Letzter Tag des Praios 1047 BF; 
Junkergut Wolfspfort; Gräflich Reichsend; Herzogtum Weiden

Dramatis Personae:
Anshold von Erlbrück, Junker von Wolfspfort
Gerwulf von Obertobel, sein Knappe
Thorolf Freidank, Haushofmeister, Scriptor und Kämmerer von Wolfspfort
Eldora von Erlbrück, die Tochter des Hauses
Bärfried aus Meizenich, ein Knecht

Staub tanzte im fahlen Licht der Fenster, während die Zeit in der großen Halle des Gutes zäh wie Pech verstrich. Anshold von Erlbrück beobachtete seinen Knappen aus den Augenwinkeln. Fast hatte der Junker ein wenig Mitleid mit dem Jungen, der sich einer besonderen Herausforderung stellte. Thorolf Freidank, seines Zeichens Haushofmeister und Scriptor des Gutes, hatte ihn in seine Fänge bekommen und zwang ihn nun durch die Feinheiten der Deklinationen des Bosparano. 

"Das Heer?"

"Exercitus?"

"Ist das eine Frage oder eine Antwort?"

"Exercitus"

"Genitiv?"

"Exerciti"

"BEI DEN ZWÖLFEN! Dass ist doch eine u- und keine o-Deklination! Willst du die Orks später mit falschen Kasus zu Tode langweilen?"

Schnell hob der Ritter seinen hölzernen Becher und verbarg ein Lächeln dahinter, erinnerte ihn dieser Dialog doch an seine eigenen Schritte in dieser toten Sprache. Während der Knappe sich weiterhin auf seiner linguistischen Folterbank wand, widmete sich der alte Junker wieder den endlosen Einkaufslisten, die ihm Thorolf vorgelegt hatte. Kornpreise, Hufbeschlag, Instandsetzung der Palisaden – das tägliche Brot eines Kriegers der Wacht. Warum sollte der Junge alleine leiden?

Die Rettung kam in Gestalt von Eldora. Seine Tochter steckte den Kopf durch die schwere Eichentür, ihre Züge ernster als gewöhnlich. „Ein Bote, Vater. Aus dem Osten.“ Ein Bote bedeutete in der Trutz fast nie etwas Gutes, aber aus den Listen seines Kämmerers gerissen zu werden, war auf jeden Fall ein Segen.

Der Bote, der eintrat, wirkte gepflegt, aber irgendwie … abgerissen. Die Säume an Beinen und Armen waren ausgefranst und die Stiefel, nun ja, immerhin trug er Fußwickel. Er verbeugte sich kurz vor dem Ritter, aber da sprang Gerwulf bereits auf.

"Bärfried?" rief er dem Boten zu, "was bringt Dich her? Ist zu Hause alles in Ordnung?"

Entschuldigend wandte er sich an den Ritter: "Bärfried kommt aus Meizenich. Aber das ist ein Fußmarsch von fast einem Monat," er wandte sich wieder dem Knecht zu, "den Du bestimmt nicht ohne Grund auf Dich genommen hast?"

"Genaugenommen hat mir die Herrin ein gutes Pferd gegeben, das weite Strecken schafft. Und ich habe mir nicht erlaubt, lange zu rasten. So sind es nurmehr keine drei Wochen", er zögerte kurz, "aber in der Tat komme ich nicht ohne Grund. Der Herr ist sehr krank und die Herrin schickt mich. Ihr sollt heimkehren."

"Aber was fehlt ihm denn?" Gerwulfs Stimme zitterte.

Bärfried schüttelte den Kopf, Schweißperlen rannen in seinen Bart. „Wir wissen es nicht. Selbst die edle Gwynna ist ratlos. Er wird schwächer, das Fieber zehrt ihn auf. Und wenn er hustet ... ist da Blut. Viel Blut. Nichts, was die Geweihte an Tinkturen braut, schlägt an.“

Als Gerwulf Anshold anschaute, lag etwas Flehendes in seinem Blick. Nicht mal mehr ein Jahr vor seiner Schwertleite, war ihm klar, dass er noch einiges lernen musste und er konnte sich kaum vorstellen, dass der alte Ritter seine Pflicht, ihn auszubilden vernachlässigen und ihn ziehen lassen würde. Aber er musste zu seinem Vater. Dass selbst seine Schwester Gwynna, eine Geweihte der Peraine, offenbar keinen Rat wusste, machte ihm eine fürchterliche Angst.

Den alten Ritter hingegen bewegten ganz andere Gedanken. Offenbar war der listige Gott heute wirklich mit ihm. In den letzten Monaten hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass die Orks aggressiver wurden - sofern so etwas überhaupt möglich war. Man musste dem Böcklin lassen, dass er die Situation richtig erkannt hatte und versucht hatte, den Kampf zu den Schwarzpelzen zu tragen. Dass er dabei umgekommen war, war ein Unglück gewesen. Anders als er, würde Anshold sich dem Willen des Grafen natürlich nicht widersetzen, gleichwohl fühlte er, dass die Schwarzpelze nicht mehr ruhten. Da lag etwas in der Luft. Und wenn er ehrlich war, wollte er den Jungen nicht in der Nähe haben, wenn er Recht hätte. 

„Nun“, setzte Anshold an und seine Stimme klang tiefer, autoritärer. „Es ist eine unglückliche Zeit. Die Schwarzpelze rühren sich und jeder Arm wird gebraucht.“ Er sah, wie Gerwulf zusammenzuckte, die Hoffnung in seinen Augen erlosch.

„Aber“, fuhr Anshold fort, „ich predige stets, dass die Familie das Fundament unseres Standes ist. Nur die Pflicht gegenüber dem Reich steht darüber. Und derzeit, Gerwulf, hast Du keine andere Pflicht, die nicht aufzuschieben wäre.“

Die Erleichterung im Gesicht des Knappen war fast schmerzhaft mitanzusehen.

"Sicherlich wird Dich Deine Abwesenheit zurückwerfen. Aber Schwertkampf zu trainieren, ist kein Grund die Familie zu vernachlässigen. Und damit Thorolf nicht umsonst graue Haare bekommen hat: Der Bosparano-Almanach wandert in deine Satteltasche. Jeden Abend wirst du lernen.“

Gerwulf nickte eifrig, bereit, selbst die ganze Bibliothek mitzuschleppen.

"Du wirst bald ein Ritter sein, also musst Du Dich an das Gewicht der Rüstung auch auf Reisen gewöhnen. Während Deines Ritts wirst Du das Kettenhemd tragen und das Schwert an Deiner Seite." Das war eine lösbare Herausforderung und der Knappe nickte eifrig.

"Und damit man mir nicht nachsagen kann, dass ich mich nicht um Deine Ausbildung kümmere, wirst Du während Deines Rittes Tagebuch führen. Dein Knecht und Du, ihr werdet jeden Abend bei den Edlen auf Eurem Weg einkehren. Grüßt sie von mir, aber vor allem lass Dir von ihnen berichten, wie sie ihre Wacht wahrnehmen. Lass Dir ihre Wehren beschreiben. Ihre Landknechte. Lass Dir erklären, wie sie ihre Güter verteidigen und schreibe jeden Abend einen kleinen Bericht in dein Buch, was Du gelernt hast und wie Du gedenkst, es später anzuwenden, wenn Du Dein eigenes Gut führst."

Gerwulf knabberte auf seiner Unterlippe. Das war eine knifflige Aufgabe für ihn, aber Anshold sah, wie er das Problem in seinem Kopf bereits wälzte und überlegte, welches Gut er auf seiner Reise besuchen würde.

Anshold warf Gerwulf und dem Knecht einen Blick zu. "Reitet über Reichsend. Besucht seine Wohlgeboren Tiro von Gernbach. Und vor allem Tiras. Fangt bei ihm an und lasst Euch berichten, was er bei mir gelernt hat. Und vor allem, grüße Deinen Schwertbruder besonders herzlich von mir."

"Zuletzt", er wusste, dass dies die schwerste seiner Forderungen war, "musst Du Dich eilen und schon am ersten Tag des Travia wieder hier sein." Er sah, wie Gerwulf schluckte. Mit den Reisezeiten bedeutete das nur wenige Wochen bei seinem Vater. Aber hier blieb Anshold eisern. Hier rief die Pflicht. "Du weißt, dass Prinz Arlan von Löwenhaupt zu seiner Hochzeit geladen hat. Und ich gedenke, seiner Einladung zu folgen und sowohl Eldora als auch Dich an meiner Seite zu wissen. Diese Einladung ist eine besondere Ehre für uns. Und Du wirst auf diesem Fest Deine Pflicht tun."

Gerwulf zögerte nur kurz. Dann nickte er ernst und Anshold wusste, dass er sich an diese Regeln und Aufgaben halten würde.

Er guckte aus dem Fenster wo die Praiosscheibe ihren Weg fast vollendet hatte. Heute Abend würden die beiden nicht mehr losreiten. Sie würden gemeinsam speisen und die Reise vorbereiten, so dass der Junge gleich morgen früh los könnte. Er hatte den Jungen weggeschickt, um ihn zu retten – und ihm gleichzeitig die Last eines Mannes aufgebürdet.

„Möge Peraine deinem Vater gnädig sein, Gerwulf“, murmelte er in die Leere. „Denn Travia wird uns dieses Jahr keinen Frieden bringen.“


Ronda 1047 BF; Herzogtum Weiden

Dramatis Personae:
Gerwulf von Obertobel, Knappe
Tiras von Gernbach, Vogt von gräfllich Reichsend
Bärfried aus Meizenich, ein Knecht

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als Gerwulf bereits das Pferd fertig machte. Neben ihm tat Bärfried es ihm gleich. Wie vom Junker gefordert, trug der Knappe bereits Waffenrock und Kettenhemd und sein Kurzschwert schlug bei jedem Schritt an sein Bein. Noch am gestrigen Abend hatte Anshold von Erlbrück den Grünen Waidmann besucht und bei dem alten Rangolf alle Wegerationen geholt, die der Wirt ihm machen konnte. So waren die Satteltaschen der beiden Reisenden mit Essen gefüllt. Auf jedem Sattel fand sich ein kleines Fass mit Dünnbier unter den Decken. Anshold hatte drauf bestanden, dass der Knappe Decken auf den Sattel schnallte und Bärfried das passende Zelt. Gleichwohl hoffte Gerwulf, nicht unter freiem Himmel nächtigen zu müssen.

Als das erste Tageslicht sich zeigte, verabschiedete er sich von seinem Schwertvater.

"Habt Dank, dass ich reiten darf. Ich werde euch nicht enttäuschen und pünktlich zurück sein." Er schaute zu Thorolf. "Ich werde jeden Abend lernen. Wenn ich wiederkomme, werdet ihr zufrieden sein."

Anshold nickte ihm zu. "Das weiß ich. Sei auf der Reise vorsichtig. Der Weg wird nicht einfach werden." Er erinnerte sich nur allzugut, wie die Nachricht gekommen war, dass Eldora von Räubern entführt worden war. Allzu viele Gefahren lauerten auf dem Weg des Knappens. "Wenn es eine Möglichkeit gibt, schließe Dich einer Reisegruppe an. Handelskarawanen sind dafür besonders geeignet. Vielleicht findest Du ja Norbarden."

Gerwulf schaute ihn an und Anshold bemerkte, dass er begann zu faseln. Er machte einen Schritt auf seinen Schwertsohn zu und umarmte ihn einmal kurz und kräftig. Dann nickte er ihm abermals zu. "Ihr müsst nun los, wenn ihr Reichsend noch vor dem Abend erreichen wollt."

Im Wegreiten winkte Gerwulf ihm nochmal zu. Dann waren Bärfried und er durch das Tor.

Der Trutzweg war gut ausgebaut und sie kamen gut voran, den Dunkeltann immer zu ihrer Linken. Sie waren wenige Stunden geritten, als Bärfried nach links deutete.

"Der Drudenturm", erklärte Gerwulf knapp.

Den Weg durch den Rohrweihen legten sie schweigend zurück und Gerwulf war froh, als dieser alte und dichte Wald sich lichtete und sie am Mittag in Scheutzen einritten. Sie nutzten die Gelegenheit und kehrten in dem kleinen Gasthof ein. Über einem Brett mit Brot und Käse machten sie ein halbes Stundenglas lang Pause, dann schwangen sie sich wieder in die Sättel.

Es dämmerte, als am Horizont - der in dieser hügeligen Gegend nie besonders weit war - die Türme und Wälle Reichsends auftauchten. Es wunderte Gerwulf, dass er von den Wachen einfach durch das Tor gewunken wurde, aber vielleicht erkannten sie ja, dass er nun fast schon ein Ritter war. Anders als im beschaulichen Wolfspfort pulsierte hier das Leben; ein Gewusel, das den Knecht Bärfried sichtlich verunsicherte. Am Tor der Festung wurden sie dann aber in der Tat angehalten. Ein mürrisch dreinblickender Wächter musterte ihn.

"Wohin des Weges, Junge?"

"Zum Vogt und seinem Sohn. Meldet ihnen, dass Gerwulf von Obertobel hier ist und Nachricht aus Wolfspfort bringt."

Der Wächter bat ihn in eine kleine Kammer neben dem Tor. Gleichzeitig winkte er nach einem Burschen, der sich um die Pferde kümmern würde. Nur Minuten später kam Tiras persönlich, um die beiden in Empfang zu nehmen. 

"Gerwulf, was führt dich nach Reichsend?"

"Mein Vater ist schwerkrank. Und der Ritter hat mir erlaubt, ihn zu besuchen, wenn ich auf dem Weg einige Aufgaben für ihn erledige."

"Und was für Aufgaben sind das? Lass mich raten", er schmunzelte, immerhin war Gerwulfs Schwertbruder durch die gleiche Schule gegangen, "Du sollst niederschreiben, wie viele Waffen wir in den Kammern haben? Oder wie viele Erdäpfel wir horten? Mit dieser Aufgabe hat er schon mich durch die Trutz geschickt."

Gerwulf grinste. "Fast. Ich soll überall notieren, wie die einzelnen Güter gewappnet sind, damit ich vorbereitet bin, wenn ich irgendwann selbst ein Lehen bekomme." Er zuckte mit den Schultern. "Als ob das passiert. Wir alle wissen, dass mein Bruder Drachwill das Rittergut Meizenich erben wird. Und ich selbst werde als Dienstritter in irgendeinem Gut leben."

Währenddessen hatten sie den Speisesaal erreicht. Zu Gerwulfs Überraschung ließ Tiras Bärfried wie selbstverständlich mitkommen. 

"Nun, selbst als Dienstritter, ist solches Wissen nützlich", wandte Tiras nun ein. Denke an Wolfspforts eigene Waffenmeisterin. Walpurga?"

"Walderia."

"Walderia, natürlich." Tiras nickte. "In meiner Zeit auf Wolfspfort habe ich mehr als einmal die Klinge mit ihr gekreuzt. Sie ist eine hervorragende Kämpferin. Sie hat nur das Pech, dass es zuletzt keine große Schlacht gab, in der sie brillieren konnte. Sonst hätte sie bestimmt ihr eigenes Lehen. Aber so dient sie Anshold. Und der ist ja selbst Ritter und hat Ahnung von dem, was er tut. Aber nimm mal an, Du kommst als Waffenmeister an ein Gut, mit lauter weisen Bücherwürmern."

Gerwulf lachte auf. "Und die ganze Zeit wird nur bosparan gesprochen."

Das zauberte ein Lächeln auf Tiras Gesicht. "Oh, wittere ich da eine kleine Schwäche? Aber im Ernst. Es gibt genügend Adlige in Weiden, die keine Ahnung haben, wie sie ihr Lehen verteidigen. Wenn Du die Erfahrungen dieser Reise hast, wirst Du ein hervorragender Waffenmeister für sie werden. Und nun lass uns anfangen."

Er trat ans Fenster und winkte den Knappen zu sich.

Er zeigte nach draußen. "Die Festung selbst ist durch eine massive Steinmauer geschützt. Ihr selbst vorgelagert sind die Altenburg und das Ritterdorf. Wenn also jemand Reichsend erobern will, muss er sich erst durch die ganzen Vorburgen kämpfen."

"Oder er greift gleich die Außenmauer der Feste an", warf Gerwulf ein.

Tiras brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln.

"Die Mauern sind mehr als sieben Schritt hoch. Wer da rauf will, muss wirklich gut klettern können. Sie sind rund um die Uhr bemannt. Glaube mir, würde ich Reichsend angreifen wollen, ich würde mir nicht an diesen Mauern die Zähne ausbeißen."

"Und wie viele Mannen habt ihr hier unter Waffen?"

"Ganz genau kann ich dir das gar nicht sagen", gab Tiras zu, "dafür müssten wir die Hauptfrau fragen." Er zwinkerte Gerwulf zu. "Übrigens ist Erlgard Hohenwald auch eine Dienstritterin. Und Hauptfrau der Garde." Eine kleine Pause. "Genaugenommen ist sie keine Ritterin, sondern eine Soldatin, aber dieses Detail können wir wohl aussparen."

Er überlegte kurz und Gerwulf sah, wie er im Kopf rechnete. "Aber es müssten so ein Dutzend Büttel und Torwachen in der Stadt sein. Ein Dutzend Rundhelme der Reiterei, zwei Dutzend Grünröcke als schwere Fußtruppen, ein Dutzend Ritter mit Gefolge und fast drei Dutzend Schwarzschilde." Er überlegte kurz und lächelte das zufrieden. "Wenn man es genau bedenkt, ist das schon eine recht große Streitmacht. Und wenn ich es genau bedenke, würde ich nicht nur die Mauern nicht angreifen, sondern als Gegner die Stadt insgesamt links liegen lassen. Wer Reichsend angreift, bezahlt einen blutigen Preis."

Gerwulf schrieb fleißig in sein Buch. Er machte sich Notizen. Der Abend wurde länger. Die beiden beugten sich über Karten, erdachten gemeinsam Schlachtpläne und wie sie die Verteidigung dagegen organisierten. Sie bemerkten kaum, wie es dunkel wurde und Bärfried Kerzen aufstellte und die Laternen anzündete. 

Es war weit nach Mitternacht, als Tiras Gerwulf in eine Gästekammer geleitete und eine gute Nacht wünschte.

*****

War der Trutzweg nach Reichsend gut ausgebaut gewesen, zeigte sich der Weg nach Beonfirn als nicht mehr als ein Trampelpfad. An weiten Stellen zeigte sich der Weg durch wenig mehr als niedergedrücktes Gras. Er führte an Untergernbach und Torfendorf vorbei, von denen die Reiter die Türme Hohensitz und Tauberturm sehen konnten. Eigentlich hatte Gerwulf geplant, bis zum Mittag in Beonfirn zu sein und am Abend Olat zu erreichen. Aber damit hatte er sich vollkommen verrechnet. Es war schon Nachmittag, als sie Beonfirn durchquerten. Danach hatte sich der Weg verändert und sie ritten auf dem befestigten Dammweg von Olats Wall, entlang des Finsterbachs. Aber sie hatten gerade erst Turm Idramun links liegen gelassen, als es anfing zu dämmern. Olat würden sie erst spät in der Nacht erreichen. Nach elf oder zwölf Stunden im Sattel.

„Herr Knappe?“, unterbrach Bärfried die Stille. Für den stämmigen Knecht war das beinahe ein Redeschwall. Sonst war der stämmige Bursche so schweigsam, dass mancher Borongeweihte gegen ihn geschwätzig wirkte.

"Ja, Bärfried?"

"Wir waren doch heute Nacht in Reichsend", wandte sich Bärfried an den Junker.

"Ja, richtig?"

"Das ist eine ziemlich große Stadt."

"Ja, richtig?" Gerwulf war gespannt, wo diese Konversation hinführen würde.

"Und Olat ist auch eine sehr große Stadt."

"Ja, richtig." Er begann eine Ahnung zu entwickeln, worauf der Knecht hinaus wollte.

"Glaubt Ihr nicht, dass der Ritter nicht nur die Verteidigung großer Städte wissen will, sondern auch kleiner Türme?" Für Bärfried war das schon fast ein Monolog. 

"Was meinst Du?" Gerwulf war jetzt wirklich interessiert. Nicht umsonst kam Bärfried so aus sich raus.

"Wir werden ja noch ein paar Türme passieren. Vielleicht sollten wir nicht bis Olat reiten, sondern in einem der Türme davor nächtigen."

Gerwulf überlegte. Der letzte Turm in der Kette wäre der Turm bei Ognin. Und sein Ritter war … Galathan von Firunsgrund. Er hatte ihn mal mit Anshold besucht, als dieser nach Olat gereist war. Er musste Bärfried zustimmen. Die Aussagen, wie dieser Ritter der Wacht sein Gut und die Menschen darin schützte, würde Anshold wohl eher wertschätzen als Informationen über die Garnison Olats. Und Tiras hatte Recht. Wenn er als Waffenmeister dienen wollte, müsste Gerwulf wissen, wie er ein Gut verteidigte. Er machte sich keine falschen Hoffnungen. Ein solches Gut würde eher Ognin gleichen als Olat.

Er schaute zu Bärfried. "Wenn wir in Ognin nächtigen, wird uns das ein wenig zurückwerfen. Zwischen Olat und Trallop ist viel Land, aber es gibt nur wenige Weiler." Tatsächlich konnte der Knappe sich an keinen Ort am Neunaugensee erinnern. "Wir müssten schnell und lange reiten, um die Nacht in Trallop zu verbringen. Die Pferde schaffen das. Aber wir?" Zweifel lagen in seinem Blick.

"Nun, wenn wir es nicht schaffen, haben wir das Zelt." der Meizenicher zeigte eine stoische Gelassenheit. "Und dann müssen wir uns halt ein wenig beeilen. Den Pferden wird das nicht schaden. Und der Herr Knappe wird dann ja ein Bett finden, in dem er seinen ritterlichen Hintern ausruhen kann."

Das schockierte Gerwulf. Aber Bärfried hatte Recht. Damit war es beschlossen.

Sie erreichten Ognin spät am Abend. Galathan erinnerte sich nicht mehr an Gerwulf, sehr wohl aber an Anshold, den er schätzte. Und da ohnehin in alter weidener Tradition niemand die Nacht vor den Toren verbringen musste, lud er den Knappen in das Gut ein und beantwortete seine Fragen zur Verteidigung des Gutes.

*****

Die Tage verschwammen. Regen setzte ein, ein feiner, weidener Niesel, der durch das Kettenhemd und durch jede Naht des Gambesons kroch. Nach der Durchquerung Trallops und der Weiterreise über die Reichsstraße, durch kleine Orte und Weiher, an deren Namen er sich nie wieder erinnern würde, erreichte Gerwulfs Erschöpfung in Salthel ihren Höhepunkt. Seine Innenschenkel waren wundgeritten, jede Bewegung eine Qual. Gerwulf hatte keine Ahnung, wie er die weitere Reise auf dem Sieben-Baronien-Weg überstehen sollte.

Bärfried lenkte sein Pferd wortlos zu einem Krämer und kehrte mit einem Tiegel zurück, der eine weißliche, zähe Masse enthielt.

"Hier, Herr Knappe. Nehmt das und schmiert es euch auf die Schenkel."

Gerwulf nahm den Topf dankbar an, um gleich darauf entsetzt zurückzufahren. Das Zeug stank bestialisch. Er sah zu Bärfried und sah dessen schadenfrohes Grinsen.

"Beim Namenlosen, was ist das für ein Zeug?" 

"Da, edler Knappe, müsst ihr durch", er zögerte einen Moment und wurde dann wieder ernst. "Aber es hilft wirklich. Gänseschmalz, Schafsfett und Ziegenmilch. In der Sonne gegoren."

Gerwulf suchte sich eine dunkle Ecke, entledigte sich seiner Hose und schmierte die Creme auf seine Beine. "Seid großzügig damit", erinnerte Bärfried. "Viel hilft viel."

Tatsächlich musste Gerwulf dem erfahrenen Mann Recht geben. Noch immer zogen seine Beine, gleichwohl er seine Decke zusätzlich auf den Sattel gelegt hatte. Aber immerhin konnte er nun wieder halbwegs reiten und stabil im Sattel sitzen.

Und so erreichten sie am Abend Runhag.

*****

Über die nächsten Tage lässt sich wenig sagen. Acht Tage lang zogen sie über den Sieben-Baronien-Weg, jeden Abend in einem anderen Gasthaus schlafend. Bärfried hatte Recht behalten. Seine Salbe stank zwar dämonisch, aber schon nach wenigen Tagen waren die wunden Stellen verheilt und Gerwulf konnte wieder wie immer reiten. Tatsächlich waren die Strecken nun aber auch wesentlich kürzer, da sie nicht weiter als bis zum nächsten Wirtshaus reiten konnten.

Eine Abwechslung vom Einerlei aus Bäumen, Bergen und kleinen Gasthäusern bot Neu-Dragenfeld. Das war eine richtige Stadt. Die letzte vor Wolfegg, wo eine Brücke über den Gotjasach führte, der das letzte Hindernis auf dem Weg nach Meizenich war. Nicht mehr als drei Tage noch, so schätzte Gerwulf, dann wäre er zu Hause.

*****

Wie geplant erreichten sie Wolfegg am Abend des übernächsten Tages. Eine letzte Nacht noch, dann würde Gerwulf zu Hause sein.

Am Abend saß er in dem kleinen Gasthaus des Weilers, seine beiden Bücher vor sich. Er hatte allerlei Informationen zu den Befestigungen von Orten aller Größe gesammelt. Der alte Ritter würde zufrieden mit ihm sein. Anders wohl als Thorolf. Wie versprochen hatte Gerwulf sich jeden Abend hingesetzt und fleißig Vokabeln gepaukt. Aber gegenüber den Gesprächen mit den Rittern, handfesten Informationen zu Belagerungen, Befestigungen und Besatzungen nahm sich eine alte und tote Sprache einfach sinnlos aus. Gerade grübelte er über einem Satz und versuchte diesen aus dem Bosparan in eine richtige Sprache zu übersetzen. "Die Garether kämpften mit den Fröschen." Er war sich sehr sicher, dass das so nicht da stand, konnte aber im Almanach keine ordentliche Lösung finden. Er machte eine kleine Notiz. So könnte er Thorolf wenigstens zeigen, dass er es versucht hatte. 

Dann legte er sich schlafen.

*****

Am Morgen des 17. Tages war er unglaublich aufgeregt, bald wieder daheim zu sein. Aber gleichzeitig war er fürchterlich nervös. Mehr als einen Monat war es her, seit Bärfried zu Hause aufgebrochen war. Wie würde es seinem Vater inzwischen ergangen sein. Gerwulf hoffte, ihn noch einmal zu sehen. Vielleicht ging es ihm sogar besser. 

Das Frühstück gestaltete sich unter diesen Voraussetzungen spärlich. Allzu schnell wollte der Knappe wieder im Sattel sitzen. Beim Reiten bemerkte er, dass das Tempo nun merklich angezogen hatte. Nicht mehr er ritt vorne, sondern Bärfried ritt nun voran. Eigentlich war auch das nicht richtig. Es war sein Pferd, dass den nahen Heimatstall witterte und zog. 

Und so erreichten die beiden am frühen Nachmittag den Weiler Meizenich.


Mitte des Monats Rondra 1047
Rittergut Rittergut Meizenich, Grafschaft Sichelwacht, Herzogtum Weiden

Dramatis Personae
Ulderich von Obertobel, Ritter zu Meizenich
Tannfriede von Obertobel, seine Frau
Drachwill von Obertobel, Ritter, sein Sohn
Gwynna von Obertobel, Peraine-Geweihte, seine Tochter
Gerwulf von Obertobel, Knappe, sein Sohn
Bärfried aus Meizenich, ein Kohlbauer

Sie waren im ersten fahlen Licht des Morgengrauens aufgebrochen. Bei Wolfegg hatten sie die Brücke über den Gotjasach überquert – jenes hölzerne Band, das Meizenich mit dem Rest des Herzogtums verband. Nun folgten sie dem alten Pfad, der sich tief in die dunklen Tannenwälder schnitt. Die Ausläufer der Sichel standen denen des Finsterkamms in nichts nach; schroff, abweisend und doch von einer herben Schönheit. Gerwulf fühlte ein Ziehen in der Brust. Alles hier erinnerte ihn an Wolfspfort. Oder war es die Erinnerung an Zuhause, die alles überlagerte?

Als der Wald schließlich zurückwich und die Siedlung Meizenich zwischen den Stämmen hervorblühte, zügelte Gerwulf sein Pferd. Bärfried hielt neben ihm inne und musterte den Jungen von der Seite.

Der junge Knappe ließ das Pferd einen Schritt machen und hielt dann sofort wieder an.

„Lange her, Herr Knappe?“, brummte der Bauer.

"Sehr lange." erwiderte Gerwulf leise. "Meine Eltern haben mich einmal in Wolfspfort besucht, als ich in den Knappenstand erhoben wurde. Das war vor fünf Götterläufen."

"Hast Du sie seitdem gesehen?"

"Nicht einmal. Aber wir haben uns geschrieben."

Tatsächlich wusste Gerwulf nicht einmal zu sagen, was ihn nun hielt. Er freute sich, seine Familie wiederzusehen. Und er wagte kaum, zu zögern, damit er nicht zu spät käme, um seinen Vater zu sehen. Und gleichzeitig … was würden sie sagen? Würden sie sich freuen, ihn wiederzusehen? Und … würden sie ihn noch als einen von ihnen erkennen?

Er gab sich einen Ruck. „Komm, Bärfried. Die Zeit wartet nicht.“

Sie ritten über die kleine Zugbrücke, die den Graben vor dem Palisadenwall überspannte. Meizenich empfing ihn mit der vertrauten Enge seiner Kindheit. Das steinerne Herrenhaus thronte unverändert über den sechs Holzhütten, die sich wie Schutzsuchende in seinen Schatten duckten. Doch beim näheren Hinsehen bemerkte er den Wandel: Eine Wäscheleine spannte sich nun zwischen den Hütten des Köhlers und des Schreiners – einstmals Todfeinde. Und die Hühner vor Bertsams Haus waren auch neu. Gerwulf erinnerte sich, wie er als kleiner Junge dort die Ziegen gejagt hatte - bis sie begriffen hatten, dass er viel kleiner war als sie und die Viecher auf ihn losgegangen waren. Er schaute auf sein Handgelenk. Die Narbe dort stammte noch von diesem Bock.

Bärfried schaute ihn an.

„Ich bringe die Tiere in den Stall und gehe dann zu meinem Weib“, sagte Bärfried und nahm Gerwulf die Zügel ab. „Geht Ihr zu den Euren.“

Wie gesteuert stieg Gerwulf vom Pferd und gab dem Bauern die Zügel. Um ihn zu holen war Bärfried nun fast zwei Monate gereist. Nur verständlich, dass er ihm nicht das Händchen halten wollte, wenn er seiner Familie gegenüber trat. Er näherte sich dem Herrenhaus, immer einen Schritt vor den anderen setzend. Zwei Stockwerke hoch reichte das steinerne Gebäude. Eine kleine Mauer, nur einen Schritt hoch und mehr Zierde als wirkliche Mauer, umrandete das Haus. Als er sich dem Tor in der Mauer näherte, hörte er Hunde bellen und nur Augenblicke später kamen zwei Saupacker um die Ecke. Seit wann hatte seine Familie Hunde? Das hatten sie nie berichtet. Er streckte die Hand nach dem Tor aus, zog sie aber schnell zurück, als der größere der beiden Jagdhunde anfing zu knurren. 

Doch dann flog die schwere Eichentür auf. Tannfriede trat heraus. Als sie den jungen Mann am Tor sah, hielt sie kurz inne, dann rannte sie los, als wären die Götter hinter ihr her. Sie riss das Gatter auf, schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihn so fest, dass ihm der Atem stockte. Dann schob sie ihn eine Armlänge zurück, musterte sein Gesicht, seine Statur.

„Komm erst einmal rein, Junge“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Komm einfach rein.“

Saupacker waren nicht gerade für ihre überbordende Intelligenz berühmt. Aber dafür hatten sie ihn nun schnell als Teil des Rudels akzeptiert und trotteten ihnen eifrig schnüffelnd hinterher. 

Sie querten die große Kammer mit den beiden gewaltigen Holztischen und dem ebenso gewaltigen Kamin. Von dort führte eine Treppe nach oben und Gerwulf war überrascht, dass seine Mutter nicht auf diese zuhielt. Immerhin lagen oben die Gemächer. Stattdessen hielt sie auf das Amtszimmer seines Vaters zu. Sie lächelte ihm entschuldigend zu. "Er kann doch keine Treppen mehr steigen."

Das Amtszimmer hatte sich sehr wohl verändert. Der massive Arbeitstisch war in die Ecke gerückt, um Platz für ein breites Lager in der Mitte zu machen. Dort lag Ulderich. Der einst so kräftige Ritter wirkte unter den schweren Pelzdecken zerbrechlich, seine Haut fahl wie Pergament. Eine Frau in einer grünen Robe stand auf der einen Seite des Bettes und ein junger Mann in einer groben blauen Tunika auf der anderen. Es brauchte einen Moment, bis Gerwulf begriff, dass diese beiden Gwynna und Drachwill waren. Als er Meizenich verlassen hatte, war Gwynna ein Mädchen von gerade 11 Jahren gewesen. Und Drachwill, nun der war schon zu seinem Schwertvater gezogen, als Gerwulf noch klein gewesen war. An ihn erinnerte der Knappe sich kaum.

Ein schweres Schweigen lastete auf dem Zimmer, nur unterbrochen vom rasselnden Atem des Schlafenden. Drachwill trat vor, baute sich vor seinem kleinen Bruder auf und musterte ihn von oben bis unten. Der Ritter war noch immer einen Kopf größer als Gerwulf.

„Bekommt ihr in der Heldentrutz nichts zu essen, Kleiner?“, grollte Drachwill schließlich.

Gerwulf blinzelte. „Ich… naja, doch, aber…“

„Lass ihn, Drachwill“, mahnte die Mutter, doch der ältere Bruder gluckste bereits. „Immerhin bist du immer noch unser Kleinster.“ Mit einem Bärenlachen riss er Gerwulf in eine Umarmung, die fast so schmerzhaft war wie das Knurren der Hunde zuvor. Das Eis war gebrochen.

Kurz darauf erwachte Ulderich. Seine Augen, trüb vom Fieber, klärten sich für einen Moment, als er Gerwulf erkannte. Ein schwaches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Du bist hier“, flüsterte er und drückte die Hand seines Sohnes mit überraschender Kraft, bevor er wieder in einen tiefen, nun ruhigeren Schlaf sank.

Tannfriede duldete keinen Widerspruch: Es wurde aufgetischt, direkt dort im Amtszimmer, am verschobenen Tisch. „Travia will keine leeren Mägen, wenn die Familie nach so langer Zeit wieder eins ist“, erklärte sie.

Es gab weidener Hausmannskost: Deftiger Kohleintopf mit Speck, dazu dunkles, kräftiges Brot und ein Krug dünnes Bier. Gwynna segnete die Speisen im Namen der Geberin, doch die andächtige Stille hielt nicht lange vor.

„Erzähl mir von der Heldentrutz“, forderte Drachwill zwischen zwei Bissen. „Stehen die Mauern noch? Oder habt ihr sie vor lauter Exerzieren dünn poliert?“

Gerwulf lachte zum ersten Mal seit Tagen. Er erzählte vom harten Drill, von den Patrouillen im Schatten des Finsterkamms und vom Wind, der dort oben kälter pfiff als hier in der Sichelwacht. Gwynna hingegen berichtete leise von ihren Gebeten und den Heilkräutern, die sie im Wald sammelte, während Tannfriede darauf achtete, dass Gerwulfs Brett niemals leer wurde. Es war ein seltsames Mahl – im Angesicht der Krankheit des Vaters, untermalt von seinem Schnarchen, aber getragen von einer Wärme, die Gerwulf in den vergangenen fünf Jahren schmerzlich vermisst hatte. In diesem Moment, zwischen dem Duft von Eintopf und dem herben Geruch von Kräutern, fühlte er sich zum ersten Mal wieder wirklich als Teil der Obertobels.

*****

Die Zeit in Meizenich schien in den folgenden Tagen einem anderen Rhythmus zu folgen. Die erste Woche war geprägt von stiller Sorge und der Geduld der Peraine-Geweihten. Gerwulf verbrachte viele Stunden am Bett seines Vaters, las ihm aus alten Chroniken vor oder hielt einfach nur seine Hand. Es war die Gnade der Götter – oder wie Gwynna lächelnd bemerkte, die heilende Kraft der Heimkehr –, dass das Fieber nach dem siebten Tag endgültig wich. Ulderich begann wieder, feste Nahrung zu sich zu nehmen, und die Farbe kehrte langsam in sein Gesicht zurück.

In der zweiten Woche kehrte das ritterliche Leben zurück. Drachwill nahm seinen kleinen Bruder hart ran. Dabei machte er reichlich Gebrauch von der größeren Reichweite, die er durch seine Größe hatte und einmal mehr bedauerte Gerwulf seine eigene Größe von gerade mal 167 Halbfingern. Aber dafür war er auch flinker als sein Bruder. Und sein Übungsschwert fand immer öfter Lücken in der Verteidigung des Größeren mit seinem Hammer. Der ältere Bruder korrigierte Gerwulfs Haltung mit rauen Worten und noch raueren Stößen, doch abends saßen sie gemeinsam am Kamin und Drachwill teilte sein Wissen über die Tücken des weidener Lehnsrechts und die Schwierigkeiten des Mühlrechts, nur um die kleine Sägemühle am Fluss betreiben zu können.

In der dritten Woche geschah das kleine Wunder, auf das sie alle gehofft hatten. Ulderich verließ zum ersten Mal das Bett. Gestützt auf Gerwulf und Drachwill machte er seine ersten wackeligen Schritte durch das Haus. Der alte Stolz blitzte wieder in seinen Augen auf, als er die Saupacker zur Ordnung rief und sich von Gwynna die neuesten Berichte der Bauern vorlegen ließ.

Als der Tag des Abschieds kam, war die Stimmung wehmütig, aber fest. Gerwulf musste zurück, um sein Versprechen gegenüber seinem Herrn Anshold zu halten und pünktlich zurück zu sein. Ulderich begleitete ihn – langsam, aber aus eigener Kraft – bis zum Tor.

Dort verabschiedeten sie sich. Die Umarmung war nun nicht mehr die eines Sterbenden, sondern die eines Ritters, der seinen Sohn mit Stolz wieder in die Welt entließ.

Als Gerwulf die Zugbrücke hinter sich ließ und in den Wald ritt, blickte er nicht zurück. Er wusste jetzt, dass Meizenich standhielt – und dass er einen Platz hatte, an den er immer zurückkehren konnte.


28. Efferd im Jahre 1047 BF
Gräflich Reichsend, Grafschaft Heldentrutz, Herzogtum Weiden

Dramatis Personae:
Gerwulf von Obertobel, Knappe
Tiras von Gernbach, Vogt von gräfllich Reichsend
Ucurian von Orkendräu, Dienstritter Tiras
Linje Schwarzenbinge, Perainegeweihte

Aus der Hinreise hatte Gerwulf vor allem gelernt, wie sinnvoll es war, kürzere Strecken zu reiten. So hatte sich die Reise zurück gerade zum Ende nochmal ein wenig hingezogen. Das Wetter war seit er Meizenich verlassen hatte gleichermaßen Segen wie Fluch gewesen. Hatte es auf dem Ritt zum Gut seiner Eltern beständig genieselt, war das Wetter nun warm und sonnig … was in dem wattierten Rock unter dem Kettenhemd kein Geschenk war. Der Schweiß war ihm in Strömen den Rücken runtergelaufen und wenn er in Wolfspfort ankam, musste dieser Waffenrock für Tage in Rosenwasser gewaschen werden. 

Er ritt alleine. Und auch wenn Bärfried nicht gerade gesprächig gewesen war, jemanden an der Seite zu wissen, war angenehmer gewesen. Dies galt vor allem seit er nach einer kurzen Fahrt auf dem Neunaugensee Olat erreicht hatte. Er hatte erst in der Feste nächtigen wollen, war im Ort aber auf Wenzeswerth von Haberwalde gestoßen. Der gerade 22 Götterläufe alte Ritter des Hains hatte ihm Unterkunft für die Nacht angeboten und ihm bei der Gelegenheit auch das Neueste aus der Trutz erzählt. Daher wusste Gerwulf, dass die Orks im praioswärtigen Teil der Finsterwacht eingefallen waren und die Feuer der südlichen Türme entzündet worden waren. Bis Nordhag sollten die Orks gekommen sein. Ob sie dort zurückgeschlagen worden waren oder die Kämpfe noch tobten, wusste der junge Ritter aber nicht zu berichten.

Auch wenn Gerwulf wusste, dass zwischen ihm und den Orks hunderte Meilen lagen, war er auf dem Ritt nach Beonfîrn vorsichtiger geritten. Seine Hand hatte immer die Nähe des Kurzschwerts gesucht. Bis er sich dabei erwischt hatte und sich einen feigen Narren gescholten hatte. Dennoch war er froh gewesen, den Grenzposten Bärwaldes zur Heldentrutz zu erreichen. Dort klopfte er am Gut des Junkers zu Beonfîrn an. Und selbstverständlich bot ihm Rondrasil Eichenstein von Brachfelde Unterkunft für die Nacht in der Wehrfeste Nebeltrutz an. 

Am Morgen gönnte Gerwulf sich ein kurzes Bad im Finsterbach, der zu dieser Jahreszeit angenehm warm war, dann zog er sich Waffenrock und Kettenhemd wieder an - womit er sich den Fluss hätte sparen können - und ritt nach Reichsend, das er am frühen Nachmittag erreichte. Wie schon beim letzten Mal wurde er ohne zu Zögern in die Stadt gelassen, musste aber am Tor der Feste warten. Diesmal war es nicht Tiras, der ihn holte, sondern ein Page, der ihn zu der Bibliothek führte, in der er vor fast zwei Monaten mit Tiras über Karten und Plänen gebrütet hatte. 

Der Vogt von gräflich Reichsend erwartete ihn dort und Gerwulf konnte sehen, dass sein Schwertbruder sich sichtlich unwohl fühlte. Tiras sagte auch erstmal nichts, sondern winkte ihn zu dem alten Sessel in der Ecke des Raumes und forderte ihn auf, sich zu setzen.

"Was ist los?" Auch Gerwulf begann, sich ausgesprochen unwohl zu fühlen.

Tiras antwortete nicht, sondern drehte sich zum Fenster, von dem aus er Gerwulf die Stadt gezeigt hatte. 

Nun hielt es Gerwulf nicht im Sessel. Der Klumpen in seinem Bauch wich einem schrecklichen Gefühl, dass irgendetwas passiert war. Er trat zu Tiras und packte ihn an der Schulter. Höchst unangemessen, aber das bemerkte er in diesem Moment nicht einmal.

"Was ist los?" wiederholte er. Nun drängender.

Tiras drehte sich langsam zu ihm um. 

"Vor etwa einer Stunde ist ein Reiter angekommen. Er ist seit dem Morgen galoppiert, um uns zu berichten, was geschehen ist."

"Was denn?!" Gerwulf merkte nicht, dass er fast schrie.

"Die Orks haben Wolfspfort angegriffen. Es scheint, als ob Anshold von Erlbrück gefallen wäre. Aber ich weiß es nicht. Unten bereiten sich gerade drei meiner Ritter vor, um nach Wolfspfort zu reiten. Ich würde selber, aber der Graf hat gesagt, dass ich hier bleiben muss."

Gerwulf war kreidebleich geworden. Er fühlte seine Beine nachgeben. Dann hatte Tiras ihn gegriffen und wollte ihn zum Sessel führen. Doch da ging es schon wieder. 

"Wann?"

"Heute in der Nacht. Der Mann ist losgeritten, sobald die Praiosscheibe über dem Horizont aufging und ihr erstes Licht spendete."

"Ich muss mit Deinen Rittern mit reiten."

"Ich weiß. Der Page hat sie schon informiert. Halte Dich an Ucurian von Orkendräu. Wenn Anshold wirklich gefallen ist, wird er erstmal mein Dienstritter im Gut werden."

"Anshold kann nicht tot sein." Das war das erste, was Gerwulf in den Sinn kam, "ich habe meine Schwertleite nicht und er hat gesagt, dass er mich zum Ritter macht." Tränen liefen ihm über die Wangen. "Er würde sein Wort nicht brechen."

Tiras nahm seinen kleinen Schwertbruder in den Arm. "Das würde er nicht. Aber wir werden dafür eine Lösung finden. Vielleicht führe ich Dich selbst zur Schwertleite. Nun aber spute Dich, dass ihr noch bei Tageslicht ankommt."

Das ließ der junge Knappe sich kein zweites Mal sagen.

Sein Pferd war noch nicht abgesattelt worden und Gerwulf war froh, dass er es am Morgen geschont hatte. Nach Wolfspfort würde es ein Höllenritt werden und sie alle, die Ritter sowie ihr Gefolge würden den Tieren alles abverlangen. 

Den Ritt erlebte er wie in einem Fiebertraum. Die Bäume zogen einfach an ihm vorbei und hätte die Gruppe angehalten, er hätte nicht zu sagen gewusst, wo sie waren.

Die Nacht war schon hereingebrochen, als sie die Tore Wolfspforts erreichten. Aber Gerwulf nahm wahr, dass es noch Tore gab. Er erlaubte einer kleinen Hoffnung, aufzukeimen. Wenn Anshold tot war, wäre doch der Ort zerstört?

Der Ritter von Orkendräu trat an das Tor und klopfte laut und vernehmlich an. Er hatte den Klopfer noch kein zweites Mal gehoben, als das Tor schon aufschwang. Linje Schwarzenbinge stand dort und schaute ihnen entgegen. Sie sah erst die Ritter und deren Gefolge, dann bemerkte sie den Knappen.

"Gerwulf, Ihr seid zurück."

Der junge Mann sprang auf sie zu. 

"Tiras hat erzählt, dass Orks hier waren. Was ist mit dem Junker?"

Die Geweihte nahm ihn in den Arm. Dann schüttelte sie leise den Kopf.

"Die Orks kamen in der Nacht. Sie griffen das Gutshaus an." 

"Warum nur das Gutshaus?"

"Oh, sie wollten sicherlich den ganzen Ort vernichten. Aber nicht mit dem Junker. Ich weiß nicht, ob er etwas geahnt oder gehört hatte, aber noch im Nachtrock hatte er schon das Schwert in der Hand. Walderia und er hatten bereits drei Schwarzpelze getötet, bevor die hinteren die Fackeln warfen. Irgendwas im Haus fing Feuer und der Hof stand schnell in Flammen. Ich konnte die Orks nicht zählen, aber es müssen ein Dutzend gewesen sein und sie drängten ihn wieder ins Haus zurück."

Sie zögerte.

"Walderia fiel als erste. Die Orks, die sie angriffen, mussten über ihre Gefallenen steigen. Und dann war da dieser Ork mit dem gezackten Säbel …"

"Ein Arbach", wandte Ucurian ein.

"Er griff die Ritterin von der Seite an und lenkte sie ab. Und dann kam der Ork mit der Streitaxt und trieb ihr diese in die Seite. Beide Orks lagen am Boden, noch bevor die Ritterin selbst zusammenbrach."

Sie guckte Gerwulf an und zögerte.

"Der Junker stand in der Halle, um ihn herum Orks. Seine Kleidung hatte Feuer gefangen, aber das hielt ihn nicht auf. Wie ein flammender Paladin der Leuin hieb er auf die Orks ein. Schwarzpelz um Schwarzpelz fielen seinem Schwert zum Opfer. Bis ihn letztlich ein" sie blickte zu Ucurian, "Arbach traf."  

Sie griff nach Gerwulfs Hand.

"Er starb in den Flammen."

"Aber die Orks?"

"Walderia und der Junker haben es vielleicht nicht geschafft, alle Schwarzpelze zu erschlagen. Aber sie haben Wolfspfort Zeit erkauft. Zeit, die die Rote Lanze brauchte, um in die Stadt zu kommen."

"Was bitte ist eine rote Lanze", fragte einer der Ritter aus der Gruppe. Gerwulf fiel auf, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, nach seinem Namen zu fragen. 

"Die Rote Lanze", erklärte der Knappe, "ist eine Gruppe von Söldnern, die seit Jahren vor dem Weiler lagern. Sie kommen immer wieder hierher zurück." "

Und nachdem sie sich formiert hatten", fuhr die Geweihte fort, "sind sie in den Ort eingefallen und haben die verbliebenen drei Schwarzpelze aufgerieben." 

Gerwulf machte einen Schritt auf die abgebrannte Ruine zu. Das hölzerne erste Geschoss war eingebrochen und es standen nur noch Reste der Grundmauern. Dann stockte er.

"Ihr habt gesagt, Waldoria und Anshold. Was ist mit Eldora und Thorolf?" Er sah sie an, als ahnte er die Antwort und in seinem Blick lag das Flehen, dass sie anders sein würde.

Die Geweihte schüttelte nur den Kopf. 

"Wir fanden sie in den Trümmern des Hauses." Nun rannen auch ihr Tränen über das Gesicht. "Ich nehme an, dass der Rauch … sie haben wohl nicht gelitten."

Sie hatten das Haus erreicht. Gerwulf blickte zu der Geweihten und den drei Rittern.

"Ich würde gerne einen Moment alleine sein."

Die Geweihte zögerte, dann zog sie sich mit den Rittern zurück.

Der junge Knappe bahnte sich seinen Weg durch die Trümmer. Der große Saal war verwüstet. Einzig der Eichentisch, an dem er mit Freidank Bosparano geübt hatte, war wie ein Wunder unbeschädigt. Nach einer Weile spiegelte sich der Schein der Fackel in etwas metallischem. Er ging hin und zog Schwarzenschnitt unter den Trümmern hervor. Die Klinge würde eines Schmiedes bedürfen. In diesem Moment brach es über ihm zusammen. Das Bastardsschwert, das Anshold gehegt und gepflegt hatte, war nur noch ein verbranntes Symbol in einer toten Welt. Gerwulf sank auf die Knie, die Klinge fest an die Brust gepresst. Ein Schluchzen, so tief und gewaltig, dass es seinen ganzen Körper schüttelte, entriss sich seiner Kehle. Es war kein Weinen mehr; es war ein lautloses Schreien gegen die Ungerechtigkeit der Götter. 

Irgendwann nach einer Ewigkeit versiegten die Tränen und hinterließen eine hohle Leere von der er wusste, dass nichts sie jemals wieder füllen würde. Er sah sich noch einmal um, dann verließ er die Ruine.

Er traf Linje, die Ritter und deren Gefolge vor dem Tempel. Von dort schaute er gen Efferd.

Tonlos fragte er: "Was ist mit den Türmen? Ich sehe kein Feuer?"

Linje antwortete: "Das Feuer Wolfsauges hat bis zum Mittag gebrannt. Nun muss ersteinmal Holz nachgeholt werden. Die Schwarzpelze haben die Türme gleichzeitig mit dem Ort angegriffen. Wolfsauge konnte mit schweren Verlusten verteidigt werden. Aber die Esse ist niedergebrannt."

Gerwulf stutzte. "Die kann ja wieder aufgebaut werden. Selbst wenn Ulfried Zeter und Mordio schreien wird." Der Schmied reiste jeden Morgen zu seiner Esse, schlief aber sonst im Ort.

Linjes Blick ließ ihn die Antwort erahnen.

"Warum?"

"Er hat an irgendetwas geschmiedet. Er sagte, dass sei sein Meisterwerk. Dafür hat er die letzten Woche in der Schmiede geschlafen." Sie machte einen Atemzug lang Pause. "Er hat es nicht geschafft."

Gerwulf schloss die Augen und atmete tief durch. Nahm das denn gar kein Ende?

"Und Mahtur?" würgte er schließlich seine letzte Frage hervor.

"Wir wissen nicht, was genau passiert ist. Wir nehmen an, dass ein unglücklich geschossener brennender Pfeil durch die Scharte eingedrungen ist und einen der Strohsäcke getroffen hat, auf denen die Mannschaft schlafen konnte. Von außen scheint der Turm unbeschädigt zu sein, aber die Holzböden im Inneren … Die Mannschaft muss auf dem Dach verbrannt sein, bevor sein Inneres zusammenbrach."

Der Knappe wollte seine Augen gar nicht mehr öffnen. Dann war mit dem Turm und den Schwarzfedern auch Morand von Schwarzaue gestorben. 

Linje schaute ihn an. 

"Was wird nun geschehen?"

Es brauchte lange, bis Gerwulf antwortete. Als er die Augen öffnete, lagen Resignation und Bitterkeit in seinem Blick. Aber auch eine stille Wut, die unter der Oberfläche glomm. Nicht heiß, nicht lodernd, aber andauernd.

"Wir werden jetzt schlafen gehen." Auch wenn er sich wenig Hoffnung machte, dass er Schlaf finden würde. "Bis auf Ucurian von Orkendräu werden die Ritter morgen zurückreiten und dem Vogt sowie dem Grafen Bericht erstatten. Und wir werden tun, was der Junker gefordert hätte. Wir werden uns Mahtur anschauen und gucken, wie wir ihn wieder instand setzen können. Und dann werden wir gucken, wie wir das Gutshaus wieder aufbauen und uns darauf vorbereiten, die Schwarzpelze auch beim nächsten Mal zurückzuschlagen."