Patchwork auf Rondrianisch
Ort: Dorf Dûrenbrück
Dramatis Personae:
- Silvagild Ulmata von Ulmentor (Junkerin von Ulmentor)
- Hardomar Jast von Hadingen (Ritter von Hadingen)
- Boronmin Odulf von Henjasburg (Page von Ritter Hadomar)
- Leudara Aldieri von Rhodenstein (Schwertschwester von Dûrenbrück)
- Helgard Schlehdornfinger (Leudaras Frau, eine talentierte Schneiderin)
- Wahlafried, Holdtraude (Leudaras Adoptivkinder - Helgards leibliche Kinder)
- Alwen von Welkenstein (Pagin der Schwertschwester, Tochter des Ritters von Dûrenbrück)
Dorf Dûrenbrück, am Abend des 20. Peraine 1044 BF
Weit hin zum Abend war es nicht mehr. Silvagild, Hardomar und der Knappe Boronmin bekamen die Gelegenheit die Pferde beim hiesigen Ritter einzustellen, wo sich ein Stallknecht um die Tiere kümmerte - in Abwesenheit des Hausherrn, was für die Nordmärker etwas seltsam anmutete, dass der Dûrenbrücker Herr nicht in seinem Domizil weilte, wenn es hier am nächsten Tag solch einen bedeutenden Anlass zu feiern gab.
Die Baronin und ihr Gefolge bezogen dennoch das Gutshaus des Ritters. Die Nordmärker fanden sich, wie abgemacht, im Heim der Hochgeweihten ein. Wirklich weit hatten sie es dabei nicht, lebten die Schwertschwester und ihre Familie doch in den Stockwerken direkt oberhalb des Tempels. Über eine außen angebrachte Treppe gelangten sie hinauf in den ersten Stock und von dort gleich direkt in die gute Stube. Leudara lebte hier sehr genügsam, was die weidener Lande wohl so mit sich brachten. Direkt hinter der Eingangstüre befanden sich eine hölzerne Tafel, die durch Kerzen in fahlem Licht erleuchtet wurde. Nur unweit davon fand sich die Kochecke. Es roch bereits sehr gut und der Tisch war gedeckt.
Wie im Spalier war die Familie dabei aufgestellt. Eine Frau im selben Alter wie Leudara mit nussbraunem Zopf, gewandet in ein schmuckloses, lindgrünes Kleid. Zwei Kinder im Alter von acht und sechs Sommern, die die Haarfarbe mit der Frau gemein hatten und sonst in einfache Kleidung in erdfarbenen Tönen gewandet waren. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein weiteres Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen im Novizenrock der Rondrakirche und Leudara, die ihre Rüstung abgelegt hatte und stattdessen einen dunkelroten Gambeson und einfache lederne Beinlinge trug.
Boronmin fielen auf den ersten Blick ein Hund und zwei Katzen ins Auge. Der Hund hatte es sich auf einem der Felle gemütlich gemacht, die auf dem Boden ausgelegt waren. Die Katzen hielten sich in der Nähe des Kamins auf, linsten jedoch immer wieder zum Kochtopf, der über der Kochstelle hing.
"Seid uns willkommen", grüßte die Hausherrin. "Ich darf Euch meine liebe Frau Helgard vorstellen?"
Die nicht unhübsche Mittdreißigerin verneigte sich. "Hoher Herr ... hohe Dame", grüßte sie freundlich.
"Sie ist eine sehr talentierte Schneiderin ...", dann ging der Blick Leudaras weiter, "... und unsere beiden Kinder Wahlafried und Holdtraude." Auch die beiden Halbwüchsigen verneigte sich vor den Herrschaften. Wiewohl Leudara als Abkömmling der Familie von Dürrntann abstammte, waren ihre Frau und Kinder Gemeine gewesen.
"Und natürlich auch meine Pagin Alwen von Welkenstein", das blonde Mädchen war in etwa in Boronmins Alter und verneigte sich ebenfalls artig. "Rondra zum Gruße, hohe Herrschaften", brachte sie inbrünstig hervor.
Der Hadinger Ritter verneigte sich elegant vor Helgard. “Habt Dank für Eure herzliche Gastfreundschaft! Mein Name ist Hardomar von Hadingen und dies ist meine Freundin Silvagild von Ulmentor. Wir sind auf Pilgerreise durch das schöne Weiden und freuen uns, dass wir, wie es scheint, genau zur rechten Zeit in Dûrenbrück angekommen sind. Es wird uns ein Vergnügen sein, an den morgigen Festlichkeiten teilnehmen zu dürfen. Und es ist schön, heute abend hier bei Euch zu sein.” Hardomar legte seinen Arm um Boronmin und schob diesen dezent ein Stück nach vorn. “Dies ist mein Page Boronmin von Henjasburg.”
"Rondra zum Gruße!" brachte Boronmin klar und deutlich, aber mit sichtlicher Aufregung hervor. Interessiert beäugte er die anderen Kinder und insbesondere die Pagin, traute sich aber nicht, diese anzusprechen. Er wartete erst einmal ab, was die Erwachsenen machen würden.
Der Hadinger fühlte sich sichtlich wohl, machte einen besonders entspannten und zufriedenen Eindruck und schaute sich in der Stube ein wenig um. “Gemütlich habt Ihr es hier…”, begann er und lugte neugierig zu dem köchelnden Topf, “...und das Essen riecht ja auch schon ganz hervorragend.”
“Habt Dank, hoher Herr”, entgegnete Helgard dem Hadinger bescheiden. “Es ist Wild vom Hasen, dazu ein paar gestampfte Erdäpfel. Beides ein Geschenk vom hiesigen Ritter. Er jagt immer auch für uns mit, wenn es ihn einmal wieder in die Wälder zieht.”
Neben ihr klarte sich nun auch wieder das Antlitz von Leudara auf. “Und meine Frau ist eine hervorragende Köchin. Ihr könnt Euch da auf etwas freuen.” Sie klopfte sich lachend auf den flachen Bauch.
“Davon bin ich überzeugt und gewiss wird der Hase uns gut munden”, sagte Hardomar. Dem jungen Ritter lief nach dem langen Tag und von dem wohlduftenden Essen tatsächlich das Wasser im Mund zusammen. Wie es wohl wäre, ein gewöhnliches Leben zu führen? Hardomar hatte noch nie eine komplexe Mahlzeit zubereitet und nahm an, dass Silvagild ebenso unerfahren war. Wie sie sich wohl in der Küche schlagen würde? Flüchtig stellte er sich vor, wie die Junkerin wild fuchtelnd mit den Töpfen hantieren und mit ihrem Messer auf alles einhacken würde, was nicht bei drei auf den Bäumen wäre. Aber vielleicht hatte sie bei ihrer Schwertmutter aushelfen müssen? Neugierig fragte er nach: “Also, ich würde ein so famoses Gericht nicht hinbekommen. Wie steht es mit dir, Silvi?”
Die Angesprochene lachte. “Glaub mir, was ich koche willst du nicht essen”, gab sie zu. Silvagild hatte noch nie wirklich gekocht. Zwar hatte sie ein paar Mal Fleisch über einem Feuer gebraten - mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen - aber wirklich ´kochen´ konnte man diese Versuche nicht nennen. “Ich freue mich schon sehr auf Euer Mahl”, wandte sich die Junkerin an die Frau der Geweihten, die sich daraufhin leicht verneigte.
Boronmin strahlte über das ganze Gesicht, hatte er doch auch einen Bärenhunger und der Hase roch wirklich verführerisch.
Die Hausherrin nickte zufrieden und wandte sich dann wieder den Gästen zu. "Wie es in Weiden üblich ist, bietet man seinen Gästen Knoblauchbrot an", erklärte die Rondrianerin, während Wahlafried mit einem Teller herumging und die drei Nordmärker zugreifen ließ. "Und mit einem Trankopfer." Nun brachte die Pagin Alwen ein Tablett mit kleinen Zinnstumpen voll mit Schnaps. Auch Boronmin wurde dazu eingeladen.
Bevor es ans Trinken ging, leerte Leudara einen der Schnäpse ins Feuer des Kamins und betrachtete dann den aufsteigenden Rauch. Da dieser hell zu sein schien, nickte sie zufrieden. "Na dann, auf den heutigen Abend ... und auf Eure Pilgerreise."
Der Ritter nahm voller Vorfreude von dem Knoblauchbrot, roch kurz daran und biss dann genüsslich hinein. “Mmmhh, lecker!” sagte er mit halbvollem Mund. “Wenn wir alle davon essen, ist es ja kein Problem.”
Verwundert schaute er dann jedoch bei dem Trankopfer fragend zu Silvagild, da ihm dieses Ritual unbekannt war, die dieses unbekannte Gebaren jedoch auch eher neugierig als wissend beobachtete.
Hardomar nahm einen der Schnäpse und hob seinen Zinnbecher prostend in die Runde. “Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen. Auf den heutigen Abend und die Pilgerreise!”
Angesichts des Umstands, dass auch die anderen Kinder den Schnaps erhielten, gewährte er es seinem Pagen, davon zu probieren. “Obacht, das brennt”, sagte er zwinkernd zu Boronmin.
Der Achtjährige hatte noch nie Schnaps probiert, war aber, da er seit kurzem Bier kannte, zuversichtlich, dass auch dieser ihm munden würde. Auf Hardomars Warnung hin nippte der Junge zunächst nur leicht und wunderte sich über das seltsam brennende Gefühl auf der Zunge. Als er die bitter, aber auch aromatisch schmeckenden Tropfen zögerlich herunterschluckte, glaubte er ein seltsames warmes Gefühl in seiner Kehle und in seinem Bauch zu spüren. Mutig nahm er einen weiteren, größeren Schluck, verzog den Mund und hustete ein paar Mal, lächelte dann aber sichtlich stolz in die Runde.
“Verschluck dich nicht, Silvi”, warnte Hardomar auch die Junkerin mit einem frötzelnden Unterton, führte dann selbst den Becher zum Mund und versuchte den Schnaps, ohne zu sehr das Gesicht zu verziehen, in einem Zug herunterzuspülen. Dabei konnte er ein unterdrücktes Hüsteln jedoch nicht unterbinden und musste angesichts seiner vorherigen Warnung über sich selbst lachen. Gespannt schaute er, wie sich die Junkerin mit dem Schnaps schlagen würde.
“Ich vertrage wahrscheinlich mehr als du”, feixte die Junkerin zurück und stürzte den Schnaps in einem Zug hinunter. “Ach ja?” gab Hardomar amüsiert zurück und rollte leicht mit den Augen. Auch Silvagild musste an sich halten nicht ihr Gesicht zu verziehen und loszuhusten. Ein Kraftakt, der ihr jedoch nur zum Teil gelang. Ein einzelner Huster entfleuchte ihrer Kehle dann doch. “Ist … äh … gut. Was ist das für ein Brand?”, fragte sie interessiert.
“Hochlandkriecherl”, antwortete die Geweihte und als ihre Gäste damit nichts anfangen konnten setzte sie lächelnd hinzu: “Hafer-Pflaume. Wächst hier in der Heldentrutz ganz gut.” Währenddessen hatten auch die anderen Kinder ihren Schnaps geleert und sich dabei weniger angestellt, als Silvagild, die dies auch mit sehr eingeschränkter Begeisterung wahrnahm.
“Lecker”, bestätigte Hardomar. “Das würde meiner Schwester auch gut schmecken. Sie probiert immer gerne die lokalen Spezialitäten... Darf ich fragen, warum Ihr einen Becher ins Feuer gekippt habt?”
Die Geweihte lächelte wissend. Es war eine Frage, die Gäste von auswärts schon öfters gestellt hatten. “Es ist ein Trankopfer zu Ehren Rondras. Nachdem man den ersten Schluck mit einem Gast getrunken hatte, kippt man den zweiten ins Feuer … oft begleitet mit einem kurzen Segenswunsch oder Gebet.” Auf ein einfaches Schnipsen und einen auffordernden Blick hin, war wieder der Bursche heran und reichte Hardomar, Boronmin und Silvagild einen aufgefüllten Stumpen. “Wenn Ihr möchtet könnt Ihr das für Euch nachholen”, führte die Schwertschwester weiter aus und deutete mit einem Kopfnicken hin zum Feuer.
Hardomars Augen weiteten sich begeistert. “Also, ich würde es sehr gerne nachholen”, sagte er mit bedächtiger Stimme. Der Ritter nahm den Trank, trat ans Feuer und schloss die Augen. Um die zehn Herzschläge ließ er sich Zeit; an seinen stummen Lippenbewegungen konnte man erkennen, dass er andächtig ein Gebet an die Sturmherrin sprach. Dann schüttelte Hardomar ehrfürchtig den Schnaps ins Feuer und schaute zu seinen beiden Gefährten.
Boronmin tat es seinem Schwertvater gleich und richtete ein besonders inbrünstiges Gebet an die Herrin Rondra. Noch einmal dachte er an die junge Luchsin und seine Entschlossenheit, dieser nachzueifern, dann kippte er den Inhalt des Becherchens in den Kamin. Die Sturmherrin konnte mit dem Schnaps sicherlich auch mehr anfangen als er... Der Page war insgeheim ganz froh, nicht noch mehr von dem scharfen Zeug trinken zu müssen.
Auch Silvagild nahm das Angebot an und trat zum Feuer. Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, sprach ein stummes Gebet und wischte sich dann die Träne von der Wange, bevor sie zu den anderen zurückkehrte.
Dann wandte er sich neugierig an die Gastgeberinnen. “Und der Dûrenbrücker Herr ist heute Abend nicht anwesend?”
Kurz legte Leudara ihren Kopf schief und bedeutete den Gästen mit einer Handbewegung an der Tafel Platz zu nehmen. Erst als sie alle saßen, ging die Schwertschwester auf Hardomars Frage ein. “Wulfhelm weilt gerade auswärts … wohl in Wargentrutz”, sie sah wissend hin zu ihrer Ehefrau. “Er ist sehr eng befreundet mit der Hochgeweihten des Rahjatempels. Nicht wenige meinen, sie sei seine Gefährtin. Rahjania ist ihr Name”, fuhr sie dann fort. “Sie ist öfters in den Nordmarken. Vielleicht kennt Ihr sie?”
“Rahjania?” wiederholte Hardomar und sah mit einem Schmunzeln zu Silvagild. “Ich glaube, Ihre Hochwürden haben wir mal vor längerer Zeit bei einem sehr interessanten Gespräch bei deiner Mutter getroffen”, sagte er amüsiert, wollte Silvagild jedoch nicht auf unangenehme Gedanken bringen und überließ es ihr, noch etwas dazu zu ergänzen.
Silvagild schien bei der Nennung des Namens etwas zusammengezuckt zu sein, ganz so, als würde sie Rahjania an etwas erinnern. Nur einen Herzschlag später zwang sie sich zu einem Lächeln. “Ja, wir kennen ihre Hochwürden. Auch von einer gewissen Raugund von Dürrntann habe ich damals auf der Hochzeit der Baronin von Schweinsfold vernommen. Ist die mit Euch verwandt?” Die Ulmentorerin war froh darüber, dass sie so einfach das Thema weg von der Rahjani bringen konnte.
“Oh tatsächlich?” Leudara hob erfreut ihre Augenbrauen. “Ja, das ist meine Base. Sie ist Schildmaid beim Blautanner Erben in Trallop.” Die Geweihte wandte sich kurz zu ihrer Ehefrau. “Was für eine angenehme Überraschung. Wie klein das Dererund doch ist. Ist es Eure erste Pilgerreise?”, fragte sie Hardomar dann.
“Ähm, ja. Das ist unsere…”, er schaute kurz verlegen zu Silvi, “...also für mich ist es die erste Pilgerreise und auch das erste Mal, dass ich Euer schönes Land bereise.” Er nahm einen kurzen Schluck und sprach dann gleich weiter. “Es war Silvagilds Idee, dass wir nach Weiden reisen; sie hat alles genauestens geplant und ich bin wirklich froh, dass ich dieses einmalige Erlebnis mit ihr teilen darf”, sagte er und warf Silvagild einen sichtlich dankbaren Blick zu.
Dann wandte sich Hardomar erneut an die Schwertschwester, “Und Ihr? Seid Ihr auf dem Dererund schon viel gereist?”
Auch Boronmin blickte neugierig zu der Geweihten und ihrer Frau auf. Vielleicht würde jetzt schon mit dem Geschichtenerzählen beginnen.
“Es ist auch für mich die erste”, setzte Silvagild hinzu. “Ich war zwar schon auf zwei Feldzügen, habe den Göttern aber noch nicht jenes Maß an Verehrung entgegengebracht, das ihnen gebührt. Vor allem, da ich beide Male wohlbehalten wieder nach Hause zurückgekehrt bin.” Die Junkerin griff nach ihrem Becher und machte einen Schluck.
“Zwei Feldzüge schon … in Eurem Alter?”, die Geweihte nickte anerkennend, doch sah sie Silvagild an, dass sie wohl nicht darüber sprechen wollte, weshalb sie auch keine Frage stellen sollte. “Ich war schon viel unterwegs, ja …”, wechselte Leudara stattdessen das Thema, “... als Kriegschronistin musste ich das ja auch. Mein Weg führte mich von den Schwarzen Landen, ins Bornland und sogar bis hinunter in die Tulamidenlande. Aber irgendwann vernahm ich in mir den Ruf nach meiner Heimat …”, sie wandte sich zu Heldgard um und legte deren Hand in die ihre, “... und auch der Ruf sesshaft zu werden. Ich diente für einige Zeit am Rhodenstein, bis hier der Tempel frei wurde und man mich gefragt hat, ob ich es mir vorstellen könnte ihn zu übernehmen.”
Wieder schenkte sie ihrer Frau und den beiden Kindern ein Lächeln. “Ich bin glücklich hier. Und Ihr beiden? Seid ihr ein Paar?”
Silvagild, die gerade aus ihrem Becher trank schien sich daraufhin zu verschlucken und begann zu husten.
Hardomar streckte den Arm aus, klopfte Silvagild reflexartig ein paar Mal auf den Rücken und setzte ein verbindliches Lächeln auf, um die Situation zu überspielen. Er glaubte zu merken, wie sein Gesicht heiß wurde und hoffte, dass man ihm die Röte nicht allzusehr ansehen würde. “Wer, wir? Nein…”, entgegnete er nach einem kurzen Zögern, “nein, wir sind nur Freunde.” Ein kaum merklicher Anflug von Bedauern schwang in seiner Stimme mit. “Silvis Freundschaft bedeutet mir wirklich unendlich viel.”
Silvagild lächelte dem Ritter dankbar zu, wiewohl diese Dankbarkeit wohl nicht nur von den sanften Schlägen auf den Rücken herrührte, sondern zuvorderst von den gewählten Worten.
"Oh bitte entschuldigt", meinte Leudara daraufhin etwas beschämt. "Ihr beide habt so einen vertrauten Umgang miteinander … ich wollte Euch gerade auch kleines Rahjaheiligtum hier in der Nähe empfehlen, doch … ach vergesst es bitte wieder." Sie lächelte charmant und wies dann auf die inzwischen aufgetragenen Speisen. "Bitte, greift zu. Es ist genug für alle da."
“Wirklich kein Problem…”, winkte Hardomar ab und versuchte Leudara ein beruhigendes Lächeln zu schenken. “Alles gut.” Während alle am Tisch begannen, sich von den Speisen aufzutun, ging Hardomar das gerade Gesagte durch den Kopf. ‘Heute abend muss ich versuchen, mit ihr zu sprechen’, nahm er sich vor. ‘Ich muss es ihr sagen.’ Als in der Runde ein Moment der Stille eintrat, ergriff der junge Ritter wieder das Wort: “Ich nehme an, dieses Rahjaheiligtum, das Ihr erwähntet, ist das der Tempel, dem Ihre Hochwürden Rahjania vorsteht?” Fragend schaute er Leudara an und reichte die Schüssel mit den gestampften Erdäpfeln an Silvi weiter, wartete mit dem Essen aber ab, ob die Gastgeberinnen gleich beginnen würden oder noch ein Tischgebet gesprochen würde.
“Genau …”, bestätigte die Geweihte, “... Hochwürden Rahjania steht dem Tempel vor und wacht über das Heiligtum. Sogar Euer Herzog besuchte es letztes Jahr mit seiner Frau.”
Während die Erwachsenen ihre wie immer langweiligen Gespräche führten, lag die Aufmerksamkeit der beiden Kinder Wahlafried und Holdtraude auf Boronmin, den sie schon seit seiner Ankunft interessiert musterten. Schließlich schien es das Mädchen zu sein, das den Mut fand ihn anzusprechen: “Bist du ein Knappe?”, fragte sie ihn flüsternd. “Hast du denn schon einmal gekämpft?”
“Natürlich hat er …”, warf dann Wahlafried ein, noch bevor der Henjasburger zu einer Antwort kam, “... wenn die Orks kommen, müssen auch die Knappen ran.”
“Wer weiß gibts dort wo er herkommt überhaupt Orks”, gab Holdtraude zu bedenken und kratzte sich dabei die Schläfe.
“Orks gibts doch überall …”, nicht mehr ganz so überzeugt davon überlegte der Lütte ob er denn eine seiner Mütter danach fragen sollte, bevor ihm eine bessere Idee kam und er seine Worte direkt an Boronmin
richtete: “Es gibt doch Orks bei euch, oder?”
"Nein...", antwortete Boronmin leise und senkte verlegen den Kopf, als hätte er etwas Falsches gesagt. "Also, ich glaube nicht. Oder jedenfalls nicht viele." Er biss sich auf die Unterlippe. Bestimmt dachten die anderen jetzt, dass er zu Hause ein überbehütetes und verweichlichtes Leben führte... Und vielleicht war das auch so, überlegte er. "Ähm, und ich bin nur Page, nicht Knappe. Und auch erst seit etwas über einen halben Götterlauf." Wieder blickte er schüchtern nach unten.
"Na Pagen sind ja schon halbe Knappen", meinte Holdtraude mit dem Brustton der Überzeugung. "Also wir hatten erst vor ein paar Tagen Orks in der Gegend", führte sie dann weiter aus und nickte bestätigend mit ihrem Kopf.
"Die Ritter und meine Mutter haben sich aber um sie gekümmert", warf dann auch Wahlafried stolz ein. "Aber dein Schwertvater ist schon ein gestandener Ritter, oder?"
Noch bevor Boronmin darauf antworten konnte, war es wieder Holdtraudes Neugier, die durchbrach: "Was machen die Ritter denn bei euch, wenn es keine Orks gibt?"
Mit staunendem Blick schaute der Junge die anderen Kinder an. Orks, erst vor ein paar Tagen, hier in der Gegend! Das Leben in Weiden schien so anders zu sein als alles, was er kannte, eine ganz andere Welt... Die unverhohlene Neugierde von Holdtraude und Wahlafried irritierte ihn. Er war es nicht gewohnt, viel zu sprechen, und hier schien nicht nur er selbst auf dem Prüfstand zu stehen, sondern auch sein Schwertvater und die ganze Ritterschaft der Nordmarken. "Ähm, ja..." begann er vorsichtig, "also, die Ritter bei uns müssen natürlich immer gut darauf vorbereitet sein, falls doch mal Orks auftauchen. Oder andere Feinde. Und ähm, unheiliges Gezücht...", er merkte, wie er ins Stocken kam und versuchte sich innerlich zusammenzureißen. "Außerdem dient mein Schwertvater natürlich der Baronin. Und kümmert sich um die Verwaltung seines Lehens, also um das Rittergut." Kurz überlegte Boronmin, ob er etwas von Turnieren erzählen sollte, ließ das aber lieber bleiben. Stattdessen versuchte er es mit einer Gegenfrage: "Und ihr? Unterrichtet Ihre Hochwürden euch auch in den Kampffertigkeiten?"
Es schien für die beiden Kinder schwer vorstellbar zu sein, dass es Orte gab, an welchen man nicht in direkter Nachbarschaft zu den Orks leben musste. "Anderes unheiliges Gezücht …", wiederholte Wahlafried nachdenklich, "... meinst du Drachen? Oder die kreischenden Harpyien? Die haben wir auch."
Das Mädchen krempelte derweil ihren Ärmel hoch und gab den Blick auf einen großen Bluterguss am Oberarm frei. "Wir üben ein bisschen mit Holzwaren", erklärte Holdtraude nicht ganz ohne Stolz.
"Genau, Harphyien", bestätigte Boronmin im Brustton der Überzeugung. Zwar kannte er solche Kreaturen bisher nur aus dem Reich der Legenden und Sagen, doch war er sich sicher, dass sein Schwertvater und die Herrin Silvagild im Ernstfall allen Orks, Harphyien und auch Drachen mutig entgegentreten würden. "Ich übe auch jeden Tag", sagte er eifrig und bewunderte Holdtraudes blauen Fleck mit dem angemessenen Respekt.
"Du wirst sicher einmal ein starker Ritter", meinte Holdtraude zu Boronmin. "Ich soll das Handwerk meiner Mutter lernen … also sie macht Tücher und Kleidung …", das Mädchen deutete in eine dunkle Ecke des Raumes, "... mit so einem Holzding. Sie sitzt da davor und so." Sichtlich überfordert mit der Beschreibung des Tagwerks ihrer Mutter, hob das Mädchen ihre Schultern. "Ritter dürfen wir ja keine werden."
"Deine Mutter macht sehr schöne Stoffe, finde ich", sagte Boronmin mit ehrlicher Überzeugung, da er annahm, dass die Kleidung der Familienmitglieder von Helgard stammte. "Aber wenn ihr lieber kämpfen wolltet", er schaute beide Geschwister fragend an, "könntet ihr nicht auch Krieger werden?"
Zur Antwort schüttelten beide Kinder den Kopf. "Eine Akademie können wir uns nicht leisten", meinte Wahlafried kleinlaut und es war klar, dass dies wohl schon öfters Thema gewesen war.
"In der Akademie in Baliho sind auch fast nur Adelige", erklärte dann auch Holdtraude. "Sogar der Schwertkönig hat dort das Kämpfen gelernt."
Nachdenklich runzelte Boronmin die Stirn und kaute für einige Momente schweigend auf seiner Unterlippe. Es war ungerecht und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil für ihn alles so einfach war. Wahlafried und Holdtraude verehrten die Sturmherrin ebenso eifrig wie er, sie waren bestimmt genauso gut oder - wie er befürchtete - besser mit den Holzwaffen; warum konnten diese beiden Kinder nicht dem Weg der Leuin folgen, obwohl sie es sich offenbar sehr wünschten? Seine Gesichtszüge hellten sich auf, als ihm eine Idee kam: "Ihr könntet doch die Rondraweihe anstreben... und später allen Menschen von der heiligen Matissa erzählen!"
Die beiden sehen sich gegenseitig an und dann wieder auf den jungen Pagen. “Aber das entscheidet doch die Herrin Rondra, ob sie uns als Novizen möchte”, erklärte Wahlafried. “Wenn wir dürfen, dann machen wir das natürlich gerne. Mutter würde sich bestimmt freuen und wir müssten ja gar nirgends anders hin.”
Boronmin strahlte die beiden zuversichtlich an. "Bestimmt möchte die Herrin Rondra Euch beide als Novizen! Ich werde auf jeden Fall ganz fest dafür beten, dass sie euch auswählt!"
Nun strahlten Wahlafried und Holdtraude breit. “Dann kann ja nichts schiefgehen”, antwortete das Mädchen lächelnd.
Leudara nickte und als sie sich dessen gewahr wurde, dass sich alle genommen hatten, war es Helgard, die zum selbstverständlich obligatorischen Tischgebet anhob:
“Mutter Travia, wir danken Dir für die Speisen.
Blicke auf uns hernieder und segne unser Mahl,
auf, dass wir gestärkt unserem Tagwerk nachgehen können.
Lasse unser Herdfeuer nie erlöschen, auf dass es unser Heim
und uns stets wärme.
Es sei.”
Als die Worte verklungen waren, war das Abendmahl eröffnet. Es war in der Tat sehr einfach, aber überraschend schmackhaft. Der Vergleich zu den besseren Gaststätten auf ihrem Weg nach Weiden musste das Abendessen hier nicht scheuen.
Boronmin hatte andächtig mitgebetet und danach beim Essen ordentlich zuschlagen. Es war sehr, sehr lecker, doch war das nicht der einzige Grund, warum er sich so glücklich fühlte. Diese gemütliche Stube, das warme Licht der Kerzen und des Kamins, die angeregten, teilweise durcheinander gehenden Gespräche - er empfand in diesem herzlichen Familienkreis eine Geborgenheit, die er von seinen ernsten und zumeist reservierten Eltern so nicht kannte. Nach einiger Zeit fühlte er sich mutig genug, die Pagin Alwen anzusprechen: "Was wird denn morgen bei dem Fest stattfinden?" fragte er das eher still wirkende Mädchen.
Die Angesprochene war in der Tat bisher sehr ruhig gewesen. Es war Alwens Wesen, zumindest seit dem viel zu frühen Tod ihrer Mutter. Sie war eine Beobachterin, sehr aufmerksam, fleißig und gewissenhaft in dem was sie tat. Anders als Wahlafried und Holdtraude war sie auch von adeligem Geblüt und nicht nur das - Alwen von Welkenstein stammte zwei der ältesten Adelshäuser der Gegend ab und, so man derlei Sagen Glauben schenken mochte, sowohl eines Heiligen der Rahja und einer Heiligen der Rondra. Nachdem Boronmin sie angesprochen hatte, benötigte sie ein paar Herzschläge lang um zu antworten: "äääh, also das Fest der Heiligen Matissa", wiederholte sie, was dem Nordmärker wohl klar gewesen war. "Es gibt da ein großes Feuer, Gebet und die Erwachsenen trinken zu Ehren der jungen Lüchsin. Wir Kinder basteln Puppen. Ich hab auch eine gemacht", meinte sie stolz.
Boronmin lächelte Alwen entschuldigend an; er hatte sie nicht aus ihren Gedanken schrecken wollen. Tatsächlich empfand er ihre ruhige und ernsthafte Art als sehr angenehm; ein bisschen erinnerte sie ihn sogar an seine ältere Schwester Boromilia. "Ich freu mich sehr auf das Fest", nickte der Page begeistert. "Ob ich vielleicht auch noch eine Puppe basteln könnte? Aber bestimmt ist es zu spät dafür?"
Alwen lächelte schüchtern. "Nach dem Essen können wir für dich noch eine basteln, wenn du möchtest. Ich habe noch etwas Holz und Stroh und ein paar Hanfschnüre. Ich helfe dir auch." Wieder lächelte das Mädchen mit dem blonden Haar und den eisblauen Augen, dann schob sie sich ein Stück Brot in den Mund.
"Ja, das wäre schön!" Boronmin erwiderte ihr Lächeln überglücklich und nickte ihr ernsthaft zu. "Aber du musst mir zeigen, wie das geht. Ich hab noch nie eine gemacht." Aufgeregt beeilte der Page sich mit dem Essen. Er hoffe, dass er sich beim Basteln nicht allzu ungeschickt anstellen und vor den anderen Kindern blamieren würde. Aber er war fest entschlossen, das Fest so zu begehen, wie es der heiligen Matissa und der göttlichen Leuin zur Ehre gereichte.
“Gut, dann machen wir das gleich”, meinte Alwen und schien sich darüber zu freuen, dass der Junge solch ein Interesse daran zeigte.
Hardomar murmelte leise und andächtig das Gebet mit. Dann probierte er von dem Essen. Es war lange her, dass er daheim ein Abendmahl eingenommen hatte, bei dem die Familie im Vordergrund stand. So etwas hatte er sich immer gewünscht und er war stolz auf seinen Pagen, als dieser von selbst begann, sich mit den anderen Kindern zu unterhalten.
"Sehr lecker; das Fleisch ist ganz zart", lobte der Ritter Helgard und richtete sein Wort an die beiden Gastgeberinnen. "Und darf ich fragen, wie ihr beiden euch kennengelernt habt?"
Leudara sah auf die Frage hin zu ihrer Frau, die den Ball auch aufnahm. “Ich stamme gebürtig aus der Sichelwacht … also dem anderen Ende Weidens”, erklärte Heldgard. “Unser Dorf wurde dort vor einigen Jahren von den Rotpelzen niedergebrannt und mein Mann fiel bei der Verteidigung … möge Rondra ihn an ihrer Tafel begrüßen.” Die Frau räusperte sich. “Ich floh mit meinen Kindern zu meiner Familie nach Salthel, wo Leudara zu dieser Zeit im Rondratempel diente. Ich war öfters dort um für meinen Mann zu beten und sie half mir in diesen schweren Zeiten." Sie lächelte der Schwertschwester zu. "So hat sich das dann irgendwie entwickelt …”, setzte Heldgard schüchtern hinzu.
“Es ist wundervoll, dass nach dieser sicherlich schweren Zeit die Herrin Rondra Euch zusammengeführt hat. Ihr habt ein so schönes Heim, das ihr Euch gemeinsam aufgebaut habt.” Hardomar stupste Silvagild schelmisch an. “Und Silvi? Soll ich dir nachher auch eine Puppe basteln?”
“Pfft …”, schnaubte die Angesprochene daraufhin belustigt. “Wenn dann mache ich das schon selbst.”
Der Abend nahm seinen Lauf und den ernsten Themen folgten wieder fröhlichere. Später verabschiedeten sich auch Alwen und Boronmin zum gemeinsamen Basteln einer Strohpuppe, die sich tatsächlich sehen lassen konnte.