Vom Sturz eines ... Marschalls
Burg Schwarzenstein, Ingerimm 1033 BF

"Störe ich gerade?" Dädalon Grotelfsen stand in der halb geöffneten Tür des kleinen Bibliothekraumes der Burg. Unmengen an Schriftrollen und etliche Bücher, zumeist alt und abgegriffen, füllten die dunklen, eichenhölzernen Regale, die ringsum die gesamte Wandfläche bedeckten und nur die mit Beschlägen und groben Schnitzereien verzierte Tür und das geöffnete Fenster freiließen. Von hier aus reichte der Blick über die Westhälfte des Schwarzensteingrunder Tales bis fast nach Altenburg. In Raummitte stand ein Eichentisch, der ausladend genug war, um auch größere Pergamente und Karten darauf entrollen zu können. Zum Festhalten der Blätter lagen ein paar hübsch gefärbte, etwa faustgroße Steinkiesel aus dem Bett des Rathilflusses bereit. Etwas beiseite gerückt erblickte man einen dreiarmigen Tisch-Kerzenständer und ein kleines Schreibset mit Tintenfässchen, zwei Schreibfedern und einem Kästchen Löschsand. Ein V-förmiger Lesepult-Aufsatz, der augenblicklich an der Seite des Tisches lehnte, diente dem schonenden Lesen von Büchern. Ein schmiedeeiserner, fünfflammiger Stand-Kerzenleuchter und zwei einfache, hölzerne Stühle, auf denen ein an den Seiten mit Trotteln behangenes Sitzkissen lag, vollendeten die Einrichtung des Raumes.
Baron Thûan Fîrnbold von Erlbach, der gerade über ein Pergament gebeugt hinter dem Tisch stand, schaute auf. "Nein, komm ruhig rein." Mit einer Handbewegung deutete er auf einen der Stühle.
Dädalon faltete das Blatt Papier, das er in den Hand gehalten hatte, auseinander und reichte es dem Baron. "Dies hier wollte ich Euch zeigen. Ein Artikel über Fenn, den Drôlenhorster. Er soll in der kommenden Ausgabe der Gazette Fantholi erscheinen und mir wurde versichert, dass alles darin der Wahrheit entspricht. Ich habe in Trallop zufällig davon vernommen und dann ein paar Heller hingelegt, um für Euch einen Vorabdruck von der Mitteilung zu bekommen."
Baron Thûan nahm auf dem andern Stuhl Platz und begann zu lesen. Er hatte etwas Mühe, denn die gedruckten Schriftzeichen auf dem Papier waren ein wenig verwischt und hatten schemenhafte, spiegelverkehrte Abdrücke hinterlassen, so als hätte man das Blatt gefaltet, als die Druckertinte noch ein wenig feucht gewesen war.
Als Thûan am Textende anlangte, drehte er kurz das Blatt, um sich zu vergewissern, ob nicht vielleicht auf der Rückseite noch etwas stand. Als das nicht der Fall war, schaute er Dädalon an. "Fenn war also ein Reichsverräter. Soso. Ehrlich gesagt habe ich immer schon vermutet, dass seine Läuterung damals durch die Wüstenei nicht von Dauer sein würde. Erinnerst du dich noch, als ich schon damals nach der Großen Turney, wo wir ... na, du weißt schon ... . Da hatte ich schon gesagt, dass Fenn als ehemaliger Räuberbaron seine Wurzeln sicher nicht vergessen hat und daher genau der richtige Mann für das geplante Unternehmen sei. Als Fenn dann bei der Heimesnacht der Travia in Eslamsgrund praktisch mit den Dukaten nur so um sich geworfen hat, war das – zumindest für mich – die Bestätigung meiner Vermutung, dass er wieder auf seinen alten Pfaden wandelt. Wer weiß, wie viele arme Bauern er in den Wilderlanden erpresst und wie viele Reisende er geplündert hat, um so viel Gold in sein Säckel zu horten. Aber nicht nur das. Vermutlich war er sogar für den Tod des herzoglichen Herolds drunten bei Salthel verantwortlich. Ein Mord, der Terkol angelastet wurde."
"Fenn hat den Herold Walpurgas ermordet?" Dädalon war sichtlich erstaunt.
"Nein", Thûan schüttelte den Kopf, "Er selbst sicherlich nicht. Aber es geschah sehr wahrscheinlich in seinem Auftrag."
"Verzeiht", Dädalons Gesicht nahm einen skeptischen Ausdruck an, "aber wie kommt Ihr darauf? Und habt Ihr Beweise?"
Thûan seufzte. "Nein, wirklich beweisen kann ich das nicht. Leider. Ansonsten hätte ich da auch schon etwas unternommen."
"Aber wie kommt Ihr darauf, dass Fenn das getan haben könnte?" fragte Dädalon neugierig.
"Das war Zufall", antwortete der Baron. " Sogar ein ziemlich unwahrscheinlicher, will ich meinen. Aber das ist wohl eine längere Geschichte ..."
"Ich ... also, wenn es Euch nichts ausmacht ... ich höre gern Geschichten." Dädalons Interesse war unzweifelhaft geweckt. Auffordernd blickte er den Schwarzensteiner an.


Der Beginn einer Intrige
Burg Schwarzenstein, Ingerimm 1033 BF

"Na gut." Thûan lachte kurz, begann dann aber zu erzählen: "Schon damals, als wegen des Mordes am Herold zur Jagd auf Räuberbaron Terkol geblasen wurde, habe ich gesagt, dass Terkol kaum so töricht gewesen sein konnte, den herzoglichen Herold ohne Not abzuschlachten. Dummerweise war Sindaja – die Silkenauerin, Terkol hatte sozusagen in ihren Armen sein Leben ausgehaucht – erst gut ein Jahr später, als wir bei einem Zusammentreffen mit Odilbert in Salthel über die alten Zeiten plauderten, damit herausgerückt, dass Terkol ihr noch zugeflüstert hätte, dass er für viele verwerfliche Taten verantwortlich sei, aber wir wegen des Herolds den Falschen gerichtet hätten. Sindaja hatte es wohl als Lüge abgetan und dem daher keine weitere Beachtung geschenkt.
Ich hingegen wurde hellhörig, zumal ich ja sowieso schon arge Zweifel an Terkols Heroldsmord hegte. Und warum sollte jemand, der genau weiß, dass er im Sterben liegt und das Rauschen von Golgaris Schwingen schon vernimmt, noch lügen? Nein, Terkol hatte Sindaja die Wahrheit gesagt, da bin ich mir absolut sicher. Gleich am nächsten Morgen bin ich daher bei Markverweser Ralmir gewesen, um mir das Bekennerschreiben Terkols an dem Mord noch einmal anzuschauen. Es gab zwar noch etliche andere Schriftstücke aus Terkols Feder, aber das gesuchte Schriftstück war leider nirgends mehr auffindbar. Mir fiel bei den anderen Niederschriften jedoch sofort auf, dass Terkol über fast jedem 'u' ein kleines Häkchen gesetzt hatte, um es besser von einem 'n' unterscheiden zu können. Das erinnerte mich schon auf den ersten Blick sofort an meinen Vater, denn auch seine Schriftstücke trugen diese Eigenart, und genau diese Parallele wäre mir damals ebenso widerfahren, wären solche Häkchen auf Terkols Schrieb vorhanden gewesen. Damals hatte mich jedoch nichts an Vater erinnert und ich bin mir zudem völlig sicher, dass die Häkchen auch tatsächlich nicht vorhanden gewesen waren.
Leider blieb der schriftliche Beweis weiterhin verschollen, so sehr sich die Schreiberlinge auch Mühe gaben, das Schriftstück zu finden. Jemand aus der Amtsstube meinte sich jedoch erinnern zu können, dass wir Terkols Schreiben damals zwar mitgenommen aber nicht wieder zurückgebracht hätten. Wahrscheinlich hatte Fenn es verschwinden lassen, er war ja damals dabei, aber selbst dieses eine Jahr danach hegte ich in dieser Sache noch keinerlei Verdachtsmomente gegen ihn. Die kamen erst viel später, und das war ein wirklich großer Zufall, wie einem es die Götter nur ganz selten bescheren."


Blütentreiben
Burg Schwarzenstein, Ingerimm 1033 BF

Thûan fügte eine kurze erzählerische Pause ein, um die Spannung zu steigern. Erwartungsvoll vorgebeugt harrte Dädalon auf die Fortsetzung. Thûan musste unwillkürlich lächeln. Er fuhr fort: "Es waren noch einmal zweieinhalb Jahre ins Land gegangen. Ich hatte einen kleinen Tross mit Steuereinnahmen bis ganz nach Baliho hinunter gesandt, da ich mir dort einen deutlich höheren Erlös beim Verkauf einiger Dinge versprach, meist Eisenwaren und Waffen. Herdan hatte den Tross zu leiten, aber irgendwo auf dem langen Weg unterwegs verbaselte er das Pergament, das ich ihm hatte mitgeben lassen und das belegte, dass er in meinem höchstbarönlichen Auftrag zum Zwecke der Steuerumwandlung in Münzen die mitgeführten Waren verkaufte. Die Reichsstadt Baliho besaß einen Vertrag mit den Nordmarken, der Nordmärker Händlern einen Exklusivverkauf bestimmter Waren zugestand. Aber auch darüber hinaus verkauften diese Händler noch Dinge und sahen es natürlich nicht gern, wenn Konkurrenz, zudem noch weit hergereiste, auf dem Markt auftauchte und durch das größere Angebot die Preise herabdrückte.
Mein Pergament war praktisch der Garant, dass meine Leute dort keinen Ärger bekamen, denn es besagt, dass wer Hand an meine Ware oder meine Leute legte, damit zugleich Hand an mich, einen ehrbaren Baron Weidens, gelegt hätte. Aber Herdan hatte diese Sache ja nun verbinsböckelt. Ohne das gesiegelte Schriftstück war der Ärger geradezu unvermeidbar, und so kam es dann mehr oder weniger auch. Muss ein ziemliches Gelächter gegeben haben, als Herdan – du weißt ja, er ist oft etwas theatralisch veranlagt – ganz großspurig mein Schreiben präsentieren wollte, aber das Ding dann nicht fand. Jedenfalls hatte Herdan – oder einige von meinen Leuten, Mantissa war da ja auch mit und die haut erst zu und fragt dann, wenn überhaupt – den Marktvogt anscheinend so sehr verärgert, dass dieser ihn daraufhin samt komplettem Tross vor die Stadtmauern bringen ließ und erklärte, dass er erst wieder etwas innerhalb der Stadt – inklusive der Bannmeilen drum herum – verkaufen dürfe, wenn er mein Schreiben vorlegen könne.
Da war guter Rat erstmal teuer, aber Herdan ist nicht dumm. Und gerade in brenzligen Situationen durchaus erfinderisch. Er dachte sich, dass Baliho eine große Stadt ist, da gibt es viele Leute und dementsprechend nicht nur viel Licht, sondern auch viel Schatten. Also ist er in Begleitung von Jana und Mantissa losgezogen und hinein in die übelsten Kaschemmen Balihos, um jemanden aufzutreiben, der ihm einen neuen barönlichen Schrieb anfertigt. Und die Drei hatten tatsächlich Glück. Schon einen Abend später hatte Herdan eine Verabredung in einer düsteren Gasse. Sein Gegenüber trug einen Kapuzenumhang und führte ihn, wohl um ihn zu verwirren, kreuz und quer durch enge Gassen und Hinterhöfe und schließlich zu einer Fälscherwerkstatt, wo die Gestalt fast wie ein Schatten verschwand, nachdem Herdan ihr die versprochenen sechs Silbertaler gegeben hatte.
Beim Fälscher selbst brauchte Herdan nur wenig Überredungskunst, denn der schien ziemlich betrunken und hatte wohl auch den Zoff Herdans auf dem Marktplatz mitbekommen, sodass er ihn schnell als glaubwürdigen Kunden akzeptierte. Herdan erklärte dem Fälscher, dieser hieß Aarfold, wie das Schreiben ungefähr aussah und was inhaltlich darauf geschrieben stehen musste. Herdan kann zwar nicht lesen, aber ich betraue ihn recht häufig mit Verkäufen und daher kannte er den Inhalt von den anderen Schreiben. Die Schrift spielte auch keine Rolle, da ich solche Schreiben nicht selbst aufsetze, wofür hat man schließlich seine Leute. Einzig das Siegel zählte. Nun, so einen gezinnten Turm mit einem Bergfels darunter bekommt scheint’s auch ein stark angetrunkener Fälscher noch recht einfach hin, jedenfalls soll es ziemlich echt ausgesehen haben, meinte Herdan.
Auch der Marktvogt hielt es für echt, und gab dem Verkauf wieder statt. Ich hätte diese Fälschung zugegebenermaßen auch gern mal gesehen, aber die hat der liebe Herdan auf dem Rückweg dann dem Feuer anvertraut, denn eigentlich sollte ich nichts davon erfahren. Herausgekommen ist die Sache aber dann doch. Amtsrat Chezlemrabdullah merkte nämlich, dass bei der Abrechnung etwas fehlte. Soviel Tierfutter, wie Herdan ihm angegeben hatte, konnten die Ochsen kaum gefressen haben und die Zölle lagen ebenfalls deutlich über dem, was für die anderen Trosse sonst immer angefallen war. Als ich Herdan dann zur Rede stellte, rückte er Stück für Stück mit der Wahrheit heraus. Ich musste ihm fast jedes Wort aus der Nase ziehen. Irgendwie tat er mir ja leid. Wie ein zusammengesunkenes Häuflein Elend stand er da, aber was er gemacht hatte, konnte ich ihm so natürlich nicht durchgehen lassen. Einerseits hatte er nur ein verlorenes Dokument wiederherstellen lassen, andererseits erfüllte es durchaus den Tatbestand einer Fälschung. Ich habe ihm also eine gehörige Standpauke gehalten und als ich ihn dann zu mehreren Wochen Schieferbruch verdonnern wollte, platzte er damit hervor, dass er durch diese Sache jedoch erfahren hätte, dass Baron Fenn den Herold hatte umbringen lassen."


Einstürzende Kartenhäuser
Burg Schwarzenstein, Ingerimm 1033 BF

"Was?!" rief Dädalon verdutzt.
"Ja, ja", bestätigte Thûan. "Ich war darüber bestimmt nicht minder erstaunt als du jetzt. Diese plötzliche Eröffnung kam damals mehr als überraschend für mich. Also durfte Herdan mir weiter Rede und Antwort stehen und mir auch diese Geschichte erzählen. Nun, du kennst ja Herdan, der redet immer recht viel und kam nebenbei mit dem Fälscher ins Gespräch. Dessen Zunge war sicherlich auch vom Alkohol gelockert, denn er brüstete sich mit etlichen Fälschungen, die er schon angefertigt hätte und die niemals aufgeflogen waren. Er hatte sogar Duplikate von wichtigen Schreiben angefertigt, von denen er Herdan einige zeigte – sicherlich nur um damit vor ihm anzugeben. Wie gesagt, Herdan kann zwar nicht lesen, aber er kennt etliche Wappen, und als er das Siegel derer von Buchenbruch erkannte, fragte er nach. Aarfold erklärte ihm, dass das Terkols Geständnis am Mord an einem herzoglich-weidener Herold sei, und lachte dann so heftig, dass er einen Hustenanfall bekam. Dabei, so erklärte er weiter, wäre es der Drôlenhorster Fenn gewesen, der den Herold durch gedungene Mörder beseitigt habe und der auch dieses Geständnis Terkols bei ihm beauftragt hatte. Das Duplikat hätte Aarfold gemacht, falls Fenn auf irgendwelche dummen Gedanken käme, denn er würde den Räuberbaron noch von früher kennen und wusste, wie hinterhältig der sein konnte."
"Habt ihr das alles nicht gleich der Herzogin gesagt?", wollte Dädalon wissen.
"Nein, ich wollte mir selbst letzte Gewissheit verschaffen, bevor ich jemanden beschuldige. Auch wenn ich persönlich schon fest überzeugt davon war, dass diese Sache der Wahrheit entsprach. Ich musste sowieso mal wieder auf die Bärenburg nach Trallop, mich um die herzoglichen Getränkevorräte kümmern, und bis Baliho war es von da aus ja nicht mehr allzu weit."
"Und", wollte Dädalon wissen, "war es tatsächlich eine genaue Abschrift des besagten Geständnisses?"
"Tja", der Baron zuckte mit den Schultern, "leider hielt ich mich drei Tage in Trallop auf, bevor ich die Reichsstraße hinunter weiter nach Baliho ritt. Wäre ich ohne Aufenthalt sofort geritten, hätte ich diese Abschrift vielleicht noch bekommen können, so aber war es halt Pech. Herdan – der war natürlich mitgekommen, ebenso wie Jana und Mantissa – brauchte mehrere Anläufe, bis er seinen damaligen Weg durch die Gassen wiederfand. Immerhin schaffte er es letztlich und wir standen in dem Hinterhof vor der Fälscherwerkstatt – zumindest vor dem, was davon noch übriggeblieben war. Die Hinterhofhütte war zwei Nächte zuvor komplett niedergebrannt. Alles war ein Raub der Flammen geworden, selbst die Bodenbalken waren zu Holzkohle zerfallen. Bei den Metallteilen ließ sich zwar noch erkennen, was es wohl einst gewesen sein mochte, von Pergamenten oder Siegelwachs hingegen war keine Spur mehr zu entdecken, da war nichts mehr von übrig.
Die Nachbarn vermuteten, dass Aarfold mal wieder betrunken gewesen sei und im Suff wohl ein Licht umgestoßen hatte, ohne es zu bemerken, und dann eingeschlafen war. Da die Hütte eh nicht mehr zu retten gewesen war, als das Feuer bemerkt wurde, versuchte man nur noch mit aller Kraft, ein Übergreifen der Flammen auf die anderen Gebäude zu verhindern und ließ Aarfolds Hütte einfach niederbrennen. Erst am Morgen des Tages, an dem wir in Baliho eingetroffen waren, hatte man dann die Überreste Aarfolds aus dem erkalteten Haufen aus Schutt und Asche geborgen und den Boroni übergeben.
Zuerst habe ich noch auf einen versteckten Keller gehofft, aber die Hütte besaß keinen Keller, ansonsten hätten meine Leute und ich den Zugang bestimmt gefunden. Aber so ... Keine Abschrift und auch kein Aarfold, den man noch hätte befragen können. Und damit auch kein Beweis mehr gegen Fenn. Aber was soll’s. Nun hat ihn letztlich doch die gerechte Strafe für sein Tun ereilt – und Retons Waage ist unbestechlich, da windet Fenn sich nicht mehr heraus."
-hjk-