Beonfirn, Baronie Brachfelde, Anfang Phex 1045 BF.

Baron Gamhain von Brachfelde blickte mit zugekniffenen Augen auf die Länder der Grafschaften Bärwalde und Heldentrutz, die hier die nördlichen Grenzen Weidens bildeten. Nach einem langen Winter lag Firuns weiße Pracht vielerorts immer noch schritthoch auf Weiden, Wiesen und Wäldern diesseits und jenseits des Finsterbachs, der hier bei Beonfirn wild rauschend einer großen Biegung nach Osten folgte, um schließlich etwa 40 Meilen später bei Olat in den Neunaugensee zu strömen.

Eisig pfiff Firuns Atem um die Zinnen der Nebeltrutz. Der 12 Schritt hohe, massive Steinturm überragte das Hochufer des Grenzflusses. Die Wehranlage zu Beonfirn bot nicht nur der Baronie Brachfelde Schutz. Sie gehörte auch zu Olats Wacht und bildete das eine Ende des wiedererrichteten Befestigungswalls, mit dem schon Olat der Bogner vor beinahe 1000 Götterläufen seine Grafschaft gegen die Schrecken des angrenzenden Nebelmoors beschirmte. Olats Wacht setzte in Bärwalde die Turmkette der Finsterwacht fort, die sich entlang der Hänge des Finsterkamms erstreckte. Ihre wehrhaften Ritter hielten nach den Feinden des Herzogtums Ausschau und warnten mit ihren Signalfeuern vor Angriffen und Überfällen. 

Der Baron seufzte. Den Mittfünfziger mit den kühlen blauen Augen, dem rotblonden Haar und dem gepflegten Vollbart hielten viele mehr für einen phexfrommen Freund der Händler und Krämer, denn für einen Mann des Schwerts – obwohl er für Weiden schon in zahlreichen Schlachten gekämpft hatte. Doch die Sicherung der Grenzen war ihm ebenso oberste Pflicht wie zuvor seinem Vater Valgor dem Schmied, der in der Schlacht vor Ysilia sein Leben für Weiden gelassen hatte. Die Brachfeldener „Neuadligen“ waren treue Vasallen der weisen Gräfin zu Bärwalde. So hatte Gamhain auch darauf hingewirkt, dass die teils zu Ruinen verfallenen Türme entlang des Nebelmoors nach und nach erneuert wurden, bis Walderia von Löwenhaupt schließlich 1030 BF seinem Vorschlag folgend Olats Wacht begründete. 

Der Blick des Barons wanderte zu den unheilverkündenden Wipfeln des von Elf und Mensch gleichermaßen gemiedenen Tauberwalds und weiter zum schier endlosen, dunstverhangenen Nebelmoor mit seinen modrig-fauligen Sumpflöchern und schwarzen Tümpeln. Es schauderte den Baron beim Gedanken an die Irrlichter, Sumpfranzen und noch schlimmerer Kreaturen, die hier lauerten. Gleichzeitig wusste er, dass das todbringende Moor ein wichtiges Bollwerk gegen die alten Feinde der Menschen war. Dennoch war es nur eine Frage der Zeit, bis die Schwarzpelze wieder so erstarkt waren, dass sie erneut das Herzogtum angriffen. 

Jetzt musste man auf alles gefasst sein! Der Schneehager war nicht der Einzige, der sich Scharmützel mit den Orks lieferte, aber der Zeitpunkt erschien Gamhain schlecht gewählt. Auf dem Baronsrat hatte Gamhain noch auf Firian eingeredet, den er trotz mancher Meinungsverschiedenheiten als Freund betrachtete und ob seiner geradlinigen, poltrigen Art schätzte. Eigentlich hatte man sich doch mehrheitlich auf folgendes Vorgehen verständigt: Die Aktivitäten der Orks im Finsterkamm und am Rande des Nebelmoors auskundschaften. Die Türme weiter befestigen und soweit es ging stärker bemannen. Eine schnelle Weitergabe von Meldungen über Angriffe entlang der Finsterwacht bis zum Grafenhof in Olat und weiter zur Bärenburg in Trallop sicherstellen. So zumindest hatte es der Brachfeldener verstanden. Firians Vorschlag dagegen, mit aller Härte gegen die Schwarzpelze vorzugehen und sie durch einen gemeinsamen Angriff so zu schwächen, dass sie künftig keine Gefahr mehr darstellten, war von den Baronen Weidens abgelehnt worden.

Doch Firian kannte die Heimtücke des Feinds, der jenseits der Finsterwacht die Klingen wetzte. Er ahnte, dass die Orks zum großen Schlag ausholten. Er wusste um die Angst der Trutzer vor einem erneuten Orkensturm. Seine Sorge ließ ihn weiter stur an seinem Vorhaben festhalten. Schließlich sah er sich in der Tradition eines uralten Adelsgeschlechts, das das Herzogtum seit jeher mit Schwert und Schild gegen die Orks verteidigte. Wie seine Vorfahren vor ihm würde auch der Böcklin jederzeit sein Leben geben, sofern es endlich gelänge, dem Ork für alle Zeiten Einhalt zu gebieten. Er konnte und wollte nicht verstehen, warum die anderen Barone nicht ebenso dazu bereit waren. Mit grimmiger Entschlossenheit hatte er daher in kleinem Kreis verkündet, die Orks so bald wie möglich anzugreifen, und die wenigen, die nach dem unerfreulichen Baronsrat noch mit ihm zu sprechen bereit waren, um Unterstützung gebeten. Doch nicht nur Gamhain war klar gewesen, dass dieses Vorgehen nicht von Erfolg gekrönt sein würde.

Der Alleingang des Schneehagers kam daher nicht völlig überraschend. Wie ein Späher berichtete, hatte Firian mit seinen besten Rittern ein Winterlager der Gharrachai im Finsterkamm überfallen und bis auf den letzten Ork niedergemacht. Offenbar war der Angriff gut vorbereitet, denn nur wenige seiner Leute hatten ihr Leben lassen müssen, darunter die Gemahlin des urgewaltigen Ritters Ewein Böcklin. Unterstützung hatte er wohl auch von Bogenschützen der befreundeten Bärenherzhüter-Sippe erhalten. Und dass sogar Hexen hasserfüllte Zauber gegen den Feind geschleudert haben sollen, war schier unglaublich.

Seinen düsteren Gedanken nachhängend erinnerte sich Gamhain an den letzten Orkensturm. Als die feindlichen Horden über Weiden hereingebrochen waren, hatten sie auch in Brachfelde allzu viele Menschen niedergemetzelt und Dörfer gebrandschatzt. Balsaith war zwar belagert, aber nicht erobert worden, ebenso wie Olats Feste im Mittenbergischen, wo Gräfin Walderia mit ihren Rittern des Hains ausharren musste.
‚Welchen Blutzoll wir gezahlt haben!‘, dachte Gamhain verbittert. Sollte sich das alles jetzt noch einmal wiederholen? Hatte der Schneehager mit seinem Hass die letzten Tropfen Öl ins Feuer der Orks geschüttet, die nun ihre Fackeln der Rache heiß und unauslöschlich lodern ließen? Oder hatten sowieso schon höhere Mächte entschieden, dass ein Kriegszeug blutgeifernder, mordender Schwarzpelze unausweichlich war?
Gamhain fuhr aus seinem Trübsal hoch, da er in der Ferne Kriegstrommeln zu vernehmen glaubte – doch es war lediglich ein Widerhall aus schrecklichen Erinnerungen. „Es hat begonnen“, sprach er tonlos. 

Neben dem Baron standen zwei weitere Männer an der Turmbrüstung neben der Signalvorrichtung und trotzten mit ebenso finsteren Mienen der Firunskälte. Der eine war Rondrasil Eichenstein von Brachfelde, Gamhains Erstgeborener und seit 1044 BF Junker zu Beonfirn. Mit seiner imposanten, kräftigen Statur, den rotbraunen Locken, dem markanten, bärtigen Gesicht und den wachen, graublauen Augen erinnerte der junge Mann stark an seinen Großvater, Valgor den Schmied. Rondrasil hatte bei Baron Firian seine Knappenschaft geleistet, so dass es nicht überraschte, dass er ebenfalls vom Hass auf die Orks getrieben schien. Auch wenn er danach strebte, nach den alten Weidener Rittertugenden zu leben, hatte er manch kühne Ideen, die man andernorts in Weiden keinesfalls guthieß. So hatte er ausgerechnet die Söldner vom Sturmbanner damit beauftragt, eine Schar von Kundschaftern auszubilden. Mit Erfolg, denn „Grimmharts Luchse“ waren nun in der Lage, von Beonfirn aus ungesehen ins Feindesland vorzudringen, um die Schwarzpelze auszuspähen und notfalls auch gezielt Angriffe zu unternehmen.   

Der dritte im Bunde war ein sehr großer, kräftiger Mann Mitte Vierzig mit wilden, dunkelblonden Locken und traurig schimmernden, graugrünen Augen. Über seiner Kettenrüstung trug er einen Wappenrock mit einem goldenen Turm auf schwarzem Grund. Refardeon von Rothwilden war Ritter von Olats Wacht auf der Nebeltrutz. Auch er hasste die Orks. 1011 BF hatten sie das in Gräflich Reichsend gelegene Gut seines Onkels zerstört, seine Mutter getötet und seine Schwester Rovena, die heutige Baronsgemahlin zu Dergelquell, verschleppt. Viele Götterläufe hatte Refardeon gemeinsam mit den Rittern der Finsterwacht Scharmützel gegen die Schwarzpelze gekämpft und andere schwierige Situationen im Finsterkamm gemeistert. So zögerte der leidenschaftliche Recke auch nicht, als Gräfin Walderia ihn zum Ritter von Olats Wacht berief. Doch nun stand zu viel auf dem Spiel!
„Wir müssen äußerst wachsam sein!“, mahnte er den jungen Rondrasil, der seinen Rat schätzte. „Wir sollten Grimmharts Luchse schicken, um jenseits des Tauberwalds nach den Orks zu schauen. Auch sollten wir mit den Schwanenhütern und Lilienbringern sprechen.“

Rondrasil nickte langsam. Auch wenn er sich dabei ertappte, seinem früheren Schwertvater Firian für die erfolgreiche „Jagd“ im Finsterkamm Respekt zu zollen, so wagte er nicht, dies gegenüber seinem Vater, dem Baron von Brachfelde, zum Ausdruck zu bringen. Die Lage würde sich in den nächsten Götternamen gefährlich zuspitzen, darin waren sie sich alle einig. Der junge Junker zu Beonfirn spürte in diesem Augenblick die volle Last der Verantwortung auf seinen Schultern. Welche Entscheidungen waren zu treffen, um ausreichend vorbereitet zu sein auf das, was auch immer kommen mochte? Er atmete langsam und tief ein und aus, wie es ihm Adaque beigebracht hatte. Die schöne Baronsgemahlin, an der er einst sein Herz verloren hatte. Ihm wurde bewusst, in welch große Gefahr ihr Gemahl sie gebracht hatte.
„Ja, die Luchse sollen unsere Augen und Ohren sein“, stimmte er zu. „Und wir brauchen mehr Waffenknechte auf den Palisaden und Türmen! Ich lasse auch nach dem Sturmbanner schicken, jede erfahrene Schwertarm zählt.“ Dann wandte er sich an seinen Vater und fragte leise: „Soll ich mit Firian sprechen?“

Baron Gamhain schüttelte müde den Kopf: „Das hat keinen Zweck mehr. Er geht seinen eigenen Weg, auch wenn er damit nur Feuer ernten wird. Für sich und für uns alle.“ 
Es dauerte lange, bis er fortfuhr: „Ich lasse die Brachfeldener Bogner zu Waffenübungen rufen. Deine Mutter wird zum Rhodenstein reiten und ich, ich werde mit den Gräfinnen sprechen. Wir brauchen mehr Schwertarme für Olats Wacht!“