Ein Fest zu Ehren der Heiligen

Ort: Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:


Dorf Dûrenbrück, am Morgen des 21. Peraine 1044 BF


Die Nacht war kurz gewesen und das aus unterschiedlichen Gründen. Während die beiden Barden ihr Publikum bis spät in die Nacht unterhalten hatten und dann - zwar zu kurz, aber dennoch in einem annehmbaren Bett - im besten Zimmer der ´Alten Eiche´ genächtigt.
 
Die beiden Ritter und der Page waren bei der Schwertschwester Leudara und ihrer Familie einquartiert gewesen. Im Tempelturm war der Platz und damit einhergehende Bequemlichkeit eher rar gesät gewesen, weshalb bei den Schlaflagern improvisiert werden musste. Wie es in Weiden oftmals üblich war, boten die Gastgeberinnen ihren Gästen sogar die eigenen Betten an, was jedoch Silvagild und Hardomar sogleich ablehnten. Demnach war es ein der unbequemeren Nächte auf ihrer Reise gewesen. Das schmackhafte Frühstück, das Heldgard ihnen gerichtet hatte, entschädigte die drei jedoch ein stückweit wieder. Leudara, so erklärte ihnen ihre Frau weiter, war bereits seit Aufgang des Praiosmales damit beschäftigt die letzten Vorbereitungsarbeiten zu überwachen und die vielen heute eintreffenden Gäste zu begrüßen.

Auch Daithi und Dyderich wurden vom Wirten beinahe väterlich umsorgt und der Nordmärker Schüler bemerkte einmal mehr, welch hohen Stellenwert seine Zunft in diesen Breiten hatte. Barden waren hier immer gerne gesehen. Sie zählten nicht nur als Männer und Frauen, die für Unterhaltung sorgten, sondern eben auch als Verbreiter und Hüter des schier endlosen Sagen- und Liedguts der Bärenlande. Sie nahmen, in dieser von Hesinde verlassenen Gegend, also auch so etwas wie die Aufgabe als Hüter des Wissens ein.

Beinahe zur selben Zeit traten die fünf Reisenden hinaus auf den großen Dorfplatz, an dem sich am heutigen Tage - es war bestimmt schon erste Ingerimm- oder Rahjastunde gewesen - schon so einiges getan hatte. Nicht nur waren hölzerne Bänke und Tische aufgestellt worden, sondern auch das große Strohgebilde am Rande des Dorfweihers war inzwischen entblößt worden. Hardomar konnte erkennen, dass es sich hierbei um einen Ork handeln musste, zumindest deutete er die Darstellung von Hauern am Kopf der Figur so.

Doch nicht nur das, auch der inzwischen sehr angeschwollene Zulauf an Gästen beeindruckte die fünf. Und nicht nur die Anzahl, sondern auch die Aufmachung manch eines Anwesenden konnte sich sehen lassen, glich das Dorf an diesem Morgen doch eher einem großen Heerlager. Alles was hier von Rang, Namen und Ritterstand war, kleidete sich in Rüstung und gürtete die Waffen. So spiegelten sich die Strahlen des Praiosmales auf nicht wenigen Kettenhemden und Plattenteilen, während die Banner stolzer Weidener Adelshäuser schlaff im Wind hingen.

Als Dyderich und Daithi auf die drei Nordmärker trafen und sie sich knapp begrüßten, begann der Weidener damit, einige der Anwesenden vorzustellen, die sich in kleineren und größeren Trauben zusammengefunden hatten und meist in Gespräche vertieft waren: so wies der Gugelforster zuvorderst auf die ansehnliche Schwarzhaarige in einer edlen Kleidung aus rotem Bausch und braunem Leder mit einem schmalen silbernen Stirnreif, die er als seine Base und Baronin von Weidenhag vorstellte. Daithi und ihm war sie schon am Vortag begegnet, doch galt dies nicht für Silvagild, Boronmin und Hardomar. Im Gespräch befand sie sich mit einer kleinen Gruppe Ritter. Einer davon, so Dyderich weiter, war der Herzogliche Landvogt der Nachbarbaronie Weiden, Firutin von Hohenstein, neben seiner Gemahlin Begina von Wolkenstein und Wettershag - ihres Zeichens Tochter des Grafen der Sichelwacht - ein anderer, der Herzogliche Landvogt der firunswärtigen Nachbarbaronie Waldleuen, der in Personalunion auch das Amt des herzoglichen Jagdmeisters bekleidete. Bunsenhold von Waldtreuffen wurde jedoch nicht von seiner Frau begleitet, sondern von einer jungen Geweihten des Firun, deren mandelförmige Augen und rotes Haar auf eine nivesische Abstammung schließen ließ. Die letzte der Gruppe war eine junge Ritterin mit rotblonder Mähne und hübschen blauen Augen, die der Barde als Sidrat von Dûrenwald vorstellte, Tochter und Erbin der herzoglichen Landvögtin von Dornstein.

Doch nicht nur der Hochadel der Gegend gab sich die Ehre: so fand sich hier auch der lokale Niederadel: die Junkerin von Düsterfurt, der Junker von Biberwald und der Landritter von Südhag, sowie aus der Nachbarschaft die jungen Junkerinnen von Hohenhain und Firunsgrund. Auch der reitende Troll, Junker von Weißenstein und Bruder des Kanzlers Weidens - Aldewein von Weißenstein auf Weißenstein - gab sich die Ehre. Silvagild und Hardomar konnten mit Bärwulf vom Blautann, dem Junker von Leuengrund, den sie vom kürzlichen Herzogenturnier kannten, sogar ein bekanntes Gesicht erspähen. Neben jener jungen Frau, die sich gerade zu ihnen begab.

“Silvagild …”, fragte die schlanke Rotblonde, die ihre langen Haare zu einer thorwalsch anmutenden Flechtfrisur modelliert hatte, “... und der hohe Herr von Hadingen.”

“Arika?” Die Junkerin umarmte die junge Frau, welche sich für den heutigen Tag ebenso Kettenhemd und Stahlzeug angelegt hatte.

“Was für eine schöne Überraschung. Wie geht es euch beiden? Und meiner Schwester?” Sie wuschelte Boronmin ungefragt durch sein schwarzes Haar, ohne eine Antwort abzuwarten. “Und dem jungen Herrn?”

Lächelnd sah sie auch zu den beiden Barden. “Ihr habt gestern Abend in der ´Alten Eiche´ einiges versäumt. Die beiden haben uns ordentlich eingeheizt.” Sie lachte.

“Ja, das glaub’ ich gern! Die beiden verstehen es, der Meute Dampf zu machen”, bekräftigte der junge Ritter mit einem herzlichen Lachen. “Es ist wirklich schön, Euch zu sehen. Und habt Dank für die Nachfrage. Uns geht es gut; wir sind gerade auf Pilgerreise im Zeichen der Sturmherrin. Eure Schwester ist auch wohlauf, soweit mir bekannt ist. Und die Baronie blüht und gedeiht unter ihrer weisen und starken Regentin.” Er hielt in der Umgebung Ausschau nach weiteren bekannten Gesichtern. “Wie geht es Euch denn? Ist Euer Verlobter, seine Wohlgeboren von Blautann, heute auch hier? ”

"Rondra zum Gruße!" Boronmin verbeugte sich artig vor Arika, nickte freudig, als sie ihn nach seinem Befinden fragte und unterdrückte den Reflex, sich das von ihr zerzauste Haar wieder zurechtzuwuscheln. Ansonsten überließ er das Reden den Erwachsenen. Im Gegensatz zu diesen hatte der kleine Page, gut gesättigt und überwältigt von den aufregenden Eindrücken des gestrigen Tages und der ihnen entgegengebrachten herzlichen Gastfreundschaft, wunderbar tief und fest geschlafen. Nun nahm er mit großen staunenden Augen den bunten Trubel auf dem Dorfplatz in sich auf, bewunderte die vielen bunten Banner und prächtigen Kleider der Adligen und die unterschiedlichen, in der Sonne glänzenden Rüstungen der versammelten Ritterschaft. Besonders interessiert, aber auch ein bisschen skeptisch beäugte der Junge die große Orkfigur aus Stroh.

“Leider nicht, er ist am Hof in Trallop, an der Seite der Herzogin, wie es einem Ritter vom Orden des Bären geziemt”, antwortete Arika dem Ritter und deutete dann auf den Junker Bärwulf. “Aber mein Schwiegervater ist da, er kam erst vor wenigen Tagen aus den Nordmarken zurück … war dort auf einem Turnier.”

Dann ging die Knappin etwas in die Knie, um auf Augenhöhe mit Boronmin zu sein. “Den Ork werden wir dann später anzünden …”, erklärte sie in verschwörerischem Ton, “... aber erst werden wir noch das Grab der Heiligen besuchen. Deshalb sind wir auch alle in Rüstung … die Ritter und das Waffenvolk machen das als Ehrbekundung für Sankta Matissa. Am Grab segnet ihre Hochwürden dann die Puppen der Kinder, die mit zum Ork gelegt werden, wenn wir ihm dem Feuer übergeben.” Arika lächelte dem Pagen zu und blickte dann zu Hardomar und Silvagild hoch. “Werdet ihr beiden euch auch noch umkleiden?”

Der Hadinger Ritter freute sich auf die Gelegenheit, im Tempel an diesem außergewöhnlichen Ritual teilzunehmen und der heiligen Matissa die Ehre zu erweisen. Er nickte Arika zu und und wandte sein Wort an Silvagild: “Also, ich würde mich rüsten wollen, du sicherlich auch, oder?” Ein bisschen bedauerte er, dass er seine Gestechrüstung, die er für die Turnierteilnahme hatte aus Hadingen bringen lassen, mit den Waffenknechten wieder zurückgeschickt hatte. Aber Gambeson, Kettenhemd und eine saubere Tunika darüber würden es sicherlich auch tun.

Boronmins Augen leuchteten bei der aufregenden Vorstellung, dass nachher der riesige Ork brennen würde, auch wenn es ihm um die Puppen leid tat. Aber auf keinen Fall wollte er das Schauspiel verpassen! Hibbelig tänzelte der Page auf der Stelle herum und reckte den Kopf nach einigen Kriegern mit besonders interessant aussehenden Rüstungen. "Was soll ich denn anziehen?" fragte er schüchtern in die Runde. "Ich hab ja noch kein Kettenhemd."

Die Knappin lächelte dem jungen Pagen freundlich zu. “Na was hast du denn sonst an, wenn du mit deinem Schwertvater unterwegs bist?” Arika wies auf die anderen Kinder. “In deinem Alter trägt man für gewöhnlich noch keine Rüstungen, aber ich bin mir sicher, dass ihre Hochwürden ein Knappenschwert für dich hätte, wenn du ein solches tragen willst … und darfst.”

Hardomar nickte der Knappin zu. “Ich bin mir sicher, dass Boronmin damit verantwortungsbewusst umzugehen weiß und keinen Unfug treiben wird.”

Boronmin nickte eifrig und strahlte Arika an. Dann schaute der Junge an sich herunter und musterte die schwarzen Beinlinge aus Leder und die saubere, doch schmucklose dunkelbraune Tunika, die er anhatte. "Ich könnte meine gute Tunika in den Hadinger Farben tragen", schlug er zögerlich vor.

“Klar, junger Herr. Und den blauen Umhang”, fügte Hardomar hinzu und schmunzelte unwillkürlich bei der Vorstellung, dass diese Tunika überwiegend aus weißem Stoff bestand und am Abend nach einem langen Festtag vermutlich mit zahlreichen Grasflecken und verkleckerter Bratensoße geziert sein würde.

Silvagild nickte derweil dem Hadinger zu. “Natürlich … ja, umziehen. Wenn es so üblich ist, werden wir Nordmärker uns bestimmt nicht davor verschließen.” Ein Kettenhemd hatte sie dabei, auch wenn dieses gegen die hier gezeigten Rüstungen beinahe schon unwehrhaft wirkte - aber Plattenteile hatte die Junkerin in ihrer Heimat gelassen.

Bevor sich die beiden Ritter zum Umziehen zurückzogen, trat Hochwürden Leudara an die kleine Gruppe heran. “Die Löwin mit Euch”, grüßte sie freundlich. “Auch die Schwertschwester des hiesigen Tempels war in eine schwere Rüstung gewandet und trug ihr langes Kettenhemd mit Plattenteilen verstärkt. Es dauerte nicht lange, bis klar wurde, dass der Grund für ihr kommen wohl der Page Boronmin war. “Ich wollte den jungen Herrn fragen, ob er mir bei der Andacht am Grab und dann später auch hier im Dorf helfen möchte. Alwen hat ihn mir anempfohlen.” Sie lächelte Hardomar zu, dessen Einverständnis sie erfragte.

Der Hadinger Ritter legte seine Hand auf Boronmins Schulter und fragte ihn mit einem aufmunternden Lächeln: “Nun, was meinst du? Hättest du Lust, Hochwürden zu helfen? Sie wäre dir sicher sehr dankbar.”

"Auf jeden Fall!" Bewundernd schaute Boronmin zu der Geweihten auf und nickte zustimmend. "Ich werde mein bestes geben, das verspreche ich!"

Daithi hatte der Unterhaltung gelauscht. Als die Rittersleut sich verabredeten, sich zu rüsten, und sich dazu zurückzogen, nahm er seine Laute und begann zu zupfen. Er hatte viel Verständnis für die Ritterinnen und Ritter, die sich zu diesem Fest angemessen in ihre Rüstungen kleideten. Daithi dachte versonnen an seine stolze Großmutter mütterlicherseits, die greise, alte Ritterin. Er dachte aber auch an seinen Vater, der nie einen Hehl daraus machte, dass er die rondrianischen Tugenden und was sie von einem abverlangten nicht besonders schätzte. Dabei war dessen Vater, also Daithis bornländischer Großvater, gar ein Ritter des Ardaritenordens gewesen. Was auch immer Daithis Vater zu seinen Ansichten geführt haben mochte. Daithi zupfte die Saiten und summte versonnen. “Matissa…” Er erinnerte sich an eine südländische Melodie - wohl von den Waldinseln aus dem Perlenmeer - und begann leise vor sich hin zu singen.

Matissa,... Matissa,... Matissa,...
sie macht uns Mut dass wir nie verzagen.
…und nochmal…

Als die Ritter und Gäste bereit waren und sich im Halbkreis vor dem kleinen Tempel eingefunden hatten, eröffnete Leudara die Prozession. Als Ministranten hatte sie dafür die Pagen Boronmin und Alwen ausgewählt, die ihr assistierten. Es war totenstill gewesen und auch die Vögel des Waldes schienen sich in diesem Moment das Schweigegelübte auferlegt zu haben. So war das Klirren von Rüstungen und Schwertgehängen das einzige was zu vernehmen war, als die Teilnehmer der Prozession in einer beinahe simultanen Bewegung die Knie beugten.

“Große Göttin Siegensreich, unfehlbares Schwert Alverans, starker Schild Melliadors - Rondra!”, zerriss die kräftige Stimme der Geweihten die herrschende Stille.

“Heil und Ruhm sei dir und deinem mächtigen Walkür! Mythrael, Tigerhäuptiger Helfer in der Not. Erfülle unsere Herzen mit Unbeirrbarkeit und Mut zu tun, was uns vorherbestimmt. Deinem Brandschwerte gleich sei unser Zeugnis - rein und unaufhaltsam. Lass´ uns nicht zagen, denn wir streiten und wir wahren allein zum Ruhm der großen Göttin Donnergleich. Darum, oh Walkür, empfehle uns der großen Leuin Alverans! Es sei!”

“Es sei”, wiederholten die knienden Anwesenden wie aus einer Kehle.

“Brüder … Schwestern … heute wird der Sturm den Namen Matissas tragen …”, predigte die Hochgeweihte weiter, “... am Tage, der der Heiligen geweiht ist, werden wir uns ihrer Geschichte und ihres Opfers erinnern.” Leudara machte eine bedeutungsschwangere Pause und ließ ihre aventurinfarbenen Augen über die Versammelten schweifen. “Denn der Kampf, den wir Weidener führen, ist immer noch derselbe und ihre Standhaftigkeit und Opferbereitschaft soll uns allen zum Vorbild gereichen.”

Wieder folgte eine kurze Pause, in der der Blick der Priesterin auf den Anwesenden lag.

“Denn, in jener Zeit da die Schwarzpelze über große Teile unserer schönen Heimat herrschten und sie ihr zwölfmal verfluchtes Könikreisch des Nortens ausgerufen hatten, durchlebte auch unsere Heimat Weiden eines seiner dunkelsten Kapiteln. Doch war Rondra stets mit uns - auch und gerade dann, wenn wir als ihr Volk leiden mussten, gab sie uns stets das eine oder andere Zeichen, schürte Glauben und Hoffnung und animierten uns zum Kampf. Gegen Ende eben jener dunklen Epoche zeigte sich uns die Herrin im Handeln eines jungen Mädchens. Nein, nicht etwa durch eine mächtige Ritterin, sondern in einer einfachen Bauerstochter ... so wie viele, die sich heute hier eingefunden haben … ja, nicht alleine Herkunft und Ausbildung definieren die Ehre und auch Menschen, die nie eine Ausbildung an der Waffe genossen haben, können, durch das rechte Handeln, die Gunst der Göttin erlangen.
 
Matissa war die einfache Tochter eines Bauern. Geboren in einem Ziegenstall, hat sie als Heranwachsende ihr Tagwerk auf dem Hof ihrer Eltern zugebracht. Als sie ihren zwölften Tsatag beging, war sie jedoch bereits Waise. Die Orks, so ist es uns überliefert, haben ihre Eltern getötet, weil Hafer, den die Herrscher als Tribut mit sich nehmen wollten, bereits Fäule angesetzt hatte. Matissa selbst wurde verschont und ihrem Häuptling zum Geschenk gemacht, der sie fortan als Sklavin hielt. Eben jener Herr soll sich, selbst für einen Schwarzpelz, durch außergewöhnliche Brutalität im Umgang mit seinen Untergebenen einen Namen gemacht haben. Dies hatte auch Matissa bereits früh zu spüren bekommen - vor allem die anderen Sklaven waren bei ihrer Ankunft in einem sehr desolaten Zustand und auch sie selbst fand sich schon recht bald mit ihrem neuen Schicksal ab.
 
Es zogen einige Götterläufe des Leidens ins Land, bis die junge Sklavin durch regelmäßige Traumbilder neuen Mut und neue Hoffnung schöpfte. Traumbilder, von denen das Mädchen wusste, dass sie von der Herrin Rondra gesandt waren. Sie predigte den anderen Sklaven von ihren Erlebnissen und wurde schnell als deren verborgene Anführerin anerkannt, was sie natürlich vor eine weitere schwere Situation stellte, war Matissa als weibliche Sklavin innerhalb der orkischen Hierarchie auf unterster Stufe angesiedelt gewesen. Den Tatendrang der Heiligen schien dies nicht zu stören. Die inzwischen zur jungen Frau herangewachsene predigte weiter und als ihr orkischer Herr damit begann sie als Strafe dafür zu verprügeln, schienen ihre Worte mehr und mehr von gar heiligem Zorn erfüllt. Ihre Reden und Predigten wurden so flammend, dass sie das Feuer sogar bis direkt in die Herzen jener trug, die sich selbst schon längst aufgegeben hatten.
 
Selbst orkische Sklaven und Yurach in den Diensten des Häuptlings lauschten ihren Worten und es sollte nicht lange dauern bis Matissa die Planung eines Aufstandes gegen die orkische Hoheit dieser Breiten, anzettelte. Ein Vorhaben, das sie jedoch niemals in die Tat umsetzen konnte. Durch Verrat wurde der Plan der Sklaven verraten und Matissa dingfest gemacht. Der Häuptling war derart außer sich vor Zorn, dass er das Mädchen einen Tag und zwei Nächte durchgehend gefoltert hatte. Er ließ sie hinter Orkponys durchs Dorf schleifen, peitschte sie aus, folterte sie mit dem Rad und mit glühenden Eisen. Zum großen Teil auch vor den anderen Sklaven und immer wieder verhöhnte er die Menschengötter und denen voran die Herrin Rondra.
 
Am Beginn des zweiten Tages jedoch verließ ihn seine Geduld und die Standhaftigkeit des Mädchens rang ihm Respekt ab. Anstatt ihren halb toten Leib seinen Hunden zum Fraß vorzuwerfen, gewährte er Matissa den ehrenvollen Tod durch die Klinge - obwohl sie nie selbst eine in ihren Händen hielt und noch dazu eine Menschenfrau war.
 
Die Heilige starb durch den Ork und ihre letzten Worte richteten sich an die umstehenden Sklaven. 'Sie sollen niemals verzagen, sollen mutig kämpfen und nie vergessen, dass die Löwin ihre schützenden Hände über die Menschen der Mittnacht hält. Vom Ritter bis hin zum Bauernmädchen. Die Stunde wird kommen, da werden sich die Menschen wieder das zurückholen, was ihnen von den Göttern zum Geschenk gemacht wurde'.
 
Bereits wenige Herzschläge nach ihrem letzten Atemzug begann ein blutiger Sklavenaufstand, der dem Häuptling und einem jeden seiner Okwach den Tod brachte. Wenige Götterläufe danach zerfiel, mit kräftiger Mithilfe der Alten Völker, auch die orkische Herrschaft über die Menschen gänzlich.”

Zum wiederholten Male folgte eine kurze Stille, während sie den beiden Pagen das Zeichen gab das Blutopfer vorzubereiten. Alwen und Boronmin trugen die Rauchschale herbei, in welcher glühende Kohlen lagen und Boronmin der Geweihten dann den Ritualdolch überreichte. Diese nickte ihm dankend zu und schnitt sich dann in die Handfläche und ließ das Blut auf die glühenden Kohlen tropfen, von wo es als Rauch gen Alveran aufstieg.

“Große Göttin, niemals ermüdende Wächterin auf Alverans Zinnen, mächtige Beschirmerin der Himmelspforte Melliador! Lass uns ausdauernd wachen, mit wachem Geist, starkem Arm und der Opferbereitschaft deiner Dienerin Matissa. Kein Bedürftiger soll abgewiesen sein, und aller Feind vor Weiden fallen!”

Boronmin erfüllte den Ministrantendienst mit großer Ernsthaftigkeit und Konzentration. Immer wieder blickte er zu Alwen, bemüht, ihrem Beispiel genau zu folgen und jeden Handgriff, jede Bewegung perfekt auszuführen. Er wollte heute allen zur Ehre gereichen... Hochwürden Leudara und Alwen, seinem Schwertvater und seinen Reisegefährten, aber am meisten der Herrin Rondra und der heiligen Matissa. Als die Geweihte von deren Leben erzählte und die Bilder der Geschichte in seinem Geist zum Leben erwachten, standen dem jungen Pagen, obwohl er das Schicksal der Heiligen bereits kannte, schnell die Tränen in den Augen, doch er blinzelte nicht und überreichte Leudara mit ernstem, würdevollen Gesichtsausdruck Schale und Dolch.

Hardomar, der tief ins Gebet versunken gewesen war, blickte für einen Moment mit Stolz zu seinem Pagen auf, als dieser gemeinsam mit Alwen den Ritualdolch und die Rauchschale überreichte. Es freute ihn sehr, wie sich der Junge in den wenigen Monden seiner Pagenzeit in Hadingen verändert hatte. Als der junge Henjasburger zu ihm gekommen war, hatte Boronmin einen in sich gekehrten, fast schon verschüchterten Eindruck vermittelt; doch nun schloss er Freundschaften, begann immer mehr aufzublühen und sich zu einem selbstbewussten und mutigen Pagen im Dienste der Göttin zu entwickeln.

Nach diesem Gebet und nachdem die Pagen die Räucherschale zur Seite getragen haben, setzte sich der Prozessionszug in Bewegung. Die Ritter sattelten auf und folgten Leudara, die voran ritt, auf dem Fuße. Es war kein allzu langer Weg hin zum Schrein jener Heiligen, die als Matissa bekannt war. Leudara empfand es als schade, dass Matissa vom Schwertbund nicht mehr gewürdigt wurde, war sie doch der Beweis dafür, dass Rondra eben nicht nur dem Schwertadel und Kriegertum vorbehalten war, sondern auch den einfachen Menschen. Das machte sie - so empfand es die Schwertschwester - zu einer der weidenschsten Heiligen überhaupt, und so erfreue sich der kleine Tempel in Dûrenbrück sehr ansehnlichen Zulaufs aus den einfachen Gesellschaftsschichten. Auch Kinder kämen gerne, bastelten das ganze Jahr über Strohpuppen der Heiligen und 'spendeten' diese.

Selbst nach all den Jahren verstünde das Wesen der Heiligen immer noch, die Herzen der Menschen mit Hoffnung und Mut zu erfüllen. Leudara würde sich dafür einsetzen, dass Sankta Matissa ihren Weg ins Rondriarium finden würde - so lange, bis Rondra auch sie selbst an ihre Tafel hole.

Der Schrein selbst fand sich an einer Waldlichtung auf einem kleinen Hügel, und die Anwesenden bemerkte sofort den weißen Kalkstein, aus dem das Monument geschaffen wurde. Sonst war der Schrein eher schmucklos. Hier stand keine Statue oder Büste Matissas, sondern lediglich ein kahler Stein mit einer verwitterten Inschrift.

Wieder fanden sich die Gäste im Halbkreis zur Grablege der Heiligen ein. Unter der weißen Platte soll sich die Urne der Heiligen befinden, die von ihren Anhängern nach dem Aufstand hier verbrannt und in allen Ehren beerdigt wurde. Hier war es üblich gewesen, dass die Baronin von Weidenhag einen Kranz niederlegte und um den Segen Rondras für ihr Land bat. Begleitet wurde sie dabei von ihrem Gemahl, dem Ritter Gorfried von Sturmfels. Auch einige der Bauernkinder legten Frühlingsblumen am Grab der Heiligen ab.

Während die Blicke der Gäste auf der Baronin lagen, schien Silvagilds Aufmerksamkeit auf etwas anderem zu liegen. Sie schien durch die ganze Szenerie vor ihnen durch zu sehen, dann zupfte sie Hardomar an seinem Ärmel. “Siehst du sie?”

“Wen?” flüsterte Hardomar, schaute erst zu Silvagild und folgte dann deren Blick in die Ferne. Stirnrunzelnd wandte er sich wieder zur Junkerin. “Wen meinst Du?”

Silvagild löste ihren Blick und sah nun zu Hardomar. Kurz wirkte sie etwas verwirrt, dann legte sie ihre Stirn in Falten. “Niemand … ich hatte wohl einen Tagtraum.” Nun ließ die Junkerin ein Lächeln folgen.

Musternd schaute der Hadinger der Junkerin tief in die Augen. Für ihn machte es nicht wirklich den Eindruck, als wäre sie einfach nur verträumt oder in Gedanken versunken gewesen. Vielmehr, als meinte sie tatsächlich irgendetwas gesehen zu haben. “Tagtraum?” fragte er leise nach.

“Ja dieses ganze Gerede von Heiligen und jungen Mädchen …”, sie lächelte, wirkte aber immer noch etwas unsicher, “... ich dachte mir, dass ich dort hinten eine junge Frau gesehen habe … in einem einfachen blauen Kleid und einem leuchtenden Etwas am Hals … es sah aus wie eine Wunde … naja …”, wieder lächelte Silvagild, “... ich habe wohl zu wenig geschlafen.”

Hardomar musterte weiter die braunen Augen der Junkerin und zog eine Augenbraue hoch. “Nun”, überlegte er leise, “...wenn es einen Tag im Jahr gibt, wo die Heilige hier auf Dere wandeln könnte, dann vermutlich heute…” Er warf unwillkürlich einen weiteren kurzen Blick in die Richtung, in die Silvagild geschaut hatte und schauderte, als er vom Anflug eines Gefühls frommer Ehrfurcht und Demut ergriffen wurde. So verwunderlich sich Silvagilds Worte auch anhören mochten; er glaubte ihr, dass sie wirklich die heilige Matissa gesehen hatte. Ob Silvagild mit ihrem Feenblut Dinge wahrnehmen konnte, die sonst keiner bemerkte? Mit einem vertrauten Lächeln der Zuversicht lächelte er Silvagild an, legte den Arm um ihre Schultern und drückte sie kurz an sich. “Keine Sorge, alles ist gut. Ich glaube, du kannst dich gesegnet fühlen.”

“Hm … ich weiß ja nicht …”, gab sie in gedämpftem Ton zur Antwort und wiewohl sich die beiden Nordmärker leise unterhielten, schienen sie die Aufmerksamkeit eines jungen Ritters auf sich gezogen zu haben. Der Mann hatte kurzes blondes Haar und grüne Augen. Er war groß gewachsen, schlank und machte einen gepflegten Eindruck.

“Habt Ihr es nicht gehört”, warf er grußlos in die Unterhaltung der beiden jungen Ritter ein. “Die Heilige soll im letzten Götterlauf einer Ritterin aus dem Albernischen erschienen sein … und ihr sogar etwas überreicht haben.” Nun dämpfte der schmucke Ritter noch weiter seine Stimme. “Man sagt, sie zeigt sich zweifelnden Seelen, um sie wieder auf den Weg der Sturmherrin zurückzuführen. So wie sie es damals schon das Feuer des Glaubens wieder in den Herzen der Sklaven zu entfachen vermochte.”

“Zweifelnd …”, empörte sich Silvagild zischend und rollte dann mit ihren Augen, “... und überhaupt, ist das hier etwa üblich?” Sie musterte den Unbekannten, der lediglich fragend seine Augenbrauen hob. “Dass man sich ohne Vorstellung in eine Unterhaltung einmischt?”, konkretisierte die Junkerin daraufhin.

“Oh natürlich …”, wieder folgte ein gewinnendes Lächeln, “... entschuldigt. Norsold von Waldtreuffen ist mein Name, Junker von Hennsthal.”

“Silvagild von Ulmentor, Junkerin von Ulmentor in den Nordmarken … und …”, Silvagild wies auf ihren Begleiter, “... Hardomar von Hadingen, Ritter von Hadingen.”

“Erfreut …”, antwortete der Waldtreuffener knapp und nickte auch dem Hadinger zu.

Die Erzählung des Junkers versetzte Hardomar in Erstaunen. Er nahm die Hand von Silvagilds Schulter und nickte Norsold höflich zu. “Sehr erfreut, Wohlgeboren.” Mit freundlicher und überzeugter Stimme ergänzte er: “Das ist sehr interessant, was Ihr berichtet. Ich bin jedoch überzeugt, dass Ihre Wohlgeboren ganz sicher keine zweifelnde Seele ist. Wir befinden uns auf Pilgerreise im Zeichen Rondras und zweifelsohne gehört das Herz der Junkerin der Sturmherrin.”

Silvagild nickte bestätigend. “Genauso ist es, ich zweifle nicht.” Die Worte hörten sich vielleicht nicht ganz so überzeugend an, wie die Junkerin es gerne gehabt hätte.

Der Weidener Junker hob indes eine Schulter. “Das wünsche ich Euch, edle Dame.” Kurz zuckte ein Lächeln über die Lippen des Mannes, dann schien seine Aufmerksamkeit wieder auf dem Schauspiel am Grab gelten.
“Mach’ dir nichts draus…”, flüsterte Hardomar sehr leise Silvagild ins Ohr und wandte sich dann ebenfalls wieder der Zeremonie zu.

Nach der Kranzniederlegung ging es wieder zurück ins Dorf, wo der Höhepunkt des Festes bevorstand. Dafür wurden abermals zwei Räucherschalen vorbereitet und zu beiden Seiten der Orkskulptur aufgestellt. Der wohlriechende Duft aus den beiden Schalen galt als reinigend - ein Ritual, das in der Rondra-Senne des Nordens üblich war.

Während die Kinder nun ihre Puppen auf das Holzfloß unterhalb des strohenen Orks legte, begannen auch die beiden Barden aufzuspielen. Dyderich und Daithi einigten sich darauf, dass sie das ruhige ´Rondra führe meine Klinge´ vortragen würden, welches eine passende akustische Untermalung des feierlichen Moments darstellte. Dabei zeigten die beiden Troubadouren, dass sie es nicht nur verstanden ein Publikum auf die Tanzfläche zu bekommen, wie sie es am Vorabend in der `Alten Eiche´ taten, sondern auch für ernstere Anlässe die passenden Klänge fanden:

“Rondra, bist in meinem Herzen,
dir nur ist mein Schwert geweiht.
Trage mit dir alle Schmerzen,
bin zum Kampfe stets bereit.

Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.
Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.

Leuingleiche, Ehrenreiche,
donnernd Schutz und feste Wehr.
Deinen Namen will ich führen,
stets im Herz als höchste Ehr.

Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.
Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.

Rondras Ehre, Rondras Treue,
Rondras Zorn und Rondras Kraft.
Davor soll der Feind erbeben,
Zittern vor der Göttin Macht.

Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.
Rondra führe meine Klinge,
sei´s in Licht wie Dunkelheit.”

Der Bardenschüler blickte bei dem Lied etwas melancholisch drein. Er musste unwillkürlich an seinen bornischen Großvater denken, der sein Leben für die Herrin Rondra gelebt und wohl auch gegeben hatte. Daithi wusste nicht, warum ihn das jetzt so nachdenklich stimmte. Er hatte seinen Großvater nie kennengelernt, er kannte nur Geschichten über ihn.

***

Als die Kinder sich aufstellten um ihre Machwerke darzubringen, trat Alwen an Boronmin heran. Sie hatte die wehmütigen Blicke des Pagen wohl deutlich vernommen - ihre tiefblauen Augen funkelten. “Du musst deine Puppe nicht verbrennen lassen, wenn du nicht möchtest … sie hat bestimmt auch im Tempel einen Platz, oder du nimmst sie als Andenken mit.” Das Mädchen lächelte.

Boronmins Blick wanderte zwischen der Puppe in seiner Hand und Alwen hin und her. "Aber du opferst deine, oder?" fragte er leise und schüttelte dann entschlossen und ernsthaft den Kopf. "Nein, es ist richtig, sie herzugeben. Für Matissa." Er lächelte tapfer und stellte sich mit seiner Puppe in die Reihe der anderen Kinder.

“Ich lege meine dazu, ja”, Alwen nickte eifrig. “Wie du es möchtest, es wird dir niemand einen Vorwurf machen.” Die junge Welkensteinerin stellte sich hinter Boronmin an. “Ich schenke dir einfach eine Puppe aus dem Tempel, wenn ihr weiterreist.”

Etwas verlegen strich sich Boronmin die dunklen Haare hinters Ohr. "Das ist wirklich nett von dir", sagte er dankbar. "Es wäre schön, eine Puppe als Erinnerung zu haben. Aber nur, wenn das wirklich in Ordnung ist. Also, sie aus dem Tempel zu nehmen?"

Das Mädchen schüttelte ihren Kopf. “Na es wäre schon eine von meinen Puppen und ich würde auch ihre Hochwürden fragen. Aber ich bin mir sicher, dass sie nichts dagegen hat.”

"Ich würde mich sehr darüber freuen!" nickte der Page. "Eines Tages komme ich bestimmt wieder her. Und dann bringe ich deine Puppe in den Tempel zurück."

“Das würde mich freuen”, gab das Mädchen grinsend zurück. “Da hat mich die Herrin Rondra bestimmt auch schon als eine Geweihte erwählt. Dann können wir gemeinsam auf die Orkjagd gehen.”

"Das machen wir auf jeden Fall!" stimmte Boronmin freudestrahlend zu. Zwar verursachte der Gedanke an die 'Orkjagd' ein leicht flaues Gefühl in seinem Magen, doch würden er und Alwen dann ja auch starke Kämpfer sein, so wie Hochwürden Leudara und sein Schwertvater heute. "Ich verspreche es."

Als er an der Reihe war, trat er mit ernster Miene nach vorne, um seine gebastelte Puppe zu den anderen unter den Strohork zu legen. Es war ein beeindruckender Anblick. Die Puppen sahen alle unterschiedlich aus - seine zählte zu den eher weniger kunstfertigen - doch allesamt zeugten sie von der Verehrung und Liebe der Kinder für die Herrin Rondra und die junge Luchsin. Andächtig trat der Junge zur Seite, um Alwen vor dem Holzfloß Platz zu machen.

Stolz ging die junge Pagin vor der Statue in die Knie und legte ihre hübsche Puppe zu den anderen. Für einen Moment schien sie ein Gebet zu sprechen, dann erhob sie sich wieder, lächelte Boronmin zu und deutete auf den Platz. “Komm mit, ich weiß einen guten Platz, wo wir alles sehen können.” Ungefragt zog Alwen den Pagen mit sich in Richtung des gegenüberliegenden Ufers des Weihers.

Verdutzt, aber ohne Widerstand ließ Boronmin sich mitziehen. "Wird Hochwürden Leudara uns denn nicht vermissen?" fragte er, etwas außer Atem. "Und müssen wir nicht noch helfen?"

“Hochwürden braucht uns doch nicht mehr”, japste Alwen, als würde Boronmin den genauen Ablauf kennen. “Jetzt kommt nur mehr das Feuer und das Fest. Die Schalen können wir dann nachher auch wegräumen.”

"Na, wenn du das sagst", lachte Boronmin; glücklich, aufgekratzt und unbeschwert vom schnellen Rennen und der aufregenden Aussicht, dem Einfluss der Erwachsenen für den Moment entkommen zu sein. Neugierig schaute er sich am Weiherufer um. "Das hier ist also dein guter Platz?"

“Ja klar”, sie nickte um ihre Worte zu unterstreichen. “Sieh doch … wir sehen den ganzen Teich ohne, dass irgendwelche Erwachsene uns die Sicht auf die Figur nehmen.”

"Perfekt!" urteilte Boronmin zufrieden. "Danke, dass du mich hierher mitgenommen hast."

War auch das erledigt, trat Leudara hervor, nahm eines der schwelenden Kräuterbündel aus einer der Rauchschalen und wedelte dann sanft vor der Orkfigur und den Puppen der Kindern herum. An ihrer Seite standen nun zwei kräftige Ritter.

„Die Herrin nehme die Opfer an, aus unseren Händen, zum Lob und Ruhme ihres Namens, zum Segen für uns und ihre ganze heilige Kirche.“

Dann warf sie das Bündel zur Strohstatue, die sogleich Feuer fing. Das Floß, auf dem sie sich befand wurde dann von den Rittern in den Dorfweiher gezogen, wo sie schwimmend verbrannte. Der Rauch war hell, was von Leudara als positives Zeichen gewertet wurde.

Als der Strohork langsam aber sicher ausbrannte, wurde das Bankett vorbereitet. Zu Essen gab es aus den reichhaltigen Wäldern Weidenhags - also zuvorderst Wildbrett, Beeren, aber auch Hirsebrei. Als sich die Adeligen langsam aber sicher an ihren Plätzen eingefunden hatten, bemerkten die Nordmärker, dass eine Person aus ihrer Runde fehlte - Silvagild.

Hardomar schaute sich um, machte sich aber keine allzu großen Gedanken. Vielleicht war Silvagild noch einmal zu den Latrinen gegangen oder hatte einen Bekannten getroffen, mit dem sie ins Gespräch gekommen war. Gemütlich setzte sich der Ritter zu Daithi und Dyderich und beobachtete, wie das Festbankett vorbereitete wurde. Er merkte, wie sein Magen knurrte und freute sich schon auf die Köstlichkeiten aus den Wäldern. Doch als Silvagild auch nach einiger Zeit nicht aufgetaucht war, ließ er seinen Blick zunehmend angespannt über die Menge streifen. “Habt Ihr Silvi gesehen? Wisst Ihr, ob sie noch irgendwo anders hinwollte?” fragte er in die Runde.

Boronmin, der erst einige Momente zuvor von seinem Ausflug ans andere Teichufer zurückgekommen war, schüttelte ratlos den Kopf. “Vielleicht ist sie noch mal zum Tempel, um sich für das Fest umzuziehen?” schlug er vor. Er kannte es von seinen Schwestern, dass Frauen für ihre Garderobe und Frisuren manchmal bemerkenswert lange brauchten - obwohl er Silvagild bisher eher nicht so kennengelernt hatte. “Soll ich mal schnell rüber rennen und nachschauen?”

Dyderich hob jedoch lediglich ratlos seine Schultern. “Ich habe sie seit unserer Rückkehr nicht mehr gesehen, tut mir leid.” Der Barde verzog besorgt einen Mundwinkel. “Möchtest du nachsehen ob ihr Pferd da ist?”, wandte er sich an den eifrigen Pagen. “Wir können derweil in den Tempel sehen”, setzte er an den Rest der Gruppe hinzu. “Vielleicht ist sie ja auch bloß nur für kleine Waldlöwinnen.”

"Ja, ich schau nach Adelar!" Boronmin nickte dienstbeflissen. "Kann ich den Pferden gleich noch einen Leckerbissen geben? Dann hätten sie auch was von dem Festtag."

“Sieh mal …”, meinte Dyderich und wies auf einen kleinen Korb, “... dort sind ein paar Möhren. Die kannst du den Tieren ja mitnehmen.” Der Barde lächelte dem jungen Mann aufmunternd zu.

"Danke, Meister Dyderich!" strahlte Boronmin über das ganze Gesicht. "Da werden sie sich bestimmt freuen!" Er warf seinem Schwertvater einen fragenden Blick zu, ob dieser etwas dagegen hätte, schnappte sich, als Hardomar bestätigend nickte, ein Bund Karotten und rannte damit übermütig in Richtung der Stallungen.

“Wer weiß, wen die Ritterin vielleicht noch getroffen haben mag”, merkte Daithi an. “Es sind doch erstaunlich viele Menschen heute hier. Die heilige Matissa scheint vielen sehr viel zu bedeuten. Ich finde die Verehrung der `jungen Luchsin´ sehr sympathisch. Eine junge Maid von der Leuin auserwählt… das stimmt doch nachdenklich, finde ich.”

“Wohl wahr …”, stimmte Dyderich seinem Schüler zu, “... schade, dass die Kirche selbst sich ab und an mit der Existenz der Heiligen so schwerzutun scheint. Man könnte ihre Geschichte mit jener von Sankta Arika vergleichen …”, er hob seine Augenbrauen und wog seinen Kopf hin und her, “... aber die hat einen Drachen erschlagen, was es wohl einfacher macht.” Der Barde lächelte einen Moment. “Wollen wir uns aufteilen? Oder alle zum Tempel gehen?”

Der Hadinger Ritter hörte seinen beiden Reisegefährten zu, während er jedoch weiter seinen suchenden Blick über die Menge der Feiernden schweifen ließ… “Das Schicksal der Heiligen ist für uns alle inspirierend”, merkte er ehrlich an. “Uns Hadingern sagt man im Volksmund oft nach, dass wir im Herzen noch einfache Eselszüchter seien, was mit der Entstehungsgeschichte meines Hauses zusammenhängt. So ganz trifft dies inzwischen nicht mehr zu…”, behauptete er und erhob sich von seinem Platz. “Ich denke, ich würde ebenfalls zum Tempel gehen. Was ist mit Euch?” wanderte sein fragender Blick zu Daithi.

Der Bardenschüler zögerte einen Augenblick. Er war unsicher, ob sie sich aufteilen wollten, um eventuell die Junkerin Silvagild zu suchen. Doch dann entschied er sich erst einmal bei den anderen zu bleiben. “Ich gehe gerne mit zum Tempel, Herr Hardomar, denn ich habe den Tempel bisher nur von außen gesehen. Gerne würde ich einen Blick in das hohe Haus der Sturmherrin werfen.” Dann setzte Daithi aber noch nach, weil er merkte, dass der Hadinger etwas sorgenvoll schien: “Denkt Ihr, wir werden die Herrin Silvagild dort beim Tempel anfinden?”

“Hm … schon möglich …”, entgegnete Dyderich, “... vielleicht hat sie die, nun bestimmt dort herrschende Stille für ein Gebet nutzen wollen?” Da sie alle einer Meinung zu sein schienen, nickte der Barde noch einmal fest. “Dann lasst uns nachsehen.”

***

Bewaffnet mit dem Gemüse aus dem Korb machte der Page Boronmin sich dorthin auf, wo sie zuvor von den Pferden gestiegen waren. Die edlen Schlachtrösser waren noch nicht abgesattelt oder in einen Stall gestellt worden, um die Zeremonie nicht zu unterbrechen. Ein Stallknecht war gerade dabei kleine Haferbeutel unter den Pferden zu verteilen. Als Boronmin mit den ungleich attraktiveren Möhren zwischen Reittieren stapfte waren die Augen auf ihn gerichtet. Eine Stute stupste ihn sogar in den Rücken.

“Kann ich dir helfen, junger Herr?”, fragte der Stallknecht, welcher herangetreten war und die aufdringliche Mähre am Geschirr zurück zog.

Ein wenig eingeschüchtert - sowohl von den großen Pferden als auch vom Stallknecht - nickte Boronmin dem Mann zu. "Die Zwölfe zum Gruße! Ähm...", er hielt das Bündel Mohrrüben hoch, "ich wollte nach den Pferden meiner Reisegesellschaft schauen...", ihm fiel ein, dass er sich vielleicht besser erst vorstellen sollte, "ich ähm... bin Boronmin von Henjasburg, Page bei dem Ritter Hardomar von Hadingen", brachte er etwas abgehetzt heraus. "Aus den Nordmarken."

“Ah … Nordmarken …”, meinte der Mann knapp und streichelte dem Pferd beruhigend über den Hals. “Das ist aber nett von dir, dass du an die Pferde denkst. Wo habt ihr die euren denn zuvor abgestellt.” Nun lächelte der Mann erstmals. “Du siehst ja, was hier für ein Chaos herrscht.”

Unsicher schaute sich Boronmin um, dabei bemüht, den fremden Rössern nicht allzu nahe zu kommen. Schließlich entdeckte er im hinteren Teil des Stalls Hardomars großen Elenvinerhengst, der den Jungen mit einem freudigen Schnauben begrüßte. "Trollwulf, jetzt gibt's was feines!" lächelte Boronmin und zeigte dem Ross die Möhren, während er nach den anderen Pferden der Reisegruppe Ausschau hielt.

Der Page sah neben Trollwulf die Pferde der Barden und sein eigenes Ross. Eines fehlte jedoch und auch nachdem er sich genauer umgesehen hatte, konnte er das edle Reittier der Junkerin nicht erspähen.

"Ähm, ist die Ritterin Silvagild von Ulmentor vielleicht eben hier gewesen und hat ihr Pferd geholt?" fragte Boronmin schüchtern den Stallknecht. “Ein brauner Elenviner… Er heißt Adelar”, setzte er erklärend hinzu.

“Tut mir leid, junger Herr”, der Angesprochene hob seine Schultern. “Ich bin selbst noch nicht lange hier, hab den Hafer geholt. Mir ist niemand aufgefallen, der weggeritten wäre.”

"Hat während des letzten Stundenglases hier noch jemand gearbeitet, der vielleicht was mitgekriegt haben könnte?" fragte der Page nach und begann etwas ratlos, den vier Rössern die mitgebrachten Karotten zu verfüttern. Sie rissen ihm diese förmlich aus der Hand und zermalmten das Gemüse mit beeindruckender Geschwindigkeit; Boronmin war aber erfahren genug, seine eigenen Finger rechtzeitig aus dem Einflussbereich der gierigen Pferdemäuler wegzuziehen.

“Puh, wahrscheinlich so einige. Aber ich kann dir nicht sagen wer genau und habe jetzt auch zu tun”, antwortete der Knecht nachdenklich und verwies auf die umstehenden Rösser. “Aber wenn jemand das Dorf verlassen hat, könnten es auch die Zöllner draußen bei der Brücke mitbekommen haben. Vielleicht fragst du dort einmal nach.”

Nachdem die Karotten verteilt waren, stupste Boronmins eigenes Ross, der Wallach Seestern, ihm auffordernd mit dem Maul an die Schulter, offenbar in der Hoffnung auf weitere Leckerbissen. Liebevoll tätschelte der Page den Hals des Pferdes. "Na Seesternchen, du kannst mir wohl auch nicht sagen, wo dein Kumpel Adelar steckt?" fragte er das Tier, unsicher, ob er zunächst zum Festbankett zurückkehren, im Tempel nachschauen oder bei den Zöllnern nach dem Verbleib der Junkerin fragen sollte. Der Junge biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Eigentlich konnte er sich überhaupt nicht vorstellen, dass Silvagild plötzlich aus dem Dorf reiten würde, und er wusste nicht, ob es im Sinne seines Schwertvaters wäre, wenn er auf eigene Faust zu den Zöllnern ginge. Aber er war ja schon einmal unterwegs und sicherlich wäre es gut, diese Spur so schnell wie möglich zu überprüfen. Dann würde er zumindest schon genaueres berichten können. Beim Herausgehen nickte er dem Pferdeknecht noch einmal höflich zu: "Habt recht vielen Dank und einen schönen Abend! Rondra zum Gruße!" Ohne weiteres Zögern machte sich der Junge, wiederum rennend, auf den Weg zur Brücke.

“Keine Ursache, junger Herr”, antwortete der Stallknecht und winkte dem davoneilenden Pagen zu. Kurz schüttelte er seinen Kopf ob des jugendlichen Übermuts sich so bereitwillig außerhalb der schützenden Palisade zu begeben, ging dann jedoch weiter seinem Tagwerk nach.

***

Der kleine Tempel, den Daithi, Hardomar und Dyderich erreichten, war in diesem Moment tatsächlich verlassen. Er war in einem alten, rustikalen Wehrturm untergebracht und das Erdgeschoss diente als Tempelraum. Hier fanden sich neben einigen Waffen an den Wänden und einer schönen hölzernen Darstellung von Göttin und der Heiligen auch allerhand Opfergaben des einfachen Volkes, wie zum Beispiel geflochtene Blumenkränze oder ähnliche Strohpuppen, wie sie zuvor verbrannt wurden.

Als sich Daithi - als einziger der Anwesenden der den Raum nicht kannte - noch umsah, hörte man das leise Fluchen einer Frauenstimme durch das Allerheiligste klingen. “Götter … was für eine Sauerei.” Die Stimme schien von unterhalb einer offenen Falltür zu kommen, die sich in einem Eck des Raumes befand.

Der Tempel hatte in seiner Schlichtheit etwas angenehm Schönes, fand Daithi, als er sich umsah. Als die Frauenstimme erklang wurde er jäh aus seiner Betrachtung gerissen und schaute sich irritiert um, woher das leise Fluchen kommen mochte.

Stirnrunzelnd folgte Hardomar der Stimme, schritt in die Ecke und schaute neugierig nach unten in die Luke. "Verzeihung?" rief er hinunter. "Braucht Ihr Hilfe?"

“Was …”, kam es überrascht aus der Luke. Der Ritter sah das Flackern einer Lichtquelle. “Ähm … nein, ich denke … ach … wartet.” Wieder folgte ein Poltern aus dem Untergeschoss, dann dauerte es nur noch ein paar Herzschläge bis das Antlitz einer jungen Frau mit schulterlangem, blondem Haar und braunen Augen in der Luke erschien. Frech blies sie sich eine Locke aus dem Gesicht und sah erst auf Hardomar und dann auf den Bardenschüler. “Ah … den kenne ich”, meinte sie lächelnd und wies, immer noch halb in der Luke stehend auf Daithi. “Du hast gestern Abend im Gasthaus gespielt.”

“Ja, der junge Mann hinterlässt einen bleibenden Eindruck, nicht wahr?” Der Ritter schaute kurz schmunzelnd zu dem Bardenschüler hinüber. “Ich bin Hardomar und die gutaussehenden Herren hier mit den flinken Fingern an der Laute sind Daithi und Dyderich.” Interessiert betrachtete er die junge Frau und versuchte einen flüchtigen Blick in den Keller zu werfen. “Und mit wem haben wir das Vergnügen?”

Der Bardenschüler musterte die junge Frau leicht irritiert und versuchte sich zu erinnern, ob sie ihm am vergangenen Abend bereits aufgefallen war. Dann nickte er freundlich als Hardomar seinen Meister und ihn der jungen Frau vorstellte und wartete neugierig auf ihre Antwort.

"Ah, der Meister Dyderich ist auch da … ja den kannte ich. Der ist hier ja sehr bekannt", entgegnete die junge Frau amüsiert. Der Barde hatte sich beim Eingang aufgehalten und interessiert in eine Ecke gestarrt. "Mein Name ist Helchtruda …", brabbelte sie aufgeregt weiter, "... und das müsst ihr euch vorstellen. Da freue ich mich auf das Essen und auf einmal kommt ihre Hochwürden, drückt mir zwei Feuerschalen in die Hand und meinte ich solle sie in den Keller zu den anderen legen. Irgendwie konnte sie nämlich ihre Ministranten nicht mehr finden." Der Hadinger Ritter verzog kurz das Gesicht, als das Fehlverhalten seines Pagen zur Sprache kam, ließ die blonde Frau jedoch weitersprechen. Die junge Frau zuckte mit ihren Schultern und blickte dann auf Dyderich in der zweiten Reihe, wie er sich nach etwas zu bücken schien.

"Und was macht ihr alle hier? Zuvor war ja auch noch ein anderes Mädchen da, hat mit der Statue gesprochen und ist dann gleich wieder weg."

“Ein Mädchen? Oder war es eine junge Ritterin?”, platzte der Bardenschüler mit einer Frage an Helchtruda heraus. Offensichtlich beschäftigte ihn der Gedanke an die abwesende Silvagild und die Frage nach ihrem Verbleib, dass er seine sonst übliche Höflichkeit vergaß.

“Mmmmh …”, Helchtruda tippte sich auf ihr Kinn, “... nun, ich habe sie nicht gesehen, war ja da unten in dieser Unordnung. Kind war sie keines mehr … wahrscheinlich eher eine junge Frau.”

Daithi schaute Hardomar an. Der Bardenschüler war sich unsicher, was er davon halten sollte. “Herr Hardomar, meint Ihr, dass es vielleicht Frau Silvagild war, welche hier gebetet hat?”

“Ja, Daithi, das könnte sie schon gewesen sein”, antwortete Hardomar und wandte sich an Helchtruda: “Konntet Ihr aus dem Keller verstehen, was die junge Frau zu der Statue gesagt hat?”

“Nun, nicht genau”, sie schüttelte ihren Kopf in einer Intensität, dass die schulterlangen Haare nur so flogen. “Es ging um das Grab der Heiligen, wenn ich das richtig verstanden habe.”

Grübelnd runzelte der Ritter die Stirn. “Da fällt mir ein… Vorhin bei der Zeremonie hat Silvagild kurz geglaubt, sie hätte die heilige Matissa gesehen. Und so ein Ritter hat sie daraufhin angesprochen und behauptet, die Heilige würde nur Zweiflern im Glauben erscheinen…” Besorgt schaute er Dyderich an: “Vielleicht hat Silvi sich das zu Herzen genommen und deshalb hier die Zwiesprache mit der Göttin gesucht? Hatte sie nach der Prozession noch irgendwas zu dir gesagt?” Er bemerkte, dass Dyderich etwas vom Boden aufgehoben hatte und versuchte zu erkennen, was es war. “Was gefunden?”

“Etwas?”, fragte der Barde lächelnd. “Nein, jemanden.” In seinen Händen hielt er eine kleine Kröte. “Einen Tempelbesucher der etwas anderen Art.” Er sah hin zu jungen Helchtruda, deren Blick sich sogleich aufklarte.

“Kroksi, da bist du ja”, meinte sie erfreut. “Immer auf dem Boden, vor den Füßen der Menschen … bis halt einer einmal auf dich drauf tritt”, meinte die junge Frau in vorwurfsvollen Ton und bequemte sich nun endlich aus der der Luke hinauf. Sie war recht klein gewachsen, schlank und trug bäuerliche Kleidung in Braun- und Grüntönen, die zwar sauber, aber ebenso einfach gehalten war. An ihrer Seite trug sie eine lederne Umhängetasche.

Daithi sah zunächst seinen Meister, dann auch Helchtruda mit erstaunten, aufgerissenen Augen an. “Eine Kröte?”, fragte er ungläubig. Dann musterte er die Frau. Er grübelte. Irgendwas erinnerte ihn bei ihr an etwas, was er damals in Donnerbach im Seminar gelernt hatte. Aber Daithi war kein guter Magierschüler gewesen.

Dyderich nickte seinem Schüler zu und legte die Kröte dann in die wartenden Hände Helchtrudas. “Silvagild hat mit mir nicht mehr gesprochen”, beantwortete er dann die Frage des Ritters. “Also seit dem Grab. Daithi und ich waren dann in den Ablauf involviert gewesen, da kamen wir nicht dazu.” Bestätigung suchend sah er zu seinem jungen Schüler.

Doch bevor der Rechklammer zu einer Antwort ansetzen konnte, schaltete sich wieder die junge Frau ein: “Sucht ihr denn nach dieser Silvagild?”, fragte sie neugierig und unverblümt. “Vielleicht kann ich euch helfen. Außerhalb des Dorfes kenne ich mich gut aus.”

“Meint Ihr denn, Helchtruda, dass Frau Silvagild das Dorf verlassen hat? Wohin ist sie denn gegangen?”, hakte der Bardenschüler immer noch über die junge Frau und ihre Erscheinung grübelnd nach.

“Ah, na wenn sie im Dorf ist, dann umso besser”, plapperte sie weiter und lächelte dabei aufgeregt. “Ich dachte halt, dass sie vielleicht nochmal zum Grab ist … wie gesagt, ich habe sie nicht genau verstanden.” Mit diesen Worten ließ sie den kleinen Kröterich in ihrer Tasche verschwinden.

Jetzt schaute der Bardenschüler verunsichert und guckte von Dyderich zu Hardomar zu Helchtruda und wieder zu seinem Meister. “Sollen wir denn vielleicht mal beim Grab schauen?”

“Ritter Hardomar hatte ja gemeint, dass Silvagild etwas dort sehr zu berührt haben schien”, antwortete der Barde nachdenklich. “Also wäre es möglich. Es würde helfen zu wissen, ob Boronmin noch Adelar gefunden hatte, oder ob sie wirklich ausgeritten ist.”

Besorgnis keimte in Hardomar auf. Der Gedanke, dass es Silvagild nicht gut gehen könnte, ließ in seinem Magen ein übles Gefühl entstehen. “Ja, wir sollten umgehend bei dem Grab nachsehen. Und Eure Hilfe…”, der Ritter sah sichtlich dankbar zu Helchtruda, die er erst für eine Akoluthin des Tempels gehalten hatte, in der er nun aber eine weise Frau vermutete, ”...wäre uns sehr willkommen. Werte Helchtruda, würdet Ihr uns den Gefallen erweisen und uns bei der Suche nach unserer Freundin begleiten?” Er wandte sich an alle Umstehenden. “Wir sollten zu den Stallungen gehen und die Pferde holen. Dort befindet sich vermutlich auch Boronmin… hoffentlich.”

“Mal sehen ob wir Silvagilds Pferd finden, oder uns Boronmin etwas sagen kann”, gab Dyderich zu bedenken. Schnellschüsse würden sie jetzt nicht weiterbringen, auch wenn der Barde die Sorge des Ritters verstand.

Hardomar nickte Dyderich zustimmend zu. “Schauen wir mal, was Boronmin herausgefunden hat.”
“Ja natürlich …”, Helchtrudas Augen leuchteten vor Aufregung. Für sie zeichnete sich wohl ein großes Abenteuer ab, “... natürlich begleite ich Euch. Ich komme aus Mittenwalde … der Wald ist mein Zuhause.”
Der Ritter verneigte sich höflich vor der Frau. “Das ist hervorragend; dann können wir ja nicht verloren gehen. Ihr könnt auch gerne bei einem von uns mitreiten, solltet Ihr kein eigenes Pferd haben.”

Daithi freute sich, dass Helchtruda sie begleiten wollte. Er fand sie interessant und war neugierig, ob er herauszufinden konnte, was wohl das Besondere an ihr war. Der Bardenschüler lächelte Helchtruda an.

Die lebensfrohe junge Frau erwiderte das Lächeln und wandte sich dann dem Ritter zu. “Ich habe kein Pferd, aber zum Grab ist es nicht so weit. Durch den Wald sollte ich nicht langsamer sein als zu Pferd.”

“Da habt ihr vermutlich recht”, befand Hardomar und blickte mit einem kurzen Schmunzeln zu dem Bardenschüler. Mit einem Schulterzucken fügte der Ritter hinzu: “Das Angebot steht; Ihr könnt Euch nachher noch überlegen, ob Ihr laufen oder vielleicht doch bei jemandem mitreiten möchtet.”

***

Die Brücke war nur einen Steinwurf vom Dorf entfernt gewesen und Boronmin kannte die Örtlichkeit noch von der Prozession gut. Der Weg zum Grabmal Matissas führte nämlich vom Dorf kommend über den Dergelfluss und dann rechterhand den Dornstieg weiter in den Dûrenwald hinein.

An der Brücke gab es ein kleines Wärterhaus, welches, genauso wie die Brücke selbst auch, aus Stein gebaut war. Von hier aus wurde auch das Falltor am Brückeneingang bedient, welches nun, im Gegensatz zu vorhin, auch geschlossen war. Die beiden Zöllner im grün-weißen Wappenrock der Baronie Weidenhag, die hier ihren Dienst taten, sahen auch nicht so aus, als ließen sie einen jeden über die Dergelbrücke - vor allem keine Zahlungsunwilligen.

“Haaaalt”, schallte es Boronmin auch entgegen, als er sich der Brücke näherte. “Hast du dich verlaufen, oder möchtest du zum Zeltlager?”, fragte ihn der jüngere der beiden Männer, als er sich demonstrativ seinen Schwertgürtel zurecht schob, während der ältere den Pagen lediglich musterte.

Boronmin begann sich allein außerhalb des Dorfes doch ein wenig unbehaglich zu fühlen, auch wenn das Knappenschwert, das er heute ausnahmsweise tragen durfte, ihm ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelte. Der Junge straffte sich und versuchte mit festem, entschlossenen Schritt auf die Zöllner zuzustapfen. "Rondra zum Gruße, ich bin Boronmin von Henjasburg”, stellte er sich vor, vom Rennen außer Atem. “Ich äh, wollte fragen, ob die Nordmärker Junkerin Silvagild von Ulmentor hier gerade aus dem Dorf rausgeritten ist." Boronmin schaute verlegen zwischen den beiden großen, ehrfurchteinflößenden Männern hin und her. "Sie gehört zu unserer Reisegruppe und ihr Pferd steht nicht mehr im Stall."

“Zum Gruße”, erwiderte der Jüngere den Gruß des Knaben, bevor er fragend zu seinem älteren Kameraden sah. Dieser hob jedoch lediglich seine Schultern. “Wie sah sie denn aus, die Frau Junkerin”, fragte er. “Die Baronin hat uns angewiesen jeden Festgast für die Dauer der Feierlichkeiten ohne Zoll die Brücke passieren zu lassen. Und da die Zelte der Adeligen dort vorn …”, er wies über die Brücke hinaus aus dem Wald, “... stehen, kamen hier die letzte Zeit viele Leute vorbei.”

“Ja genau …”, stimmte nun wieder der Jüngere ein, “... woran können wir sie denn erkennen? Wappen? Oder welches Pferd?”

"Ähm, ein großer, brauner Elenviner namens Adelar", fing Boronmin an, besann sich dann aber, dass er vielleicht zunächst mit der Beschreibung der Junkerin beginnen sollte. "Sie ist eine edle Ritterin... heute war sie in ein Kettenhemd gekleidet, aber vielleicht trägt sie auch einen dunkelgrünen Wappenrock und Mantel", er überlegte, was er noch sagen könnte, "...sie hat lange dunkelblonde Haare, ein Langschwert... und sieht sehr schön aus." Schüchtern strich sich der Page das Haar hinters Ohr. "Ach so, das Wappen... Das ist so ein grüner Baum, also eine Ulme, auf silbernem Grund." Fragend schaute er die beiden Zöllner an und suchte in ihren Gesichtern eine Regung des Erkennens zu lesen.

“Ulme auf Silber?”, der Ältere legte seine Stirn in Falten. “Das ist doch das Haus von Waldtreuffen … den Herrn Junker und seinen hochgeborenen Herrn Vater habe ich heute gesehen …”, er rieb sich das bärtige Kinn.
“Wenn du von einer jungen Frau sprichst …”, schaltete sich der Jüngere ein, der dem Vorbeireiten von jungen, hübschen Damen wohl mehr Beachtung schenkte, “... dann denke ich wirklich, dass erst vor Kurzem eine vorbeikam. Braunes Pferd, schönes Tier … bisschen mager vielleicht für ein Schlachtross …”, der Zöllner räusperte sich, “... und ja, die junge Frau kommt auch gut hin. Wenn ich mich nicht täusche ist sie über die Brücke und dann rechts Richtung Dornstein. Schien ziemlich genau zu wissen wohin sie will.”

Boronmin zog verwirrt die Stirn kraus. "War die Junkerin denn alleine unterwegs?" fragte er unsicher. "Und hat sie irgendwas gesagt?"

“Ich denke sie war alleine”, kam es zur Antwort. “Und außer, dass sie gegrüßt hat, hat sie auch nichts gesagt.”
"Hatte die Dame Gepäck dabei?" fragte der Junge, obwohl er sich in keiner Weise vorstellen konnte, dass Silvagild ohne ein Wort abreisen würde.

"Sah nicht so aus", verneinte der junge Zöllner. "Also wenn du meinst ob es so aussah als würde sie länger weg sein … nein."

"Ach so, verstehe...", murmelte Boronmin, vermittelte jedoch eine gewisse Ratlosigkeit. "Dann also... habt großen Dank!" Er schickte sich an, ins Dorf zurückzukehren, drehte sich aber noch einmal zu den Zöllnern um. "Ähm, wenn die Junkerin von Ulmentor hier wieder vorbeikommt, könntet Ihr ihr sagen, dass mein Schwertvater auf der Suche nach ihr ist? Der Ritter Hardomar von Hadingen."

Die Männer maßen sich gegenseitig mit einem Blick, dann nickte der Jüngere. “Gut, Hardomar von Hadingen … wir werden es ihr sagen, wenn sie vorbeikommt.”

Boronmin winkte den Männern zum Abschied und spurtete ins Dorf zurück, zunächst Richtung Tempel, in der Hoffnung, dass dort jemand wäre, der etwas wusste. So langsam wurde der Page müde und fühlte seinen Magen knurren; er hoffte sehr, dass die Junkerin wieder auftauchen würde, bevor das schöne Festbankett abgeräumt wurde, ohne dass er etwas davon bekommen hatte... Aber wenn Silvagild tatsächlich in Gefahr wäre - sollten hier in der Gegend nicht Ork- und Räuberbanden herumstreunen? - wenn sie gar gefangengenommen oder entführt worden war, dann würde er tapfer sein und mutig für sie kämpfen, wie ein großer Ritter, das schwor er sich. Mit neuer Entschlossenheit beschleunigte der Junge seinen Laufschritt.

***

Bevor sie den Tempel verlassen konnten, musste Helchtruda noch klar Schiff machen. In ihrer sehr redseligen Art erklärte sie den anderen, dass sie eine Freundin der Familie der Hochgeweihten war und sie sich hier im Tempel schon auskannte. Sie löschte die Öllampe und schloss die Luke. Dann klopfte die junge Frau den Staub von ihrer Hose und strich sich ihr Haar zurecht. “So jetzt kann es losgehen”, setzte sie lächelnd hinzu.

Als die vier Personen den kleinen Tempel verließen, sahen sie bereits den Pagen Boronmin im Laufschritt näherkommen.

Der Junge rannte ihnen hastigen Schrittes entgegen, kam mit einem kurzen Rutschen vor dem Tempel zum Stehen und begann sogleich mit aufgeregter, sich überschlagender Stimme loszuplappern: "Die Junkerin ist aus dem Dorf geritten! Über die Brücke und dann rechts rum. Also vielleicht hat sie vorhin was am Grab vergessen? Die Zöllner sagen, sie hatte kein Gepäck dabei... Hoffentlich ist sie nicht auf Orks gestoßen! Aber vielleicht war sie es auch gar nicht, weil sie zu mager war für eine Ritterin - angeblich trägt sie genau das gleiche Wappen wie der Junker von Waldtreuffen! Und der Adelar ist auch weg!" sprudelte es schnell und abgehetzt aus Boronmin heraus. Nun erst bemerkte er die unbekannte Frau, die mit der Gruppe aus dem Tempel getreten war und warf ihr einen unsicheren, scheuen Blick zu. "Oh, Rondra zum Gruße", fügte er, immer noch schwer atmend, seiner Rede hinzu.

Während Helchtruda für Ordnung sorgte, war Hardomar im Tempelraum auf und ab gelaufen. Er war zu sehr in Gedanken, um der Erzählung der Frau wirklich aufmerksam zu folgen. Obwohl es sicherlich nur ein kurzer Moment war, erschien die Zeit für den Ritter wie eine gefühlte Ewigkeit. Dementsprechend machte sich ein Gefühl der Erleichterung in ihm breit, als sie dann endlich gemeinsam aufbrachen und ihnen Boronmin entgegenhastete. Aufmerksam lauschte er dessen Worten. “Gut, das hast du alles herausgefunden?” Er ging zu seinem Pagen und wuschelte ihm durchs Haar. “Wir sollten ihr hinterherreiten”, schlug er vor und schaute in Richtung der weisen Frau. “Das ist übrigens Helchtruda, sie hat… aufgeräumt.” Er verzichtete darauf, das Thema anzusprechen, dass die beiden Ministranten wohl nicht mehr aufzufinden gewesen waren. “Helchtruda möchte uns helfen, sie kennt sich in den Wäldern gut aus.” Nun richtete er sein Wort an die blonde Frau: “Dies ist mein Page, Boronmin.”

Als Daithi den Bericht des Pagen gehört hatte, lächelte er Boronmin an und sagte bewundernd: “Du bist ja ein richtiger Ermittler, Boronmin. Na, wenn Du groß bist, wird dich sicher die Kaiserlich Garethische Informationsagentur anwerben, da bin ich sicher.”

“Ja, da hat der junge Mann ganze Arbeit geleistet”, befand auch Helchtruda. “Das heißt wir suchen nun das Grab auf? Wenn wir gleich aufbrechen, sind wir hoffentlich bis zum Abend wieder zurück.”

Boronmin lächelte nur schüchtern und nickte mit einem gewissen Stolz. Er wusste nicht, was diese ‘Informationsagentur’ war, die ihn anwerben würde, freute sich aber über das Lob von Daithi, den er sehr mochte. Und die junge Frau schien auch nett zu sein, fand er.

Daithi nickte. “Dann lass uns doch aufbrechen!” Es drängte ihn nun zu erfahren, was mit Silvagild geschehen war sowie herauszufinden, wie es sich mit Helchtruda befand.

Hardomar nickte zustimmend. “Wir sollten keine Zeit verstreichen lassen. Je eher wir sie finden, desto besser.”