Bruder und Schwester

 

Dramatis Personae:

 

Der Hag, Baronie Weidenhag, 12. Travia 1042 BF

Trautmann stand gedankenverloren in seinem Gemach und blickte durch das Fenster in den Innenhof des Weidenhager Baronssitzes. Fast schien es, als würde er dabei auf etwas warten – oder besser gesagt: auf jemanden. In seinem Kopf kreisten die Gedanken. Würde diese Frau sich tatsächlich darauf einlassen, hierherzukommen, um ihn kennenzulernen?

Und dann auch noch in Begleitung von Algrid ... der Gugelforster schüttelte sanft sein Haupt. Er hätte seiner Mutter nie ein solches Maß an Grausamkeit zugetraut, meinte sie doch offenbar zu wissen, dass er und die Blaubingerin sich immer noch in einer Liebschaft befanden. Doch selbst wenn Algrid ihn weiter aus großen, verträumten Augen anzusehen pflegte: Sie beide waren übereingekommen, das, was war, zu beenden und einander als Freunde zu begegnen. Nie würde er etwas Schlechtes auf sie kommen lassen und es war ihm im höchsten Maße unangenehm, dass die Ritterin eine solch tragende Rolle in dieser Tragödie bekleiden musste.

Als die Tür in seinem Rücken geöffnet wurde, wandte sich Trautmann nicht um. „Bogumil, stell die Taschen einfach zum Bett“, wies er den vermeintlichen Neuankömmling an. „Ich werde mich wohl noch einmal umkleiden müssen. Ich rieche nach Pferd.“

„Das kann ich bestätigen“, kam es von einer amüsierten Frauenstimme in seinem Rücken.

„Schwester“, Trautmann wandte sich um und blickte in das freundliche Gesicht Travegundes. An ihrer Hand hielt sie die ihres Sohnes Ulfert, der inzwischen drei Sommer zählte. Dem Ritter rang das ein Lächeln ab. Seine Schwester wusste, wie man ihn aufheitern konnte. Seinen Neffen und auch seine Nichte liebte der Lichtwachter über alles ... und sie ihn auch.

Der Knirps strahlte ihn aus großen blauen Augen an und streckte ihm seine Ärmchen entgegen. Trautmann nahm ihn hoch und setzte ihn auf seinen Unterarm: „So groß und schwer wie du bist, lehrst du jetzt schon jeden Ork das Fürchten.“

Das Kind lachte glucksend und spannte dann nicht ganz ohne Stolz seine nicht vorhandenen Muskeln an.

Der Junker setzte daraufhin einen beeindruckten Gesichtsausdruck auf. „Und stark wie ein Ochse“, meinte er und küsste Ulfert unterhalb des dunkelblonden Schopfes auf Stirn. „Ich kann es kaum erwarten, dich als Knappen aufzunehmen“, fügte er noch an, bevor er den Knaben wieder hinunter ließ.

Travegunde hatte die Szenerie mit einem Lächeln beobachtet. Ja, ihr Bruder war bereit für eine eigene Familie. Schon längst ... und tief in sich wusste er das auch. Dass die Aufmunterung durch den Neffen seine Laune jedoch nicht nachhaltig hob, zeigte Trautmanns darauffolgender Gesichtsausdruck.

Travegunde stellte sich an die Seite ihres Bruders und legte ihre schmale Hand auf seine starke Schulter. Die junge Geweihte war ein steter Sonnenschein und würde einmal ihrer Mutter als Tempelobere nachfolgen, so viel war klar. Sie war mittelgroß, hatte dunkelblondes Haar, braune Augen und trug den Ornat der Traviageweihtenschaft mit der bronzenen Gänsespange

„Kannst du dich noch daran erinnern, wie du mich immer beschützt hast, als wir noch Kinder waren?“, fragte sie.

Trautmann nickte stumm.

„Damals“, sie lächelte, „als sich die Wölfe nach dem Winter so nah an das Dorf gewagt hatten und mich mein Pferd abwarf? Du hast nicht gezögert und mir das Leben gerettet.“ Travegunde löste ihre Hand von seiner Schulter und streichelte seinen Rücken. „Wie alt warst du da?“

„Zehn Sommer“, meinte Trautmann knapp. „Sie hatten mir einen Mond zu Hause zugestanden.“

„Mhmmm. So jung und schon bereit, den größten Preis für die Familie zu zahlen“, fuhr die Geweihte in sanftem Ton fort. „Auch heute wüsste ich keinen Ort, der sicherer ist, als der an deiner Seite.“

„Warum erzählst du mir das jetzt?“, der Junker wandte sich seiner jüngeren Schwester zu. „Weißt du nicht ...“

„Sssshhhh!“, zischte sie und fiel ihm dadurch ins Wort. „Ich erzähle dir das, weil es heute ich bin, die dir helfen wird.“

„So?“ Seine Augenbrauen schnellten nach oben. „Wirst du mir bei der Flucht helfen, oder Mutter die junge Frau madig machen, die sie mir herankarrt?“

Als Antwort folgte ein Kichern Travegundes. Allem Anschein nach hatte ihr Bruder seinen Humor immer noch abrufbereit. „Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie. „Aber ich werde dir dabei helfen, zu verstehen, dass es nicht das Ende aller Tage ist. Im Gegenteil.“

„Travegunde, bitte“, Trautmann wirkte auch für diesen Versuch, ihn aufzumuntern, nicht wirklich empfänglich. „Ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass es nötig und üblich ist. Das bringt unser Stand mit sich. Vetter Wilfred ging es genauso, und du weißt, wie er anfangs damit umgegangen ist. Er hat es an Inja ausgelassen und sie gequält.“”

„Du bist nicht Wilfred, Trautmann“, antwortete die Traviageweihte sogleich und schüttelte ihren Kopf. „Und selbst wenn du das Beispiel Wilfred und Inja heranziehst: Sieh, wie sie nun miteinander umgehen. Ja, es hat etwas gedauert, aber jetzt führen die beiden eine Vorzeigeehe.“

„Und Ullgrein?“, abermals zog der Lichtwachter eine Augenbraue hoch.

Nun, das war ein Einwurf, den sie nicht so einfach entkräften konnte. Das wusste auch Trautmann – das Schicksal seiner Cousine, der ehemaligen Heroldin des Grafen, war der Todesstoß für die Bemühungen seiner Schwester. Ihr Schweigen gab ihm recht, und er richtete seinen Blick wieder hinaus auf den Hof.

„Du bist auch nicht Ullgrein, Bruder“, setzte Travegunde einen weiteren zaghaften Versuch.

„Ja ...“, er lachte bitter. „Und diese Gwendolyn?“

Travegunde erkannte jetzt, dass es ihrem Bruder in seiner Grübelei nicht nur um sich selbst ging. Das war typisch für ihn. Trautmann hatte oft in erster Linie die anderen im Sinn. „Hm, ich kenne sie nicht“, sagte sie. Aber wenn sie hierherkommt, dann wird das doch ein gutes Zeichen sein. Meinst du nicht?“

„Wenn sie es von sich aus tut, dann ja“, meinte der Ritter, begleitet von einem Schulterzucken. „Wie mir Mutter erzählt hat, führte sie ihre Verhandlungen jedoch mit dem Bruder der Frau. Ich wage deshalb zu bezweifeln, dass es ihrem eigenen Willen geschuldet ist, hierherzukommen.“ Trautmann seufzte. „Sie kennt mich auch nicht. Ich habe sie, glaube ich, noch nie gesehen. Weder auf einem Turnier, noch am Grafenhof oder sonst wo. Sie ist eine Unbekannte für mich und ich bin ein Unbekannter für sie.“

„Mhmmm“, brummte Travegunde zustimmend. „Was jedoch nicht heißt, dass sie einem Bund mit dir nicht aufgeschlossen begegnen würde. Du stammst aus einem guten Haus und bist ein wohlgeratener Mann. Gib der Sache Zeit.“ Trautmann stand nach wie vor von ihr abgewandt. Dennoch sah sie, dass er seinen Kopf schüttelte.

„Ich weiß nicht, ob dir die Familie der Frau etwas sagt, Schwester“, meinte er bedächtig. „Ich kenne niemanden des Geschlechts persönlich, doch weiß ich, wo sie leben. Es ist ein Anwesen, gegen das der Hag schäbig wirkt und von Lichtwacht brauchen wir, glaube ich, gar nicht erst anzufangen.“

„Und? Ein Haus ist bloß Stein, Holz und Glas. Was sagt das schon aus?“ Abermals streichelte Travegunde beruhigend über den Rücken ihres Bruders.

„Es sagt aus, dass unser beider Werdegang und Hintergrund nicht miteinander vergleichbar sind“, antwortete der Ritter etwas schärfer als gewollt. „Ich weiß nicht, was sie mag, welche Ziele und Träume sie hat ... wäre es ihr großer Wunsch, eine Mutter zu sein und den Bund zu schließen, hätte sie das inzwischen getan. Vor allem, wenn sie so hübsch ist, wie angepriesen und die Familie so wohlhabend.“

Travegunde fiel nun in ein länger andauerndes Schweigen. So standen die beiden ungleichen Geschwister Seite an Seite am Fenster und blickten hinaus auf den Innenhof, wo sich Gwidûhenna mit ihrer beider Mutter unterhielt.

Ob auch sie in diese Sache involviert war? Wäre dem so, dann war er es ihr schuldig, diese Sache wenigstens zu versuchen, schoss es Trautmann durch den Kopf. Nach allem, was sie die letzten Sommer für ihn getan hatte.

„Es ist ein Kennenlernen, Trautmann“, beendete Travegunde ihr Schweigen, nachdem der Junker wieder in brütendes Schweigen verfallen war. „Nutze die Zeit und lerne sie kennen. Frag sie nach ihren Wünschen und Träumen. Zeig Interesse an ihrem Wesen und dann entscheide für dich selbst. Ohne deine Zustimmung wird hier nichts geschehen. Und genau das gilt auch für die Dame Gwendolyn.“

Nun wandte sich der Ritter der jungen Geweihten wieder zu. Seine Lippen zeigten ein etwas gequältes Lächeln: „So einfach ist das nicht, Schwester. Mutter lässt die Niederhöllen überfrieren, wenn ich ablehne.“

„Das lass dann meine Sorge sein, Bruder“, Travegunde stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste seine Wange. „Wie gesagt, dieses Mal passe ich auf dich auf!“ Mit diesen Worten nahm sie den kleinen Ulfert wieder auf den Arm und bewegte sich zur Tür hin.

„Viel Glück!“, mit einem Augenzwinkern verließ sie das Gemach.