Sinopje, Baronie Adlerflug, 28. Firun 1039 BF
Traurige Kunde erreicht uns dieser Tage aus der Baronie Adlerflug: Ondwina, Gattin des ohnehin arg gebeutelten Herrschers Olf von Lynnd, hat sich Mitte des Firunmonds vom höchsten Turm der Baronsburg Wehspitz gestürzt. Sie sei in den Rathil gefallen und der Leichnam erst Tage später in der Nachbarbaronie Fuchshag an Land gespült worden, heißt es. Nun breitet sich Trauer wie ein schwarzes Tuch über den Marktflecken Sinopje und das ganze Lehen, denn die einstige Bauerntochter galt als gutmütig und fürsorglich und bildete ein wichtiges Gegengewicht zum herrschsüchtigen Vogt Sporlîn Sohn des Ronach. In der Vergangenheit soll sie seine harschen, teils ungerechten Entscheidungen öfter einmal hinterfragt und umgebogen haben.
Ein Wort der Erklärung: Der eigentliche Herrscher von Adlerflug ist Olf von Lynnd, Sohn eines Balihoer Kleinadligen und einer Bäuerin, der jedoch von Kaiser Hal in den Baronsstand erhoben wurde. Seit er auf dem Ysilia-Feldzug 1021 BF in das Drachenfeuer Lessankans geriet, ist Herr Olf bettlägerig und nicht mehr in der Lage, seinen Aufgaben als Baron nachzukommen. Deshalb ernannte er einen Freund aus seinen Abenteurertagen zum Vogt: den Zwergen Sporlîn Sohn des Ronach. Der sitzt nun schon seit 18 Götterläufen auf dem Adlerfluger Thron und hat daran glaubwürdigen Quellen zufolge großen Gefallen gefunden. Es heißt, Macht und Geld hätten den Charakter des Zwergen mit der Zeit gänzlich verdorben. Dass es aus Adlerflug bisher keine Beschwerden über den Despoten gab, soll allein am Aufschwung der Baronie liegen, die wirtschaftlich sehr gut dasteht.
Der Tod der Baronsgemahlin wirft nun aber unbequeme Fragen auf. In ihrem Bekanntenkreis löste er Entsetzen aus. Mehrere treue Weggefährten betonen, dass Frau Ondwina niemals freiwillig aus dem Leben geschieden wäre. Nicht nur wegen des siechen Gatten, sondern auch weil ihr Sohn Heldar, Olfs 23 Winter zählender Erbe, von schlichtem Gemüt sei und ohne Unterstützung nur schwer bestehen könne. Die beiden allein zu lassen, sei für Ihre Hochgeboren unvorstellbar gewesen, daher habe sie Burg Wehspitz in den vergangenen 14 Götterläufen nie länger als einen Tag verlassen. In alledem schwingt ein unterschwelliger Vorwurf mit, der sich gegen den Vogt richtet. Doch keiner spricht ihn laut aus.
Wie es mit der Baronie nun weitergeht, ist ungewiss. Olf von Lynnd wird vermutlich nie wieder auf die Beine kommen und sein Sohn Heldar kann das Lehen allein nicht führen. Vogt Sporlîn soll die jüngere Schwester Ulmia nun aber zurück nach Sinopje beordert haben.