Die Ankunft

 

Dramatis Personae:


 Der Hag, Baronie Weidenhag, 12. Travia 1042 BF

Immer noch saß Trautmann in seinem Gästezimmer im Haupthaus des Baronssitzes Hag ... oder stand ... wobei, es wechselte sich ab. Vor ihm auf dem Bett lagen ausgebreitet die drei Westen, die er mit sich hierher gebracht hatte. Mit bloßem Oberkörper und lediglich in dunkle Hosen sowie ein Paar leichte Stiefel gekleidet beäugte er das Bild, das sich ihm bot. Schließlich seufzte der Ritter, denn er empfand diesen Maskenball vor seinem Pagen doch als unwürdig.

„Versucht doch noch einmal das Blaue, Herr“, schaltete sich Bogumil gerade ein. Der Knabe zeigte eine sehr verblüffende Begeisterung für das An- und Auskleiden seines Herrn und die verschiedenen Farbkombinationen. Ein Interesse, das man bei einem jungen Kerl, der in einem Tal des Finsterkamms geboren wurde, so wohl in den wenigsten Fällen antreffen würde.

Der Junker ließ auf den Vorschlag jedoch lediglich ein unwilliges Murren folgen. „Mir gefällt ja das Rote“, meinte Trautmann mit skeptischem Gesichtsausdruck.

„Dann nehmt das, Herr ... soll ich Euch damit helfen?“ Der Blaubinger hatte sich von seinem Schemel erhoben und nahm die rote Weste in seine Hände.

„Oder doch das Blaue?“ Der Gugelforster fuhr sich durch seinen braunen Haarschopf. „Ach, ist doch eigentlich egal!“

Im Endeffekt ging es Trautmann nur darum, sich abzulenken und nicht länger wie ein Horst vor dem Fenster zu stehen und die Ankunft dieser Gwendolyn abzuwarten. Und von Algrid. Ja, das würde seine Mutter noch zu hören bekommen. Was er davon hielt, dass sie gerade jene Ritterin, die ihm so sehr am Herzen lag und mit der er eine gemeinsame amouröse Vergangenheit hatte, entsandte, um eine Frau zu holen, die er kennenlernen sollte.

„Das Blaue, Herr?“, die fragende Stimme des Pagen rief ihn ins Hier und Jetzt zurück. Bogumil stand vor ihm und hielt ihm die hübsche Weste entgegen.

„Hm ... ja gut ...“, der Gugelforster schlüpfte durch einen der Ärmel.

„Äh ... Herr.“

„Ja, was?“ Der groß gewachsene Junker blickte auf den jungen, schlaksigen Knaben herab.

„Wollt Ihr nicht auch ...“, er wies aufs Bett, „... das Hemd.“

Als Antwort folgt ein tiefes Seufzen. „Natürlich ...“, weiter kam Trautmann nicht, klopfte es doch an seiner Tür. Also hielt er inne und gab ein klares, deutliches „Ja!“ zum Besten.

Herein trat Dylga vom Blautann, die Zofe Gwidûhennas. Eine hübsche junge Frau in einem grünen Kleid und mit schön frisierten, dunkelblonden Haaren. Als sie sich der Kleidung – oder vielmehr: des Fehlens bestimmter Kleidungsstücke – des Junkers gewahr wurde, senkte sie ihren Blick. Dabei nahmen ihre Wangen einen leichten Rotton an. „Herr, bitte verzeiht. Die Baronin möchte Euch sehen.“

„Ja, ich komme gleich“, antwortete Trautmann, der sich offenbar nicht daran störte, der Zofe in seinem gegenwärtigen Aufzug gegenübergetreten zu sein.

„Das wird nicht nötig sein.“ Hinter der Blautannerin schritt Gwidûhenna von Gugelforst durch die Tür ins Zimmer. Den bloßen Oberkörper des Ritters bedachte sie mit einem kurzen Blick und einer leicht nach oben wandernden Augenbraue. „Danke Dylga“, die Baronin lächelte ihrer Zofe zu und entließ sie damit.

Die Gastgeberin war in ein schönes dunkelblaues Kleid mit einem Stehkragen gewandet. Das rabenschwarze Haar war hochgesteckt und sie trug dezenten silbernen Schmuck, sowie den Baronsreif von Weidenhag.

„Ah, du bist also noch dabei dich anzukleiden ...“, das war mehr eine Feststellung denn eine Frage, „... das ist gut.“

„Sind sie da?“

Gwidûhennas Nicken ließ ihn innehalten. „Bald“, setzte sie dann hinzu. „Algrid hat einen der Knechte vorausgeschickt. Wird wohl noch ein viertel bis halbes Wassermaß dauern.“

Der Lichtwachter atmete tief durch.

„Ach, Trautmann“, die Baronin trat an den großgewachsenen Mann heran und legte ihre schlanke Hand auf seine Wange. „Du wirkst, als würde man dich zum Schafott führen. So schlimm ist das nicht.“

„Ach, tatsächlich?“, der Junker entfernte sich von seiner Base und griff nach dem weißen Hemd auf seinem Bett. Er begann sich anzukleiden.

„Ja, tatsächlich“, führte Gwidûhenna weiter aus. „Du wirst heute einfach nur einen Menschen kennenlernen. Eine junge Frau ... hübsch und belesen, was man so hört. Niemand möchte, dass ihre beiden hier und heute den Bund schließt.“

Als Antwort verzog der Lichtwachter einen Mundwinkel und warf seine Stirn in Falten. „Das sagst du so leicht. Du kennst Mutter: Wenn es nicht diese Gwendolyn ist, dann wird es das nächste Mal eine andere sein, die sie einlädt. Sie wird erst dann Ruhe geben, wenn ich den Bund geschlossen habe. Du weißt, wie unnachgiebig sie bei Wilfred war.“

Die Gastgeberin nickte mitfühlend. „In der Tat. Aber du solltest es dennoch als eine Möglichkeit verstehen. Im Endeffekt ist es deine Entscheidung und die der jungen Frau, die du heute kennenlernen wirst.“

„Was rätst du mir?“

„Sei du selbst und versuche, sie kennenzulernen. Wenn möglich, ohne dass ihr Bruder oder deine Mutter danebenstehen.“ Gwidûhenna lächelte milde. „Dann sind Rahja und Travia am Zug. Entweder ihr beide findet einen Verbindung zueinander, oder eben nicht. Das ist etwas, das euch beiden weder Seine Wohlgeboren von Dûrrnwangen noch deine Mutter abnehmen können.“

Trautmann ließ die Worte seiner Cousine noch etwas nachwirken, dann nickte er vorsichtig.

„Schön“, die Baronin klatschte in ihre Hände. Eine Geste, die durch die herrschende Stimme schnitt wie ein glühender Schmiederohling durch Schafskäse. „Dann sieh zu, dass du deinen Gast nicht unnötig warten lässt!“

In würdevollem Schritt ging die Gugelforsterin hin zur Tür. „Das Grüne“, meinte sie dann noch lächelnd, bevor sie hinaustrat und den Junker wieder mit seinem Pagen alleine ließ.

***

Ein knappes halbes Stundenglas später trat Trautmann im Innenhof des Hags an. Zu den dunklen Hosen und leichten Stiefel hatte er sich letztlich für die grüne Weste mit bronzenen Knöpfen entschieden. Um die Hüfte trug er standesgemäß einen Schwertgürtel und in einer Scheide daran ein Langschwert.

Neben ihm standen lediglich Gwidûhenna und seine Mutter Travine im Hof. Für gewöhnlich ließ die Baronin bei hohem Besuch gern ihre ganze Familie und die Bediensteten Spalier stehen, doch hatte sie sich dieses Mal dagegen entschieden. Sie wollte ihre Gäste heute nicht beeindrucken oder, im Falle der angedachten Braut, gar verschrecken.

Ihr Blick lag für einige Momente auf Trautmann. Seine Nervosität und Unsicherheit schienen verflogen und er strahlte wieder jenes Maß an Selbstsicherheit aus, das sie von ihm gewohnt war. Vielleicht hatte ihm das Gespräch wirklich geholfen. Weiter kam sie in ihren Gedanken nicht, bog doch eben eine Gruppe Pferde auf den Innenhof des Hags ein.

An der Spitze ritt Gwidûhennas Dienstritterin Algrid Blaubinge von Pergelgrund, die sich für diesen Auftrag in bisher ungekanntem Maße herausgeputzt hatte. Von ihrem Gesicht hätte die Baronin gern abgelesen, in welcher Stimmung das Trüppchen reiste, doch es war zur Seite geneigt. Allem Anschein nach erklärte sie dem schlanken Mann neben sich gerade etwas. Gwidûhenna hatte den zwar nie zuvor gesehen, doch weil er bewaffnet und gerüstet war und nicht zuletzt, weil er das Wappen der Dûrrnwanger auf seiner Tunika trug, ging sie davon aus, dass es sich um das Familienoberhaupt Arbogast handelte. Der Mann war noch jung – in ihrem Alter etwa. Neben seiner Kleidung nahm sie zuerst das auffallend breite Gesicht wahr, eine leicht schiefe Nase, hohe Wangenknochen, ein spitzes Kind und das rundheraus freundliche Lächeln, das seine Lippen zierte.

Da sowohl die Blaubingerin als auch der Dûrrnwanger auf großen, breiten Pferden saßen, dauerte es einen Moment, bis Gwidûhenna weitere Angehörige der Reisegesellschaft zu Gesicht bekam. Dabei erkannte sie Knechte und Mägde schnell als solche und ließ den Blick ohne Umschweife weiter wandern. Erst zu einem älteren Herrn hinüber, der allem Anschein nach auf einem Tobimora-Falben saß, einer Pferderasse, die heuer nur noch selten zu sehen war. Sie konnte den Mann nicht recht zuordnen, meinte in ihm aber einen Ritter zu erkennen, denn auch er war bewaffnet und gerüstet. Vielleicht stand er in Diensten der Familie Dûrrnwangen? Das war eine Frage, die sie später noch klären konnte.

Erst einmal galt es, die junge Frau ins Auge zu fassen, die sich dicht an seiner Seite hielt und die neben den ganzen Kriegern genauso klein und zierlich wirkte wie ihr rassiges Pferd im Vergleich zu deren schweren Rössern. Für das Tier galt, dass es sich davon nicht im Mindesten beeindrucken ließ – es hielt den Kopf hoch erhoben, die Ohren waren aufmerksam nach vorn gerichtet und der Blick wirkte ausgesprochen wach. Bei der Reiterin war sich Gwidûhenna nicht gar so sicher. Sie machte einen eher zurückhaltenden, reservierten Eindruck und bemerkte ihren prüfenden Blick entweder nicht, oder wich ihm absichtlich aus.

Glücklicherweise brauchte die Baronin den aber auch nicht, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Sie stellte fest, dass zumindest die Behauptung, Gwendolyn von Dûrrnwangen sei ein sehr hübsches Mädchen, stimmte – jedenfalls wenn man nach allgemeinen Maßstäben ging. Mit ihrer hellen Haut, den großen Augen und vollen Lippen sowie dem güldenen Haar konnte sich die Dûrrnwangin durchaus sehen lassen. Ob dieser ganze Liebreiz Trautmanns Gefallen fand, stand auf einem anderen Blatt. In jedem Fall aber konnte man Travine nicht den Vorwurf machen, in ihrer Eile, den Sohnemann zu verheiraten, einen auf den ersten Blick erkennbaren Fehlgriff getätigt zu haben.

Interessiert wandte sich die Baronin zu ihrem Vetter um und was sie sah, war ein ... Lächeln. Verwundert zog Gwidûhenna ihre Braue. Hatte sie ihn wirklich so falsch eingeschätzt? Wohl nicht, wie sich ihr bereits wenige Herzschläge später erschloss: Trautmanns Lächeln galt weniger der Bärwaldener Edeldame als Ritterin Algrid, der er noch einige Momente hinterher sah und deren Anblick ihn tatsächlich zu erfreuen schien.

Die Gugelforsterin hoffte, dass dieser Umstand den Gästen verborgen bleiben würde, zweifelte nach einem sichernden Blick in die Runde jedoch daran: Sie schaute nämlich just in dem Moment ins Gesicht der Dûrrnwangin, als die Trautmanns freundliche Miene gewahrte und begriff, dass sie nicht ihr galt, da seine Aufmerksamkeit nun mal ersichtlich jemandem anders galt. Leicht verwundert nahm Gwidûhenna zur Kenntnis, dass sich ihr Gast daran nicht im Mindesten zu stören schien. Im Gegenteil: Für einen Moment glaubte sie sogar, Amüsement in Gwendolyns Augen aufblitzen zu sehen.

Die Baronin löste ihren Blick daraufhin von der kleinen Edeldame und richtete ihn stattdessen auf ihren groß gewachsenen Vetter. Der Ausdruck der Freude, der dessen Lippen bisher geziert hatte, erstarb zwar, als er die Dûrrnwangin ins Auge fasste, doch schaffte er es immerhin, eine offene und freundliche Miene zu wahren.

„Hübsch, nicht wahr?“, tuschelte Gwidûhenna in seine Richtung und versuchte dabei, seine Reaktion möglichst genau zu lesen.

„Ähm ... ja und so ... schlank und grazil“, sehr überzeugend wirkte Trautmann nicht, wahrte aber seine Fassung und ließ sich nicht wirklich in die Karten schauen. Das bewertete die Baronin schon mal positiv, wiewohl sie von ihrem Vetter nichts anderes erwartet hatte. Es war der harten Schule geschuldet, durch die man zu gehen hatte, wenn man das Mündel eines Cholerikers war. In Situationen wie diesen kam Trautmann die Ausbildung am Grafenhof der Heldentrutz mit Sicherheit zugute.  

„Lass sie uns begrüßen, was meinst du?“ Gwidûhenna überging ihre Tante, die sich vorerst klaglos mit einer Beobachterrolle zufriedengab, und lächelte Trautmann aufmunternd an.

„Ja, ich mache das, Henna. Sie sind ja wegen mir da, dann sollte ich das auch übernehmen“, der Gemütszustand ihres Vetters war immer noch alles andere als leicht zu lesen. Sein zielstrebiges Handeln sprach jedoch dafür, dass ihn zumindest die Optik der Dûrrnwangin nicht abschreckte. Trautmann wusste zudem, dass sie am wenigsten für die Situation konnte und deshalb würde er sie wohl auch am wenigsten spüren lassen, was genau er von diesem Treffen hielt. „Wenn du nichts dagegen hast, meine ich“, fügte er schließlich noch an.

Als Antwort folgten ein leichtes Kopfschütteln und eine Handgeste in Richtung Gäste.

Der Aufforderung nachkommend, schritt Trautmann voran zu den Neuankömmlingen, die gerade dabei waren, von ihren Pferden zu steigen und sie zur weiteren Verpflegung von den Stallknechten abgenommen bekamen. Gwidûhenna wich dem Junker nicht von der Seite, immerhin war sie die Gastgeberin an diesem Tag. Dennoch störte sich die Landesmutter nicht am Vorstoß ihres Vetters. Es war vielleicht sogar eine ganz gute Sache, dass er sich direkt zugänglich und gesellig zeigte.

„Die Zwölf zum Gruße!“, hob der Gugelforster mit kräftiger Stimme an, als er das Grüppchen erreichte. „Travia, Rondra und auch Rahja ihnen voran. Seid willkommen am Hag, dem Sitz der Baronin von Weidenhag“, er wies auf Gwidûhenna neben sich, die ihren Kopf grüßend neigte und lächelte, doch das Wort und die Vorstellung dem Lichtwachter überließ. „Es ist mir sowohl Freude als auch Ehre, Euch kennenlernen zu dürfen“, fügte der just an.

Trautmann bot Arbogast von Dûrrnwangen als offensichtlich Höchstgestelltem unter den Ankommenden zuerst die Hand zum Kriegergruß – und der griff beherzt zu, während sein Blick prüfend über den deutlich größeren und kräftigeren Trutzer glitt.

„Travia und Rahja zum Gruße, und Firun auch“, gab er derweil mit einem freundlichen Lächeln zurück. „Trautmann von Gugelforst zu Lichtwacht, nehme ich an? Die Freude und Ehre ist ganz meinerseits“, meinte er, nickte verbindlich und fügte noch ein „Ich bin Arbogast von Dûrrnwangen, Junker auf Hollerstockhöhe“ an. Dann gab er Trautmanns Unterarm frei, um sich Gwidûhenna zuzuwenden, der als Herrin des Hauses für gewöhnlich die Ehre des ersten Grußes gebührt hätte.

Das gab Trautmann Gelegenheit, seine Aufmerksamkeit auf die junge Frau an Arbogasts Seite zu richten. Gwidûenna verfolgte die Begrüßung der beiden mit einem halben Auge, während sie ein paar höfliche Floskeln mit Arbogast wechselte – was nur deshalb möglich und nicht grob unhöflich war, weil er es genauso hielt wie sie.

So beobachteten sie beide auffällig unauffällig, wie sich Trautmann mit einer galanten Bewegung, die man ihm so gar nicht zugetraut hätte, vor Gwendolyn verneigte und auch sie noch einmal im Name der Göttinnen grüßte. Die Dûrrnwangin quittierte das mit einem formvollendeten Knicks und deutete seine ausgestreckte Hand dann augenscheinlich falsch – versuchte also, danach zu greifen, um sie zu schütteln. Der Gugelforster wusste das jedoch zu verhindern, umschloss stattdessen ihre schlanken Finger und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken.

Der verdatterte Gesichtsausdruck, den Gwendolyn daraufhin für einen Moment zu Schau trug, war Gold wert. Gleichwohl widerstand Gwidûhenna dem Drang, ihrem Amüsement Ausdruck zu verliehen. Sie verzog einfach keine Miene und hoffte im Stillen, dass Trautmanns Handeln nicht allein von dem Drang bestimmt wurde, die Erwartungshaltung seiner Mutter an dieses Treffen zu erfüllen. Seine Miene wirkte jedenfalls nach wie vor offen und die Zähne blitzten hinter seinen vollen Lippen hervor, als er die Bärwaldenerin freundlich anlächelte.

Was die von dem distinguierten Auftreten ihres Vetters hielt, war für die Baronin schwer zu beurteilen. Sie nahm aber durchaus wahr, wie die junge Frau kurz innehielt und tief einatmete, als sich Trautmann von ihr abwandte – vielleicht weil sie den dezenten Duft nach Wacholder und Fichtennadeln bemerkt hatte, der ihn umwehte?

Unterdessen hieß Gwidûhennas Vetter bereits den älteren Ritter, der sich als Faramund von X vorstellte, mit dem Kriegergruß willkommen. „Ich hoffe, Ihr habt Hunger mitgebracht. Die Weidenhager Küche ist eine Gute“, stellte er fest und machte eine einladende Geste in Richtung des Gutshauses. Dadurch bemerkte er, dass auch seine Mutter zu ihnen aufgeschlossen hatte, und wandte sich wieder an Arbogast: „Meine Mutter Travine kennt Ihr ja schon, nicht wahr, Euer Wohlgeboren?“

„Ja, wir kennen uns“, die Hochgeweihte schenkte den Gästen nun ebenfalls ein freundliches Lächeln. „Travia zum Gruße, Wohlgeboren“, meinte sie an Arbogast gewandt und drehte sich dann zu Gwendolyn um. „Und besonders freut es mich, Euch kennenzulernen, edles Fräulein.“ Die alternde Geweihte musterte die Dûrrnwangin einmal von oben nach unten, dann suchten ihre freundlichen Augen wieder die großen blauen Seen im Antlitz ihrer designierten Schwiegertochter.

Die war unterdessen in einen artigen Knicks gesunken und richtete sich erst wieder auf, als Travine ihr bedeutete, eben jenes zu tun. Dann erwiderte sie den Blick der Geweihten und schenkte ihr ein höfliches Lächeln.

„Travia zum Gruße, Hochwürden“, sagte sie. „Und seid abermals bedankt für Eure freundliche Einladung. Auch im Namen meines Bruders.“ Während Gwendolyn sprach, glitt ihr Blick weiter zu Gwidûhenna, die sie ganz offenbar in den Dank mit einschließen wollte. Schließlich war sie am Ende des Tages die Herrin des Hauses und ohne ihre Zustimmung wäre das ganze Unterfangen nicht möglich gewesen. „Ihr gebietet über sehr liebliches Land, Hochgeboren“, fügte sie denn auch an. „Es ist eine wahre Freude, hier zu reisen.“

Die Baronin bedachte die Dûrrnwangin daraufhin mit einem freundlichen Lächeln: „Ich hoffe, Euer Weg hierher war auch sonst kurzweilig.“ Gwidûhennas Blick streifte Algrid, die etwas abseits am Sattel ihres Pferdes herum nestelte um der Szenerie keine Beachtung schenken zu müssen – und kehrte dann zu Gwendolyn zurück. Die erwiderte ihn ohne mit der Wimper zu zucken und nickte artig, um die Frage nicht unbeantwortet zu lassen.

„Ich mir sagen lassen, dass Ihr die Jagd und den Umgang mit Tieren sehr schätzt. Es wird uns eine Freude sein, Euch und Euren Bruder morgen auf eine Jagd einzuladen, aber zuvor ...“, die Gugelforsterin stoppte in ihren Ausführungen, wandte sich zur Seite und bedeutete zwei jungen Frauen, die sich im Hintergrund gehalten hatten, heranzutreten.

„Ich darf Euch zwei meiner Hofdamen vorstellen?“ Sie wies auf eine eher klein gewachsene, schlanke Frau mit langen schwarzen Haaren in einem rot-weißen Kleid: „Das ist Inja von Sunderhardt, meine Schwägerin und Haushofmeisterin. Und die junge Dame an ihrer Seite ...“, Gwidûhenna wartete den Knicks der Hahnfelserin ab und lenkte die Aufmerksamkeit der Gäste auf die zweite junge Frau. Diese war etwas größer, trug ein grünes Kleid, hatte langes, dunkelblondes Haar und hübsche blaue Augen. „Das ist meine Zofe Dylga vom Blautann. Die Damen werden Euch zu den vorbereiteten Gemächern führen, damit Ihr Euch frisch machen könnt. Euer Gepäck wird nachgebracht. Es gibt dann im Anschluss ein gemeinsames Abendessen.“

Die Bärwaldener begrüßten die Hofdamen ebenso höflich wie zuvor die Gugelforster und nickten zu den Worten der Baronin. Der geschilderte Verlauf des Abends schien ganz dem zu entsprechen, was sie erwartet hatten, weshalb es keinen weiteren Abstimmungsbedarf gab. Stattdessen ließen sie sich von Gwiduhennas dienstbaren Geistern direkt dorthin geleiten, wo sie Quartier beziehen sollten. Das Bemerkenswerteste daran war noch, dass die Dûrrnwanger offenbar eine eigene Zofe mitgebracht hatten, die sich die ganze Zeit über dicht an Gwendolyns Seite hielt.

Wenig später hatten sich die Hollerheider bereits in den ihnen zugedachten Zimmern eingerichtet. Es waren die besten im Gästetrakt des Hags: sauber, geräumig, aber weit entfernt von Luxus und Prunk – auch für Weidener Verhältnisse. Die Dienste der beiden Hofdamen wurden im Grunde gar nicht benötigt und das schien denen auch recht zu sein. Sie suchten nicht wirklich das Gespräch. Eher schon schien es, als falle es Inja und Dylga in einigen Fällen schwer, die Blicke der Gäste zu halten.

Fortsetzung folgt ...