28. Efferd im Jahre 1047 BF
Gräflich Reichsend, Grafschaft Heldentrutz, Herzogtum Weiden

Dramatis Personae:
Gerwulf von Obertobel, Knappe
Tiras von Gernbach, Vogt von gräfllich Reichsend
Ucurian von Orkendräu, Dienstritter Tiras
Linje Schwarzenbinge, Perainegeweihte

Aus der Hinreise hatte Gerwulf vor allem gelernt, wie sinnvoll es war, kürzere Strecken zu reiten. So hatte sich die Reise zurück gerade zum Ende nochmal ein wenig hingezogen. Das Wetter war seit er Meizenich verlassen hatte gleichermaßen Segen wie Fluch gewesen. Hatte es auf dem Ritt zum Gut seiner Eltern beständig genieselt, war das Wetter nun warm und sonnig … was in dem wattierten Rock unter dem Kettenhemd kein Geschenk war. Der Schweiß war ihm in Strömen den Rücken runtergelaufen und wenn er in Wolfspfort ankam, musste dieser Waffenrock für Tage in Rosenwasser gewaschen werden. 

Er ritt alleine. Und auch wenn Bärfried nicht gerade gesprächig gewesen war, jemanden an der Seite zu wissen, war angenehmer gewesen. Dies galt vor allem seit er nach einer kurzen Fahrt auf dem Neunaugensee Olat erreicht hatte. Er hatte erst in der Feste nächtigen wollen, war im Ort aber auf Wenzeswerth von Haberwalde gestoßen. Der gerade 22 Götterläufe alte Ritter des Hains hatte ihm Unterkunft für die Nacht angeboten und ihm bei der Gelegenheit auch das Neueste aus der Trutz erzählt. Daher wusste Gerwulf, dass die Orks im praioswärtigen Teil der Finsterwacht eingefallen waren und die Feuer der südlichen Türme entzündet worden waren. Bis Nordhag sollten die Orks gekommen sein. Ob sie dort zurückgeschlagen worden waren oder die Kämpfe noch tobten, wusste der junge Ritter aber nicht zu berichten.

Auch wenn Gerwulf wusste, dass zwischen ihm und den Orks hunderte Meilen lagen, war er auf dem Ritt nach Beonfîrn vorsichtiger geritten. Seine Hand hatte immer die Nähe des Kurzschwerts gesucht. Bis er sich dabei erwischt hatte und sich einen feigen Narren gescholten hatte. Dennoch war er froh gewesen, den Grenzposten Bärwaldes zur Heldentrutz zu erreichen. Dort klopfte er am Gut des Junkers zu Beonfîrn an. Und selbstverständlich bot ihm Rondrasil Eichenstein von Brachfelde Unterkunft für die Nacht in der Wehrfeste Nebeltrutz an. 

Am Morgen gönnte Gerwulf sich ein kurzes Bad im Finsterbach, der zu dieser Jahreszeit angenehm warm war, dann zog er sich Waffenrock und Kettenhemd wieder an - womit er sich den Fluss hätte sparen können - und ritt nach Reichsend, das er am frühen Nachmittag erreichte. Wie schon beim letzten Mal wurde er ohne zu Zögern in die Stadt gelassen, musste aber am Tor der Feste warten. Diesmal war es nicht Tiras, der ihn holte, sondern ein Page, der ihn zu der Bibliothek führte, in der er vor fast zwei Monaten mit Tiras über Karten und Plänen gebrütet hatte. 

Der Vogt von gräflich Reichsend erwartete ihn dort und Gerwulf konnte sehen, dass sein Schwertbruder sich sichtlich unwohl fühlte. Tiras sagte auch erstmal nichts, sondern winkte ihn zu dem alten Sessel in der Ecke des Raumes und forderte ihn auf, sich zu setzen.

"Was ist los?" Auch Gerwulf begann, sich ausgesprochen unwohl zu fühlen.

Tiras antwortete nicht, sondern drehte sich zum Fenster, von dem aus er Gerwulf die Stadt gezeigt hatte. 

Nun hielt es Gerwulf nicht im Sessel. Der Klumpen in seinem Bauch wich einem schrecklichen Gefühl, dass irgendetwas passiert war. Er trat zu Tiras und packte ihn an der Schulter. Höchst unangemessen, aber das bemerkte er in diesem Moment nicht einmal.

"Was ist los?" wiederholte er. Nun drängender.

Tiras drehte sich langsam zu ihm um. 

"Vor etwa einer Stunde ist ein Reiter angekommen. Er ist seit dem Morgen galoppiert, um uns zu berichten, was geschehen ist."

"Was denn?!" Gerwulf merkte nicht, dass er fast schrie.

"Die Orks haben Wolfspfort angegriffen. Es scheint, als ob Anshold von Erlbrück gefallen wäre. Aber ich weiß es nicht. Unten bereiten sich gerade drei meiner Ritter vor, um nach Wolfspfort zu reiten. Ich würde selber, aber der Graf hat gesagt, dass ich hier bleiben muss."

Gerwulf war kreidebleich geworden. Er fühlte seine Beine nachgeben. Dann hatte Tiras ihn gegriffen und wollte ihn zum Sessel führen. Doch da ging es schon wieder. 

"Wann?"

"Heute in der Nacht. Der Mann ist losgeritten, sobald die Praiosscheibe über dem Horizont aufging und ihr erstes Licht spendete."

"Ich muss mit Deinen Rittern mit reiten."

"Ich weiß. Der Page hat sie schon informiert. Halte Dich an Ucurian von Orkendräu. Wenn Anshold wirklich gefallen ist, wird er erstmal mein Dienstritter im Gut werden."

"Anshold kann nicht tot sein." Das war das erste, was Gerwulf in den Sinn kam, "ich habe meine Schwertleite nicht und er hat gesagt, dass er mich zum Ritter macht." Tränen liefen ihm über die Wangen. "Er würde sein Wort nicht brechen."

Tiras nahm seinen kleinen Schwertbruder in den Arm. "Das würde er nicht. Aber wir werden dafür eine Lösung finden. Vielleicht führe ich Dich selbst zur Schwertleite. Nun aber spute Dich, dass ihr noch bei Tageslicht ankommt."

Das ließ der junge Knappe sich kein zweites Mal sagen.

Sein Pferd war noch nicht abgesattelt worden und Gerwulf war froh, dass er es am Morgen geschont hatte. Nach Wolfspfort würde es ein Höllenritt werden und sie alle, die Ritter sowie ihr Gefolge würden den Tieren alles abverlangen. 

Den Ritt erlebte er wie in einem Fiebertraum. Die Bäume zogen einfach an ihm vorbei und hätte die Gruppe angehalten, er hätte nicht zu sagen gewusst, wo sie waren.

Die Nacht war schon hereingebrochen, als sie die Tore Wolfspforts erreichten. Aber Gerwulf nahm wahr, dass es noch Tore gab. Er erlaubte einer kleinen Hoffnung, aufzukeimen. Wenn Anshold tot war, wäre doch der Ort zerstört?

Der Ritter von Orkendräu trat an das Tor und klopfte laut und vernehmlich an. Er hatte den Klopfer noch kein zweites Mal gehoben, als das Tor schon aufschwang. Linje Schwarzenbinge stand dort und schaute ihnen entgegen. Sie sah erst die Ritter und deren Gefolge, dann bemerkte sie den Knappen.

"Gerwulf, Ihr seid zurück."

Der junge Mann sprang auf sie zu. 

"Tiras hat erzählt, dass Orks hier waren. Was ist mit dem Junker?"

Die Geweihte nahm ihn in den Arm. Dann schüttelte sie leise den Kopf.

"Die Orks kamen in der Nacht. Sie griffen das Gutshaus an." 

"Warum nur das Gutshaus?"

"Oh, sie wollten sicherlich den ganzen Ort vernichten. Aber nicht mit dem Junker. Ich weiß nicht, ob er etwas geahnt oder gehört hatte, aber noch im Nachtrock hatte er schon das Schwert in der Hand. Walderia und er hatten bereits drei Schwarzpelze getötet, bevor die hinteren die Fackeln warfen. Irgendwas im Haus fing Feuer und der Hof stand schnell in Flammen. Ich konnte die Orks nicht zählen, aber es müssen ein Dutzend gewesen sein und sie drängten ihn wieder ins Haus zurück."

Sie zögerte.

"Walderia fiel als erste. Die Orks, die sie angriffen, mussten über ihre Gefallenen steigen. Und dann war da dieser Ork mit dem gezackten Säbel …"

"Ein Arbach", wandte Ucurian ein.

"Er griff die Ritterin von der Seite an und lenkte sie ab. Und dann kam der Ork mit der Streitaxt und trieb ihr diese in die Seite. Beide Orks lagen am Boden, noch bevor die Ritterin selbst zusammenbrach."

Sie guckte Gerwulf an und zögerte.

"Der Junker stand in der Halle, um ihn herum Orks. Seine Kleidung hatte Feuer gefangen, aber das hielt ihn nicht auf. Wie ein flammender Paladin der Leuin hieb er auf die Orks ein. Schwarzpelz um Schwarzpelz fielen seinem Schwert zum Opfer. Bis ihn letztlich ein" sie blickte zu Ucurian, "Arbach traf."  

Sie griff nach Gerwulfs Hand.

"Er starb in den Flammen."

"Aber die Orks?"

"Walderia und der Junker haben es vielleicht nicht geschafft, alle Schwarzpelze zu erschlagen. Aber sie haben Wolfspfort Zeit erkauft. Zeit, die die Rote Lanze brauchte, um in die Stadt zu kommen."

"Was bitte ist eine rote Lanze", fragte einer der Ritter aus der Gruppe. Gerwulf fiel auf, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, nach seinem Namen zu fragen. 

"Die Rote Lanze", erklärte der Knappe, "ist eine Gruppe von Söldnern, die seit Jahren vor dem Weiler lagern. Sie kommen immer wieder hierher zurück." "

Und nachdem sie sich formiert hatten", fuhr die Geweihte fort, "sind sie in den Ort eingefallen und haben die verbliebenen drei Schwarzpelze aufgerieben." 

Gerwulf machte einen Schritt auf die abgebrannte Ruine zu. Das hölzerne erste Geschoss war eingebrochen und es standen nur noch Reste der Grundmauern. Dann stockte er.

"Ihr habt gesagt, Waldoria und Anshold. Was ist mit Eldora und Thorolf?" Er sah sie an, als ahnte er die Antwort und in seinem Blick lag das Flehen, dass sie anders sein würde.

Die Geweihte schüttelte nur den Kopf. 

"Wir fanden sie in den Trümmern des Hauses." Nun rannen auch ihr Tränen über das Gesicht. "Ich nehme an, dass der Rauch … sie haben wohl nicht gelitten."

Sie hatten das Haus erreicht. Gerwulf blickte zu der Geweihten und den drei Rittern.

"Ich würde gerne einen Moment alleine sein."

Die Geweihte zögerte, dann zog sie sich mit den Rittern zurück.

Der junge Knappe bahnte sich seinen Weg durch die Trümmer. Der große Saal war verwüstet. Einzig der Eichentisch, an dem er mit Freidank Bosparano geübt hatte, war wie ein Wunder unbeschädigt. Nach einer Weile spiegelte sich der Schein der Fackel in etwas metallischem. Er ging hin und zog Schwarzenschnitt unter den Trümmern hervor. Die Klinge würde eines Schmiedes bedürfen. In diesem Moment brach es über ihm zusammen. Das Bastardsschwert, das Anshold gehegt und gepflegt hatte, war nur noch ein verbranntes Symbol in einer toten Welt. Gerwulf sank auf die Knie, die Klinge fest an die Brust gepresst. Ein Schluchzen, so tief und gewaltig, dass es seinen ganzen Körper schüttelte, entriss sich seiner Kehle. Es war kein Weinen mehr; es war ein lautloses Schreien gegen die Ungerechtigkeit der Götter. 

Irgendwann nach einer Ewigkeit versiegten die Tränen und hinterließen eine hohle Leere von der er wusste, dass nichts sie jemals wieder füllen würde. Er sah sich noch einmal um, dann verließ er die Ruine.

Er traf Linje, die Ritter und deren Gefolge vor dem Tempel. Von dort schaute er gen Efferd.

Tonlos fragte er: "Was ist mit den Türmen? Ich sehe kein Feuer?"

Linje antwortete: "Das Feuer Wolfsauges hat bis zum Mittag gebrannt. Nun muss ersteinmal Holz nachgeholt werden. Die Schwarzpelze haben die Türme gleichzeitig mit dem Ort angegriffen. Wolfsauge konnte mit schweren Verlusten verteidigt werden. Aber die Esse ist niedergebrannt."

Gerwulf stutzte. "Die kann ja wieder aufgebaut werden. Selbst wenn Ulfried Zeter und Mordio schreien wird." Der Schmied reiste jeden Morgen zu seiner Esse, schlief aber sonst im Ort.

Linjes Blick ließ ihn die Antwort erahnen.

"Warum?"

"Er hat an irgendetwas geschmiedet. Er sagte, dass sei sein Meisterwerk. Dafür hat er die letzten Woche in der Schmiede geschlafen." Sie machte einen Atemzug lang Pause. "Er hat es nicht geschafft."

Gerwulf schloss die Augen und atmete tief durch. Nahm das denn gar kein Ende?

"Und Mahtur?" würgte er schließlich seine letzte Frage hervor.

"Wir wissen nicht, was genau passiert ist. Wir nehmen an, dass ein unglücklich geschossener brennender Pfeil durch die Scharte eingedrungen ist und einen der Strohsäcke getroffen hat, auf denen die Mannschaft schlafen konnte. Von außen scheint der Turm unbeschädigt zu sein, aber die Holzböden im Inneren … Die Mannschaft muss auf dem Dach verbrannt sein, bevor sein Inneres zusammenbrach."

Der Knappe wollte seine Augen gar nicht mehr öffnen. Dann war mit dem Turm und den Schwarzfedern auch Morand von Schwarzaue gestorben. 

Linje schaute ihn an. 

"Was wird nun geschehen?"

Es brauchte lange, bis Gerwulf antwortete. Als er die Augen öffnete, lagen Resignation und Bitterkeit in seinem Blick. Aber auch eine stille Wut, die unter der Oberfläche glomm. Nicht heiß, nicht lodernd, aber andauernd.

"Wir werden jetzt schlafen gehen." Auch wenn er sich wenig Hoffnung machte, dass er Schlaf finden würde. "Bis auf Ucurian von Orkendräu werden die Ritter morgen zurückreiten und dem Vogt sowie dem Grafen Bericht erstatten. Und wir werden tun, was der Junker gefordert hätte. Wir werden uns Mahtur anschauen und gucken, wie wir ihn wieder instand setzen können. Und dann werden wir gucken, wie wir das Gutshaus wieder aufbauen und uns darauf vorbereiten, die Schwarzpelze auch beim nächsten Mal zurückzuschlagen."