Dramatis Personae
- Algirdas von Stockach
Ritter kurz nach der Schwertleite - Bärfang von Rauheneck
Bruder des Barons von Rotenforst - Fählindis von Habechhegen
Dienstritterin des Barons von Rotenforst - Fredemin von Stockach
Dienstritterin Sindajas von Silkenau (erwähnt) - Haldoran von Friggenhaupt
Baroninnengemahl von Drachenstein (erwähnt) - Satijana von Horadamm
Baronsgemahlin von Rotenforst - Sindaja von Silkenau
Baronin von Drachenstein (erwähnt) - Widderich von Rauheneck
Baron von Rotenforst - Wolfgard und Eberhelm
zwei Waffenknechte des Barons von Rotenforst (erwähnt)
Als Anregung und Grundlage für diese Geschichte dient ein Ergebnis der Würfelorgie im Jahr 2016. Folgendes persönliches Ereignis wurde beim Weidener Kaminstübchen für Widderich von Rauheneck erwürfelt:
(6) Ein Knabe/eine Maid taucht auf und behauptet, du wärst sein Vater.
(5-6) Die Behauptung ist zwar wahr, das Kind und die Kunde von seiner Existenz ist deinerseits aber unerwünscht kommen dir aber ziemlich ungelegen.
Die Audienz
Feste Klagenfels, Baronie Rotenforst, Mitte Rondra 1040 BF
Es passierte nicht oft, dass sie auf dem Klagenfels adeligen Besuch bekamen. Und dass jemand Fremdes vollkommen unangekündigt hier auftauchte, um in aller Form eine Privataudienz beim Baron zu erbitten – das war in den zwei Jahren seit Widderichs Amtsantritt nicht ein einziges Mal vorgekommen. Es sorgte für gerunzelte Stirnen und fragende Blicke bei seinen Geschwistern, die er aber auch bloß mit einem Achselzucken beantworten konnte. Der Name Algirdas von Stockach sagte ihm so wenig wie allen anderen. Um einen jungen Ritter handelte es sich offenbar, und er hatte nicht verraten wollen, in was für einer Angelegenheit er den Herrn von Rotenforst zu sprechen wünschte.
Es blieb also spannend.
Satijana fühlte sich bemüßigt, ihren Gatten zu fragen, ob er sich im Klaren darüber sei, was das Wort „Audienz“ überhaupt bedeute, und quittierte seine gnatschige Antwort mit einem breiten Grinsen. Widderich wusste sogar, was der Unterschied zwischen einer Privat- und einer Gruppenaudienz war, und dass er für Erstere nicht unbedingt den Thronsaal wählen musste, um mit seinem Gast zu sprechen. Er befand jedoch, dass es auf der ganzen großen Feste sonst keinen Raum gab, der sich für den Empfang eines Fremden mit unbekanntem Begehr eignete – und sie stimmte ihm da durchaus zu. Es ließ sich wahrlich nicht behaupten, dass der Klagenfels in Sachen Repräsentation viel zu bieten hatte.
Also saß der Herr von Rotenforst nun schweigend auf seinem Thron und sie saß schweigend neben ihm und gemeinsam warteten sie auf das Erscheinen ihres mysteriösen Gastes. In einem ansonsten menschenleeren Saal, wohlgemerkt. Einem leeren Saal, der für diesen Anlass eigentlich viel zu groß war. Weshalb Satijana gerade eine geistige Notiz anfertigte. Das war etwas, worum es sich dringend zu kümmern galt: Einen Ort herrichten, an dem frau Gäste künftig empfangen konnte, ohne sie gleich mit der ganzen Macht des Sturmætzvallter Thronsaals zu erschlagen. Im Kopf ging sie eben alle ihr bekannten Räume durch, die sich für so etwas eignen könnten, als die Tür geöffnet wurde.
Fählindis betrat den Raum, im Schlepptau einen jungen Mann, der aussah wie ... ja.
Satijana stutzte und löste den Blick vom Fremden, um kurz zu dem überaus vertrauten Herrn an ihrer Seite hinüber zu spinxen. Der bemerkte das allerdings nicht, weil er selbst viel zu beschäftigt damit war, den Ritter zu mustern, der da gerade vor seinen Thron stolzierte. Satijana bemerkte noch, wie Widderich die Stirn runzelte und die Lippen irritiert verzog. Dann wandte sie sich dem Neuankömmling wieder zu, der aussah wie eine jüngere Version des Patriarchen der Familie Rauheneck. Jünger, etwas kleiner und deutlich weniger kantig. Mit einer etwas gefälligeren Nase und helleren Augen zwar, aber die Ähnlichkeit blieb unbestreitbar.
Was Fragen aufwarf. Fragen, auf deren Beantwortung sie sehr gespannt war.
Sollten sie denn in dieser Audienz gestellt werden.
Was sie doch sehr hoffte.
„Hochgeboren“, Fählindis hielt ein paar Schritt von ihnen entfernt und neigte das Haupt leicht. „Ich bringe den Hohen Herrn Algirdas von Stockach, der Euch zu sprechen wünscht.“
Neben ihr verneigte sich auch der Fremde, elegant, und gab dann ein klar vernehmbares „Den Zwölfen zum Gruße, Hochgeboren, Rondra voran!“ von sich.
Widderich behielt den jungen Kerl noch einen Moment schweigend im Auge und bedeutete ihm dann mit knapper Geste, sich wieder aufzurichten.
„Den Zwölfen zum Gruße, Hoher Herr, und willkommen auf dem Klagenfels“, gab er schließlich zurück. „Sei bedankt, Fählindis. Warte bitte draußen!“, meinte er dann in Richtung seiner Base.
Die schien das überaus enttäuschend zu finden – hatte wohl gehofft, der Audienz irgendwie beiwohnen zu dürfen. Nichtsdestotrotz nickte sie ergeben und machte auf der Hacke kehrt. Wenige Augenblicke später fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
„Wie kann ich helfen?“, fragte Widderich daraufhin.
Er war kein Mann des Worts. Noch nie gewesen. Deshalb hatte Satijana nicht viel Vorgeplänkel erwartet. Dass sich ihr Gemahl so unvermittelt auf den Grund des Besuchs stürzen würde, hätte sie allerdings auch nicht für möglich gehalten, und es ließ sie innerlich zusammenzucken.
„Die Götter zum Gruße“, schob sie daher mit einem freundlichen Lächeln hinterher, als der junge Mann den Blick auf sie richtete – es also ohnehin angezeigt war, sich ins Gespräch einzuführen. „Ich hoffe, Ihr habt hier in Rotenforst ungestört reisen können und dass unser Gesinde Euch anständig versorgt hat, bevor Ihr zu uns geschickt wurdet.“
„Ich kann nicht klagen“, sagte der Stockacher knapp und nickte verbindlich. Anstatt noch ein paar Worte mehr zu machen, wandte er sich jedoch gleich wieder an Widderich. Er schien es also ebenfalls eilig zu haben. „Ich bin davon ausgegangen, eine Privataudienz bedeutet, dass ich mit Euch unter vier Augen sprechen werde, Euer Hochgeboren“, hob er nach einem Moment der angespannten Stille an. „Ich weiß nicht, ob wir mein Anliegen ernstlich vor Eurer Gemahlin besprechen sollten.“
„Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Frau“, erwiderte Widderich. „Haltet Euch also nicht zurück.“
Der Rittersmann schien das für eine denkbar schlechte Entscheidung zu halten und zögerte noch einen Moment, in dem sein Blick zwischen Widderich und Satijana hin und her flog. Dann trat ein beinahe mutwilliges Funkeln in seine Augen und er hob die Schultern.
„Wie Ihr meint“, sagte er, während er begann, an seiner Gürteltasche zu nesteln. Einen Moment später hatte er ein gefaltetes und gesiegeltes Pergament zu Tage gefördert und trat näher: „Ich würde Euch gern ein Schreiben meiner hochverehrten Frau Mutter zu lesen geben, bevor ich mein Anliegen näher erläutere. Ich denke, das wäre der Situation dienlich.“
„Und wer ist Eure hochverehrte Frau Mutter?“, wollte Widderich wissen.
„Fredemin von Stockach war meine Mutter – Boron hab’ sie selig. Sie ist vergangenes Jahr beim Kriegszug gen Mendena gefallen“, erklärte der junge Ritter, diesmal ohne zu zögern, und warf seinem Gegenüber einen lauernden Blick zu.
Satijana beobachtete es mit Interesse, dann wandte sie sich ebenfalls in Widderichs Richtung. So bekam sie mit, wie in dessen Augen Erkennen aufblitzte: Anscheinend sagte der Name Fredemin ihm mehr als das Algirdas. Kurz runzelte er die Stirn, nickte hernach aber bestätigend und streckte dem jungen Mann vor seinem Thron auffordernd die Hand entgegen.
„Es dauert mich, das zu hören, Hoher Herr. Mein Mitgefühl“, sagte er, während er das Schreiben entgegennahm. „Und Ihr seid wahrhaftig der Meinung, dass ich das jetzt lesen soll, statt einfach mit Euch zu sprechen?“
„Ja, bitte!“
Widderich zuckte mit den Achseln, dann brach er das Siegel und vertiefte sich in die Nachricht.
Satijana wäre am liebsten aufgesprungen, um ihm über Schulter zu sehen. Aber das gehörte sich nun wirklich nicht.
Also blieb sie brav sitzen und wartete – bis es ihr zu blöd wurde. Offenbar war dieser Brief nicht gerade kurz. Oder so umständlich formuliert, dass er sich schwer lesen ließ. Oder der Inhalt so skandalös, dass Widderich ewig brauchte, um ihn zu verdauen. Weil es irgendwie auch unnütz war, schweigend dazusitzen, während der Herr Baron sich nicht regte, wandte sie sich an seinen Gast. Dessen hochkonzentrierte Mine verriet zwar, dass er den Rauheneck gern im Blick behalten hätte, aber darum scherte sie sich nicht.
„Woher stammt Ihr, Wohlgeboren?“, fragte sie ganz unbefangen.
„Ich bin in der Baronie Drachenstein aufgewachsen“, antwortete der Stockacher, ohne seinen Blick von Widderich zu lösen.
„Dann sitzt Eure Familie dort?“
„Nein“, kam es prompt zurück. „Der Stammsitz meiner Familie ist in Schroffenfels. Meine Mutter und ich haben allein in Drachenstein gelebt.“
Nun endlich löste er sich von Widderich und besaß die Freundlichkeit, Satijana beim Reden anzusehen. Etwas in seinem Blick, wie auch in seiner Stimme, verriet ihr: Sie fragte ihn gerade über Dinge aus, zu denen er gemeinhin lieber schwieg. Und es gab ja auch eine naheliegende Vermutung, warum Familienangelegenheiten nicht sein Lieblingsthema waren.
„Und wo seid Ihr ausgebildet worden?“, wollte sie dennoch wissen.
„Auch in Drachenstein. Am Hof der Baronin. Von ihrem Gemahl Haldoran.“
„In Drachenstein. Von ... ? Oh!“ Satijana hielt irritiert inne.
Na, das waren ja Neuigkeiten!
Im näheren Umfeld von Rotenforst gab es kaum jemanden, der Widderich weniger leiden konnte, als die Drachensteiner Baronin Sindaja. Allein, Haldoran gehörte womöglich in diese Kategorie, was den Besuch des Stockachers noch pikanter machte, als sie ihn ohnehin schon fand. Sie überlegte noch, wie sie das Gespräch an diesem Punkt fortführen sollte, ohne in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten, als Widderich sich an ihrer Seite räusperte.
Er ließ den Brief sinken. Endlich. Zum Glück!
„Ich nehme an, dass Ihr nichts über den Inhalt dieses Schreibens wisst, Hoher Herr?“, hob ihr Gemahl unvermittelt an.
„Nein, aber sie hat mir auch einen hinterlassen. Da stehen vermutlich ähnliche Dinge drin. Ich weiß zumindest, warum sie wollte, dass ich hierherkomme: Ich bin Euer Sohn!“
Bei den letzten Worten reckte der junge Ritter herausfordernd das Kinn – als erwarte er, dass nun eine vehemente Widerrede Widderichs erfolgen würde. Und als sei er bestens darauf vorbereitet, einen wortreichen Strauß über die Motive seiner Mutter mit ihm auszufechten.
Üblicherweise wäre das auch eine vollkommen angebrachte Reaktion gewesen. Da spielte das Schicksal einem einfachen Junker so in die Karten, dass er in den Baronsstand erhoben wurde, wodurch seine gesamte Familie mit einem Mal zum Hochadel gehörte – und wenig später fiel einer Frau, von der er offenbar seit Ewigkeiten nichts gehört hatte, wieder ein, dass sie ihm einen Sohn geboren hatte? Wie glaubwürdig war das schon?
Nicht sehr. Im Allgemeinen. In diesem Fall allerdings ...
Satijana ließ den Blick erneut zwischen Widderich und Algirdas hin und her gleiten und schüttelte schweigend den Kopf. Das hier war nicht im Allgemeinen. Auch deshalb nicht, weil Bastarde in der Familie Rauheneck fast schon zum guten Ton gehörten und auf dem Klagenfels daher generell weniger Zweifel angemeldet wurden als anderswo.
Satijana bemerkte, dass Widderich Blickkontakt suchte, und nahm ihre Gedanken an die Kandare, um ihm entgegenzukommen. Seine Brauen waren fast unmerklich gehoben – wohl, weil er sich versichern wollte, dass sie nicht kurz davorstand, ihm den Kopf abzureißen. Die unausgesprochene Frage des Rauheneck beantwortete sie mit einem schiefen Lächeln und indem sie gleichmütig die Schultern hob.
„Ich habe Euch gesagt, dass es keine gute Idee ist, sie hier zu behalten“, drangen die Worte des Stockachers unterdessen an ihr Ohr.
„Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Frau“, wiederholte Widderich stur und richtete den Blick anschließend wieder auf seinen ... Sohn. „Ich schließe aus Euren Worten, dass Fredemin zu Lebzeiten so wenig mit Euch wie mit mir hierüber geredet hat?“, er hob den Brief, während er den jungen Mann fragend ansah.
„Nein“, gab der mit reichlich patzigem Unterton in der Stimme zurück. „Sie meinte immer, sie erzählt mir alles, wenn ich alt genug dafür bin. Offenbar war das jedoch zeit ihres Lebens nicht der Fall. Soweit ich weiß, hat sie auch mit niemandem sonst darüber gesprochen. In all den Jahren nicht. Kein Wunder, will ich meinen. Es verhält sich ja schließlich nicht so, als ob Euer Name einer wäre, mit dem sie hier in der Sichelwacht stolz hätte hausieren gehen können. Wer gibt schon gern preis, dass er sich von einem Raubritter, Heiden, Triebtäter, Mörder und Thronräuber hat schwängern lassen?“
Widderich sparte sich zu dem Anwurf jeden Kommentar. Er zog einfach nur unwirsch die Brauen zusammen. Das schien aber schon auszureichen, um seinen Gast mit der Nase darauf zu stoßen, dass er sich gerade sehr unziemlich verhielt.
„Ich meine ... von jemandem, über den die Leute all das sagen“, schob der Stockacher da eilig nach. „So wird nun mal über Euch geredet, Hochgeboren, in weiten Teilen der Grafschaft. Das wird Euch ja wohl nicht neu sein.“
„Als ich Fredemin zuletzt gesehen habe, beschränkte sich diese Liste auf Raubritter und Heide ... Triebtäter vielleicht noch ... . Schön, ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt“, brummte Widderich. „Außerdem war sie seinerzeit eine Ritterin am Saltheler Herrscherhof. Die dienen gemeinhin ihr Leben lang. Wieso also Drachenstein?“
„Weil eine unverheiratete Ritterin, die den Bastard eines Mannes austrägt, dessen Namen sie nicht verraten will, keinesfalls als Vorbild für die Ritterschaft in der Sichelwacht taugt, die Dienstritter des Markverwesers aber genau das tun sollten“, lautete die prompte Erwiderung. „Die Erste Ritterin hat das Problem seinerzeit geräuschlos vom Hof verschwinden lassen.“
„Ihre Familie sitzt in Schroffenfels. Warum ist sie nicht dorthin zurückgekehrt?“
„Weil eine unverheiratete Ritterin, die den Bastard eines Mannes austrägt, dessen Namen sie nicht verraten will, keinesfalls in eine Familie passt, deren Patriarch ein frommer Anhänger der in seinen Augen reinen Lehre Travias ist. Sie hat den Namen Stockach mit ihrem Verhalten befleckt und wurde daher vor die Tür gesetzt.“
Widderich stieß einen Laut aus, der nach einer recht ungesunden Mischung aus pikiertem Schniefen und geringschätzigem Schnauben klang – und begann damit, den Brief der gefallenen Rittfrau wieder zusammenzufalten.
„Warum Drachenstein?“, wiederholte er derweil.
„Weil Frau Sindaja von jeher einer gänzlich anderen Auslegung des Traviaglaubens folgt als mein Großonkel. Sie hat uns aufgenommen, als ich noch ganz klein war, und meiner Mutter erst eine Anstellung, später auch ein Gut zur Verwaltung gegeben.“
Im Angesicht dieser Eröffnung des Jungen konnte sich Satijana ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Kein Wunder, dass Fredemin den Namen des Kindsvaters niemals preisgegeben hatte! Wie ratsam wäre es wohl gewesen, der eigenen Dienst- und Lehnsherrin zu gestehen, dass auf ihrem Land der Sohn des verhassten Nachbarn im Osten heranwuchs? Erst recht, nachdem sie das Kind zur Ausbildung an den Hof der Baronin gegeben hatte? In die Hände von Haldoran von Friggenhaupt, der sich vermutlich selbst entleiben würde, wenn er erfuhr, an wen er sein Wissen und Können über sechs Götterläufe hinweg weitergegeben hatte.
Widderichs Gedanken schienen sich in ganz ähnlichen Bahnen zu bewegen. Der Verdacht kam Satijana, als sie ihm ins Gesicht sah und einer äußerst sparsamen Miene ansichtig wurde. Die Tatsache, dass Algirdas im Dunstkreis der Silkenauerin und ihres Gemahls aufgewachsen war, schmeckte ihm offensichtlich überhaupt nicht. Sei es nun, weil sie dem Jungen sicher vieles vorgelebt hatten, womit hier in Rotenforst niemand etwas anfangen konnte, oder weil er sich den beiden dadurch im Nachhinein irgendwie zu Dank verpflichtet fühlte.
„Sie hätte hierherkommen können, zu uns ... meiner Familie“, meinte er schließlich. „Warum im Namen aller guten Geister hat sie das nicht getan?“
Die Frage galt nicht Algirdas, sondern war einfach nur so dahingesagt, aber der Junge fühlte sich offenbar angesprochen. Er hob die Schultern:
„Ich sage doch: Sie hat nie über Euch geredet. Aber wenn ich raten soll: Vielleicht, weil der Rest der Sichelwacht sich dann hätte denken können, was Sache ist, sie das aber um keinen Preis der Welt wollte? Vielleicht, weil jeder weiß, wie die Kirche Travias zu den Rauhenecks steht und sie daher das letzte bisschen Hoffnung auf eine Versöhnung mit ihrer Familie hätte aufgeben müssen? Vielleicht, weil die Gerüchte über Euren Lebenswandel sie abgestoßen haben? Oder weil Ihr mehr als ein Jahrzehnt so gut wie nie in Weiden anzutreffen wart? Vielleicht, weil ihr nach Eurer Rückkehr erst mal mit Hochgeboren Erzelhardt Krieg spielen musstet?“
Auch diese Spitzen waren Widderich keine Erwiderung wert. Er runzelte bloß die Stirn und seufzte schwer.
„Und überhaupt ... was ist das hier eigentlich für ein merkwürdiges Gespräch?“, fuhr Algirdas danach zornig auf. „Warum fragt Ihr mich über meine Mutter aus? Wollt Ihr nicht lieber irgendetwas zu ihrer Behauptung sagen, dass ich Euer Sohn bin? Dass das nicht sein kann, vielleicht? Dass Ihr sie nie angerührt habt? Oder irgendeinen anderen Grund nennen, aus dem ich Eure Burg augenblicklich zu verlassen und nie wieder hier aufzutauchen habe?“
„Würde Euch das helfen, Hoher Herr?“
Satijana blinzelte irritiert.
Das war eine sehr seltsame Frage. Im ersten Moment verstand sie nicht, worauf Widderich damit hinauswollte. Dann gewahrte sie jedoch den zornigen Blick des jungen Stockachers, sein bockig vorgeschobenes Kinn, die ganze angespannte Haltung – und begriff. Es hatte sich etwas in dem Kerlchen aufgestaut, das dringend hinaus wollte. Algirdas konnte es aber nicht reinen Gewissens in die Freiheit entlassen, solange Widderich ihm keinen Anlass bot, der eine solche Eskalation gerechtfertigt hätte. Nach einem solchen suchte er offenbar.
Dies zu begreifen, erforderte einiges an Einfühlungsvermögen. Und das war gemeinhin wahrlich keine Stärke ihres Gemahls.
Faszinierend!
„Was ... ? Wie meint Ihr das ... ?“, stotterte der Drachensteiner unterdessen.
„Ich könnte das alles natürlich sagen. Die Frage ist nur: Wer soll es mir glauben?“, gab Widderich gelassen zurück. „Vielleicht ist es Euch noch nicht aufgefallen, aber Ihr seid mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Da ich keinen Zwilling habe und da ich eben nicht von mir behaupten kann, Eure Frau Mutter nie angerührt zu haben ...“ Er hielt kurz inne und hob die Schultern: „Sagt mir lieber, was Ihr von mir wollt.“
Algirdas starrte ihn einen Moment schweigend an.
Er schien nicht damit gerechnet zu haben, dass es so einfach werden würde, und wusste jetzt nicht, wie er weitermachen sollte. Davon erholte er sich jedoch rasch, atmete tief durch und straffte seine Schultern:
„Eine Anstellung! Ich habe drüben in Drachenstein kürzlich meine Schwertleite erhalten und wie Ihr Euch sicher denken könnt, ist es für jemanden wie mich nicht leicht, an den Höfen des Adels unterzukommen“, er deutete auf das von einem Bastardbalken verschandelte Wappen der Stockacher, das er klein und damit ziemlich unauffällig an seinem Gürtel trug. „Ich habe nicht vor, lange zu bleiben, keine Sorge. Aber fürs Erste brauche ich etwas, womit ich mich über Wasser halten kann.“
„Hat die Gastfreundschaft der Drachensteiner ein Ende gefunden, als sie erfuhren, wer Euer Vater ist?“, hakte Widderich nach.
„Das habe ich ihnen nicht erzählt. Ich bin doch nicht wahnsinnig!“
„Dann seid Ihr als Ritter so schlecht, dass sie Euch – anders als Eurer Mutter – keine Anstellung an Ihrem Hof bieten wollten?“
„Pffffft!“, Algirdas zischte verärgert und schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Wenn Ihr es genau wissen wollt, beweise ich Euch das auch gern. Bis dahin wisset, dass ich gegangen bin, weil es der letzte Wille meiner Mutter ist. Aus irgendeinem Grund war sie der Meinung, dass ich hierher zu Euch kommen soll. Nach all der Zeit. Verstehe es, wer will.“
„Hum“, brummte Widderich leise. Und dann: „Ich nehme nicht jeden in meine Dienste.“
„Ich bin nicht jeder, ich bin Euer Sohn.“
„Was heißt das schon?“
„Wollt Ihr mich jetzt doch fortjagen?“
„Ihr dürft gern bleiben, Hoher Herr. Wenn Ihr einen Ort braucht, an dem Ihr fürs Erste unterkommen könnt, stehen Euch die Tore des Klagenfels offen“, erklärte Widderich mit ruhiger Stimme. „Aber als meinen Dienstritter stelle ich Euch nur an, wenn Ihr taugt.“
„Das sagt der Richtige! Wenn mich nicht alles täuscht, steht Ihr selbst mit mindestens der Hälfte der ritterlichen Gebote auf dem Kriegsfuß!“
„Ist das der Maßstab, den Ihr an Eure eigene Tugendhaftigkeit anlegen wollt?“
„Das ist de...“, hob Algirdas zornig an und stockte dann konsterniert. „Wie bitte?“
„Gleich, wie es um mich bestellt ist: Ihr habt bei einer Frömmlerin und einem Pantoffelhelden gelernt – was denn bitte genau? Wie man richtig betet und Stiefel leckt? Oder wisst Ihr auch, wie man kämpft?“
„Natürlich weiß ich das!“, fuhr Algirdas auf. „Herr Haldoran war einst der Erste Ritter Tobriens, vom Waffenhandwerk versteht der mehr als so ein hergelaufener Heckenreiter wie Ihr. Ich sagte ja schon: Ich zeig Euch gern, was ich vermag! Euch wir...“
„Abgemacht!“, fiel Widderich seinem Sohnemann gnadenlos ins Wort. „Wir sehen uns in einem Wassermaß in der Fechthalle, Hoher Herr. Dort könnt Ihr mir zeigen, was Euch der Erste Ritter Tobriens in den vergangenen Götterläufen beigebracht hat und ich zeige Euch, was das Leben als Heckenreiter mich lehrte.“
„N...wa..äääh?“, Algirdas stand einen Moment wie vom Donner gerührt und starrte er den Herrn des Klagenfels an, als sei er völlig von Sinnen. „Ihr wollt mit mir fechten?“
„Bevor ich Euch anstelle, will ich wissen, was Ihr vermögt. Und warum sollte ich nicht sofort anfangen, mir ein Bild davon zu machen?“
Damit war die Sache entschieden.
Während es hinter der Stirn des Stockachers noch schwer arbeitete, beorderte Widderich Fählindis zurück in den Thronsaal und erklärte ihr, was folgen sollte. Augenblicke später war die Privataudienz zu Ende.
Unter vier Augen
Feste Klagenfels, Baronie Rotenforst, Mitte Rondra 1040 BF
Widderich war schweigend über die Gänge des Klagenfels geeilt – und Satijana ihm schweigend gefolgt. Als er ihre Gemächer erreichte, stieß er die Tür mit viel zu viel Kraft auf, sodass sie scheppernd gegen die Wand krachte und gleich wieder zurückgeflogen kam. Er versetzte ihr also noch mal einen Stoß, trat dann ein und hielt sofort inne, um beide Handballen fest auf seine Augäpfel zu pressen. Dabei stieß er ein lautes Stöhnen aus, das ein bisschen so klang, als hätte er im Grunde lieber geschrien.
Satijana schloss die Tür hinter sich und scharwenzelte in einem elenganten Bogen um ihren Göttergatten herum, sodass sie am Ende vor ihm stand und in sein Gesicht gucken konnte – von dem gerade allerdings nicht viel zu sehen war, weil Hände. Sie wartete, bis er ein paarmal tief durchgeatmet und den Sichtschutz wieder entfernt hatte. Danach reichte ein Blick in seine Augen, um zu erkennen, dass die Situation ihn viel mehr anfasste, als eben im Thronsaal noch zu erkennen gewesen war.
„So schlimm?“, fragte sie leise. In ihrer Stimme hielten sich Besorgnis und Belustigung die Waage. Sie nahm das Ganze leichter als ihr Gemahl, aus offensichtlichen Gründen. „Ich hatte bislang den Eindruck, du würdest es mit Fassung tragen?“
Widderich presste die Lippen zusammen, schob das Kinn vor und nickte bedächtig, während er ihre Miene aufmerksam studierte. Dann hob er die Schultern und wog den Kopf:
„Offenbar gelingt mir das nicht ganz so gut wie dir.“
„Kunststück! Ich bin ja nicht unmittelbar betroffen.“
„Es ist gerade ein potenzieller Erbe meines Titels aufgetaucht. Ich meine schon, dass dich das unmittelbar betrifft, Satijana. So als Baronsgemahlin ... die bisher zu allem Überfluss auch noch kinderlos ist?!“
„Oh, tsssk, Dummerchen!“, machte sie spöttisch und winkte mit großer Geste ab. „Ich meine, damit ist das abgedeckt, oder nicht? Wenn du jetzt ohnehin schon einen Erben von deinem Blute hast, mit einer adeligen Mutter noch dazu, bleibt es mir ja vielleicht erspart, überhaupt einen austragen zu müssen? Ich habe gehört, dass das ziemlich anstrengend sein soll und gern mal die Figur ruiniert. Außerdem ist es wirklich kein Spaß, Kinder aufzuziehen. Und die Götter waren so nett, uns eines zu servieren, das durch das Gröbste schon durch ist – hoffentlich! Ich verbuche das, ehrlich gesagt, als Erfolg auf ganzer Linie.“
„Findest du das etwa lustig?“ fragte Widderich gereizt.
„Ein bisschen schon.“
„Fein!“ Er seufzte und fuhr sich mit der rechten Hand entnervt übers Gesicht. „Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Irgendwann wird Wîswartari dieses verfluchte Ritual durchführen. Dann bist du fällig, ist das klar?! Dann entlasse ich dich erst wieder aus meinem Bett, wenn ich weiß, dass du schwanger bist. Merk dir das! So weit kommt es noch, dass ich den Rotenforster Thron an ein Kind gehen lasse, das nicht dem Schoß meines hochverehrten Eheweibs entsprungen ist!“
„Ah“, Satijana lachte leise. „Dann sag deinem Hüter vielleicht mal, dass er sich ein bisschen beeilen soll?! Ich bin nicht mehr die Jüngste, wenn er noch lange wartet, kommen wir am Ende nie wieder aus deinem Bett raus? Nicht, dass mich das groß stören würde. Aber mit Blick auf die Aufgaben, die du als Baron versehen solltest, könnte das etwas problematisch werden ...“
Daraufhin knurrte Widderich unwillig und begann, wie ein gefangenes Tier im Zimmer auf und ab zu schreiten.
Das war ein wunder Punkt und sie wusste es, konnte aber trotzdem nicht ganz von dem Thema lassen. Nicht etwa, weil ihr persönlich viel daran gelegen hätte, mondelang ein Kind in ihrem Leib mit sich herumschleppen zu müssen – das tat es wirklich nicht. Doch war sie die Tochter eines Bronnjaren und sich daher vollauf im Klaren darüber, welch immense Bedeutung dynastische Erwägungen vor allem für alte Adelsgeschlechter hatten.
„Warum kommt diese Fredemin damit jetzt erst?“, hob Satijana an, als sie zu der Überzeugung gelangt war, dass Widderich auf ihre letzten Worte nichts erwidern würde. „Steht dazu irgendwas in ihrem Brief? Ich meine ... sie hatte eine Menge Zeit, um sich bei dir zu melden. Hätte sie das nicht allein schon im Interesse ihres Sohns viel früher tun sollen?“
„Der Junge hat es ganz gut zusammengefasst. Es gab viele gute Gründe, meine Identität geheim zu halten. Ich war lange aus der Welt und dann ...“, Widderich zögerte einen Augenblick, bevor er mit einem sachten Kopfschütteln fortfuhr. „Sie hat auf dem Goblinfeldzug des Grafen 1030 das Gespräch mit mir gesucht. Aber die Begegnung war so kurz, ich hatte sie schon wieder ganz vergessen.“
„Was ist passiert?“
„Nichts. Sie empfand meine Haltung als ablehnend und hatte das Gefühl, dass ich nicht mit ihr reden will“, meinte Widderich. „Vermutlich habe ich ihr Angst gemacht, also ist es kein Wunder, dass sie das Thema lieber ruhen ließ.“
„Der Fluch ...“
„Hmhum.“
„Oh je, das tut mir leid.“
„Mir nicht!“ Widderich fixierte sie mit einem Blick, der keinen Zweifel daran ließ, dass es ihm mit dieser Aussage ernst war. „Wer weiß, wie es mit mir weitergegangen wäre, wenn ich seinerzeit von dem Kind erfahren hätte? Wer weiß, ob wir uns dann je getroffen hätten?“
„Wer weiß, ob das überhaupt noch von Belang gewesen wäre? Du hättest auch mit Fredemin und Algirdas dein Glück finden können.“
„Wohl kaum“, Widderich schüttelte den Kopf. „Unsere Beziehung war nicht dergestalt, dass wir uns für alle Zeiten aneinander hätten binden wollen.“
„Aaaaaah, so ist das also?!“, säuselte Satijana spöttisch. „Na, wenn wir uns damit jetzt eh schon befassen, erlaube mir diese eine Frage: Wie alt bist du bitte gewesen, als du diesen Bengel gezeugt hast? Er ist Ritter, zählt also mindestens 20 Winter, nicht wahr? Du bist gerade erst 39 geworden, also ... will ich es wirklich wissen?“
Widderich hielt in seinem Getigere inne und sah sie an: „Ja. So in etwa. 18, 19 Winter.“ Er hob die Schultern, entschuldigend irgendwie. „Ich war jung und ... äh ... wild, bevor mich der Zauber deiner Schwester getroffen hat.“
„18 oder 19 Winter? Liebe Güte!“ Satijana warf ihrem Gemahl einen ungläubigen Blick zu. „Sag jetzt bitte nicht, dass du damals ein halbes Kind geschwängert und mit dem ganzen Scheiß allein gelassen hast, Widderich? Wie alt war Fredemin? 14? 16?“
„Ein paar Jahre älter als ich. Schon fertige Ritterin. 25 Winter vielleicht?“
„Mit einer erfahreneren Frau, huh? Hört, hört!“, Satijana schüttelte den Kopf und grinste schief. Es erleichterte sie, das zu hören, denn die Alternative hätte in ihren Augen alles nur noch schlimmer gemacht. Für Fredemin war es sicher auch so eine dramatische Erfahrung gewesen, aber als Erwachsene trug sie selbst die Verantwortung für ihr Handeln. „Der feine Herr von Rauheneck. So früh angefangen? Vielleicht ist es ganz gut, dass sich meine Schwester um dich gekümmert hat. Wer weiß, wie viele Bankerte du sonst noch gezeugt hättest?“
„Ist das wirklich kein Problem?“, fragte Widderich daraufhin.
„Was? Dass du vor 20 Jahren mal mit einer anderen Frau geschlafen hast? Sicher nicht! Für wen hältst du mich, dass du glaubst ich könnte dir derlei vorhalten? Ich habe mir doch selbst stets alle nur erdenklichen Freiheiten genommen.“
„Nicht die Frau, sondern das Kind.“
„Ach was, das hatten wir doch gerade schon.“
„Ich meine es ernst“, er griff nach ihrem Arm und suchte ihren Blick. „Ist es ein Problem, dass ich einen Sohn habe? Du bist meine Frau und es wäre nun wahrlich nicht ungewöhnlich, wenn du dich daran störtest.“
„Nein, Griesgram. Ich störe mich ernsthaft nicht daran“, sie legte ihre Hand auf seine und lächelte ihm aufmunternd zu. „Es würde mich stören, wenn du es gewusst und mir verheimlicht hättest. Da das aber nicht der Fall ist, gibt es keinen Grund zur Sorge.“
Ihr Herz flog ihm zu, als sie Erleichterung in seinen Augen aufblitzen sah, und sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Stirn mit einem keuschen Küsschen zu versehen. Harmlos. Nicht dazu geeignet, eine der Lawinen loszutreten, von denen sie sonst gern mal erfasst und mitgerissen wurden. Dann nickte sie und meinte:
„Außer vielleicht der, dass dein Sohn dich erschlagen könnte, wenn du dir nicht langsam mal eine Rüstung für den Kampf überwirfst, zu dem du ihn verpflichtet hast. Also lass uns wenigstens in der Sache zur Tat schreiten, bevor es zu spät ist.“
Die Prüfung
Feste Klagenfels, Baronie Rotenforst, Mitte Rondra 1040 BF
Der Drachensteiner hatte sich seit seiner Ankunft zwar schon ein bisschen auf dem Klagenfels bewegt, bis jetzt allerdings in einem sehr kontrollierten und damit trügerisch sicheren Umfeld. Im Vergleich zu dem, was ihn in der Fechthalle erwartete, war all das – auch die kleine Episode im Thronsaal – mit absoluter Sicherheit ein Spaziergang gewesen. Das hatte er im Vorfeld natürlich nicht wissen können. Aber als Satijana den großen Raum gemeinsam mit Widderich betrat und einen Blick in das Gesicht des jungen Mannes warf, wurde ihr klar, dass es ihm mittlerweile mindestens schwante.
Sie waren hier nicht allein.
Neben Algirdas stand Fählindis, die ihn hergebracht und unterwegs vermutlich darüber aufgeklärt hatte, wie es weitergehen würde. Außerdem machte Satijana Bärfang, Schwanhildt und ein paar der älteren rauheneckschen Kinder aus. Wolfgard, Eberhelm sowie einige andere Waffenknechte hatten sich ebenfalls her bequemt, um dem anstehenden Spektakel beizuwohnen. Und Satijana war sicher, dass es dabei nicht bleiben würde. Vermutlich verbreitete sich die Nachricht gerade wie ein Lauffeuer in dem alten Gemäuer und es waren noch mehr Neugierige auf dem Weg.
Kein Wunder!
So etwas hatte es im Krähennest noch nie gegeben: einen fremden Ritter, der sich in Widderichs Dienst stellen wollte. Bislang wusste ja niemand, dass es sich um seinen Sohn handelte. Wobei die Ähnlichkeit der beiden bestimmt dazu führen würde, dass dem einen oder anderen schnell ein Verdacht kam.
Ein wenig mitleidig sah sie noch einmal zu Algirdas hinüber, der stocksteif und sichtlich nervös in einer Ecke des Saals wartete. Angetan mit einem Kettenhemd, das mehr als schlichte Plattenteile für die Schultern nicht zu bieten hatte. Einen Helm trug er nicht – also enthielt sein Schädel offenbar ebenso wenig schützenswertes Gut wie Widderichs. Hinter dem Drachensteiner lehnte ein hölzerner Schild mit seinem Wappen an der Wand und er trug das gleiche Schwert bei sich wie schon im Thronsaal. Seine Hand lag auf dem Knauf – nicht entspannt und souverän, sondern vollkommen verkrampft.
Wahrscheinlich wünschte der junge Kerl, er hätte vorhin nicht so große Töne gespuckt. Aber dazu war es nun zu spät.
Widderich trat eben an ihn heran und nickte grüßend: „Bereit?“
„Ja“, murmelte Algirdas.
Der unsichere Blick, den er erst über das versammelte Publikum und dann über seinen Opponenten huschen ließ, verriet jedoch, dass er im Grunde alles andere als das war. Offenbar hatte er nicht mit Zuschauern gerechnet und auch nicht damit, dass sein Erzeuger gerüstet so viel größer und bedrohlicher aussehen würde als vorhin bei der Begrüßung, wo er bloß einen einfachen Waffenrock trug: Widderich überragte den Jungen um ein gutes Stück und wies ein merklich breiteres Kreuz auf. Aber der Stockacher konnte jetzt schlecht zurückziehen, wenn er sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben wollte.
Also straffte er sich tapfer und nickte, um seine Antwort zu bekräftigen.
„Gut.“ Widderich machte eine beiläufige Geste in Richtung seiner Bewaffnung und schob ein knappes „Schwert und Schild also?“ hinterher.
„Ja“, kam es erneut.
Der Herr des Klagenfels schniefte leise, hob dann aber ergeben die Schultern und ging zu einem der Waffenständer hinüber, um sich entsprechend auszustatten.
„Was? Gibt es daran etwas auszusetzen?“, hakte Algirdas unterdessen nach.
„Nein“, erwiderte Widderich gleichmütig. „Allein, nach den Reden, die Ihr vorhin im Thronsaal geschwungen habt, dachte ich, Ihr würdet zu jenen Rittern gehört, die lieber angreifen, als sich zu verteidigen.“
„Ich weiß ja nicht, wie es hier auf dem Klagenfels ist, aber im Allgemeinen kann ein Ritter auch dann angreifen, wenn er einen Schild führt“, das Gemüt des Stockachers erhitzte sich schon wieder – und im gleichen Maße schien die Nervosität von ihm abzufallen. „Manche von uns sogar mit eben jenem!“
„Da schau an! Ich bin gespannt.“
„Müssen wir noch irgendwelche Bedingungen klären, Hochgeboren?“, fragte Algirdas, während er seinen Schild vom Boden aufklaubte. „Was geht und was nicht? Wann wir unterbrechen und wann Schluss ist?“
„Firlefanz!“ Widderich schüttelte den Kopf, während er einen x-beliebigen Schild auf seinen linken Arm zog. „Ich dachte, Ihr wollt zeigen, was Euer Schwertvater Euch gelehrt hat? Dann hört auf zu reden und fangt an!“
Das ließ sich der junge Mann nicht zweimal sagen: Ohne ein weiteres Wort schlug er zu.
Vollkommen ansatzlos und so rasch, dass es seinen Gegner auf dem falschen Fuß erwischte. Satijana stand in jenem Moment noch nahe genug am Geschehen dran, um die Überraschung in den Augen ihres Gemahls aufblitzen zu sehen und zu registrieren, dass es ihm gerade eben so gelang, den Schild zwischen seinen Oberkörper und das niedersausende Schwert zu wuchten.
Während die versammelten Zuschauer den unerwartet heftigen Auftakt mit einigen ungläubigen Ausrufen quittierten, wich Widderich zurück, um Abstand zwischen sich und seinen Gegner sowie alle Unbeteiligten und das Kampfgeschehen zu bringen. Viel Zeit verschaffte ihm das allerdings nicht: Algirdas setzte sofort nach und führte ein paar weitere Attacken, die sich nicht gerade durch Zurückhaltung auszeichneten.
Satijana nahm es mit leichter Belustigung zur Kenntnis.
Ausnahmsweise war das hier kein Kampf auf Leben und Tod und sie glaubte auch nicht, dass der unerfahrene Drachensteiner wirklich eine Herausforderung für Widderich darstellen würde. Daher schlenderte sie ganz entspannt zu Bärfang und Schwanhildt hinüber. Beide lösten ihre Blicke vom Kampf, als sie sich näherte, und sahen ihr stattdessen neugierig entgegen.
„Gibt es irgendwas, was du uns über den jungen Mann sagen willst, Schwägerin?“, erkundigte sich Bärfang, kaum dass sie neben ihm stand.
„Oh ... ja, das eine oder andere“, gab sie breit grinsend zurück. „Aber ich glaube, in diesem speziellen Fall lasse ich meinem hochverehrten Herrn Gemahl lieber den Vortritt. Ich bin sicher, er brennt darauf, Euch die Geschichte in seinen eigenen Worten zu schildern.“
„Das glaube ich sofort“, brummte Schwanhildt kopfschüttelnd und richtete ihren Blick dann wieder auf die Kontrahenten.
Sicher wurde sie aus dem, was sich zwischen den beiden abspielte, deutlich schlauer als Satijana. Die hatte seit ihrer feierlichen Aufnahme in die Familie Rauheneck zwar mehr übers Kämpfen gelernt, als sie jemals wissen wollte – weil es sich in diesem Hause nun mal einfach so gehörte. Aber sie verstand bei weitem noch nicht genug, um aus dem Geschehen all das herauszulesen, was es der angeheirateten Verwandtschaft verriet.
Heute reichte es immerhin, um zu erkennen, dass sich das angestaute Etwas in dem Stockacher, die ganze Wut, gerade Bahn brach. Er war tatsächlich weit davon entfernt, sich auf die Verteidigung zu beschränken. Stattdessen drang er auf Widderich ein, als hinge sein Leben davon ab. Ohne Unterlass hagelte sein Schwert auf die Wehr der Rauheneck nieder, der es – auch das erkannte Satijana, weil sie wusste, wie es um sein Können bestellt war – einfach geschehen ließ. Statt dem Treiben des jungen Ritters Einhalt zu gebieten und selbst in die Initiative zu gehen, beschränkte er sich darauf, dessen Hiebe und Stiche abzufangen.
Er ließ sich durch die Fechthalle treiben und sah seelenruhig dabei zu, wie sich sein Gegner bei dem nicht enden wollenden Ansturm verausgabte. Hin und wieder foppte Widderich Algirdas mit einer Finte, was ihn nur noch mehr in Rage brachte. Ewig würde der Junge dieses Tempo nicht halten können, aber daran schien er keinen Gedanken zu verschwenden.
Neben Satijana konnte sich Bärfang ein leises Lachen nicht verkneifen, nachdem er das Schauspiel eine Weile schweigend verfolgt hatte. Auch Schwanhildt wirkte eher amüsiert als besorgt um das Wohlergehen ihres Bruders.
Fast schien es, als würde der Stockacher ahnen, was sich in seinem Rücken abspielte und als würde ihm die Respektlosigkeit der Rauhenecks den Rest geben. Denn just in diesem Moment schleuderte er den Schild mit einem unterdrückten Wutschrei von sich, um sein Schwert mit beiden Händen greifen zu können.
Widderich schickte sich an, es ihm gleichzutun. Doch sein Sohnemann ließ ihm dazu keine Zeit: Er stürmte schon wieder heran, das Schwert hoch erhoben, um einen gewaltigen, beidhändigen Hieb auf seinen bislang so unbeeindruckten Gegner niedersausen zu lassen.
Ein bisschen bange wurde Satijana schon, als sie sah, wie Widderichs Bewegungen für die Dauer eines Lidschlags einfroren, während er zur Waffe des Drachensteiners aufsah. Doch dann fing er sich und handelte so schnell, wie sie es im Kampf alle von ihm kannten: Statt zu parieren, duckte er sich unter der Klinge weg, machte einen raschen Schritt nach vorn und donnerte seinen Schild mit aller Gewalt gegen die Brust des jungen Ritters.
Der wurde von dieser unerwarteten Wendung und der Kraft – seiner eigenen wie der des Gegners – vollkommen aus der Bahn geworfen. Er taumelte zurück, während die Luft pfeifend aus seinen Lungen entwich und er dem Herrn des Hauses einen belämmerten Blick zuwarf. Offenbar hatte er gar nicht mehr damit gerechnet, dass der irgendwann noch mal zum Angriff übergehen würde.
Widderich nutzte den Moment, in dem sein Sohn um Atem und Fassung rang, um sich seines Schildes ebenfalls zu entledigen.
Algirdas hatte sein Schwert derweil sinken lassen und warf ihm einen fragenden Blick zu. Er schien der Meinung zu sein, dass der Kampf hiermit beendet war, aber sein Gegner hatte noch nicht genug.
Statt den Jungen endlich aus der Situation zu entlassen, bedeutete der Rauheneck ihm mit einer auffordernden Geste, dass er in eine zweite Runde gehen wollte.
Wieder ließ sich Algirdas nicht lange bitten, sondern ging sofort zum Angriff über. Ohne die Schilde konnten sich beide Kämpfer freier bewegen – und diesmal beteiligte sich Widderich am Reigen, statt seinen Gegner auflaufen zu lassen.
Im Nullkommanix entwickelte sich ein Durcheinander aus wirbelndem Stahl, in dem Satijana den Überblick verlor.
Sie fand, dass das alles – auf beiden Seiten – sehr manierlich aussah. Und regelkonform. Nach reiner Lehre. Also vermutlich so ziemlich genau nach dem, was Algirdas bei seinem Schwertvater gelernt hatte. Und womit sich Widderich gemeinhin schon lange nicht mehr aufhielt. Er war schneller und hatte mehr Übersicht als der grüne Junge, das war klar erkennbar. Er sah aber davon ab, ihn mit Gemeinheiten zu triezen, die er in Übungskämpfen mit seinen Geschwistern gern zum Einsatz brachte – und die auch Satijana schon das eine oder andere Mal am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte.
Algirdas ließ sich von der offensichtlichen Überlegenheit seines Opponenten aber nicht ins Bockshorn jagen. Er zog seinen Stiefel weiter durch. Mumm hatte er, das musste frau ihm lassen. Und Satijana konnte bei einem kurzen Rundblick von den Gesichtern der Zuschauer ablesen, dass ihm das durchaus Respekt einbrachte.
Ein kollektives „Uooooh!“ brachte sie dazu, sich wieder dem Kampf zuzuwenden, just als sie zu diesem Schluss gelangte.
Irgendetwas hatte sie offenbar verpasst?
Sie sah, dass beide Kontrahenten jetzt mit ineinander verkeilten Schwertern in der Mitte der Fechthalle standen, die Gesichter wenige Halbfinger voneinander entfernt, und einander in die Augen starrten.
Obwohl Algirdas mittlerweile völlig außer Atem war, wirkte seine Miene noch immer wütend, während ein schiefes Grinsen Widderichs Lippen eroberte.
Das war sicher nicht als Affront gedacht, doch der Drachensteiner schien es so aufzufassen. Er wich zurück und hob das Schwert, um eine neuerliche Serie von Angriffen auf den Rauheneck niederprasseln zulassen.
Allein, der schien nun endlich genug zu haben, parierte mit mehr Nachdruck als zuvor und vollführte schließlich ein komplexes Manöver, das seinem erschöpften Gegner das Schwert aus der Hand riss.
Das führte jedoch auch nicht dazu, dass Algirdas kleinbeigab: Er hielt nur einen Augenblick inne, ehe er sich mit den Fäusten auf Widderich stürzte.
Satijana konnte förmlich spüren, wie sich Verwirrung und Fassungslosigkeit in der großen Fechthalle breit machten.
Sie löste den Blick aber nicht noch einmal von den beiden Männern, um ja nicht zu verpassen, was als nächstes passierte.
Widderich war im ersten Moment zu überrumpelt, um angemessen reagieren zu können. Das brachte ihm einen Haken in die Leibesmitte und einen heftigen Schwinger gegen den Unterkiefer ein, bevor er das Schwert fahren lassen konnte.
Satijana fürchtete, dass sich nun ein unwürdiges Gerangel vor den Augen der Familie und einer erklecklichen Anzahl von Waffenvolk anschließen würde. Doch Algirdas wurde nur noch von seinem Willen vorangetrieben, die Kraft hatte ihn längst verlassen.
Daher fiel es Widderich nicht schwer, ein paar weitere Schläge abzufangen und schließlich der Hände seines Sohns habhaft zu werden. Als der sich da immer noch nicht geschlagen geben wollte, zerrte und sich wand wie ein Wilder, brachte er ihn mit einer kraftvollen Bewegung zu Boden und stemmte das rechte Knie in seinen Rücken, während der Junge wie von Sinnen zu brüllen begann:
„WO BIST DU DIE GANZE ZEIT GEWESEN, MANN? WARUM TAUCHST DU JETZT ERST AUF?“
So laut die Stimme des Stockachers dröhnte, so viel Pein klang aus ihr heraus – und Satijana war nicht die Einzige im Raum, die im Angesicht dieses verzweifelten Ausbruchs erschrocken eine Hand vor den Mund hob.
Anders als der Rest des Publikums wusste sie: Die Antwort auf diese Frage lag auf der Hand. Aber Widderich würde sie dem Jungen kaum geben, denn das hätte seine Mutter ins Spiel gebracht. Die Rolle, die Fredemin in dieser Angelegenheit spielte, war auch nicht viel rühmlicher als seine. Allein, das wollte Algirdas sicher nicht hören und schon gar nicht wahrhaben – so kurz nach ihrem Tod, den er offenbar noch lange nicht verwunden hatte und der sicher gehörig zu dem empfundenen Schmerz beitrug.
„WESHALB SCHICKT SIE MICH HIERHER?“, fuhr der Stockacher fort, als er keine Antwort erhielt. „WAS SOLL DAS JETZT NOCH BRINGEN?“
„Damit du begreifst, dass du nicht allein auf Deren bist, auch wenn die Stockacher dich nicht haben wollen“, antwortete Widderich mit ruhiger Stimme. „Du hast Familie hier. Eine, die dich nicht verleugnen wird.“
„Familie, pft!“, die Stimme des Jungen sank zu einem verächtlichen Knurren ab, was nicht schön war, aber doch schon deutlich besser als das bisherige Geschrei. „Was für eine Familie soll das bitte sein? Du hast ihr Leben ruiniert. Und meins auch!“
„Du hast dein Leben noch vor dir und selbst in der Hand, was daraus wird.“ Widderich gab Algirdas frei und stand auf, nachdem der den Kampf endlich aufgegeben und sich offensichtlich auch wieder ein bisschen eingekriegt hatte. Er sah schweigend dabei zu, wie sich der Stockacher ächzend auf den Rücken wälzte und streckte ihm dann die Hand entgegen – was sicher mindestens so sehr Friedens- wie Hilfsangebot sein sollte. „Es tut mir leid, dass es bisher nicht gut gelaufen ist. Aber das heißt nicht, dass es so bleiben muss.“
Algirdas starrte einen Moment lang feindselig auf die Hand seines Vaters und ließ den Blick dann hektisch durch den Fechtsaal gleiten – über die vielen anderen Menschen, die hier versammelt waren und deren ganze Aufmerksamkeit im Moment ihm allein gehörte.
Er schien sie alle kurzfristig vergessen zu haben und sich jetzt umso mehr für das dramatische Schauspiel zu schämen, das er gerade aufgeführt hatte. Sein Gesicht wurde erst leichenblass, dann nahm es eine puterrote Farbe an. Während er sich aus eigener Kraft aufrappelte, kehrte sein Blick zu Widderich zurück und er presste ein gequältes „Tut mir leid!“ hervor, ehe er fluchtartig den Raum verließ. Ohne Schwert und Schild und seinem eigenen Empfinden nach vermutlich auch gänzlich ohne Würde.
Nachdem die Tür lautstark hinter ihm ins Schloss gefallen war, herrschte kurz atemlose Stille im Raum. Frau hätte eine Fee husten hören können, wenn denn eine zugegen gewesen wäre. Niemand schien der Erste sein zu wollen, der nach diesen Geschehnissen etwas sagte.
Doch dann setzte Bärfang dem Schweigen mit seinem dröhnenden Lachen ein abruptes Ende – und damit auch den Ton für das, was folgen würde.
„Hossa!“, polterte er los. „Da hast du uns ja was Schönes eingebrockt, Brüderchen. Ich dachte bislang immer, die Kinder von Schwanhildt und Wolfherz wären anstrengend. Bei denen muss ich wohl Abbitte leisten, nachdem ich gesehen habe, wie schlimm es wirklich werden kann. Na, herzlichen Glückwunsch zur Vaterschaft, eh?!“