Beonfirn, Baronie Brachfelde, Firun 1045 BF.
Die Sonne war gerade hinter den verschneiten Baumwipfeln versunken, als Rondrasil Eichenstein von Brachfelde sein Pferd durch den Ifirnstann traben ließ. Während in Beonfirn die Vorbereitungen für den Tag der Weißen Maid in vollem Gange waren, hatte er den firungefälligen Frieden des Waldes gesucht. Er musste nachdenken.
Der große, kräftige Mann mit den schulterlangen, rotbraunen Locken und den wachen, graublauen Augen erinnerte sich an die Worte, mit denen sein Schwertvater Firian Böcklin von Buchsbart ihn immer wieder zu Mut und Entschlossenheit in der Wacht gegen die Schwarzpelze ermahnt hatte. Er erinnerte sich auch an die Worte seines Vaters, des Barons von Brachfelde, als dieser ihn vor gut einem Götterlauf zum Junker von Beonfirn erhoben hatte: Im treuen Dienst für Bärwalde und seine Gräfinnen sollte ihm der Schutz der ihm Anvertrauten höchstes Ziel sein. Doch so einfach war es nicht, wenn man erst einmal auf der Nebeltrutz am Hochufer des Finsterbachs angekommen war. Täglich musste er sich mit den Sorgen, Nöten und Streitereien der Menschen auseinandersetzen und dabei stets äußerst wachsam sein, was der Schwarzpelz in den Nebeln jenseits der Grenzen im Schilde führte. Wenn ihm das alles zu viel wurde, suchte der Ritter Zuflucht im Schwanentempel, wo die weise Ilyoa Rat wusste.
Doch heute war der junge Brachfeldener einer Eingebung folgend in den Ifirnstann geritten. Er war schon eine ganze Weile unterwegs, als er plötzlich ein flackerndes Licht zwischen den Bäumen entdeckte. Mochten dort Orks ihr Lager aufgeschlagen haben?
Vorsichtig stieg Rondrasil vom Pferd, zog sein Schwert und verfluchte innerlich, dass er keinen seiner treuen Waffenknechte mitgenommen hatte. Langsam bewegte er sich auf den Rand einer Lichtung zu und hielt überrascht inne. Eine wunderschöne Melodie drang an sein Ohr – eine helle, klare Stimme, die so gar nicht zu einem Ork gehörte, sang ein heiliges Lied. Sein Blick schweifte über einen uralten Steinkreis. Mehrere Fackeln waren in den Schnee gesteckt und erleuchteten die freie Fläche mit ihren tanzenden Flammen. Sogleich wusste der Ritter, dass er sich am Schwanenreigen befand – so nannten die Einheimischen diese Stätte, die der milden Ifirn und ihren Töchtern geweiht war.
Und dort, inmitten der vier stehenden Steine der Silberschwäne, erkannte er eine Tänzerin. In fließenden Bewegungen schritt sie über den gefrorenen Boden, als wäre er eine spiegelnde Wasserfläche. Ihr weißer Pelzmantel wirbelte um sie herum wie Schwanenfedern im Winterwind, und ihr langes Haar mit den silbernen Strähnen schimmerte im flackernden Licht. Doch es waren ihre Augen, die Rondrasil den Atem raubten – das ein eisblau, das andere warm und himmelblau. Sie schienen einander zu widersprechen, und doch harmonierten sie wie die Facetten eines funkelnden Bergkristalls.
Unvermittelt verstummte das Lied, als die Tänzerin innehielt. Sie wandte sich um, im letzten Schritt die Gestalt eines Schwans nachahmend, und begegnete Rondrasils Blick. Es war ein kurzer Augenblick, ein Herzschlag vielleicht, aber für ihn schien die Zeit stillzustehen.
„Wer wagt es, die Stille des Schwanenreigens zu stören?“ Ihre Stimme war klar wie der Ruf eines Vogels in der Winterluft, aber weder streng noch unfreundlich.
Rondrasil, der sonst in der Schlacht ebenso unerschütterlich war wie am Hofe seines Vaters, spürte, wie seine Stimme kurz stockte, bevor er sie wieder fand. „Ich... wollte nicht stören. Dein Tanz hat mich gefesselt. Aber ich kenne dich nicht. Bist du eine neue Hüterin dieses Ortes?“
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Alwen Lidaria von Wolfenthann, Dienerin Ifirns aus Weidenhag“, stellte sie sich vor und neigte leicht den Kopf. „Und wer bist du, dass du so unverhofft in den Reigen der Schwanentöchter gefunden hast?“
„Rondrasil Eichenstein von Brachfelde“, antwortete er, verneigte sich und spürte das ungewohnte Prickeln einer Ehrfurcht, die nichts mit Stand und Geboten zu tun hatte.
Die Ifirngeweihte blickte ihn aufmerksam an, ihre ungleichen Augen prüfend und doch sanft. „Ein Ritter, der den Weg der sanften Tochter Firuns kreuzt. Vielleicht schickt sie dich? Im Reigen der Silberschwäne gibt es keine Zufälle.“
Die beiden sprachen bis in tief in die Nacht hinein, eingehüllt in ein Bärenfell, das sie vor Firuns eisigem Atem schützte. Rondrasil spürte, wie etwas in ihm wuchs – ein warmes Feuer, das nicht nur von den Fackeln ausging. Es war, als hätte ihn die Weiße Maid selbst in diesen Wald geführt, zu dieser Frau, deren Herz im Einklang mit der Natur schlug. Und als die erste Morgensonne den Schwanenreigen erhellte, wusste Rondrasil, dass sich sein Leben unwiderruflich verändert hatte.