Was tun mit dem schwarzen Schaf?
Baronie Urkentrutz, Junkergut Schwarze Au, Hesinde 1028

Trotzig schob Ysilda die Unterlippe vor. Die 15 Sommer zählende Jüngste des Finsterborners ließ die Schimpftirade über sich ergehen. Sie wusste, dass sie das schwarze Schaf der Familie war, zumindest in den Augen ihres Vaters, des Junkers von der Schwarzen Au. Dabei war sie eigentlich eher ein sehr buntes Wesen. Ysilda liebte alle Farben des Regenbogens und kleidet sich entsprechend gerne bunt. Sie war äußerst kreativ, stellte ihre Kleidung immer neu zusammen und setzte sich auch mal mit der Zofe Anci hin, um ein Stück umzuarbeiten oder gar neu zu schneidern. Doch dafür hatte der Vater kein Verständnis. Er hatte schon schwer geschluckt als er realisierte, dass aus ihr niemals eine Ritterin würde. Dass sie aber bereits die zweite Lehre bei einem Künstler aufgab, war zu viel für ihn.

Einen halben Götterlauf hatte sie sich als Schriftmalerin versucht und anfangs hatte ihr die Tätigkeit wirklich Freude gemacht. Dann aber langweilte es sie immer die gleichen Initialen, dieselben Buchstaben zu malen - kein Bisschen Kreativität. Wenn sie versuchte die Anfangsbuchstaben einer Seite mit floralen Motiven oder gar einer Arabeske zu verzieren bekam sie von ihrem Lehrmeister Schelte. Er hatte kein Verständnis für Ihre ausufernde Phantasie, die in dem B eine Seenlandschaft sah, in der Wasservögel ihre Kreise zogen.

In der Nacht als Ysilda ihre Sachen packte, um ihren Lehrmeister zu verlassen, malte sie eine Karikatur von ihm, die einem fratzenhaften Baum glich der seine Äste gleich Krakenarmen um die Arme Schülerin wand und sie zu erdrücken schien. Einer der Äste ragte steil empor. Er trug den Stecken, mit dem jeder Fehler bestraft wurde.

Nur mit Mühe hatte der Vater nach diesem Rückschlag einen Bildhauer in Baliho dazu bewegen können, es mit ihr zu versuchen. Das Experiment war nun, nach nur 5 Monden, jämmerlich gescheitert. Die Schwere der Arbeit, die Blasen an den Händen und die Aussicht darauf irgendwann mehr Armmuskeln zu haben als eine Ritterin schreckten die 15jährige derartig ab, dass sie Hals über Kopf ihr Bündel packte und in die Schwarze Au zurückkehrte.

Da stand sie nun und hörte sich an was sie für ein missratener Spross am starken Zweig der Finsterborns doch war. Wie immer wurde sie mit Lyssandra und Horatio, ihren Geschwistern, verglichen. Wie sehr sie das hasste! War sie doch ein Individuum, einzigartig und nicht vergleichbar!

Lyssandra war nun auch diejenige, die der Vater zum Gespräch hinzugezogen hatte. Sie war nach der Niederkunft mit ihrer ersten Tochter Minerva mit Mann und Kind auf das väterlichen Gut zurückgekehrt. Während ihr Gemahl Wonnebolt nur selten da war, da er im Auftrag der Herzogin Steinbrüche inspizierte und die Baumeister der Herrscherin in der Auswahl geeigneter Steine beriet, hatte sich Lyssandra in die Schwarze Au zurückgezogen. Sie widmete sich voll und ganz der Aufzucht ihrer Tochter und übernahm zudem noch einige verwalterische Aufgaben.

So hatte Lyssandra Schimpftiraden des Vaters zunächst zugehört ohne sich einzumischen. Nun, als Theofried geendet hatte und seine Älteste Beifall heischend um Bestätigung ersuchte, räusperte sie sich.

"Lieber Vater, ich möchte einen Vorschlag zur Güte machen. Wir beide wissen um Ysildas besondere Begabung und ihr künstlerisches Talent. Leider wird das in Weiden nicht so geschätzt wie anderswo. Ich möchte dich daran erinnern, dass die Liebfelder Familie meiner Mutter da ganz anders denkt und sich als Mäzene lokaler Künstler hervortut. Vielleicht wäre es ein gute Idee Kontakt zu den ya Papilios aufzunehmen. Ich erinnere mich an eine berühmte Künstlerin mit Namen Piara Collina, die in Shenilo ihr Atelier hat. Sie ist Malerin und Bildhauerin und gehört zu denjenigen, die von den ya Papilios gefördert werden. Im Landhaus in Montalto hängen einige Portraits von ihr. Ich schreibe Tante Alisa und Onkel Garis ob sie für Ysilda um einen der begehrten Ausbildungsplätze in der Kunstschule Collinas ansuchen können. Was hältst du davon, Vater?"

So schnell hatte die Älteste dem Vater den Wind aus den Segeln genommen. Einen kurzen Augenblick glaubte Lyssandra noch, der Vater würde da anknüpfen, wo er aufgehört hatte, bei dem schlechten Bild, das die Finsterborns abgaben, wenn bekannt würde, dass die jüngste Tochter nicht nur aus der Art geschlagen war, sondern auch noch so flatterhaft, dass sie es nicht mehr als einen Götterlauf bei einer Aufgabe aushielt und sobald sich die ersten Schwierigkeiten zeigten, das Schwert zu Boden warf. Doch sie täuschte sich. Fast beschlich sie die Erkenntnis, dass der schon mehr als 60 Winter zählende Junker, respektvoll zugestand, dass der Vorschlag seiner Ältesten eine bessere Lösung für die verfahrene Situation bedeutete. Man könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ysildas Neigungen und Begabungen würden gefördert und sie war weit weg von Weiden, für hoffentlich mehrere Götterläufe. Das konnte ihm in dieser besonders anstrengenden Phase nur guttun.

Also nickte Theofried. "Ja, frag mal an bei den ya Papilios. Wenn Ysilda einverstanden ist?"

Die Zornesfalte auf seiner Stirn ließ vermuten, dass er ein "Nein" nicht akzeptieren würde.

Ysilda nickte. Alleine die Vorstellung, Weiden für eine Weile verlassen zu können und etwas ganz Neues zu sehen und zu erleben genügte der 15jährigen. Was für eine Chance!

"Das wäre wunderbar!", sagte sie.

Lyssandra nickte zufrieden. "Dann will ich gleich mal einen Brief aufsetzen!"