Seuchengefahr (Rahja 1041)
Es regnete. Die Wolken hingen so tief über dem Finsterkamm, dass man von den Türmen des Klosters die äußere Begrenzungsmauer und das Tor zur Klosteranlage nicht sehen konnte. Das Leben in Etiliengrund schien im Schneckentempo zu verlaufen. Die meisten Klosterbewohner zogen es vor, den Tag innerhalb der Gebäude zu verbringen. Schwester Liutperga war erst seit einem Tag wieder in Etiliengrund, als der Abt nach ihr rufen ließ. Seufzend setzt sie sich in Bewegung. Das Wetter setzte ihr zu. Sie war schon viele Jahre tagein, tagaus auf einem Maultier in der Baronie Schneehag und einigen angrenzenden Baronien der Heldentrutz unterwegs um der Bevölkerung Etilias Trost zu spenden, Boronanger einzusegnen, Beichten abzunehmen und Begräbnisse zu leiten. Das Wirken Borons zu erklären, alte und sterbenskranke Menschen zu trösten, ihnen den letzten Segen zu spenden und den Weg über das Nirgendmeer zu erleichtern, war ihr täglich Brot. Darüber war Liutperga selbst alt und müde geworden. Die Gelenke schmerzten vom Reiten im nasskalten Wetter an Weidens Außenposten im Finsterkamm.
Auf ihr Klopfen an der Tür hin öffnete Borgol, der Schreiber des Abtes. Eslamo Etiliano de las Dardas stand mit Bruder Nikanor, Coris und dem Gast Bishdaryan von Tikalen in der Sakristei des Borontempels. Den Geweihten gegenüber sah Liutperga eine junge Frau mit dicken, roten Zöpfen. Die Dienerin Golgaris trat ein und schloss die Tür hinter sich. Sie sah die unbekannte Frau neugierig an. “Schön, dass du es einrichten konntest, Liutperga”, begrüßte der Abt die ältere Geweihte freundlich. “Darf ich dir Bishdaryan von Tikalen vorstellen? Er ist ein Diener Bishdariels und zur Zeit bei uns zu Besuch. Und die junge Dame hier ist Perchtrudis, sie kommt aus Dreiwalden.”
Liutperga begrüßte den unbekannten Geweihten mit einem schweigenden Kopfnicken. Die junge Frau ebenso. Dann wartete sie darauf, dass der Abt ihr erklären würde, weshalb sie gerufen worden war. Eslamo Etiliano de las Dardas blickte zu der jungen Frau hin und begann dann zu sprechen. “Perchtrudis erzählte uns gerade von einer Familie in Dreiwalden, die von einer unbekannten Seuche befallen wurde. Alle Familienmitglieder bis auf die Mutter wurden zu Boron befohlen. Es waren sechs Kinder, der Ehemann und die alte Mutter der Überlebenden. Ein schweres Schicksal für die Frau. Sie scheint daran zu zerbrechen. Dazu kommen auch noch böse Gerüchte…”
Der Abt brach ab und sah Liutperga an. Diese fragte zurück: “Was für Gerüchte?” Anstelle des Abtes antwortete Perchtrudis. “Es gibt Stimmen im Dorf, die behaupten, Holdwiep habe ihre Familie umgebracht um frei zu sein für einen Liebhaber.”
Hörbar sog Liutperga die Luft ein. “Das ist ein schwerwiegender Vorwurf! Gibt es Hinweise auf den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte?” Perchtrudis senkte das Haupt. “Nein, die gibt es nicht wirklich. Sie ist eine sehr attraktive Frau und ich denke, dass einige Frauen im Dort neidisch auf sie sind. Die arme Holdwiep ist untröstlich. Sie weint Tag und Nacht und hat mir gesagt, dass sie nicht mehr leben möchte, wo doch alle ihre Lieben tot sind. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass sie freiwillig zu unserem Dunklen Vater geht. Deshalb komme ich und bitte um Hilfe.”
Eslamo Etiliano de las Dardas sah in die Runde und hoffte auf Reaktionen seiner Mitbrüder. Es war ausgerechnet der fremde Geweihte, der als erster das Schweigen brach, nachdem er einige Momente auf eine Äußerung der Einheimischen gewartet und Blicke mit Coris getauscht hatte.
Der Noionit sprach mit einer kultivierten, leicht singenden, angenehmen, beruhigenden Stimme, die Liutperga verriet, dass er weit aus dem Süden kam: “Meine Tochter”, richtete er das Wort an die Rothaarige aus Dreiwalden: “Ich komme nicht aus der Gegend und du magst mir nachsehen, wenn ich womöglich für die Schwestern und Brüder aus dem Kloster selbstverständliche Dinge frage: Erstens, um was für eine Seuche soll es sich gehandelt haben? Zweitens, welcher weltlichen Obrigkeit untersteht das Dorf, und welche Schritte hat diese in der geschilderten Sache - Seuchen- und Tötungsverdacht - unternommen? Drittens, was ist der Verbleib der sterblichen Hüllen des Mannes und der Kindlein? Viertens, was ist dein Interesse an dieser Angelegenheit, darüber hinaus, dass du aus demselben Dorf kommst? Fünftens, in welcher Beziehung stehst du zu der Witwe und ihrer Familie? Sechstens, welches Amt übst du in… Dreiwalden war es?... aus?”
Liutperga bemerkte, dass Coris den Ordensmann überraschte ansah. Sie war also ebenso verwundert, dass er Fragen in einem Stil stellte, der weniger zu einem Seelsorger als zu einem hoheitlichen Ermittler gepasst hätte.
“Äh… Euer Gnaden, ich…”, stammelte Perchtrudis. “Also, es ist eine Seuche mit hohem Fieber und heftigen Husten, schließlich spucken die Menschen Blut, und dann geht es schnell dahin mit ihnen.” Die Rothaarige versuchte sich zu konzentrieren, wusste aber längst nicht mehr die Reihenfolge der Fragen. Sie versuchte, sie nach besten Möglichkeiten zu beantworten. “Also, die Toten wurden auf dem Grund und Boden der Familie begraben. Man traute sich nicht, sie auf dem örtlichen Boronanger zu bestatten, zumal ohne geweihten Beistand. Ich bin nur eine Nachbarin und Freundin der Familie und habe Holdwiep bei der Niederkunft ihrer Kinder zur Seite gestanden. Ich finde es ungerecht, dass man munkelt, sie sei Schuld am Tod ihrer Familie. Ich möchte, dass die Toten und ihre Grablege ordnungsgemäß von einem Borongeweihten eingesegnet werden. Und natürlich… also, nur falls da wirklich ein unheiliges Geschehen hinter den Todesfällen steht… glaube ich, braucht es auch die Hilfe der Götter und ihrer Stellvertreter auf Dere.” Perchtrudis dachte nach. Hatte sie alle Fragen beantwortet?
Die Geweihte Coris sprang ihr helfend bei. “Die weltliche Obrigkeit, der Dreiwalden untersteht, dürfte der Baron von Schneehag sein, Bruder Bishdaryan.” Doch auch Coris wunderte sich über die gezielte Befragung der Frau aus Dreiwalden. Gab es einen unbekannten Abschnitt in der Vita des Noioniten? Eine, die weniger mit der Seelsorge als mit einer Ermittlungsfunktion zu tun hatte?
“Ich bin kein Heilkundiger”, sagte Bishdaryan. “Doch deine Beschreibung lässt mich an den Roten Tod denken, der in meiner Heimat wütete, als ich noch ein Kind war. Doch angesteckt hat sich bislang noch keiner außerhalb der Familie? Dann könnte es auch ein finsterer Fluch sein”, spekulierte er. “Ohne Ansteckung ist es keine Seuche, so verstehe ich das jedenfalls. Zurück zu meiner Frage: Welche Schritte hat der Baron von Schneehag unternommen? Falls schlicht eine Krankheit die Familie deiner Freundin dahinraffte, ist es des Herrschers Aufgabe, deren Ausbreitung zu verhindern. Falls indes götterfeindliches Wirken dahinter steckt, können Geweihte eher helfen. Du tatest in jedem Fall gut daran, hierher zu kommen: Eine borongefällige Grabsegnung vermögen die Schwestern und Brüder des Klosters leisten, sei unbesorgt.”
Abt Eslamo hatte eine Weile lang schweigend zugehört. Nun aber mischte er sich ein: “Ich denke es ist auf jeden Fall unsere Aufgabe, die borongefällige Grabsegnung und die Aufklärung des möglicherweise unheiligen Geschehens in Angriff zu nehmen. Dazu würde ich euch, Liutperga und Coris, bitten mit Perchtrudis nach Dreiwalden zu reisen und euch der Sache anzunehmen. Und…”, der Abt sah Bishdaryan direkt an, “... nachdem Ihr erfahren in solchen Dingen scheint, Bruder Bishdaryan, wenn Ihr es einrichten könnt… wäre es Euch möglich, die beiden und Perchtrudis begleiten?”
Die vergangenen Wochen hatte sich der Horasier bei verschiedenen Tätigkeiten im Kloster eingebracht. Still, ruhig, verlässlich, wie es eben seine Art war. Dennoch schien ihn die Aussicht auf einige Tage außerhalb der dicken Mauern zu beflügeln: “Trost der Trauernden zu bringen und zu prüfen, ob mehr hinter diesen Toden steckt als nur eine Sieche? Das will ich gerne tun, und den beiden Schwestern mit Rat und Tat zur Seite stehen.” Unwillkürlich fasste er an seinen Gürtel, an dem auf der Reise hierher sein Rabenschnabel gehangen hatte - den würde er nicht zurücklassen in dieser menschenarmen Gegend.
Eslamo Etiliano de las Dardas nickte dem Liebfelder dankbar zu: “Sei sei es denn. Und bitte reitet auf dem Weg nach Dreiwalden beim Baron von Schneehag vorbei und unterrichtet ihn von den Vorgängen. Ich nehme an, dass er noch gar nicht informiert ist. Er möge entscheiden, ob er euch jemanden mitschicken mag.”
Der Abt winkte Borgol, seinem Schreiber, zu und diktierte ihm einen Brief an den Baron von Schneehag, der in kurzen Sätzen die Problematik und die Bitte beschrieb, die an das Kloster herangetragen wurden. Dazu bat er darum, der Baron möge entscheiden ob er jemanden entsenden wolle, die Umstände der ungeklärten Todesfälle zu untersuchen. Zu Bisdaryan, Liutperga und Coris sagte er: “Ich denke es ist das Beste, wenn ihr bald aufbrecht. Perchtrudis soll sich stärken, ihr packt alles zusammen, was ihr braucht. Dann könnt ihr morgen früh losreiten, abends auf Burg Firnhag sein und dem Baron Bericht erstatten. Es wird Zeit, dass sich jemand der Sache annimmt. Man hat ohnehin viel zu viel Zeit verloren.”
Schweigend nickten die Geweihten und wandten sich um, um zu ihren Zellen zu gehen. Bishdaryan wirkte gelassen und erfreut, mehr von der Region kennenzulernen, Liutperga pflichtbewusst und mit den Gedanken schon im unbequemen Sattel, Coris hingegen betrübt, die sicheren, heimischen Mauern für eine Weile hinter sich zu lassen. Doch was hatte ihr der Reisegefährte in einer Meditation vermittelt? “Trage die freudigen Erinnerungen im Herzen bei dir, und die Aussicht auf ein Wiedersehen als Anker zwischen dir und der fernen Heimat. Der Glaube daran gibt dir Stärke und Zuversicht, und der HERr nimmt dir die Sorge.” Sie würde versuchen, damit ihr Heimweh zu trösten. Mit leichteren Schritten strebte sie ihrem Quartier zu und begann dort, die Dinge zu ordnen, die sie nach Dreiwalden mitnehmen wollte.