Die Versorgungslage in Aventurien weicht aus offensichtlichen Gründen weit von dem ab, was uns aus unserer modernen Gesellschaft bekannt ist. Das Setting wird in "Handelsherr und Kiepenkerl" trefflich beschrieben: Weite Teile der Bevölkerung im Mittelreich leben in einer dauerhaften Mangelsituation. Schuhe, Kleidung, Kessel und sonstigen Alltagegegenstände werden geflickt, bis sie auseinanderfallen und wenn sie das tun, werden sogar die Einzelteile noch verwertet.
Auf den Markt gehen und sich Ersatz kaufen, wenn etwas kaputtgeht, ist keineswegs der Normalfall, sondern die große Ausnahme --- es sei denn man wohnt in einer Stadt. Die Leute auf dem Land haben Glück, wenn sie in einer größeren Ortschaft leben, wo es einen Handwerker gibt, der ihnen (idealerweise im Tausch für Waren oder Hilfsdienste) was Neues baut. Oder einen Krämer, der womöglich auch zu einem Tauschhandel bereit ist, um sein eigenes Sortiment aufzustocken.
Wenn beides nicht der Fall ist, müssen sie auf einen Hausierer beziehungsweise Hökerer oder Kiepenkerl --- also einen reisenden Händler mit kleinem Sortiment aus seinem Rucksack oder vom Wägelchen eines Mulis --- warten, der sie versorgt. Das ist der Grund dafür, dass diese Sorte Händler auf dem platten Land mit weit offenen Armen empfangen wird: Es ist sonst fast unmöglich, an bestimmte Waren heranzukommen.
Eine weitere Möglichkeit ist der Gang zu einem Markt in der Nähe --- wobei "Nähe" ein durchaus dehnbarer Begriff ist und man sich fragen sollte, ob der durchschnittliche Bauer für ausgedehnte Einkaustouren überhaupt Zeit und Geld hat.
Märkte gibt es nicht wie Sand am Meer
In weiten Teilen Weidens wird nicht auf Vorrat produziert. Egal ob Feldfrüchte, handwerkliche Erzeugnisse oder sonstige Dienstleistungen: Bauern haben ihre Abgaben zu leisten und sind darüber hinaus Selbstversorger, Handwerker arbeiten Aufträge ab und schaffen sonst im Grunde nur Erzeugnisse, wenn sie einen angeschlossenen Laden haben --- was in kleinen Dörfern abseits bedeutender Straßen und Wege wenig Sinn ergibt, denn wer soll ihnen das abkaufen? Eine weitere Möglichkeit ist ein Liefervertrag mit einem Handelshaus, das die Ware von fahrenden Händlern abholen und zu den Lagern in der Stadt bringen lässt. Da besteht aber bei weitem nicht an jeder Ware Interesse und die Qualität sollte schon gut sein.
Die Vorstellung, dass Alrik Normalverbraucher in der Weidener Einöde regelmäßig einkaufen geht, um sich mit dem Nötigsten einzudecken, ist folglich falsch. So etwas funktioniert allenfalls in Städten, wo viele Menschen mittlerweile so spezialisiert arbeiten, dass sie sich nicht mehr selbst versorgen können. Auf dem Land versucht man, autark zu sein. Wenn etwas fehlt, tauscht man mit dem Nachbarn und freut sich über durchziehende Hausierer, wenn etwas "Exotisches" benötigt wird. Wer von irgendwas zu viel hat, bringt man das vielleicht zum nächsten Markt --- wahrscheinlicher ist es aber, dass der Überschuss an den vorbeikommenden Hökerer vertickt wird, oder dass der Baron ihn an sich nimmt und schaut, wie er die Erzeugnisse seines Landes in größeren Mengen zu Geld machen kann.
Für das Tauschen untereinander brauchen die Bauern übrigens keinen Markt und auch sonst keinen festen Treffpunkt: Das läuft nebenher. Das ist ein Grund dafür, dass es in ländlichen Regionen Weidens nicht viele Märkte gibt. Will ein Bauer oder Handwerker einen solchen besuchen, muss er oftmals längere Reisen auf sich nehmen, da es bei weitem nicht in jeder Baronie einen Marktflecken gibt.
Waren gibt es nicht wie Sand am Meer
Die großen Handelshäuser sitzen in den Städten, wo regelmäßig Märkte abgehalten werden. Dorthin lassen sie Waren aus der näheren und weiteren Umgebung bringen, und zwar von fahrenden Händlern. Merke: Ein fahrender Händler ist etwas anderes als ein Hauserer oder Kiepenkerl. Solche Spezialisten arbeiten entweder im Auftrag der großen Handelshäuser oder auf eigene Faust. Eines aber haben sie gemeinsam: Sie beliefern nicht die Bevölkerung auf dem Land oder in den Städten, sondern sesshafte Händler aller Art, die die Waren dann ihrerseits weiter verkaufen.
Fahrende Händler schaffen Waren auch von einer Stadt in die naechste, wenn es dort gerade Bedarf gibt. Und wenn sie nicht im Auftrag großer Handelshäuser unterwegs sind, beliefern sie mitunter Krämer in den Dörfern mit Waren, die diese zuvor bestellt haben beziehungsweise ständig benötigen. Was sie nicht tun, ist Station in Pusemuckel-Dörfern irgendwo entlang ihres Weges zu machen und dort vom Wagen herunter Waren an die Bevölkerung zu verticken. Dort ist die Nachfrage erstens unbekannt, zweitens gibt es nicht genug zahlende Abnehmer für die großen Warenmengen, die sie bewegen, und drittens kann niemand garantieren kann, dass sie nicht von Orks oder anderen Halsabschneidern ausgeraubt werden, wenn der Wagen in weniger zivilisierten gegenden Halt macht.
Es kann umgekehrt sein, dass fahrende Händler Waren aus Weidener Dörfern in die Stadt holen --- für ein Handelshaus oder auch auf eigene Faust. Um ihr Interesse an einem entsprechenden Vertrag zu wecken, muss man ihnen aber schon große Mengen oder besonders gefragte Waren bieten können, sonst lohnt sich der Aufwand für diesen Berufsstand nicht. Will heißen: An Verträgen mit einzelnen Bauern und Handwerkern hat der durchschnittliche Fernhändler/Handelsherr und/oder fahrende Händler kein Interesse. Die durchschnittliche Landbevölkerung hat folglich nur mit Krämern und Hausierern zu tun und mit fahrenden Händlern, Fernhändlern oder Handelshäusern in den allerallermeisten Fällen nichts am Hut.
Zur Sicherheit noch mal: Es gibt so gut wie keine Bauern und Handwerker, die auf Vorrat produzieren und ihre ueberschüssige Ware dann verkaufen, also gemeinhin auch kaum Warenströme, die aus den Dörfern hinaus führen --- es sei denn, der Hausierer nimmt was mit oder der örtliche Krämer hat einen Stand auf dem nächsten Markt und ist bereit, Waren anzukaufen, die er dort dann weiter verschieben kann.
Der Markt in meinem Dorf
Aus alledem ergibt sich, dass Märkte --- allzumal solche, die wöchentlich stattfinden --- auf den Weidener Dörfern keinen Sinn ergeben. Sie sind überflüssig, weil es weder Anbieter noch Abnehmer gibt. Die Ausnahme bilden die wenigen wirklich wohlhabenden Gegenden Weidens. Die befinden sich allerdings meist in der Nähe von großen Städten, sodass die Bauern (und mit Abstrichen auch Handwerker, denn da sind die Zünfte vor) aus diesen Gegenden ihre Waren vorrangig zum städtischen Markt bringen, um sie dort zu verkaufen. Sie brauchen in ihren Orten meist auch keine eigenen regelmäßigen Märkte, sondern werden ihre Überschüsse los, indem sie sie in den Städten verkaufen und damit das "schöne" Leben der dortigen Bürger ermöglichen.
Märkte sind im ländlichen Weiden gemeinhin nur da zu finden, wo es größere Dörfer an Kreuzungen von wichtigen Handelsstraßen gibt. Meist auch bloß in fruchtbaren Gegenden, die genug Ertrag abwerfen, um etwas davon verkaufen zu können. Oder in Orten, in den es ganz herausragende Waren und Produkte gibt, die auch für Auswärtige von großem Interesse sind. Selbst in solchen Fällen handelt es sich aber kaum einmal um Wochenmärkte: Die Intervalle sind meist deutlich größer. Oft gibt es dann nur ein oder zwei Mal im Jahr einen Markt, manchmal einmal im Mond.
Die langen Finger des Adels
Die Seltenheit von Marktflecken in Weiden hat übrigens nicht nur mit der schwierigen Versorgungslage zu tun, sondern auch mit den Interessen des Adels. In den Bärenlanden kann das Marktrecht nur von der Herzogin oder ihren Grafen verliehen weden. Das hat einen ganz einfach Grund: Märkte sind von großer Bedeutung für die Entwicklung einzelner Orte und sogar ganzer Regionen. Nicht zuletzt, weil das Marktrecht oft eine Vorstufe für Stadtrechte darstellt und freie Städte oft nichts sind, wovon der Adel profitiert. Daher herrscht in Weiden die Meinung vor, dass ein Baron oder gar Junker nicht darüber befinden können sollte, in welchem Ort Märkte abgehalten werden dürfen.
Natürlich gibt es findige Adelige, die versuchen, diese Vorgabe zu umgehen, indem sie Sondergehmigungen für Orte in ihrem Lehnsland konstruieren. Dabei geht es dann meist nicht um "echte" Märkte, sondern um Jahrmärkte, die tatsächlich nur ein oder zwei Mal im Jahr stattfinden. Auf ihnen werden ausschließlich Waren von Einwohnern des Ortes oder der jeweiligen Baronie angeboten werden und sie sollen der Versorgung der Bevölkerung in der näheren Umgebung dienen. Die Kunden können in solchen Fällen zwar durchaus mal von außerhalb kommen, auswärtige Händler, Bauern oder Handwerker dürfen dort aber keine Waren anbieten --- das ist und bleibt das Vorrecht echter Marktflecken und Stadtmärkte.
Oft werden solche Jahrmärkte mit Volksfesten --- zum Beispiel an hohen Feiertagen in der jeweiligen Baronie --- verbunden. Aus einigen wenigen Märkten mit solchen kleinen Anfängen haben sich mit der Zeit Veranstaltungen von überregionalem Interesse entwickelt. Das passiert dann, wenn es in der Baronie oder einem bestimmten Ort etwas gibt, Waren von großem Interesse gibt, die auch Käufer ausd er Ferne anlocken. Ein Beispiel ist der Widdermarkt in Moosgrund. Je größer ein solcher Markt und sein Einzugsbereich werden, desto höher werden aber auch die Auflagen. Wer so etwas veranstalten will, muss es auch stemmen --- also unter anderem den Marktfrieden gewährleisten --- können.
Das hat Weiden zu bieten
Der wohl wichtigste Handelszweig in Weiden ist die Viehzucht. Ihr Zentrum liegt in der Grafschaft Baliho, wo mächtige Rinderbarone ihre Herden heranziehen, um sie auf den Märkten Balihos oder Gareths gewinnbringend zu verkaufen. Die Bezeichnung ‚Rinderbaron’ mag so manchen Fremden in die Irre leiten, verfügen die rauen Gesellen doch weder über Lehen noch Titel. Einzig ihr Reichtum verleiht ihnen Macht. Zu den einflussreichsten Balihoer Rinderbaronen zählen Jobdan Boswitz und Marja Ganjaneff.
Auch auf die Pferdezucht verstehen sich die Weidener. Neben den robusten Nordmähnen sind besonders die starken Tralloper Riesen gefragt, gelten sie doch als die besten Schlachtrösser Aventuriens. Glücklich schätzen kann sich ein jeder, der ein Tier aus dem herzöglichen Gestüt sein eigen nennt. Die besonders wertvollen Rösser sind auch für Unkundige leicht erkennbar, denn jedes trägt als Namenszusatz den Titel "Graf" oder "Gräfin".
Zwar leben auch Menschen in weniger fruchtbaren Teil Weidens von der Viehzucht, doch setzt man hier eher auf Kleinvieh wie Schafe, Ziegen oder Schweine. Entsprechend werden auf Weidener Märkten bevorzugt tierische Lebensmittel wie Fleisch, Hartwurst, Fisch, Milch, Butter oder Käse feilgeboten. Verbreitete Handwerksprodukte sind zudem Leder und Wolle. Auch Rohstoffe wie Holz, Umbra, Schiefer, Erz oder Edelmetalle sowie Salz kann man vereinzelt auf den Märkten finden. Besonders fein gearbeitete Handwerkswaren findet man bei den Schmieden der Roten Sichel, den Töpferern aus Nordhag und den Glashandwerkern aus Auen. Bei Bogenschützen ist außerdem die Bogen- und Holzschnitzkunst der Bärwaldener sehr beliebt.
Weiden und der Fernhandel
Das wohl ausgefallenste Handelsgut aus der Mittnacht sind die Neunaugen --- wurmähnliche Fische, deren Fleisch und Rogen beim Adel als Delikatesse gelten. Aber auch für das einfache Volk hat der Weidener Markt etwas zu bieten: Ein gut gearbeiteter Balihoer Wachsmantel hat scher schon so manchen Abenteuer vor Blutigem Rotz und Blauer Keuche bewahrt, während Tralloper Krachwürste und Balihoer Bärentod ihm am nächtlichen Lager den Magen füllten. In der Regel werden Weidener Güter jedoch eher für den eigenen Gebrauch hergestellt und lediglich auf nahegelegenen Märkten gehandelt.
Das bekannteste Weidener Handelshaus ist das der Familie Kolenbrander. Die Stellmachereien, Wechselstuben und Kontoren des Tralloper Handels- und Fuhrhauses erstrecken sich über das gesamte Herzogtum. Und auch im übrigen nördlichen Mittelreich findet man neben den allgegenwärtigen Kolenbrander-Fuhrwerken den einen oder anderen Handelsposten. Als wichtige Handelswege gelten der Fluss Pandlaril sowie – zu Lande – die Reichsstraße II und der Sieben-Baronien-Weg, der vor allem für den Nordlandhandel von Bedeutung ist.