand. „Verzeiht, Euer Wohlgeboren. Ich nehme an, Bärnbart ist der Mann für Euch. Er ist in der Turmstube des Torturms. Dort wird Friedwart ihm gleich sein Mittagessen bringen und auch selbst dort essen. Möchtet Ihr ihn begleiten? Ich gebe Euch Teller und Löffel. Den Topf mit der Suppe und das Brot holt Friedwart dann bei der Köchin drüben am Backhaus ab.“
Die beiden Finsterborner nickten. Das schien ein tragfähiger Plan. Zunächst den Ranghöchsten und Dienstältesten der Wachen ins Vertrauen zu ziehen klang gut.
Gemeinsam mit dem jungen Friedwart überquerten sie den Hof und ließen sich im Backhaus von der Köchin Dorntrud einen Topf mit dünner Suppe und ein paar Scheiben Brot aushändigen. Auch wenn sie zunächst überrascht über die unangekündigten Gäste war, zuckte Dorntrud kein bisschen, im Gegenteil, sie lächelte und wirkte erleichtert.
Nur wenige Augenblicke später erklommen die drei die Treppe im Torturm und öffneten die Tür zum Wachraum. Bärnbart, der sicherlich schon 50 Winter erlebt hatte, hob überrascht den Kopf als er neben Friedwart auch Lyssandra und ihren Vater erblickte. Gleich beim ersten Blick in die Augen des Waffenknechtes erkannte die Ritterin, dass er der Torwächter gewesen war, der ihrem Vater die Holzklappe direkt vor der Nase zugemacht hatte. Entsprechend erschrocken rumpelte der Mann von seinem Hocker hoch, der krachend hinter ihm umfiel.
„He da! Wo kommt ihr her? Wie seid Ihr in die Burg gekommen? Wer hat Euch eingelassen?“
Ein zorniger Blick traf den armen Friedwart, der vollkommen unschuldig an der Situation war. Theofried legte sogleich schützend seinen Arm um den Pagen.
„Beruhigt Euch, guter Mann. Der Junge hier kann nichts dafür. Es tut auch erstmal nichts zur Sache, wer uns den Zutritt zur Burg erlaubt hat. Vielmehr ist es an mir dir Fragen zu stellen. Wir haben von den schrecklichen Geschehnissen gehört und möchten unsere Hilfe anbieten. Wie ich hörte sind schon Boten unterwegs einen Heiler und auch Ritter Ludopoldt auf die Burg zu holen. Aber so lang kann man ja nicht warten! Wir müssen sehen, dass den Verletzten schnell geholfen wird oder, gesetzt den Fall, dass jede Hilfe zu spät kommt, müssen wir für eine borongefällige Bestattung sorgen. Das siehst du doch ein, oder?“
Der Waffenknecht entspannte sich sichtlich, er schien zu erkennen, dass man helfen wollte. „Ja, das sage ich ja schon die ganze Zeit. Aber was sollen wir tun, wenn der junge Baron uns nicht in den Thronsaal lässt? Er ist unser Herr!“
Nun mischte sich Lyssandra ein. „Wer sagt dir, dass die Baronin über das Nirgendmeer gegangen ist? Sie könnte auch nur bewusstlos sein!“
Bärnbart nickte langsam. „Es sieht zwar nicht so aus und nun sind es bereits drei Tage, die sie sich nicht mehr bewegt, soweit man das durchs Schlüsselloch sagen kann. Und das viele Blut… ehrlich, Euer Wohlgeboren, auch ich wäre froh wenn es sich anders verhielte, aber Hoffnung habe ich wenig, dass sie und ihr Gemahl noch leben.“
Theofried von Finsterborn schüttelte unwirsch den Kopf. „Wer bist du Bärnbart? Ein Heilkundiger, der durch ein Schlüsselloch erkennen kann ob jemand tot oder lebendig ist? Ist es nicht auch deine Pflicht, deine Baronin zu schirmen und nicht nur ihren Sohn und Erben? Den Verletzten muss geholfen und die Toten müssen geborgen werden. Das muss doch auch Ingrold einsehen!“
„Unter normalen Umständen sicher“, gab der Waffenknecht zu bedenken. „Aber momentan ist der Baron oder Baronet, wie auch immer, für Argumente nicht zugänglich. Er ist…verrückt geworden.“
„Wir wollen es dennoch versuchen und bitten dich und deine Waffenbrüder uns zu unterstützen. Wir möchten mit Ingrold sprechen und ihn überzeugen, dass es das Beste sein wird, den Heiler oder die Heilerin einzulassen um zu sehen, ob noch jemand zu retten ist“, erklärte Lyssandra den Plan.
Bärnbart wirkte irritiert. „Aber der Heiler ist ja noch gar nicht da!“
„Das ist richtig“, stellte die Ritterin fest. „Einer von uns wird sich als Heiler ausgeben und so hoffentlich Zugang zum Thronsaal bekommen. Dann können wir uns einen Überblick verschaffen und mit etwas Glück kommt ja tatsächlich bald ein Heiler.“
Der Waffenknecht nickte nachdenklich. „Ich bin gespannt, ob es funktioniert. Aber wenn es jemandem gelingen kann Zutritt zu erlangen, dann wahrscheinlich einem Heiler oder Geweihten. Ich muss Euch aber auch warnen. Es könnte gefährlich werden. Ingrold hat unfassbar viel Kraft! Er kann mit bloßen Händen mehr Schaden anrichten also so mancher von uns mit einer Waffe!“
Sie beratschlagten wer von ihnen den Heiler oder die Heilerin geben sollte. Beide Finsterborner hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Dann kamen sie überein, dass Ingrold vermutlich einem älteren Mann mehr Vertrauen schenken würde. Man schickte Friedwart aus zu fragen, ob es möglich sei, ein passendes Gewand, womöglich einer Robe ähnlich für den Junker zu finden. Einige Zeit später erschien die Hausmutter und brachte eine ältere einfache Traviaakoluthenrobe, die eigentlich Ingrold gehört hatte, die er aber aufgrund von Löchern und Flecken nicht mit nach Dorngrund genommen hatte. Mit geschickten Händen und einem Strick schafften Wigdis und Traugunde es, das viel zu lange Kleidungsstück durch Raffen und in Falten legen auf Theofried anzupassen.
Bärnbart hatte inzwischen den jüngsten der Wachmänner geweckt und in die Pläne eingeweiht. Merthold schien zwar nach wie vor überzeugt zu sein, dass es besser wäre in den Thronsaal einzudringen und den ehemaligen Baronet und nun womöglich rechtmäßigen Baron von Urkentrutz festzunehmen. Erneut entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen den Wachen über die Rechtmäßigkeit eines Einsatzes von Gewalt gegenüber dem Dienstherrn. Nur Theofrieds Besonnenheit und Überredungsgabe war es zu danken, dass sie schließlich doch übereinkamen zunächst zu versuchen, das Vertrauen des jungen Mannes zu gewinnen. Erst wenn geklärt war, ob die Baronin, ihr Gemahl und die Geweihte noch lebten, konnte die Frage nach der Schuld und das weitere Vorgehen entschieden werden.
Als nun um die Efferdstunde der Wachwechsel anstand, begaben sich die Wachen, Lyssandra und ihr als Akoluth verkleideter Vater in Richtung Thronsaal. Der Waffenknecht mit Namen Trauwald saß dösend auf einem Stuhl an der Tür. Als er die unbekannten oder zumindest unerwarteten Leute in der Begleitung seiner Waffenfreunde sah, prang er vom Stuhl auf und ergriff seine Hellebarde.
„He da! Wen bringt ihr denn da?“
Bärnbart, der älteste der Wachleute, hob beschwichtigend die Arme. „Alles gut, Trauwald. Wir kommen zur Wachablösung. Ich übernehme gleich, komm du einmal kurz näher, damit wir etwas besprechen können.“
Der immer noch misstrauisch dreinblickende Waffenknecht kam der Aufforderung nach. Im Schutz des Treppenhauses erklärte Bärnbart ihm den Plan und fragte nach besonderen Vorkommnissen.
Trauwald konnte nichts Außergewöhnliches berichten. So viel er durch das Schlüsselloch hatte beobachten können, saß Ingrold in einer Ecke, den Kopf der Geweihten auf seinen Schoß gebettet. Ab und an war seine Stimme leise zu vernehmen. Genaueres konnte Trauwald nicht sagen.
Nachdem der Plan soweit besprochen war, kopfte Bärnbart an die Thronsaaltür.
„Herr, die Magd Wigdis wird euch das Mittagessen bringen. Und sie hat jemanden mitgebracht. Es handelt sich um eine Botin, die eine Nachricht vom Traviatempel in Dorngrund und einen Akoluthen der Gebenden Göttin mitgebracht hat. Ich lasse Wigdis nun ein, wenn es genehm ist?“
Es kam keine Antwort, aber als Bärnbart die Türe soweit öffnete, so dass Wigdis hineinzuschlüpfen vermochte, konnten sie sehen, dass Ingrolm aufgestanden war. Leblos lag der Körper Mutter Marinads vor ihm am Boden. Die Kleidung und die Hände des jungen Mannes waren blutbesudelt.
Die Magd trat ein und trug das Tablett mit dem Suppenteller, einem neuen Becher und einem Krug mit frischem Wasser zur Tafel. Sie erkannte, dass der junge Baron das Frühstück nicht angerührt hatte. Nur Wasser schien er getrunken zu haben. Wigdis stellte das Tablett ab, räumte es um und blieb dann zu Ingrold gewandt stehen.
„Euer Hochgeboren, ich möchte Euch Besuch ankündigen. Eine Botin ist gekommen, sie möchte Euch Grüße Eures Mitbruders Liutgar ausrichten. Und weil der Heiler oder die Heilerin aus dem Perainetempel noch auf sich warten lässt, hat sie angeboten, euch die Hilfe des Akoluthen, der sie begleitet, anzubieten. Vielleicht kann er den Verletzten helfen. Darf ich sie beide einlassen?“
Der Hüne sah die Magd zunächst verständnislos an. Es schien als habe er zwar ihre Worte gehört, den Sinn aber nicht verstanden. Es dauerte eine Weile bis er einen Teil der Worte wiederholte.
„Liutgar? Oh wirklich?“ Er lief auf Wigdis zu. Dann aber blieb er plötzlich ruckartig wieder stehen. „Heiler? Welcher Heiler? Welche Heilerin? Ich habe nicht danach verlangt! Akoluth? Welcher Akoluth?“
Unsicher sah er Wigdis an, dann drehte er ab, ging in Kreisen zwischen der Tafel und dem Platz hin und her an dem er den Körper von Mutter Marinad abgelegt hatte. Der Boden rund um die offene Feuerstelle war blutverschmiert und die Magd erkannte, dass die Körper der Baronin und des Barons seit Tagen an genau den gleichen Plätzen lagen. Starr blickten die Augen des Nordmärkers Pirejus von Gortdingen zur Zimmerdecke. Das Weiße der Augäpfel war dunkelrot geädert. Wigdis vermeinte bereits den süßlichen Geruch der beginnenden Verwesung wahrzunehmen.
„Eure Mutter und ihr Gemahl und auch Hochwürden, Mutter Marinad, werden einen Heiler brauchen, Hochgeboren!“
Ingrold sah die Magd verständnislos an. „… einen Heiler…“ wiederholte er monoton. Er drehte sich zu den leblosen Körpern des Baronsehepaares um, dann wieder zurück. Keine Reaktion ließ sich in seinem Gesicht ablesen. Er hob die Schultern.
„Nun gut, wenn du meinst…“, sagt er und blieb mit hängenden Armen stehen. Ein hilfloser Riese.
Wigdis verbeugte sich leicht und ging zur Tür, um Lyssandra und ihren Vater hereinzuholen. Als sie die Tür zum Thronsaal öffnete, blickte sie in die erwartungsvollen Gesichter der Burgbewohner und der beiden Gäste.
„Ihr dürft eintreten“, sagte sie leise. Sie gab zudem Merthold ein Zeichen mitzukommen. Der junge Waffenknecht postierte im Thronsaal gleich neben der Tür.
Die blonde Magd ging erneut auf den jungen Baron zu. Sie winkte den Gästen ihr zu folgen. Lange blickte Ingrold nicht auf. Erst als alle stehen geblieben waren, Wigdis die Gäste vorstellte und Theofried und Lyssandra den Traviagruß aussprachen, sah er für einen kurzen Augenblick gleichgültig auf. Keine Reaktion, kein Erkennen, kein Versuch eine Kommunikation zu starten.
Lyssandra betrachtete Ingrold. Sie hatte Mitleid mit ihm. Eine empfindsame Seele war in diesem vollkommen unpassenden, überdimensionierten Körper gefangen. Nichts passte bei dem jungen Mann. Ein kluger Geist, doch keine Empathie. Eine empfindsame Seele, aber keine Möglichkeit sich mitzuteilen. Ein kräftiger Körper, aber grobschlächtig, so dass er die Kraft nicht koordiniert einsetzten konnte. Dazu im Grunde seines Wesens Sanftmut, aber das Fehlen der Kommunikationsmöglichkeiten, ließ Frustration und Aggression entstehen und so war es wohl auch zu dieser Katastrophe gekommen.
Dunkles, getrocknetes und verschmiertes Blut dominierte die Szenerie. Hände, Kleidung, sogar das Gesicht des jungen Barons waren blutverschmiert. Dazu hatte der Umstand, dass er die Tempelvorsteherin Mutter Marinad über Tage im Saal umhergezogen und getragen hatte, auf dem Boden ein abstraktes Kunstwerk aus blutigen Linien und Flächen hinterlassen. Vor allem der Boden vor der offenen Feuerstelle glich einem grausigen Gemälde in verschiedenen Rottönen auf den steinernen Platten, welche die Eichenbohlen, die den Thronsaalboden sonst bedeckten, vor Funkenflug schützen sollten.
Der analytische Blick der Ritterin machte sich ein Bild der Lage. Links von der Feuerstelle lag Mutter Marinad auf dem Rücken. Das Gesicht war zur Wand gedreht, doch nichts ließ vermuten, dass sie noch lebte. Die Beobachtung des Brustkorbs ließ keine Atembewegung erkennen. Direkt neben ihr lag ein blutverklebter Schürhaken. Das erhärtete die Vermutung, dass Wigdis Schilderung zutraf, die Geweihte sei unglücklich in das eiserne Werkzeug gefallen.
Rechts des offenen Kamins lag Pirejus von Gortdingen, den Kopf nach hinten überstreckt, die Augen weit geöffnet. Rote Skleren und ein starrer Blick, gepaart mit den dunkelvioletten Würgemalen am Hals, ließen keinen Zweifel, dass er erwürgt worden war. Nicht weit von ihm befand sich der Körper von Grimmwulf. Sie lag halb seitlich, halb auf dem Bauch, das Gesicht von ihnen abgewandt. Direkt neben ihr auf dem Boden der schwere Eichenholzstuhl, der sie zu Fall gebracht hatte. Unter ihrem Kopf und dem Oberkörper hatte sich eine dunkle Blutlache gebildet. Dass weißblonde Haar war rot gefärbt. Die Lage der beiden Körper und die Blutlache ließen erkennen, dass beide nicht bewegt worden waren.
Auch Theofried schien sich ein Bild der Lage gemacht zu haben. Er entschied, sich der einzigen Person zuzuwenden, die laut den Erzählungen der Magd vermutlich nicht sofort tot gewesen war – Mutter Marinad.
„Euer Hochgeboren, soll ich versuchen Mutter Marinad mit einem Segen der Gütigen Mutter zu helfen? Ich bin nur ein bescheidener Helfer der Heiligen Mutter, doch will ich nichts unversucht lassen, um ihr Leben zu retten.“
Ingrold reagierte nicht. Er stand mit hängenden Armen und hängendem Kopf zwischen Feuerstelle und Tafel und rührte sich nicht. Es war nicht einmal ersichtlich, ob er verstanden hatte, was Theofried zu ihm gesagt hatte. Der Finsterborner entschied, die fehlende Ablehnung als Zustimmung zu deuten und macht sich auf dem Weg zu der Traviageweihten.
Er ging steif und mühsam in die Knie und legte eine Hand auf den Brustkorb der Tempelvorsteherin von Dorngrund. Ingrold drehte sich nun auch um und sah zu, was der angebliche Akoluth, der ihm als Bruder Travianus vorgestellt worden war, tat. Zunächst blieb er ruhig, dann aber, als Theofried den Kopf der Geweihten zu sich drehen wollte, konnte Lyssandra eine Veränderung bemerken. Alle Muskeln seines Körpers schienen sich anzuspannen. Und in dem Moment in dem Theofried Mutter Marinads Kopf hochhob, schrie Ingrold auf.
„Hör sofort auf damit! Du tust ihr doch weh! Siehst du das nicht?“
In wenigen, großen Schritten war der junge Baron bei dem Finsterborner. Er riss den erschrockenen Junker an der Schulter zurück, so dass ihm der Kopf der Traviageweihten entglitt und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Steinboden auftraf. Das Geräusch setzte eine Kettenreaktion in Gang. Es war als ginge ein Schauer durch den jungen Mann, er zuckte zusammen, ballte die Fäuste und zog den alten Mann grob in die Höhe. Mit unerwarteter Heftigkeit stieß Ingrold Theofried von sich. Der Finsterborner krachte, von der Heftigkeit des Ausbruchs überrascht gegen die Thronsaalwand. Schulter und Kopf stießen schmerzhaft an. Stöhnend sank der alte Junker in sich zusammen.
Lyssandra zog den Dolch. „Haltet ein, Hochgeboren!“
Der Aufschrei des Barons und der Aggressionsausbruch, der darauffolgte, rief auch den Waffenknecht Merthold auf den Plan. Er näherte sich unsicher mit der Hellebarde im Anschlag. In diesem Augenblick flog die Tür auf. Bärnbart und Trauwald stürmten herein. Hinter ihnen standen die Hausdame und weiteres Gesinde des Baronshaushaltes und sahen neugierig zu was sich im Thronsaal tat.
Ingrold zitterte. Er sah sich hektisch nach einem Ausweg um. Hinter sich hatte er nur die Wand mit dem Kaminfeuer, vor sich den Raum mit der Tafel, der sich langsam mit Menschen füllte. Direkt vor ihm stand die Ritterin aus der Schwarzen Au, die den Dolch gezückt hatte und vom Ende des Raumes die langsam vorrückenden Wachen.
Theofried bewegte sich stöhnend und versuchte wieder auf die Beine zu kommen, als ein Ruck durch den jungen Baron ging. Er drehte sich zu der am Boden liegenden Geweihten um und rief mit ungewohnt zärtlicher Stimme. „Halte aus, Mutter! Ich hole Hilfe!“
Die langen Beine ermöglichten es dem Hartenauer in wenigen Schritten zwischen Lyssandra und ihrem Vater hindurchzulaufen. Dabei versetzte er Theofried, der noch liegend nach dem Fuß des Flüchtenden angelte, einen Tritt gegen den Kopf. Dieses Mal sank der Junker ohne einen weiteren Laut bewusstlos auf den Boden. Und ehe sich die Anwesenden versahen, hechtete Ingold mit einem Kopfsprung durch das geöffnete Fenster.
Ein vielmündiger Aufschrei des Entsetzens füllte den Thronsaal. Dieser und die wuchtigen Mauern des Pallas dämpften das Geräusch des Aufpralls auf dem Innenhof der Burg.
Die Finsterbornerin wechselte Blicke mit den Wachleuten. Bärnbart war der erste, der die Fassung wiedergewann. „Kümmert Ihr Euch um Euren Vater, wir sehen nach dem Baron!“
Gefolgt von Wigdis und einigen der Burgbewohner beeilten sich die Wachen in den Hof zu kommen.
Lyssandra kniete sich neben ihren Vater. Sie hob seinen Kopf an und tätschelte sacht seine Wangen. „Vater? Vater!“, rief sie mit ängstlichem Unterton.
Sie legte die Hand auf seinen Brustkorb. Trotz der Aufregung konnte sie sachte Atembewegungen spüren. Erleichtert bettete sie den Kopf ihres Vaters auf ihren Schoß. Sie tätschelte weiter seine Wange. Nach einer gefühlten Ewigkeit schlug Theofried von Finsterborn seine Augen. Verwirrt sah er seine Älteste an.
„Alles in Ordnung, Vater? Hast du Schmerzen?“, kam ihre sorgenvolle Frage.
„Soweit ich das im Augenblick beurteilen kann, bin ich noch nicht in den zwölfgöttlichen Paradiesen“, erwiderte der Junker trocken. „Was ist passiert?“
Unterdessen rannten die Burgbewohner die enge Wendeltreppe hinunter und auf den Hof hinaus. Umringt von weiteren Burgbewohnern lag der junge Baron leblos auf dem gekiesten Boden unterhalb des Fensters. Eine abnorme Körperhaltung ließ vermuten, dass Ingrold von Hartenau den Fenstersturz nicht überlebt hatte. Bärnbart verschaffte sich Platz.
„Hochgeboren! Hochgeboren! Sagt doch was!“, schrie er aufgeregt und kniete sich nieder. Blut rann aus Ingrolds Mund und Nase. Der Hartenauer lag bäuchlings, den rechten Arm unter dem Körper begraben, die Wirbelsäule verdreht. Die Augen starrten ins Leere. Hilflos sah sich der älteste der Wächter um. „Verflucht! Wo bleibt denn der Heiler, nach dem geschickt wurde?“
Der alte Pferdeknecht, der mehr Erfahrung mit den Tieren denn den Menschen hatte, kniete sich neben den jungen Mann und hielt seine Hand vor dessen Mund. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. „Es tut mir leid, dass zu sagen, aber der braucht keinen Heiler mehr.“
Als Lyssandra ihren Vater auf einen der Stühle an die Tafel gesetzt und seine Platzwunde mit einem Verband notdürftig versorgt hatte, bat sie Traugunde darum, bei ihm zu bleiben und machte sich ebenfalls auf den Weg in den Hof.
An der Tatenlosigkeit und dem betretenen Schweigen der Burgbewohner, die sich um den jungen Baron versammelt hatten, erkannte die Ritterin aus der Schwarzen Au, dass für Ingrold offenbar jede Hilfe zu spät kam. Bereitwillig ließen die Umstehenden sie passieren. Lyssandra kniete sich zu Bärnbart. Er schüttelte traurig den Kopf.
Seufzend überprüfte auch die Finsterbornerin den verdreht liegenden Körper auf Lebenszeichen. Vergebens. Resigniert erhob sie sich.
„Es tut mir leid, dass ihr alle Zeugen einer großen Katastrophe werden musstet. Ich kann die Tragweite dieses Dramas noch gar nicht fassen und wahrscheinlich geht es euch ähnlich.“
Die meisten um sie herum nickten bestätigend.
„Ich denke, das Beste wird sein, wenn wir die Toten bergen, waschen und aufbahren. Sie sollen alsbald möglich ein borongefälliges Begräbnis erhalten. Außerdem hoffe ich sehr, dass Ritter Ludopoldt bald kommt und vorübergehend die Verwaltung der Baronie übernimmt, bis die Gräfin informiert ist und eine Entscheidung über das Lehen gefällt hat. Sie muss sofort informiert werden!“
Auch bei diesen Aussagen erhielt die Ritterin Zuspruch. Sie gab die notwendigen Anweisungen für das Gesinde und kehrte dann zu ihrem Vater zurück. Der saß, noch immer reichlich blass um die Nase, an der langen Tafel. Dorntrud, die Köchin, hatte ihm einen heißen Kräutertee gebracht.
Als Lyssandra sich einen Stuhl nahm und sich niederließ, hob er den Kopf.
„Ich vermute, er ist tot?“
Die älteste der Kinder des Finsterborners nickte. „Ja, er hat den Fenstersturz nicht überlebt. Was für eine tragische Entwicklung! Innerhalb weniger Tage wurde die gesamte Familie ausgelöscht.“
Traurig schüttelte der Vater das graue Haupt. „Wieder eine alte Familie für immer ausgelöscht…wieder ein Wappen weniger in den Reihen derjenigen, die das Schild des Reiches halten. Hoffentlich können die Übrigen das übernehmen und noch mehr wünschte ich, dass andere nachrücken und die Lücke füllen! Er seufzte tief. „Wirklich kaum zu fassen! Wir müssen die Gräfin informieren. Und bis Ludopoldt wieder zurück ist, sollten wir hierbleiben und dafür sorgen, dass die Toten bestattet werden. Hast du schon herausgefunden ob es hier eine Gruft oder Grabkapelle gibt?“
Lyssandra schüttelte den Kopf. „Die drei Leichen sind in keinem guten Zustand mehr. Viel mehr als eine Nacht mit Totenwache sollten wir sie nicht mehr hier in der Burg halten. Ich bin dafür morgen die Beerdigung oder Verbrennung zu organisieren. Sollen wir die Bewohner von Urkenfurt informieren oder lieber die Rückkehr Ludopoldts abwarten? Es könnte seltsam anmuten, wenn wir, die wir keine Urkenfurter sind, diese Verkündung übernehmen.“
Der Vater reagierte zunächst nicht. Lyssandra wartete auf eine Antwort, doch war sie sich nicht sicher, ob der Vater die Frage überhaupt richtig verstanden hatte. Er wirkte abwesend. Nach einer Weile aber atmete er tief ein.
„Ich überlasse die Entscheidung dir. Du übernimmst das alles, nicht wahr? Ludopoldt wird sicher bald kommen. Entschuldige, Liebes, aber ich habe starke Kopfschmerzen. Ich würde mich gerne hinlegen.“
„Selbstverständlich, Vater. Das war alles etwas viel für dich.“
Sie drehte sich zu einer Magd um, die sich im Hintergrund hielt.
„Kannst du bitte Traugunde Plötzenbühler rufen? Sie soll meinem Vater und mir ein Zimmer herrichten. Wir bleiben über Nacht hier auf der Burg. Und wir brauchen jemanden, der unsere Sachen vom „Brückenwirt“ holt und auf die Burg bringt.“
Die Magd nickte und machte sich eilig daran, die Aufträge zu erfüllen.
Theofried lächelte seine Tochter erschöpft an. „Du hast alles sehr gut im Griff, Lyssandra. Ich bin stolz auf dich! Du hattest die richtige Spürnase und die Geduld und Hartnäckigkeit, der Sache auf den Grund zu gehen.“
Seine Hand griff über den Tisch hinweg nach der seiner Ältesten und drückte sie. „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass die Mütter und Väter in Urkentrutz wieder ruhig schlafen können! Wir sollten es sie möglichst bald wissen lassen. So verhängnisvoll und tragisch das Ende der Hartenaus auch anmutet, es ist für alle Beteiligten gut so, wie es gekommen ist.“
Lyssandra pflichtete ihrem Vater bei. „Da hast du recht. Grimmwulf musste weder ihren Sohn der Gerichtsbarkeit ausliefern noch Schande auf sich und den Namen ihrer Familie laden. Sicherlich hätte sie sich ein anderes Ende gewünscht, aber wenn man es genau betrachtet, ist das vielleicht die einzige Möglichkeit, dass sie alle in Boron ihre Ruhe finden.“
Der alte Junker nickte schweigend.
Seine Tochter fuhr mit einer Überlegung fort. „Ich denke, wir sollten die wahre Geschichte nicht an die große Glocke hängen. Sie wird ohnehin irgendwie den Weg nach draußen finden. Die Gräfin soll die ganze Wahrheit erfahren und dann entscheiden wie offen man mit der Schuld der Familie umgeht. Wir lassen in Urkenfurt nur verkünden, dass es eine unglückliche Unfallserie auf der Burg gegeben hat, der die Baronsfamilie und die Geweihte Mutter Marinad zum Opfer gefallen sind. Von der Schuld Ingrolds an den Mädchenmorden sagen wir nichts. Und wir lassen, vielleicht mit einem gewissen Abstand, zudem ausrufen, dass der Mädchenmörder aufgespürt und gestellt wurde und schließlich sein Leben ausgehaucht hat. Was denkst du?“
Theofried von Finsterborn stimmte seiner Tochter mit einem stillen Nicken zu. Er wirkte erschöpft. Zum Glück erschien in diesem Augenblick die Hausdame und half ihr den Vater auf das vorbereitete Zimmer zu bringen.