Dramatis Personae

 

Neulich in der Sichelwacht: Klingen und Quaffee

Feste Aarkopf, Grafencapitale Salthel, Ende Ingerimm 1044 BF

„Aaaaaah, hier steckt Ihr also!“

Tsarahbella zuckte erschrocken zusammen, als eine laute Stimme in ihrem Rücken ertönte und die bisher herrlich entspannte Stille im Salon abrupt beendete.

„Das ist ja schlimm mit Euch, schwerer zu finden als ein Rasselbock! Und das, obwohl ihr alles andere als klein seid!“

Die Heroldin runzelte verärgert die Stirn: Sollte das eine Anspielung auf ihren Leibesumfang sein, fand sie es wahrlich nicht witzig! Tsarahbella warf einen prüfenden Blick über die Schulter, erkannte den Ersten Ritter der Sichelwacht und seufzte schicksalsergeben.

Eigentlich wollte sie einfach nur hier sitzen und in aller Ruhe den Quaffee schlürfen, den Bunsenholds Hofmagus ihr eben äußerst großzügig überlassen hatte. Aber Ruhe und Gringolf – das waren zwei Dinge, die schwerlich gemeinsam in einem Raum existieren konnten.

Immerhin: Es war davon auszugehen, dass die Bemerkung über ihre Größe keine Beleidigung hatte sein sollen. Vielmehr handelte es sich sehr wahrscheinlich um einen verbalen Verstolperer des Högelsteiners. Der hatte es halt nicht so mit Worten!

„Die Zwölfe zum Gruße, Meisterin“, schmetterte er frohgemut, während er sich ungefragt auf dem Sessel niederließ, der ihrem gegenüberstand. „Rondra und Hesinde voran!“

„Hesinde?“, Tsarahbella blinzelte irritiert. „Wo kommt die denn plötzlich her?“

„Na, ich bin doch gerade von einer Reise zum Rhodenstein zurück und habe dort etwas überaus Spannendes aufgestöbert. Verschollen geglaubtes Wissen. Da kommt sie her.“ Er lachte: „Schwert und Feder. Feder – Schreibkram. Schreibkram – Wissen. Wissen – Hesinde. So!“

„Uhuuum“, brummte Tsarahbella gedehnt, während sie dem Ritter einen skeptischen Blick zuwarf. „Auf dem Rhodenstein? Ihr? Um Wissen zu erringen? Verschollenes gar? Ihr seht mich überrascht. Was für einer Sache seid Ihr denn auf der Spur gewesen?“

„Gut, dass Ihr fragt, darüber wollte ich nämlich eh mit Euch reden!“

„Sagt bloß?“

„Ja, ich denke doch, dass ich damit bei Euch genau richtig bin, denn es geht um was Historisches, das die ganze Sichelwacht betrifft. Und von überragender Bedeutung ist, eigentlich. Weshalb es mich wundert, dass sich noch niemand anders darum gekümmert hat. Kommt mir vor, als würde hier als mal auf die falschen Dinge geachtet!“

„Auf die falschen ... Dinge?“, Tsarahbella hob halb pikiert, halb amüsiert die Brauen. „Ihr habt mein Interesse, Hoher Herr. Bitte klärt mich auf! Was sind denn die richtigen Dinge? Also worauf hätten wir achten sollen, haben es bislang aber versäumt?“

Er quittierte ihre Frage mit einem huldvollen Nicken und erhob sich, um eine lederne Transportrolle von seinem Rücken zu schnallen und sie sofort zu öffnen. Es dauerte nicht lange, bis er ein Pergament vor ihr auf dem Tisch ausgerollt hatte. Dann tippte er mit dem Zeigefinger ein paarmal wichtig auf die just freigelegte Schemazeichnung und hob seinerseits bedeutungsschwer die Brauen.

Tsarahbella setzte ihre Sehgläser auf, ehe sie sich vorneigte, um einen Blick zu riskieren.

Sie war keine Ritterin und auch keine Waffenexpertin, daher wusste sie nicht so genau, was sie da eigentlich sah. Sie erkannte aber immerhin, dass es sich um eine Klinge handelte ... von einem Schwert, das aus verschiedenen Perspektiven dargestellt wurde, einen recht eleganten Schwung aufwies, aber dennoch ziemlich urtümlich anmutete.

„Erhellt mich, bitte!“, forderte sie. „Was habt Ihr mir da vorgelegt, Gringolf?“

„Eine unter Aufwendung von viel Zeit, mit viel Sorgfalt und noch mehr Mühe sowie der großartigen Hilfe der Wahrer in deren Bibliothek aufgetane Zeichnung ... na ja ... nein ... . Also, es ist nicht die eigentliche Zeichnung, sondern eine ebendort angefertigte Kopie, aber eine wirklich gute halt! Das Original wollten sie mir leider nicht aushändigen, obwohl seine Geschichte ja untrennba...

„Schon gut, Junge! Was ist es?“

„Die Beonsschneide, Meisterin!“, erneut tippte Gringolf auf das Pergament, noch vehementer diesmal, und sah sie dabei mit vor Begeisterung leuchtenden Augen an. „Das Talismanschwert der Sichelwacht.“

„Das seit der Zeit der Priesterkaiser verschollen ist“, gab Tsarahbella schmallippig zurück.

Sie wollte sich um keinen Preis der Welt anmerken lassen, dass sie im Anbetracht dieses Fundes tatsächlich beeindruckt war. Wenn es um etwas ging, das ihn interessierte, konnte der Erste Ritter sich offenbar doch länger als nur fünf Herzschläge konzentrieren.

„Ja schon, aber das heißt ja nicht, dass wir sie ganz aufgeben müssen, oder?“, fragte er. „Ich meine ... selbst wenn schon lange nicht mehr nach ihr gesucht wird, kann so ein Bild hier an unserem Hof ja nicht schaden? Schließlich ist dies die Waffe der ersten Gräfin der Sichelwacht gewesen! Das Schwert, mit dem die Luchskronerin seinerzeit den Wurm von Beonspfort erschlagen und eine sichere Besiedlung in der Kante überhaupt erst möglich gemacht hat! Das ist doch eine ... ich meine das hat doch einen ... zumindest symbolischen Wert, oder nicht?“

„Da uns von Glafira sonst nichts geblieben ist ... durchaus, ja“, Tsarahbella nickte erst bedächtig und konnte ein anerkennendes Lächeln dann nicht länger unterdrücken. „Und Ihr seid sicher, dass es die Beonsschneide ist?“

„Das stand so in einer begleitenden Notiz aus alten Tagen, haben die Wahrer gesagt. Und auf deren Urteil kann man sich doch verlassen, wenn es um Waffen geht, oder etwa nicht?“

„Für gewöhnlich schon, ja! Konnten sie Euch denn auch etwas dazu sagen, woher die ursprüngliche Zeichnung stammte?“

„Nein. Nur dass sie aus der Zeit der Priesterkaiser ist. Mehr war in ihren Unterlagen offenbar nicht verzeichnet. Es grenzt überhaupt an ein Wunder, dass wir das Bild gefunden haben: Keiner wusste mehr, dass es existiert. Wir haben nach einer Weile angefangen, uns einfach durch alle Kataloge mit Waffen zu wälzen, die irgendwelche Rondrianer irgendwann mal aus irgendeinem Grund für erwähnenswert hielten. Von da aus dann ...“

Wahrscheinlich hatte er die armen Wahrer in der Bibliothek einfach solange genervt, bis sie es nicht mehr aushielten. Bis sie alles daran setzten, ihm mit seinem Anliegen zu helfen, einfach nur, um ihn wieder loszuwerden. Tsarahbella schmunzelte, rückte ihre Sehgläser zurecht und neigte sich weiter vor, um das Bild genauer in Augenschein zu nehmen.

„Haben sie was dazu gesagt, warum der Griff fehlt?“, fragte sie.

„Sie denken, es könnte so vom Schlachtfeld geborgen worden sein. Nachdem die Schergen der Familie von Salthel Glafira und die Ihren abgeschlachtet hatten“, Gringolf schnaubte geringschätzig und verzog die Lippen. „Dass es beim Kampf gegen die Speichellecker der Priesterkaiser vielleicht geborsten ist und der Griff einfach nicht mehr vorhanden war, als diese Zeichnung angefertigt wurde.“

„Aber wenn es damals geborgen wurde ... warum ist es dann heute noch verschollen?“, murmelte Tsarahbella. „Wenn es den Anhängern der Gräfin gelungen ist, dafür zu sorgen, dass diese legendäre Klinge nicht in die Hände der Herzogenwahrer fällt ... warum haben sie sie nicht wieder hervorgezaubert, nachdem der Spuk vorbei war? Mit dem Untergang derer von Salthel? Als hier neue Herrscher eingesetzt wurden?“

„Vielleicht, weil es bei uns seither keine Grafen mehr gab? Erst Vögte, dann Verweser ... bis Bunsenhold ins Amt gehoben wurde?“

„Hört, hört!“

Tsarahbella schnalzte leise. Der Junge kannte sich mit der Geschichte der Grafschaft besser aus, als gedacht. Das war eine angenehme Überraschung!

„Oder sie ist ganz verlorengegangen, als die Leute damals versucht haben, sie im Verborgenen zu halten? Muss ja nur einer von denen mal in einem schlechten Moment das Zeitliche gesegnet haben und schon: alles futsch!“, mutmaßte der Högelsteiner.

„Möglich!“ Tsarahbella kniff die Augen zusammen, als ihr Blick auf etwas fiel, das sie neugierig machte. „Aber wenn außer der Klinge nichts geborgen wurde, was ist dann das da?“

Gringolf beugte sich ebenfalls tiefer über das Pergament, überlegte kurz und meinte dann: „Sieht für mich wie ein verbogenes Ortblech aus, Meisterin. Also das Teil an der Spitze einer Scheide, das man da anbringt, damit das Schwert nicht das Led...“

„Schon gut!“, unterbrach Tsarahbella ihn ungeduldig. „Hesindenocheins, Ortblech hätte gereicht! Ich weiß, was das ist! Ich bin die Heroldin dieser Grafschaft, liebe Güte.“

„Wie in meinem Wappen, nicht wahr?“

„Ein Ortband ist ein Ortband, Hoher Herr. Es gibt viele Familien, die so was im Wappen haben. Das eine hat mit dem anderen jetzt nicht wirkl...“

„Natürlich nicht, das wollte ich auch gar nicht sagen!“, Gringolf lachte abermals. „Habe nur gerade begriffen, woher ihr Euch mit so was auskennt und weshalb ich es Euch nicht erklären muss, obwohl ihr mit Schwertern nix am Hut habt.“

„Gleichwohl ...“, Tsarahbella hatte nur mit halbem Ohr zugehört, weil ein Gedanke sie einfach nicht losließ. „Die Einbuchtungen da sind einer Lilie nachempfunden, oder etwa nicht? Ich meine, ich hätte so was in der Art schon mal in einem Wappen gesehen. Ich weiß nur nicht mehr wo. Keines aus der Sichelwacht, ohne Frage, sonst hätte ich es sofort parat. Vielleicht aus einer anderen Grafschaft ... oder auch aus einem von meinen Büchern? Überaus kurios ...“

„Was ist daran denn komisch? Die Lilie ist ein rondrianisches Symbol, das Schwert Rondras liebste Waffe ... ich finde das eher passend?“

Tsarahbella warf dem Högelsteiner einen zweifelnden Blick zu.

Gerade hatte sie weder die Zeit noch den Nerv, ihm die Feinheiten der Heraldik zu erläutern. Nicht, dass ein Ortband mit eingelassener Lilie sehr wohl eine Anomalität war, die Beachtung verdiente. Ihr Quaffee hatte schon lange aufgehört zu dampfen. Er war jetzt sicher nur noch lauwarm und Xabrasil hatte gesagt, dass er kalt nicht zu genießen sei.

„Habt Ihr was dagegen, dass ich das hier an mich nehme und eine Kopie anfertige, Gringolf?“, fragte sie stattdessen. „Um selbst weitere Nachforschungen anstellen zu können? Es dauert höchstens ein paar Tage!“

„Eine Kopie von der Kopie?“, der Högelsteiner schien das witzig zu finden, nickte aber trotzdem. „Klar. Ich habe es jetzt schon so ziemlich jedem gezeigt, dem ich es zeigen wollte. Ich gebe es Euch gern, bevor es an den Grafen geht, Meisterin.“

„Trefflich!“ Tsarahbella rollte das Pergament zusammen und gab es ihm, damit er es zurück in seine Hülle stecken konnte. „Und wahrlich: Gut gemacht, junger Mann! Das ist ein Fund, auf den Ihr als Erster Ritter der Sichel stolz sein könnt.“

„Danke“, der Högelsteiner schien über das Lob ernsthaft erfreut, denn er strahlte schon wieder.

Tsarahbella quittierte es mit einem gönnerhaften Lächeln und griff nach ihrer Tasse, um endlich von dem angeblich so himmlischen Getränk zu kosten. Sie hoffte, dass ihr Gegenüber den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und sich diskret verabsentieren, oder wenigstens für einen paar Momente schweigen würde.

Stattdessen blieb Gringolf einfach sitzen, nachdem er die Transportrolle vorsichtig zwischen ihnen auf dem Tisch platziert hatte, und warf ihr einen neugierigen Blick zu:

„Was trinkt ihr denn da eigentlich, Frau Tsarahbella? Das riecht ja wirklich köstlich!“

Keine Ruhe.

Nicht in seiner Gegenwart.

Niemals ...