Dramatis Personae
- Xabrasil
Hofmagus auf dem Aarkopf in Salthel - Osbirg Dohlenturm
Hofmedica auf dem Aarkopf in Salthel
Neulich in der Sichelwacht: Pilzschleim und Einhornstaub
Feste Aarkopf, Grafenstadt Salthel, Anfang Efferd 1042 BF
Xabrasil hatte das Schauspiel, das sich ihm bot, zunächst noch mit wissenschaftlicher Neugier verfolgt. Daraus war aber recht schnell erst Konsternation und dann Besorgnis geworden. Ernsthafte Besorgnis. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass das, was Osbirg hier trieb, ein gutes Ende nehmen würde.
Leicht gehetzt ließ er den Blick zum wohl tausendsten Mal an diesem Tag durch das Labor der Satuarienstochter gleiten. Was man so Labor nannte. Oder vielmehr: Was sie so nannte. Er selbst wäre niemals auf den Gedanken gekommen, diese armselige Kammer mit einem derart vornehmen Namen zu belegen. Das schmuddelige Durcheinander, mit dem sich die wunderliche Alte umgab, löste ein nahezu körperliches Unwohlsein bei ihm aus.
Er konnte in dem Raum keines von den teuren Instrumenten entdecken, die ihm aus seinen eigenen Exkursionen ins Reich der Alchimie bekannt waren – keine Feinwaage, keine Kolben, Röhren oder Schalen. Dafür hingen Kräuter, Krötenbeine und Rabenschwingen von der Decke. Er sah auch keine Brenner oder wenigstens einen Ofen, stattdessen loderte Feuer in einem profanen Herd, auf dem ein einfacher, kupferner Kessel stand. Ein sehr kleiner. Der kleinste, den Osbirg besaß, weil das hier nur ein „Probedurchlauf“ sein sollte und sie „erstmal kein allzu großes Risiko“ eingehen wollte.
Kein Risiko.
Von wegen!
Xabrasil rümpfte die Nase, als er der Hexe dabei zusah, wie sie mit bloßen Fingern Ingredienzien in ihren blubbernden Sud hineinwarf. Keine Zange, keine Handschuhe, keine Schürze, nicht mal Bücher oder wenigstens ein paar eigene Kritzeleien, um nachzulesen, was und vor allem wie viel wovon in ihren merkwürdigen Trunk reingehörte.
Wenn das hier die höheren Weihen der satuarischen Alchimie sein sollten ... nein ... Braukunst! Im Anbetracht der traurigen Darbietung erschien ihm der Begriff Braukunst weit eher angemessen. Gleich wie: Es wäre ihm lieber gewesen, er hätte diese Katastrophe niemals bezeugen müssen. Es kam selten vor, dass er freiwillig auf Wissen verzichtete. Aber das hier war nun wirklich ... es war ... einfach ... sehr ernüchternd!
Sein Blick kehrte zur Herrin über dieses Chaos und zu ihrem Kessel zurück. Osbirg hatte zuletzt Einhornstaub und ein paar Rosenblätter in ihren Trank gerührt. Nun hielt sie ein Fragment ihres teuer errungenen Pilzschrat-Eis in den Händen und Xabrasil konnte einfach nicht anders, als Protest zu erheben. Es kam ihm wie Verschwendung vor, das gute Zeug in dieses zweifelsohne zum Scheitern verurteilte Experiment zu investieren.
„Osbirg“, hob er leise an, „Bist du dir sicher, da...“
„Pschhhhhht!“, zischte sie unwillig. „Ich muss mich konzentrieren!“
„Konzentrieren? Worauf denn bitte? Du wirfst doch einfach nur ganz ohne Maß und völlig willenlos Dinge in deinen Topf. Wie kann das Konzentration erfordern?“
„Kleingeistiger ... Kleingeistling“, schimpfte sie und maß ihn mit einem erbosten Blick. „Du wolltest wissen, wie ich es anstelle. Jetzt guck eben zu und halt den Rand. Ich kann im Moment keine blöden Kommentare von dir gebrauchen, Burschi!“
„Bevor du das da reinwirfst, warte bitte kurz!“, er hob beschwörend die Hände. „Lass uns noch mal darüber reden, ob wir so eine edle Ingredienz wirklich auf die Art opfern wollen? Ich meine, das, was du da zusammenrührst ... das ist ja bisher alles ganz unterhaltsam gewesen. Aber vom fachlichen Standpunkt aus betrachtet, muss ich schon sagen, dass ich so meine Zweifel an der Tauglichkeit dieses Versuchs habe. Deine Herangehensweise ist ... nun ja ... offen gesprochen etwas ... unortho...“
„Huuuum?“
Osbirg hob die Brauen. Halb fragend, halb belustigt. Und schob das Kinn vor, eindeutig herausfordernd, während sie die Hand mit dem Pilz-Ei-Teilchen theatralisch hob, nur um es dann demonstrativ von ganz weit oben in ihren Trank hinein plumpsen zu lassen.
Xabrasil verfolgte den Abgang der Zutat mit großer Bestürzung, verfolgte, wie sie eintauchte und unterging und die Blasen, die der Sud bislang schon geschlagen hatte, augenblicklich größer wurden. Er verfolgte, wie aus der rosafarbenen Flüssigkeit in atemberaubendem Tempo ein grünlich glimmendes Etwas wurde, das gleich darauf hell zu leuchten begann. Der Rosenduft verschwand und wurde durch etwas ersetzt das nach feuchter Erde roch. Nach Wald und ... Regen ... und ... Pilz?
Es zischte und blubberte wie wild. Als dann auch noch dunkellila Rauch aufzusteigen begann, ging Xabrasil vorsorglich in Deckung. Er duckte sich hinter das niedrige Regal, bei dem er gestanden hatte, während Osbirg blieb, wo sie war, und fasziniert auf ihr Werk blickte.
Keine gute Idee, wie sich gleich darauf erweisen sollte: Es gab eine Explosion!
Es krachte und pfiff und Xabrasil sah, wie der Sud im Kessel ein Eigenleben entwickelte. Einer giftgrünen Fontäne gleich schoss er aus dem Gefäß hervor und mitten ins Gesicht seiner ... Laborpartnerin hinein, weil die noch immer dämlich starrte, anstatt sich in Sicherheit zu bringen. Derweil spürte er das Nahen einer amtlichen Druckwelle, tauchte also rasch ganz hinter das Regal ab und wartete mit in der Armbeuge geborgenem Gesicht, bis der Lärm etwas nachließ.
„Osbirg?“, rief er dann leise, erhielt aber keine Antwort.
Sollte es sie etwas erwischt haben?
Das wäre wahrlich äußerst ungünstig gewesen, denn so chaotisch und ungebildet das Weib auch sein mochte: Es gab hier am Hof leider niemanden, der ihn in seinem Kampf um Erkenntnis besser unterstützen konnte!
Aus dem Grund erhob sich Xabrasil nach kurzem Zögern und wagte einen Blick in Richtung des Herds. Er sah aber nichts als lila Rauschschwaden – und eilte erstmal zum Fenster, um eine der nunmehr ohnehin gesplitterten Butzenglasscheiben ganz aufzustoßen, damit das Zeug möglichst ungestört entweichen konnte.
„Osbirg?!“, rief er dann erneut.
Diesmal erhielt er ein gequältes Stöhnen zur Antwort, warf seine Bedenken daher über Bord und trat todesmutig in den Qualm hinein, um nach der glücklosen Alchi... Brauerin zu suchen. Es dauerte einen Moment, bis er ihre zusammengekrümmte Gestalt in einem Berg aus rußschwarzen Tonscherben, verbogenem Kupfer, zerfetzten Kräutern, glosenden Rabenfedern und grünen Schleimspritzern ausmachen konnte.
„Hey“, gurrte er und berührte sie vorsichtig an der Schulter. „Alles klar bei dir, altes Mädchen?“
„Ich glaub schon!“
„Gut“, erleichtert griff er zu, um Osbirg auf die Beine zu helfen, konnte aber nicht anders, als dabei zu einer Tirade anzusetzen. Darüber, was er von dieser ganzen Sauerei hielt. „Ich habe versucht, dich zu warnen“, meinte Xabrasil tadelnd. „Dass das so nicht geht. Was ist das denn bitte für eine fahrlässige Herangehensweise, da einfach alles so ...“
Er hielt irritiert inne, als er des Gesichts der Satuarienstochter ansichtig wurde.
„Was zum ... ?“
Ungläubig blinzelnd nahm der Magus das mit einem Mal feuerrote Haar zur Kenntnis, das in wilden Locken wirr und leicht angesengt von ihrem Kopf abstand. Klare, bernsteinfarbene Augen, in denen unverkennbar Enttäuschung und Ärger loderten. Eine große, kühn geschwungene Nase. Schnabelartig. Die glatte, faltenlose Haut. Die Kraft und Eleganz ihrer Bewegung, als sie seine Hand entschieden von ihrem Arm klaubte.
Faszinierend!
Vor ihm stand eine Frau ... Mitte 20, schätzungsweise. Keine klassische Schönheit, aber in all ihrer herben Pracht do...
„So ein Scheiß!“, fluchte sie los. Die Stimme viel weniger knarzig, dafür aber deutlich energischer als gerade eben noch. „Das darf doch alles nicht wahr sein, Mann! Habe ich dir nicht gesagt, dass ich mich konzentrieren muss und dass du mich nicht stören sollst? Verflucht und verdammt! Ich könnt dich so! Das ist doch immer das Gleiche mi...“
„Osbirg ...“
„Was? Was ist?“ Sie hielt kurz inne und runzelte die Stirn. „Was glotzt du so, hä? Habe ich mir die Nase weggesprengt, oder was?“ Sie griff an ihren Zinken, als wolle sie sich versichern, dass er wirklich noch da war und fragte dann erneut: „Was ist denn los?“
„Kann es sein, dass du in jungen Jahren ein ganz schönes Geschoss warst, meine Liebe?“
„Geschoss? Was soll das denn bitte heißen, hä? Ist das etwa wieder irgendeine von deinen dämlichen Anspielungen auf mei...“
„Schlank und biegsam und irgendwie ziemlich ... scharf?“
„Scharf? Sag mal ... spinnst du?“
„Dazu würde ich normalerweise klar ‚Nein‘ sagen, aber gerade kommt es mir schon ein bisschen so vor“, meinte Xabrasil breit grinsend.
Er sah sich suchend um, klaubte schließlich den verbogenen Kupferkessel vom Boden auf und polierte die Oberfläche kurzentschlossen mit dem Ärmel seiner Robe, weil er ihr das Ding als eine Art Spiegel anreichen wollte, damit sie sich selbst bewundern konnte.
Das galt jedenfalls bis zu dem Moment, in dem er den Blick wieder auf die Hexe richtete und sie noch mal zehn Jahre jünger wirkte als gerade eben: deutlich kleiner, mit Feenküsschen im Gesicht und nicht ansatzweise imstande, die Kleidung auszufüllen, die sie trug. Dass sie ihn für einen Lüstling hielt, dessen Interesse Kindern galt, wollte er eigentlich nicht riskieren und den Kessel daher außer Reichweite bringen – aber sie war schneller als er.
Osbirg riss ihm das Teil aus den Händen und warf einen interessierten Blick auf ihr Gesicht.
„Das sah eben noch nicht so aus!“, versicherte Xabrasil hastig. „Du scheinst dich weiter zu verjüngen. Bleibt zu hoffen, dass das jetzt irgendwann mal aufhört, sonst ...“
„Wisse, dass dieser Trank nur eine vorübergehende Wirkung entfaltet“, stieß sie mindestens ebenso hastig hervor, offensichtlich schwer besorgt, dass ihr nicht viel Zeit blieb. „Wenn ich gleich nicht mehr in der Lage sein sollte, klar zu denken: Das hält höchstens ein paar Tage an. Hoffentlich ... !“
„Hoffentlich? Im Ernst jetzt?“
Osbirg hob resigniert die Schultern – und er sah mit fassungslosem Staunen dabei zu, wie sie weiter schrumpfte. Sich verjüngte und verjüngte, bis es nicht mehr viel zu verjüngen gab. Das war einerseits spektakulär und ungemein spannend. Andererseits aber auch ...
Was für ein grauenhaftes Malheur!
Als wenig später zwei völlig aufgelöste Burgwachen in das Turmzimmer stürmten, sich mit furchtsamen Blicken umsahen, die Hände über den Köpfen zusammenschlugen und fragten, was denn hier bitte geschehen sei, wo Osbirg stecke und ob es ihm gutgehe, konnte Xabrasil sich ein hysterisches Lachen nur mit Mühe verkneifen.
Er hielt ein Mini-Hexlein von vielleicht zwei Jahren auf dem Arm, das ziemlich dämlich aus der Wäsche guckte und offensichtlich nicht mal ansatzweise begriff, was um es herum geschah. Xabrasil blieb nichts anderes übrig, als die Gardisten mit magischen Mitteln davon abzuhalten, weitere Fragen zu stellen. Um die Schadensbegrenzung würde sich der Graf später selbst kümmern müssen, dazu blieb ihm jetzt keine Zeit.
Er machte sich – mit Osbirg im Gepäck – eiligst aus dem Staub.
Querverweise: Neulich in der Sichelwacht: Staub und Grünzeug, Neulich in der Sichelwacht: Tee und Träume