Dramatis Personae

Grafenhof Olat, Baronie Mittenberge, Rondra 1046 BF.

Am ersten Tag der Feierlichkeiten zum 90. Tsatag der Altgräfin Walderia von Löwenhaupt auf Olats Feste war das Volk in froher Bewegung. Auf der Turnierwiese vor den Palisaden von Olat hatte zunächst das Bognerfest stattgefunden – zu Ehren Olats, des ersten Grafen Bärwaldes und Erbauer des Walls entlang des Finsterbachs, der heute mit den Türmen von Olats Wacht die Finsterwacht verlängert. Am Nachmittag versammelten sich die Menschen erneut auf der Festwiese vor dem Ort, um den Wettstreit der Barden und Geschichtenerzähler zu erleben. Unter wehenden Bannern und im strahlenden Licht der Praiosscheibe traten Sänger und Erzähler aus der ganzen Grafschaft auf.

Unter ihnen befanden sich auch die beliebte Yolanda von Brachfelde aus dem Sängerkreis Feenklang mit ihrem Neffen Leonil Eichenstein von Brachfelde, dessen außergewöhnliches Talent sie früh entdeckt hatte. Noch als Page auf Olats Feste war er Meister Eisewyns Schüler geworden. Der Hofbarde, der die Liebe der Altgräfin zu Liedern und Legenden teilte, lehrte den Jungen, in der Tradition Aldifreids zu singen und Laute zu spielen. Später auf der Bärenburg von Trallop beendete Leonil seine für ihn unerquickliche Knappenzeit. Als Schüler des Meistersängers Arve vom Ochsenwasser vervollkommnete er sein Lautenspiel und übte sich in Verskunst und höfischen Manieren. Leonils Lieder zeugten von feinsinnigem Humor, einer Prise Überheblichkeit sowie einer genauen Beobachtungsgabe. Oft regten sie seine Zuhörer dazu an, über allzu Selbstverständliches nachzudenken. Viele sagten, seine Klarheit sei so erfrischend wie der erste Frühling nach langen Nebeln.

Am Abend nach dem Bardenwettstreit trafen die adligen Gäste auf Olats Feste ein. Der rötliche Schein der untergehenden Praiosscheibe legte sich warm über die Mauern der Burg und ließ die dunklen Wasser des Neunaugensees erglimmen. Der einsetzende Wind trug den Klang der Fanfaren weit hinaus und ließ die silber-grünen und schwarz-gelben Banner flattern. Die Altgräfin hatte ihre Gäste zu einem Bankett geladen: Gräfin Griseldis mit ihrer Familie, ihren Großneffen Prinz Arlan von Löwenhaupt, Gwynna die Hex‘, die Grafen von Heldentrutz, Sichelwacht und Baliho, ihre Barone sowie Gesandte aus Gareth, dem Kosch, den Nordmarken und Albernia. Sie alle waren gekommen, um der weisen Walderia ihre Ehrerbietung zu erweisen.
Auch die Familie des jungen Leonil reihte sich ein in die erlesene Schar der Gäste: Anwesend waren sein Vater, Baron Gamhain von Brachfelde, ein Mann, der sich auf listenreiches Verhandeln verstand, seine Mutter Fann Mythrash von Trallop, eine unerschrockene Chronistin des Rhodensteins, sein älterer Bruder Rondrasil von Eichenstein, Junker zu Beonfirn, sowie seine Tante Yolanda von Brachfelde, die am Nachmittag als eine der besten Barden geehrt worden war, wenn auch nicht als Siegerin.

Im Hof von Olats Feste vermischten sich Stimmen, Lachen und Musik zu einem warmen Klang. Kerzen spiegelten sich in den Bechern, während der Duft von Wildbret, Wein und Harz die warme Luft erfüllte. Während Leonil aufmerksam die Gäste beobachtete, um nach bekannten Gesichtern zu suchen, bemerkte er eine junge Frau, die ihn sogleich in ihren Bann schlug. Sie war groß und schlank und trug ein edles Kleid in dunklem Grün. Ihr langes, braunes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern und ihre Augen leuchteten wie ein klarer Nachthimmel nach einem Gewitter – tief, still und voller Geheimnisse. Es war Minerva von Finsterborn, Baroness zu Urkentrutz. Ihre Mutter, Baronin Lyssandra, weilte auf Reisen und hatte ihr derweil die Verwaltung der Baronie anvertraut. An ihrer Seite stand Ritter Oberon von Uhlredder, ihr Schwertvater, der sie väterlich beschützte. Als Leonil nähertrat, spürte er den prüfenden Blick des grimmigen Veteranen. Doch Minerva neigte leicht den Kopf zur Begrüßung. „Ihr seid der Sänger von Brachfelde?“, fragte sie bedacht, um ihre Neugier nicht zu offenbaren. „Euer Lied heute hat auch mein Herz berührt.“
„Dank Euch, edle Baroness“, antwortete Leonil und begegnete mit seinen grünen Augen kühn ihrem sanften Blick. „Denn ohne Euer Zuhören wäre mein Lied nur ein Schatten dessen gewesen, was es sein durfte.“
Minerva erwiderte den Blick in die Augen des jungen Barden. Es schien ihr als blicke er direkt in ihr Herz. Und sogleich spürte sie, wie es aufgeregt in ihrer Brust pochte. Ritter Oberon schnaubte vernehmlich. „Wenn Ihr so sprecht, wie Ihr singt, Junge, dann fürchte ich um so manches Herz auf diesem Fest.“
In Minervas Blick blitzte hingegen ein Lächeln auf, in dem der Anfang von etwas lag, das größer war als Worte. Fortan ließ sie den jüngeren Spross des Brachfelder Barons nicht mehr aus den Augen. 

Am zweiten Tag, während das Lanzenstechen vor den Palisaden Olats stattfand, suchten Leonil und Minerva immer wieder die Nähe zueinander. Zwischen Trompetenstößen und dem Krachen der Lanzen tauschten sie Blicke und Worte aus und scherzten über die ungläubigen Gesichter der Zuschauer, wenn der wackere Prinz Arlan wieder einen ihrer Favoriten in den Staub schickte.
In den Pausen erzählte Minerva von Urkentrutz, ihrer Heimat: „Unsere Baronie liegt zwischen den dunklen Wäldern des Blautanns und den rauschenden Wassern des Finsterbachs. Der Nebel dort ist eigensinnig, als würde er die Wege zählen, die man beschreitet. Die alten Bäume flüstern im Wind, und manche Pfade sind nur den Mutigsten zugänglich. Wer Urkentrutz kennt, trägt die stille Kraft des Schattens im Herzen – und sie bleibt, selbst wenn man weit weg ist.“
Der junge Brachfeldener mit den nackenlangen, verwuschelten Haaren hing an ihren Lippen, fasziniert von der geheimnisvollen Schönheit ihrer Heimat, so wild, so still und doch voller Leben wie die Baroness selbst.
Am Abend erstrahlte Olats Feste im Licht von Kerzen und Fackeln. Wunderbare Musik, von Lauten, Harfen, Trommeln und Flöten gespielt, erfüllte den Hof. Es schien, als würde die Luft selbst zum Klingen gebracht. Leonil trat an Minervas Seite, und als sich ihre Hände schüchtern fanden, schien für beide die Welt stillzustehen. Hand in Hand lauschten sie den Klängen. 
Schließlich fasste sich der Baronet ein Herz und bat Minerva zum Tanz. Zunächst waren ihre Schritte noch verhalten, doch bald verschmolzen sie mit der Melodie zu einem Tanz, der leicht, fließend und voller Hingabe war. Vergessen waren die anderen Festgäste, die neugierig das junge Glück beobachteten.
„Verbindet uns nicht mehr als dieser eine Tanz?“, flüsterte Leonil, als er die Baroness an ihren Platz zurückführte, misstrauisch beäugt von Ritter Oberon.
Aber Minerva lächelte nur verlegen, senkte den Blick und antwortete nicht, zu überwältigt von ihren Gefühlen. Rasch verabschiedete sie sich von dem enttäuscht wirkenden Barden und ließ sich vom wachsamen Oberon zu ihrem Zelt geleiten. Erst dann wurde ihr klar, dass sie etwas gefunden hatte, das sich nur unzulänglich in Worte fassen ließ.

Am nächsten Morgen wich der dichte Nebel nur träge dem ersten Licht des Tages. Beklommen und mit schwerem Herzen standen sich die beiden Liebenden am Tor von Olat gegenüber. Unvermeidlich war der Abschied und ungewiss, wann sie sich wiedersehen würden. Die Pflichten riefen Minerva nach Urkentrutz zurück, während Leonil dem Prinzen Arlan nach Trallop folgen musste, um auf der Bärenburg von Walderias Fest zu berichten.
„Euer Lied wird mich begleiten, Leonil“, sagte Minerva leise, beinahe versagte ihr die Stimme, so sehr wünschte sie sich, dass er sie begleiten könnte.
„Und Euer Blick wird mich führen, wenn der Weg dunkel wird“, antwortete er und merkte, wie sehr er ihre Nähe vermissen würde. 
Minerva spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Um sich keine Blöße zu geben, schlang sie schnell die Arme um den Brachfeldener. Eine kurze Umarmung, die von ihren überraschten Begleitern gerade noch als schicklich erachtet wurde. Dann trennten sich ihre Wege – sie gen Süden, er gen Osten.
Und manch einer am Ufer des Neunaugensees glaubte eine Melodie zu hören, die der Wind über das Wasser trug  – sanft, klar und unvergänglich wie der Nebel über dem Moor.