Totenwache
Burg Urkenfurt, Nacht vom 21. auf den 22. Boron 1043

Als die Dunkelheit über Burg Urkenfurt hereinbrach traf Lyssandra von Finsterborn vor der kleinen Burgkapelle, die der Göttin Peraine geweiht war, auf den Traviageweihten Bruder Domarion. Der stämmige, freundliche Mann nickte ihr schweigend zu.

Traugunde Plötzenbühler erschien als die Junkerin gerade in die Kapelle eintreten wollte. Sie trug einen langen schwarzen Fellumhang über dem Arm.
„Wartet, Wohlgeboren! Ich dachte, Ihr könnt diesen Umhang vielleicht brauchen heute Nacht. Draußen ist grimmiger Frost und auch in der Kapelle ist es kalt. Dieser Umhang gehörte der Baronin. Aber sie wird ihn nun nichtmehr brauchen und Euch mag er heute gute Dienste leisten.“

Lyssandra zeigte auf den Überwurf aus langhaarigem Ziegenfell, der über ihrem wollenen Reiterumhang lag. „Ich habe doch den hier“, sagte sie erklärend, aber die Hausdame schüttelte den Kopf.
„Der wird Euch nicht ausreichend wärmen. Glaubt mir!“

Mit einem dankbaren Lächeln nahm sie den angebotenen Umhang. „Hab Dank, Traugunde. Das ist sehr lieb von dir.“

Die Hausdame lächelte zurück. „Ich habe euch eine Kanne mit heißem Tee hineingestellt und sie in einen Eimer mit Sägespänen gepackt, damit der Tee länger warmhält. Becher stehen auch bereit.“

„Du denkst auch an alles!“ Die Junkerin war beeindruckt.

Bruder Domarion bedankte sich ebenfalls. Dann zog er die Tür zur Kapelle auf.
„Dann lasst uns eintreten“, forderte er Lyssandra auf.

 

Die Stille in der kleinen Burgkapelle war vollkommen. Zwei Fackeln erleuchteten den Raum. Eine Feuerschale sollte für erträgliche Bedingungen sorgen. Doch das war wirklich nur ein Funke auf den eiskalten Stein. Draußen waren die Temperaturen längst unter den Gefrierpunkt gesunken. Der Atem der Finsterbornerin bildete kleine Wölkchen vor ihren Nasenlöchern. Rechts des Eingangs stand der Eimer mit der Teekanne. Auch über ihm schwebte eine kleine Wolke. Zwei Becher luden zum Trunk ein.

Vor ihnen lag Theofried von Finsterborn, blass, mit leicht geöffnetem Mund, so wie Lyssandra ihn am Morgen vorgefunden hatte. Trotz der Leichenstarre war es gelungen dem Junker seine Kleidung anzuziehen. Er wirkte also durchaus feierlich, wie er so blass und starr dalag. Lyssandra hatte die Satteldecke ihres Pferdes geholt. Diese bedeckte den Körper des Junkers und repräsentierte die Farben und das Wappen der Finsterborner.

Bruder Domarion senkte den Kopf in stiller Ehrerbietung für Lyssandras Vater. Dann öffnete er die Hände nach oben und erbat den Segen der Eidmutter für den Verstorbenen.

„Gütige Mutter, gewähre gnädig der Seele von Theofried von Finsterborn einen sanften Übertritt in die Gefilde der Seligen, die zwölfgöttlichen Paradiese. Dein Bruder Boron schicke seinen Seelenvogel aus, Theofried über das Nirgendmeer zu geleiten, so dass wir dereinst alle wiedervereint an deiner Tafel speisen mögen.“

Domarion ließ die Arme sinken. „Ich werde noch einen Tee mit Euch trinken. Vielleicht möchtet Ihr Eure Trauer mit mir teilen?“

Er bedachte Lyssandra, die den Segen in Stille mit dem Geweihten teilte, mit einem Lächeln und ging zu der Teekanne, um sich einen Becher zu füllen.
Die Finsterbornerin tat es ihm gleich und dachte währenddessen über seine Worte nach. Wollte sie ihre Trauer mit ihm teilen? Sie fühlte noch gar keine Trauer. Zu ereignisreich waren die vergangenen Tage gewesen. Sie hatte das Gefühl noch keinen Augenblick zur Ruhe gekommen zu sein. Noch keinen Moment gehabt zu haben, in dem sie sich über ihre Gefühle klarwerden, in der sie den Verlust spüren konnte. Wie sollte sie da ihre Trauer teilen?

Mit dem Becher heißen Tee in den eiskalten Händen setzte sie sich in die vorderste der Bänke, den Blick auf ihren verstorbenen Vater gerichtet. Bruder Domarion setzte sich neben sie. Auch er wärmte seine Hände an dem heißen Getränk. Lange blieb sie still, beobachtete den leblosen Körper Theofrieds. Bilder tauchten auf. Bilder ihres Vaters als stattlicher Junker, der regelmäßig aufs Pferd stieg, seine Ländereien abritt und sich persönlich ein Bild machte. Sie sah ihn vor sich in Rüstung auf seinem Schlachtross, als er sich von ihrer Mutter verabschiedete um in eine Schlacht zu ziehen. Und sie erinnerte sich an zahllose Jagden, die sie mit ihm in den Auwäldern des Bingenbaches geritten war, wann immer sie zuhause war. Die letzten Bilder, die vor ihrem Auge auftauchten, zeigten ihn als alten, aber durchaus noch rüstigen Mann, der noch immer täglich über alle Neuigkeiten aus nah und fern unterrichtet werden wollte und auch die meisten Korrespondenzen, die das Gut betrafen, selbst machte. Er hatte ihr vertraut, ihr viele Aufgaben übertragen, aber dennoch nie die Zügel ganz aus der Hand gegeben. Mit einem liebevollen Lächeln bedachte sie die leere Hülle, die vor ihr aufgebahrt lag.

„Euer Gnaden,“ fing Lyssandra an. „Ist es schlimm, wenn ich noch keine Trauer empfinde? Ich empfinde Dankbarkeit und Liebe und da ist so ein bohrendes Gefühl in der Magengrube… undeutlich, aber nagend…“

Bruder Domarion nickte. „Das ist nicht ungewöhnlich. So früh nach dem Hinscheiden fühlt man den Verlust oft mit diesem körperlichen Gefühl im Bauch. Bis es vom Bauch in den Kopf wandert, dauert es ein wenig. Vielleicht kommt die Trauer heute Nacht, vielleicht morgen am Scheiterhaufen. Vielleicht auch erst, wenn ihr das heimische Gut betretet und die Gegenstände seht, die Ihr eindeutig mit Euren Vater in Verbindung bringt. Das löst dann oft die Trauer aus. Momente, die man gemeinsam geteilt hat, Gerüche oder Geräusche, die man mit dem geliebten Menschen in Verbindung bringt.“

Lyssandra nickte nachdenklich. „Das mag wohl so sein…“

Sie schwiegen wieder. Das Gespräch wanderte vom gemeinsamen Familienleben mit Theofried auf dem Junkergut über die Kinder wieder zurück zum Thema Tod. Lyssandra sprach vom Tod ihres Gemahls, der bei einem Steinsturz in einem Steinbruch der Langen Klamm ums Leben kam. Vollkommen unerwartet. Lyssandra war schwanger gewesen mit ihrer jüngsten Tochter Eylin. Wonnebolt liebte seine Kinder. Als sie sich kennengelernt hatten, war er Baumeister am Herzogenhof gewesen. Lyssandra, die nach ihrer Zeit im Horasreich eine gewisse Zeit bei der Herzoginmutter verbracht hatte, um die alte Dame über Neuigkeiten in ihrer alten Heimat zu informieren und zu erkunden, wo sie ihren zukünftigen Lebensmittelpunkt setzten wollte, hatte den ruhigen und sanften Wonnebolt sofort sympathisch gefunden. Sein Spezialgebiet war die Versorgung der herzoglichen Baustellen mit Baumaterial. Dabei hatte er ein tiefes Wissen über die verschiedenen Steinvorkommen im Herzogtum gesammelt. Da die Finsterbornerin im Lieblichen Feld ihrem Onkel Garis ya Papilio in der Verwaltung der Domäne Pertakis zur Hand gegangen war, wurde sie Wonnebolt zugeteilt, um ihm bei der Verwaltung der Steinbrüche und der Waldgebiete zu helfen, aus denen das Baumaterial für die Bauten des Herzogshofes stammten. Sie verbrachten viel Zeit miteinander und kamen sich näher. Als Lyssandra ihm dann erzählte, dass ihr Vater in einem Brief angedeutet hatte, dass er Ausschau nach einem Kandidaten für den Traviabund suchte, hielt Wonnebolt ganz offiziell um die Hand der Junkerstochter an.

Wahrscheinlich hätte sich Theofried von Finsterborn eine bessere Partie für seine Tochter gewünscht, einen Bund in Adelskreisen. Doch da Lyssandra ohnehin das Gut erben würde, kam er dem Wunsch seiner Ältesten nach und ließ sie den bürgerlichen Baumeister ehelichen. Beschenkt wurde er dafür mit einem munteren Familienleben. Einsam geworden, nach dem Tod seiner Frau Thalya, sehnte sich der Junker nach Gesellschaft. Die bekam er als Wonnebolt von der Herzogin die Erlaubnis bekam, sich zukünftig nur noch um die Steinbrüche zu kümmern. Das ermöglichte es ihm, vor allem in den Wintermonden häufiger Zeit bei seiner Familie in der Schwarzen Au zu verbringen. Im Sommerhalbjahr war er viel unterwegs, inspizierte die Steinbrüche und stellte die Beschaffungslisten für die Bauprojekte des Herzoghofs zusammen. 1027 BF erblickte ihr erstes Kind, die Tochter Minerva das Licht der Welt. Zwei Götterläufe später ein Sohn, Theofried. Der erstgeborene Sohn der Familie Finsterborn trug schließlich immer den Namen Theofried. Das Glück der kleinen Familie schien perfekt. Ihr Vater liebte das Kinderlachen und die Fröhlichkeit, die wieder ins Gut eingezogen war. Dann als Lyssandra erneut von Tsa gesegnet worden war, passierte das Unglück. Durch einen heftigen Gewitterschauer war der Fels unterspült worden und als Wonnebolt mit seinen Helfern die Qualität des abzubauenden Steines überprüfte, kam es zum verhängnisvollen Felssturz. Der Baumeister und seine Helfer wurden erschlagen oder von den Fels- und Erdmassen begraben. Lyssandra erhielt die Nachricht während sie mit den beiden Kindern und ihrem Vater am Teich vor dem Junkergut nach Fischen Ausschau hielt. Der Schock war groß, hatte sie doch nicht mit so einem frühen Tod ihres Gemahls gerechnet.

Ihr Blick fiel auf das Gesicht des Vaters als dem Geweihten davon erzählte.
Domarion hatte Verständnis. „Auch wenn Euer Vater ein alter Mann war, so konntet Ihr doch nicht mit seinem Tod hier in Urkenfurt rechnen. Ähnlich wie bei Eurem Gemahl.“

Die Finsterbornerin nickte. „Ja, aber es fühlt sich anders an. Bei meinem Vater weiß ich, dass er ein erfülltes Leben hatte. Auch wenn er noch immer voller Leben war, so wusste er doch, dass nicht mehr viel vor ihm lag. Er genoss jeden Tag mit seiner Familie. Wonnebolt liebte seine Kinder und freute sich mit mir auf das dritte Kind. Mich macht immer noch traurig, dass er sie nicht hat aufwachsen sehen.“

„Es freut mich zu hören, dass Euer Vater und Euer Gemahl so viel Freude an ihren Familien hatten. Das zeugt von einem traviagefälligen Leben. Ein gutes Vorbild für Eure Kinder. Ich will hoffen, dass sie ihr Leben ganz im Sinne der Eidmutter führen werden.“

Domarion segnete Lyssandra noch einmal im Namen Travias, dann überließ er ihr den Rest der Nacht mit der Totenwache.

Als der Geweihte gegangen war, schien auch jegliches Leben aus der Kapelle gewichen zu sein. Lyssandra lauschte auf jedes Geräusch. Zunächst blieb sie bei ihrem Vater stehen, sah ihm ins Gesicht. Sie vermeinte gar im flackernden Schein der Fackeln ein Zucken über seine Gesichtszüge huschen zu sehen. War er am Ende gar nicht tot? Lyssandras Herz machte einen Extraschlag.
„Vater?“, hauchte sie.

Prüfend legte sie ihre Hand über seine Nase und seinen Mund. War eine Atembewegung zu spüren?

Nein. Er atmete nicht. Lyssandra zog die Hand wieder zurück. Sie beobachtete die Wände im flackernden Licht. Die Kapelle war sehr einfach. Die Wände waren von innen gekalkt und im oberen Drittel umspannte ein Fries den Innenraum. Es bestand aus floralen Ranken von stilisierten Blättern und Blüten, dazwischen waren kleine Vögel zu sehen. An der Wand der Apsis prangte ein fliegender Storch. Auch sein Gefieder schien im Fackelschein lebendig zu werden. Es war fast als bewegten sich die Federn im Wind.

Sie senkte den Blick wieder auf das blasse, ruhige Gesicht des Vaters. Ob seine Seele schon über das Nirgendmeer geflogen war? Wusste er, dass sie bei ihm war?

Seufzend ließ sie sich wieder auf der Bank neben dem aufgebahrten Leichnam nieder. Die Einsamkeit kroch in ihr hoch. Die würde sie vermutlich bald noch stärker empfinden. Wenn sie erst auf das Junkergut zurückgekehrt war und neben dem Stuhl ihrer Mutter nun auch der des Vaters verwaist sein würde.
Lyssandra beschloss, die unverhoffte Gelegenheit der Stille zu einer spirituellen Innenschau zu nutzen. Boron war ihr nie nah gewesen. Wie die meisten Weidener fürchtete sie den Totenrichter und klammerte ihn so gut als möglich aus ihrem Leben aus. Doch war ihr von ihrer Mutter ganz deutlich zu verstehen gegeben worden, dass der Tod eben zum Leben gehörte. Thalya hatte immer gesagt, dass man die junge Göttin Tsa mit ihrer Lebenslust und Unbekümmertheit nicht ohne den Unausweichlichen mit seine tiefen Rätseln und der ewigen Stille bekam. Also gab sich Lyssandra ganz der Stille hin. Und nach einer anfänglichen Beklommenheit wich diese dem Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Ruhe, die Stille, die Gewissheit, dass sie diese Ruhe jederzeit in sich finden konnte. Sie spürte die Nähe ihres Vaters in der Stille. Es fühlte sich an als lege Theofried die Ruhe und Gelassenheit wie einen wärmenden Mantel um sie. Und auch wenn es wohl eher das Ziegenfell war, das ihr dieses wärmende Gefühl vermittelte, so nahm sie doch die Gewissheit aus dieser Nacht in spiritueller Kontemplation mit, dass sie jederzeit tief in sich diese Ruhe finden konnte und dort auch dem Ratschlag des Vaters nahe war. Hier tief in sich drin, war all das, was ihr der Vater an Werten vermittelt hatte, gesammelt und konnte jederzeit von ihr hervorgeholt werden. Es war ein gutes Gefühl. Und als die ersten rosigen Finger der morgendlichen Tsa den eiskalten Winterhimmel streichelten, verabschiedete sich Lyssandra von ihrem Vater.
Mit dem Gefühl des „In-sich-ruhens“ begrüßte die Finsterbornerin den neuen Tag in einem neuen Leben.