Unterwegs im Namen des Dunklen Vaters

Unterwegs im Namen des Dunklen Vaters

Junkergut Schwarze Au, Baronie Urkentrutz, 22. Travia 1044

Der goldene Herbst neigte sich dem Ende zu. War der Traviamond auch erstaunlich warm und trocken gewesen, schlug das angenehme Wetter nun endgültig um. In den vergangenen Tagen war es kühl und feucht geworden. Ein paar letzte bunte Blätter hingen noch an den Bäumen und Sträuchern, doch der unerbittliche Augrimmer zerrte so lange an ihnen bis sie ermattet nachgaben, sich fallen ließen und fortan zum Spiel des eisigen Nordwindes wurden. Regen und Graupelschauer begleiteten die Borongeweihte Coris Etiliane Fesslin seit sie vor zwei Tagen bei Mittnacht in der Baronie Herzoglich Waldleuen und damit auf den Weg Richtung Urkentrutz abgebogen war. Und obwohl ihr schwarzer Wollfilzumhang einiges an Regen abhielt, war er inzwischen durch und durch nass und schwer geworden. Ein Vorhang aus Tropfen hing an der Satteldecke ihres Teshkalers Eichenkönig. Die tellergroßen Hufe des Wallachs patschten in die Pfützen, die sich in den Mulden, die Wagenräder auf dem Weg hinterlassen hatten.

Die vergangene Nacht hatte Coris in einem Weggasthof kurz hinter der Grenze zwischen den Grafschaften Heldentrutz und Bärwalde, auf Seiten der Baronie Urkentrutz verbracht. Das Gasthaus hatte den ulkigen Namen Straubenbaisl. Sie war schon früh wieder aufgebrochen. Mittags erreichte sie das Dorf Urken mit den Traviatempel „Haus der Vereinenden“. Das heilige Paar freute sich über den Besuch der Borondienerin und speiste sie mit einer nährenden Graupensuppe. So gestärkt konnte sie die letzte Etappe bis zum Junkergut Schwarze Au antreten.

Die Landschaft war lieblich. Saftige Wiesen boten Weideflächen für die Nutztiere, Äcker und Obstwiesen ergänzten das Bild einer fruchtbaren Landschaft. Gegen Mittag sah die Borongeweihte einen hölzernen Turm in der Ferne auftauchen. Man hatte ihr gesagt, dass sie das Junkergut Schwarze Au an dem „Langer Theo“ genannten Turm erkennen würde. Je näher sie dem Gutshof kam desto feuchter wurden die Wiesen. Reiche Schilfrohrbestände durchsetzten die Wiesen. Ein Wegweiser zeigte schließlich die Abzweigung zum Junkergut an. Coris ließ Eichenkönig auf den befestigten Damm abbiegen, der sicheren Tritt auf dem sumpfigen Gelände erlaubte. Nach einiger Zeit erschien vor ihr die Befestigungsmauer des Gutes. Im Mauerrund, das auf dem erhöhten Ufer des Bingenbaches lag, erhoben sich eine Motte mit dem Turmbau des „Langen Theo“ und das Gutshaus, das auf einem natürlichen Hügel stand. Ein künstlicher See, wohl vom Bingenbach gespeist, schützte die offene Seite des Junkergutes. Der Zugang war nur über eine hölzerne Zugbrücke möglich. Dort wo die Zugbrücke begann breiteten sich einige eingezäunte Wirtschaftshäuser aus. Coris erkannte Pferde und Nutztiere, Ackergeräte und einen Bauernhof. Dort schien der Gutsverwalter zu leben.

 

Die Borongeweihte hielt ihren Teshkaler an und saß ab. Es dauerte nicht lange, dann kam ein Mann durch den nasskalten Schneeregen gelaufen. Ein junger Mann in einfacher Kleidung verneigte sich leicht vor der blassen, jungen Frau in dem langen schwarzen Kapuzenmantel. Er wollte sogleich nach den Zügeln des Teshkaler Rappen greifen. Doch Eichenkönig scheute zurück. Er warf den mächtigen Kopf hoch und entzog somit dem Knecht die Zügel.
Coris legte beruhigend die Hand auf den Hals des Rappen. Das riesige Tier beruhigte sich, ließ den Mann vor sich jedoch nicht aus den Augen.
„Boron zum Gruße, guter Mann!“, begrüßte sie den Knecht. „Mein Ross hat eine traurige Vergangenheit. Ich nehme an, dass ihn der schmale Pfad und die Nähe zum Wasser unruhig macht. Wenn es dir nichts ausmacht, bringe ich ihn selbst in den Stall.“

Der junge Mann mit den kurzen, blonden Haaren nickte. Es schien so als wäre er durchaus froh, den schwarzen Riesen der unheimlichen Frau nicht anfassen zu müssen.
„Travias Gruß, Euer Gnaden. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt.“

Er ging voraus, öffnete das Gatter zum umzäunten Hof. An dem Bauernhaus in Fachwerktechnik vorbei ging er zum ersten der beiden Stallgebäude. Der linke Teil des Gebäudes war ein Stall für Reit-und Zugtiere, der rechte eine Remise für die Kutsche und zwei einfache Wagen für die Feldarbeit. Zwei Kutschpferde und ein Maultier standen dort in geräumigen Boxen. Drei weitere Boxen waren frei. Der Knecht öffnete die erste davon und Coris führte Eichenkönig hinein. Fluchs sattelte sie den Teshkaler ab und reichte Sattel, Satteltaschen, Decke und Trense an den blonden Mann weiter. Dann griff sie trockenes Stroh aus der Einstreu und begann das nasse Fell des Rappen trockenzureiben. Dem Knecht schien es unangenehm zu sein, dass sie seine Arbeit verrichtete und bot erneut seine Hilfe an. Doch Coris lehnte ab. Sie kannte ihren Wallach. Er war misstrauisch und eigen. Als sie die gröbste Nässe aus dem schwarzen Fell gerieben hatte, ließ sich die Dienerin Golgaris eine Decke geben, die sie über Rücken und Kruppe legte. Auch das Füttern und Tränken übernahm Coris selbst.

„Ich bin übrigens Hertwigg. Wenn es Euch recht ist bringe ich Euch nun hinüber zum Junkergut“, sagte der Knecht.
Die Dienerin Golgaris nickte. Hertwigg nahm die Satteltaschen und ging voraus. Sie betraten die schmale Holzbrücke, die über den künstlichen Schutzteich des Gutes führte. Die Ränder des Teiches waren dich bestanden von Schilfgras und Rohrkolben. Coris blicke über das Holzgeländer abwärts in das Wasser, das dunkel und morastig war. Da, plötzlich tauchte ein dicker Fisch aus der dunklen Tiefe auf, hielt seinen runden Mund an die Oberfläche, holte Luft und tauchte wieder ins Dunkel ab. Am Ende der Brücke wurde das Tor geöffnet, das den Mauerring abschloss. Ein Waffenknecht salutierte vor der Geweihten. „Travia, äh Boron zum Gruße!“

„Den Segen des Ewigen für dich!“, antwortete Coris, trat durch das Tor und sah sich um. Rechts von ihr erhob sich die Motte mit dem „Langen Theo“. Vor ihr konnte sie ein kleines Backhaus erkennen und wenn sie sich nach links wandte, erkannte sie einen Stall und etwas erhöht auf einem Hügel das Gutshaus, ein weißgekalkter Steinbau. Von dort kam gerade ein älterer Mann die Stufen herab. Er steuerte direkt auf Coris zu.
„Willkommen, Euer Gnaden!“, waren seine Worte als er etwas außer Atem bei der Geweihten ankam. „Den Gruß der Friedenstifterin für Euch! Mein Name ist Kunibert Quendeltrost. Ich bin der Gutsverwalter. Folgt mir bitte ins Gutshaus. Die Baronin, ihr Bruder Horatio, die beiden Mädchen der Baronin und die Dienstritter Danje und Oberon von Uhlredder sind bereits im Rittersaal versammelt. Ich nehme aber an, dass Ihr Euch zunächst trocken anziehen möchtet. Nicht wahr?“

Die Borondienerin nickte. „Gerne.“

„Sehr wohl!“, Kunibert Quendeltrost nickte und führte sie über den Hof und dann die Stufen zum Gutshof hinauf. Ein schmaler Gang empfing sie von dem aus eine hölzerne Stiege in die oberen Geschosse führte. Unten schienen Wirtschaftsräume zu sein. Coris stieg in den ersten Stock. Man hörte Stimmen. Der Verwalter zeigte auf eine große, zweiflügelige Tür. „Dort ist der Rittersaal. Eure Kammer ist ganz oben unter dem Dach.“

Er erklomm die nächste Stiege und Coris folgte. Unter dem Dach erwartete sie ein langer, schmaler und äußerst dunkler Gang in dem rechts und links Türen zu den Kammern führten. Der Gutsverwalter ging bis ans Ende des Ganges und öffnete dann auf der rechten Seite eine quietschende Holztür. Die Kammer war klein und durch die Dachschräge konnte man nur im ersten Drittel aufrecht stehen. Ein Bett und eine Truhe bildeten die einzigen Möbel. Auf der Truhe standen eine Wasserkanne und eine Waschschüssel. An der Wand neben der Tür waren Haken für die Garderobe angebracht.

Kunibert Quendeltrost bot an, die nassen Sachen der Geweihten zum Trocknen in einen der Wirtschaftsräume zu bringen. Coris stimmte dankend zu. Sie gab ihm den tropfnassen Umhang und versprach die feuchte und am Saum schmutzige Robe nachzubringen, wenn sie sich umgezogen hatte. Der Gutsverwalter fragte, ob sie eine Magd zum Richten der Kleidung und der Haare benötigte. Die Borongeweihte lehnte ab.

Als sie etwa ein halbes Stundenmaß später gewaschen, gekämmt und umgezogen die Holztreppe zum ersten Stockwerk hinabstieg wurde sie von einer alten Magd empfangen. Die Frau mit feinen Gesichtszügen trug das weiße Haar mit einem beinernen Kamm aufgesteckt.
„Travia und Boron zum Gruße, Euer Gnaden. Mein Name ist Anci. Solltet Ihr irgendetwas benötigen zögert nicht mich zu fragen.“

Sie nahm Coris feuchte und schmutzige Robe entgegen und führte sie dann zur Doppelflügeltür, die den Rittersaal abschloss. Nach mehrmaligem Klopfen öffnete der Gutsverwalter und führte die Dienerin Golgaris in den größten Raum des Junkerguts.

Der Raum mit den dunklen Balken an der Decke erstreckte sich über die gesamte Geschoßfläche. Eine lange Tafel stand entlang der firunseitigen Wand. Licht fiel durch die Fenster ein und wenn es dunkel wurde erhellten Kerzenhalter auf dem Tisch und Fackeln an den Wänden den Raum. Die Wände waren mit Erinnerungs- und Erbstücken der alten Familie Finsterborn geschmückt. Auch einige Trophäen von den Schlachten und Heerzügen an denen der Vater der Baronin, Theofried, selbst teilgenommen hatte, waren dabei.

Ein Stück jedoch stach besonders heraus. An der Schmalseite des Raumes, gegenüber der Eingangstür stand ein mit edlem Stoff bezogener, reich geschnitzter Lehnstuhl, der der Mutter der jetzigen Baronin, Thalya ya Papilio, als Sitzgelegenheit gedient hatte, wenn sie sich mit ihren Handarbeiten beschäftigte. Darüber hing ein kunstvoll gearbeiteter Wandteppich, der eine liebliche Landschaft und ein herrschaftliches Anwesen im horasischen Stil zeigte.

Kunibert Quendeltrost räusperte sich, um sich Gehör zu verschaffen. Die Herrschaften, die an der Tafel saßen, waren lautstark in ein Gespräch vertieft. Coris erkannte Lyssandra von Finsterborn, die seit ihrem letzten Zusammentreffen von der Gräfin von Bärwalde zu Baronin von Urkentrutz ernannt worden war. Als sie sie das letzte Mal gesprochen hatte war diese noch Junkerin der Schwarzen Au gewesen. Auch die jüngste Tochter der Baronin hatte die Etilianerin schon damals kennengelernt. Eylin, hieß das aufgeweckte Mädchen. Ein weiteres Mädchen saß mit am Tisch, auch unverkennbar eine Tochter der Baronin, allerdings schon Halbwüchsig und am Wappenrock erkennbar, in der ritterlichen Ausbildung.

Der blonde Mann, der rechts neben der Baronin saß, mochte wohl ihr Bruder sein. Die blonden Haare verwirrten Coris ein wenig, waren doch beide Töchter und die Baronin selbst brünett. Und dann war da noch ein weiterer Mann und eine Frau, die ein Paar zu sein schienen. Die Gespräche verebbten und alle Augen richteten sich auf den Gutsverwalter und die Borongeweihte.

„Oh, wie schön! Schwester Etiliane, ich hoffe Ihr hattet eine gute Reise, Euer Gnaden!“ Lyssandra von Finsterborn stand vom Stuhl auf und ging der Dienerin Golgaris entgegen.
Die Geweihte schlug das Boronsrad in Richtung der sich nähernden Baronin.
„Den Segen des Ewigen für Euch, Hochgeboren und Eure Gäste“, sagte sie.

„Habt Dank, Euer Gnaden. Darf ich vorstellen?“, sie machte eine Geste zu den Tischgefährten und stellte der Reihe nach alle vor. Der Blonde war tatsächlich der Bruder der Baronin, das zweite junge Mädchen die älteste Tochter und das Pärchen das Dienstritterehepaar.

„Nehmt bitte dort neben mir Platz, Schwester Etiliane!“ Die Baronin ging voraus und wies der Borongeweihten den Platz auf ihrer linken Seite zu. Dann winkte sie die Magd zu sich.
„Was möchtet Ihr trinken, Euer Gnaden? Bier, Met, Wein oder lieber Fruchtsaft oder Tee?“

Die Geweihte dachte nach. „Fruchtsaft bitte, Hochgeboren.“

„Sehr gute Wahl!“, lobte Lyssandra.

„Wünscht Ihr Apfel-, Birnen- oder Johannisbeersaft?“, fragte die Magd Anci.

Nach kurzem Nachdenken entschied sich Coris für den Birnensaft. Als die Magd gegangen war, stellte der Bruder der Baronin die erste Frage. „Ihr kommt aus der Heldentrutz, nicht wahr? Vom Kloster Etiliengrund. Ganz schön abgelegenes Plätzchen… einsam… Hm, da seid Ihr sicher auch froh mal in die Zivilisation zu kommen, oder?“

Die Dienerin des Ewigen runzelte die blasse Stirn. „Nein, eigentlich nicht. Ich liebe die borongefällige Ruhe dort, die Abgeschiedenheit und das Leben in der klösterlichen Gemeinschaft. Wenn ich ehrlich bin, wäre ich jetzt lieber dort als hier…“

Als sie merkte, dass ihre Antwort als Affront gegen die Baronin von Urkentrutz und ihre Familie verstanden werden konnte, verstummte sie, peinlich berührt.
„Ähm, verzeiht, edle Herrschaften. Es war jetzt nicht so gemeint, wie es vielleicht geklungen hat…“

Die Baronin lächelte verstehend. „Dass Ihr die Ruhe und Kontemplation der Klostergemeinschaft mehr schätzt als die lärmende Außenwelt können wir gut verstehen, Schwester Etiliane. Deshalb seid ihr Borondienerin geworden, nehme ich an.“

Coris nickte schweigend.

Damit das Schweigen nicht eine unangenehme Länge einnahm und um allgemein etwas mehr Vertrautheit in die Runde zu bringen, ergriff Danje von Uhlredder das Wort.

„Es ist doch bei jedem…naja oder fast jedem so, dass er an dem Ort, den er Heimat nennt, am liebsten ist und gern die ganze Zeit. Aves und seine Reisen sind doch was Schönes, aber die Eidmutter und ein ihr gefälliges Zuhause bleibt doch am Schönsten.“

Die Borongeweihte warf der Ritterin ein dankbares Lächeln zu.
Das Gespräch drehte sich in der Folge um die Belehnung der Junkerin und um die Ehre, die dies für die alte weidener Familie von Finsterborn bedeutete.
„Deshalb, und auch weil wir es dem Vater schuldig sind, bin ich sehr dankbar, dass Ihr den Weg vom Kloster hierher unternommen habt“, sagte der Bruder der Baronin. „Die Umstände seines Todes waren alles andere als borongefällig, und so wünschen wir uns den Segen des Dunklen Vaters. Wir hoffen, dass das seiner Seele die nötige Ruhe gibt und natürlich auch, dass die Seele des Vaters den Weg über das Nirgendmeer in die vierte Sphäre bereits angetreten hat, doch man weiß ja nie…“

Ein bestätigendes Nicken der Geweihten gab dem Wunsch der Familie recht. „Ein frommer Wunsch. Eure Familie ist ganz offensichtlich sehr fromm und scheint den Dunklen Vater tief zu ehren. Das ist ja eher ungewöhnlich in Weiden. Ich bin selten hier in der Region unterwegs.“

Coris konnte sich die Spitze auf das gespaltene Verhältnis der Weidener zum Herrn der letzten Dinge nicht verkneifen.

Die Baronin mischte sich ein, erklärte den geplanten Ablauf des kommenden Tages. Es sollte eine kleine Gedenkfeier für ihren Vater im Rittersaal geben, zu der nur die Familie und die Gutsbewohner geladen waren. Anschließend sollte eine Weihe der Grabstätte in der Familiengruft erfolgen.

Die Geweihte nickte und stellte noch ein paar Fragen. Dann gab es das Abendessen, einen süßen Auflauf aus Brot, Eiern und Äpfeln. Begeistert griff die Geweihte zu. Sie ließ den Abend im Kreise der Familie bei einem heißen Met ausklingen.

 

***

  1. Travia 1044

Es wurde voll im Rittersaal des Junkergutes Schwarze Au. Man hatte alle Sitzmöbel herbeigetragen, um es den Gästen bequem zu machen. Horatio, seine Frau Kularina und die vier Kinder saßen direkt am Tisch, ebenso wie Lyssandras Töchter Eylin und Minerva, in ihrer Rolle als Knappin von Oberon und Danje von Uhlredder, den Dienstrittern der Baronin. Weiter unten an der langen Tafel sah man Kunibert Quendeltrost mitsamt seiner Frau, der Köchin Roselind, und den drei Kindern, dazu Anci, die alte Magd, die auch schon mehr als 70 Winter zählte. Die Waffenknechte Leubrecht und Rainald hielten sich an der Rittersaaltür auf, während der Stallknecht Hertwigg mit der jungen Magd Sardabella an die Wand lehnte.

Die Baronin von Urkentrutz hielt eine sehr emotionale Rede. Mehrmals musste sie sich unterbrechen, die Tränen aus den Augenwinkeln reiben und die Stimme beruhigen. Auch die alte Magd Anci schniefte und trocknete die Tränen mit einem hübschen, horasischen Spitzentaschentuch. Die Männer gaben sich gefasst, verzogen keine Miene.
Als Lyssandra der Borongeweihten das Wort erteilen wollte, schüttelte diese zunächst den Kopf, ließ sich dann aber erweichen, die Anwesenden mit ein paar Sinnsprüchen über die Endlichkeit des Lebens und die Unerbittlichkeit des Dunklen Vaters zum Nachdenken anzuregen. Dann wiederholte sie in Auszügen die Rede, die sie bereits aus Burg Urkenfurt gehalten hatte, betonte, dass Rethon die Tapferen und Aufrichten herausfinden werde und diesen die Gunst des Ewigen gewiss sei. Sie beendete ihre kurze, eher unpersönliche Rede mit einem Hinweis auf den Wahlspruch der Finsterborner.
„Tsa gibt es und Boron nimmt es“, das ist der Wahlspruch der ehrenwerten Familie von Finsterborn. Dem ist an sich nichts mehr hinzuzufügen. Die Ewigjunge schenkte Theofried ein erfülltes Leben und der Unausweichliche beließ ihn lange auf Deres Rund. Der Dunkle Vater wird seine guten Gründe dafür gehabt haben. Nun aber wurde er Theofried mit offenen Armen empfangen und in Seine Hallen geführt.“

Lyssandra dankte der Geweihten, stand auf und ergriff den Becher. „Trinken wir gemeinsam auf die letzte Reise von Theofried von Finsterborn. Möge Golgari ihn sanft übers Nirgendmeer getragen haben.“

Alle erhoben die Becher und erwiderten den Trinkspruch.

 

Wenig später machte sich die Gruppe auf den Weg zur Familiengruft, die sich unter dem „Alten Theo“ befand. Stufen führten in den unterirdischen Raum unter dem runden Hügel. Der runde Raum war von Fackeln erleuchtet. In der Mitte des Raumes bildete eine schwarze, glattpolierte Steinplatte mit dem Wappen der Finsterborner den Blickfang.

An den Wänden befanden sich kleine Nischen, in denen Urnen standen. Vor der beiseitegeschobenen Deckplatte der Gruft stand ein Kohlebecken. Daneben ein Tischchen für das Räucherharzkästchen.

Die Trauergemeinde versammelte sich im Kreis um die geöffnete Grablege. Die Boron geweihte trat vor. Sie blickte in die Tiefe. Dort stand ein großer, schwerer Sarkophag, daneben mehrere Kisten, die offenbar die Knochen älterer Bestattungen enthielten, und etwa ein halbes Dutzend Urnen.

„Das ist die Grablege der Familienoberhäupter seit dem ersten Theofried von Finsterborn, dessen Gebeine in dem großen Sarkophag liegen. In den Nischen sind weitere Familienmitglieder bestattet“, erklärte die Baronin. Dann deutete sie auf die Urne die vor dem großen Sarg platziert war.
„Das ist die Urne mit den Gebeinen meines Vaters.“

Coris nickte. Sie schloss die Augen und versenkte sich in den Zustand der Entrückung. Tatsächlich erreichte sie die Wahrnehmung großer Harmonie. Es schien große Einigkeit in der Familie von Finsterborn zu herrschen. Und als sie ihre Aufmerksamkeit auf die Urne des jüngst Verstorbenen lenkte, schien sie dessen Zufriedenheit zu spüren.

Nur mühsam kehrte die Dienerin Golgaris zurück in die Welt der Lebenden. Sie öffnete die Augen und begann die Grablege zu konsekrieren. Dazu entnahm sie dem Kästchen auf dem Tisch Räucherwerk und warf es in das Kohlebecken. Mit der Rabenfeder, die sie mitgebracht hatte, fächelte sie den Anwesenden den duftenden Qualm zu und bedachte auch die Grabgrube damit.

„Wir haben uns versammelt, um im Namen Borons den Gebeinen Theofrieds von Finsterborn die ewige Ruhe zu schenken. Der Dunkle Vater hat seinen Mut und seine Entschlossenheit gesehen, er weiß, dass der Junker der Schwarzen Au selbstlos in den Tod ging, um andere zu schützen. Er ruht in Frieden, weil er seine Nachkommen in Sicherheit und Würden sieht.“

Sie griff in ihren Beutel, holte etwas geweihte Erde hervor uns streute sie in die Grabgrube. „Der Ewige schenke allen Seelen der Finsterborner seinen Segen bis in alle Ewigkeit.“

Mit einer weiteren Handvoll Räucherharze, die qualmend in der Glut landeten, überreichte sie der Baronin, die rechts neben ihr stand, die Rabenfeder. Lyssandra trat vor und fächelte ihrerseits den Qualm in Richtung der Grablege, dann reichte sie die Feder an ihren Bruder weiter. Einer nach dem anderen trat vor und räucherte die Gruft der Finsterborner Stammväter und –mütter.

Nach einem letzten Gebet der Geweihten traten die Teilnehmer des Ritus den Rückweg an. Die Knechte verschlossen die Grube mit der Steintafel. Auf diese malte die Dienerin Golgaris noch mit geweihtem Öl das Boronsrad, bevor auch sie die Gruft verließ.

Schweigend trat die Familie den Rückweg in das Hauptgebäude des Junkergutes an. Im Rittersaal wartete bereits die gedeckte Tafel mit verschiedenen Genüssen des Lehens: geräuchertem Fisch, Schinken und Würsten, Schafs- und Ziegenkäse, Obstkompott und den typischen Seelen-Broten. Die Gespräche kamen schleppend in Gang, drehten sich viel um die schrecklichen Ereignisse, die zum Tod des Vaters und der Baronsfamilie von Hartenau geführt hatten. Lyssandra bedauerte, dass ihre Schwester Ysilda nicht da war. Wie so oft hatte die älteste Finsterbornerin keinen blassen Schimmer wo sich die Tsageweihte herumtrieb. Horatios Frau Kularina fragte die Borongeweihte über ihr Leben im Kloster Etiliengrund aus. Coris, die das höfische Geplauder nicht gewöhnt war, empfand eine solche Frage als vollkommen überflüssig. Was sollte sie einer Adeligen etwas vom asketischen Leben der Borondienergemeinschaft erzählen? Sie blieb wortkarg, antwortete nur das Nötigste und hörte stattdessen lieber dem Gespräch von Bruder und Schwester zu. Es ging um den Umzug des ehemaligen Rundhelms, der nun als Adjutant in der Feste Dragentodt diente, auf das Familiengut. Von diesem Umzug war auch das Dienstritterpaar betroffen, das noch das Junkergut beaufsichtigte, aber bald auf die Burg in Urkenfurt umsiedeln sollte.

Coris konnte heraushören, dass die beiden fast schon froh waren die Verwaltung des großen, für Weidener Verhältnisse durchaus reichen Junkergutes abzugeben und ebenso wie stolz sie waren bald durchgehend an der Seite der Baronin zu dienen.

 

***

Am kommenden Morgen machte sich eine kleine Gruppe auf den Weg von der Schwarzen Au nach Urkenfurt. Die Baronin, ihre Tochter Eylin, der Bruder mit seiner Frau und den Kindern und die Borongeweihte Schwester Etiliane bestiegen die Pferde bzw. die Kutsche. Die Kinder und die Gemahlin des Zweitgeborenen Finsterborners saßen in der respektablen Kutsche horasischer Bauart. Man legte eine Rast beim Gasthof „Seidelbast-Rast“ an der Bingenbacher Lohe ein und erreichte den Hauptort der Baronie bei Einbruch der Dunkelheit.

  1. Travia 1044

Coris blieben noch ein paar Tage bis zum Boronsfest, das sie das zweite Mal nicht im Kloster Etiliengrund verbrachte. Das erste Mal war bei ihrer Weihe in Punin gewesen. Die Geweihte nahm sich Zeit den Boronanger zu inspizieren. Nach dem Frühstück, bei dem sie wieder eine der vorzüglichen Marmeladen der Burgköchin Dorntrud probierte, machte sie sich auf den Weg hinunter zum Ufer des Fialgralwas. Der Himmel war bedeckt, es war empfindlich kühl. Coris fröstelte.

Man hatte ganze Arbeit geleistet seit ihrem letzten Besuch im Frühjahr. Das Ufer war stabilisiert worden. Große Steinblöcke sicherten es vor Unterspülung, neue Stege boten den Plätten einen sicheren Halt. Die ersten Reihe Häuser am Ufer hatte ein Fundament aus Stein bekommen und bei der Mühle, die ein wenig Flussaufwärts am Ortsrand stand, hatte man das gesamte untere Geschoß aus Stein errichtet. Ein neues Mühlrad drehte sich und man hörte, dass der Müller bereits bei der Arbeit war.

Die Borongeweihte ging weiter und schon von weitem konnte sie erkennen, dass auch das Ufer des Boronangers, der in einer Flussbiegung lag, befestigt worden war. Beim Näherkommen nahm Coris dann auch die weiteren Renovierungs- und Verschönerungsmaßnahmen wahr. Die steinernen Stelen waren wiederaufgerichtet worden, die hölzernen erneuert. Dazu hatte man einen schlichten Schrein errichtet. In Tympanon der kleinen Ädikula prangte das Boronarad. Flankiert von zwei Säulen zweigte das Relief auf der Rückwand Golgari beim Landeanflug auf eine Grabstele.

Zufrieden betrachtete Coris das Werk des Steinmetzes. Der Sendbote des Ewigen war gut getroffen. Ein kleiner Tonkrug mit purpurnen Astern und eine kleine Schale mit Asche zeugten von einem Räucheropfer an den Herrn der Toten. Sie versenkte sich ins Gebet, spürte die Anwesenheit des Dunklen Vaters, seinen wohlwollenden Blick auf das Gebäude, das zu seinen Ehren errichtet worden war.

Als sie die Augen wieder öffnete erkannte sie in der obersten Stufe der kleinen Treppe, die den Sockel emporstieg, eine halbrunde Aussparung. Gerade groß genug, dass ein Finger hineinfahren konnte. Sie probierte es aus. Die dünne Steinplatte ließ sich herausheben. Somit war im Sockel Platz für das geplante Sterberegister des Ortes. Die Dienerin Golgaris freute sich, es war an alles gedacht worden.

Coris spazierte über den Boronanger, besah sich die Grabstelen und stattete auch der Gruft der Familie von Hartenau und der Grabstätte der Traviageweihten Mutter Marinad einen Besuch ab. Dann besah sie sich den Weg, der am Flussufer entlangging. Man hatte hier auf einen Zaun verzichtet. Stattdessen schmiegte sich der frisch gekieste Weg der Biegung des Fialgralwas an und gab den Blick auf das Wasser frei. Das Ufer war mit Bruchsteinen vor weiterer Unterspülung gesichert worden. Mehrere Baumscheiben boten Sitzgelegenheiten. Coris ließ sich auf einer davon nieder. Das Wasser des Finsterbachs rauschte plätschernd an ihr vorbei. Hier am Oberlauf passte die Bezeichnung Bach noch am ehesten. Der Fialgralwa war noch nicht mehr als 15 bis 20 Schritt breit, aber dennoch ein reißender Wildbach. Die Stromschnellen der Langen Klamm hatte er zwar bereits hinter sich gelassen, doch noch immer war er zu Fuß kaum zu überwinden. Nicht ohne Grund hatte man vor einigen Götterläufen an dieser Stelle eine Brücke über den Fluss geschlagen. Somit ersparte man den Reisenden die gefährliche Querung der Furt, die bis zu diesem Zeitpunkt die einzige Möglichkeit gewesen war, in der Baronie Urkentrutz den Finsterbach zu überwinden.

Das gleichmäßige Rauschen des Wassers wirkte trotz der offensichtlichen Wildheit beruhigend. Die herbstliche Sonne glitzerte auf den Wellen und bei längerem Hinsehen konnte Coris sogar ein paar Fische nach Fliegen springen sehen. Über dem gegenüberliegenden Ufer zog ein Milan seine Kreise. Seufzend genoss die Borongeweihte die Stille und Menschenleere des Flussufers. Am 1. Boron würde dies anders sein. Dann würden hunderte Füße den frisch angelegten Totenacker zertrampeln und das Geplapper der Menschen die Tiere am Flussufer aufschrecken.

Die kommenden Tage wollte die Dienerin Golgaris dafür nutzen das Sterberegister zu vervollständigen und den Götterdienst zur Einweihung des Schreins und zur Renovierung des Boronangers vorzubereiten.

  1. Boron 1044 Einweihung des Boronschreins

Coris Tag begann mit einem Blick aus dem Fenster des Gästehauses auf Burg Urkenfurt. Die Geweihte schob die Holzlade beiseite, die nachts die Kälte draußen hielt. Dicht hing der Nebel über dem Flusstal. Die Feuchtigkeit drang bis in die Kammer, die Coris nun schon seit einigen Tagen ein behagliches Quartier bot. Dennoch ließ sie das Fenster zum Lüften offen und begab sich in den Aufenthaltsraum im Erdgeschoss, wo die Köchin Dorntrud bereits für sie und die anderen Gäste das Frühstück hergerichtet hatte.

Außer ihr waren noch der reisende Traviageweihte Bruder Domarion, ein junger Travianovize und zwei weitere Frauen zu Gast auf der Baronsburg. Bruder Domarion stellte ihr den etwa 16 Götterläufe zählenden jungen Mann als Liutgar vor. Ein erster dunkler Flaum bedeckte seine Oberlippe und die Stimme schnappte über als er die Borongeweihte höflich grüßte. Der reisende Geweihte erklärte, dass Liutgar in dem Tempel in Dorngrund Novize gewesen war, dem Mutter Marinad vorgestanden hatte. Nun begleitete er Bruder Domarion bis er nach seiner Weihe vermutlich die Leitung des Tempels in Dorngrund übernehmen konnte.

Als die Götterdiener nach dem Frühstück in den Hof traten, schlug ihnen die Feuchtigkeit des Nebeltages entgegen. In Kürze bedeckte ein feuchter Film die Gesichter und ließ die Haare sich in Locken kräuseln. Coris hatte wie so oft ihr Haar in einen festen, langen Zopf gebunden. Einzig die vorwitzigen kürzeren Strähnen, die das Gesicht umrahmten, ließen sich nicht in das Haargebinde zwingen.

Auf dem Hof stand ein Pferdewagen auf dem bereits diverse Körbe mit den als Seelen bezeichneten Broten und ein Bierfass standen. Der Wagen war mit schwarzen Bändern geschmückt, ein Kaltblut döste im Geschirr. Der Kutscher, der das Beladen des Wagens überwachte, fragte die Geweihten, ob sie ihm etwas mitgeben wollten. Er würde in Bälde vorausfahren. Tatsächlich war Coris froh, dem Mann ihr Kästchen mit Räucherwerk mitgeben zu können. Sie vergewisserte sich, dass Räucherschalen an Bord waren und erkundigte sich nach der in einer Bleikapsel verschlossenen Pergamentrolle des Sterberegisters, das sie erst am Vortag vervollständigt hatte.

Die Baronin erschien und erkundigte sich bei Coris ob Boron ihr eine entspannte Nachtruhe gegönnt hatte. Die Angesprochene nickte. Man besprach noch einmal die Abläufe, dann rollte der Pferdewagen vom Hof.

 

Zwei Waffenknechte der Baronin führten die Prozession an, die sich zur Rahjastunde den Hauptweg von der Burg ins Dorf hinab bewegte. Coris folgte diesen und einem Knecht, der eine Standarte mit dem Boronsrad vor ihr hertrug. Hinter ihr schritten die Baronin mit ihrem Bruder und den restlichen Familienmitgliedern, der Dienstritter Ludopoldt von Geissenbart, Bruder Domarion und der Novize, sowie das Gesinde der Burg, das abkömmlich war.

Je näher sie an den Ort Urkenfurt kamen, desto mehr Menschen säumten den Weg. Man konnte ausgestreckte Finger sehen, die auf Coris, die Baronin und ihr Gefolge zeigten. Viele der Schaulustigen schlossen sich der Prozession an, die nach einem Gebet und einem Räucheropfer am Schrein für Fialgralwa, bald auf den Weg abbog, der zum Boronanger führte.

Das Nebelgrau waberte über dem Fluss und schwappte vom Ufer her über den Totenacker. Mancher mochte diese Stimmung als unheimlich, gar alptraumhaft und beängstigend empfinden. Coris hingegen liebte die Nebelzeit im Boron. Das feuchte Grau schluckte Geräusche, ließ scharfe Konturen weich werden und hüllte einen in einen schützenden Mantel aus Wassertröpfchen. Die schwarzen Stiefel der Borondienerin teilten den Bodennebel, die Schwaden verflüchtigten sich. Bald hatten die vielen Festgäste den Nebel gänzlich auf den Finsterbach hinausgetrieben.

Alles war vorbereitet. Das Feuer in den Feuerschalen brannte, in der Räucherschale vor der Ädikula glimmten Kohlestücke. Das Räucherkästchen und die Rabenfeder lagen bereit. Um das neue Bauwerk hatten sich die hochgestellten Persönlichkeiten versammelt, dahinter die Handwerker und wichtigen Familien des Hauptortes der Baronie und weiter hinten, all die Bauern und Eigenhörigen der Baronin.

Lyssandra von Finsterborn trat vor. Sie erinnerte an das Hochwasser und die Zerstörungen im Frühjahr, dankte allen für ihre Mithilfe bei der Wiederherstellung des Boronangers und wies auch deutlich darauf hin, dass die Errichtung des Schreines ihr Wunsch gewesen war. Die Baronin zählte auf, dass die Steine, die man zum Bau hergenommen hatte aus ihrem Steinbruch kamen und auch die Arbeit des Steinmetzes aus ihrem Säckel bezahlt worden war. Zuletzt kam sie auf das Sterberegister zu sprechen, dass sie in Auftrag gegeben hatte.
„Ihro Gnaden, Schwester Etiliane, hat alle Namen eurer Ahnen gesammelt, die hier auf dem geweihten Totenacker begraben liegen und hat sie in mühevoller Arbeit auf einer langen Pergamentrolle verewigt.“

Die Baronin öffnete die Bleikapsel und entnahm ihr die Pergamentrolle. Sie entrollte die ersten Spanne der Namensliste, die in schönster Tuschschrift verfasst war. Den Kopf des Pergamentes zierten das Boronrad flankiert von zwei Raben.
„Schwester Etiliane hat das Dokument so angelegt, dass bei jeder Familie noch genügend Platz für weitere Familienmitglieder ist. Dieses Sterberegister wird hier im Sockel des Schreins seinen Platz finden und einmal im Götterlauf werden wir die Liste vervollständigen.“

Zustimmendes Kopfnicken und Gemurmel ließen die Baronin zufrieden lächeln. Dann übergab sie das Wort an die Borongeweihte.

Coris wartete bis der Geräuschpegel abebbte. Stille kehrte ein. Sie atmete tief durch. Silentium Boronem delectat schoss es ihr in den Kopf. Den HERRN Boron erfreut die Stille.

„Tuum hic ager sit, Domine Boroni!“, begann sie auf Bosparano. Sogleich aber übersetzte sie es für die Anwesenden ins Garethi. „Dies hier sei dein Totenacker, Herr Boron!“ „Hic locus consecratus sit, dieser Ort sei dir geweiht! Ossa amati requiescant! Die Gebeine unserer Lieben mögen hier ruhen!“

Einige Augenblicke der Stille folgten. Dann erhob Coris erneut das Wort.

„Im Namen Borons, des Dunklen Vaters,
und im Namen aller Alveraniare,
Oh Herr, bei deiner Macht über die Sterbenden und Verstorbenen,
bei deiner Macht über das Reich der Toten,
bei den Mächtigen Alverans,
bei allen Heiligen der Zwölfgöttlichen Kirchen,
bei allen Geweihten und allen Gläubigen der Zwölfgötter,
weihe ich nun dieses Gräberfeld!“

Sie malte das Boronsrad in die Luft und auf die Erde.
„Während die Seelen der Verstorbenen von Golgari über das Nirgendmeer getragen werden,
sei dieser Boden den Toten eine Decke,
schütze sie und gebe ihnen Ruhe,
er sei den Gebeinen eine Heimstatt,
und den Hinterbliebenen ein Ort des Gedenkens an ihre Ahnen,
hier mögen sie die Reste des irdischen Seins ihrer verstorbenen Vorfahren ehren.
Auf diesem Boden gründet sich unser Glaube an die Einkehr in Borons Hallen und die Zwölfgöttlichen Paradiese.
Und so segne ich diesen heiligen Acker im Namen Borons!“

Coris ergriff die Rabenfeder, streute Räucherharz in die Glut und fächelte den Qualm auf die Ädikula. Mit für ihre Verhältnisse lauter Stimme weihte sie den Schrein dem HERRN der Toten. Dann ergriff sie die Bleikapsel und versenkte sie im Inneren des Sockels, verschloss diesen mit der Steinplatte und stellte eine Vase mit frischen Astern auf das Sockelsims.

„Ich werde jetzt die Gräber segnen. Wer von Euch eine Familiengrabstelle hat, möge dort Position beziehen bis ich das Grab gesegnet habe. Für alle, die ihre Ahnen nicht auf diesem Acker bestattet wissen bleibt die Möglichkeit zum Gebet an diesem Schrein. Gehet in Frieden und nehmt Borons Segen mit Euch!“

Sie schlug ein letztes Boronsrad in die Gemeinde, dann übergab sie das Wort wieder der Baronin, die ankündigte, dass auf dem Dorfplatz alles für ein Fest gerichtet war.

Die Reihen lichteten sich. Die ersten zogen ab, um sich auf dem Festplatz zu laben, andere nahmen ihren Platz neben den Grabstelen ein. Coris widmete sich dem Segnen der Gräber. Sie begann mit dem Grab der ehemaligen Baronsfamilie von Hartenau und ging dann weiter zum Grab von Mutter Marinad. Bruder Domarion und der junge Liutgar beteten mit der Dienerin des Ewigen für das Seelenheil der Traviageweihten. Gemeinsam spendeten sie den Segen.

 

Das Fest war schon in vollem Gange als Coris auf dem Dorfplatz erschien. Vor dem Traviatempel „Herd der Großen Mutter“ waren Tische und Bänke aus einfachen Brettern aufgestellt worden. Zeltplanen sollten etwaiges Nass von oben abhalten. Rund um die Sitzgelegenheiten verkauften die Ortsansässigen Speis und Trank. Das gestiftete Bier und die Seelen der Baronin gab es umsonst, alles andere konnte für wenig Geld erworben werden. Es gab geräucherten oder gegrillten Fisch, ein Ferkel drehte sich am Spieß über dem offenen Feuer. In einem großen Kupferkessel köchelte ein wohlriechender Eintopf vor sich hin und an anderer Stelle wurden neben dem üblichen Obstsäften auch warme Getränke wie Kräutertee und Met ausgeschenkt.

Kinder liefen lachend umher, spielten fangen oder standen an dem kleinen Karussell an, das einer der Freibauern betrieb. Einer seiner Knechte kurbelte das Rad, damit die strahlenden Kleinen auf den vier hölzernen Sitzen, die an Seilen von einem runden Baldachin hingen, im Kreis gedreht wurden.

Coris verzog das Gesicht. Der Lärm erschien ihr unerträglich. Wie konnte man zu Ehren des Schweigsamen ein so lautes Fest veranstalten? Sie schickte ein Stoßgebet zum Unergründlichen. Solange es IHM zur Ehre gereichte konnte es ja nicht schlecht sein. Also nahm sich die Dienerin Golgaris ein Herz und mischte sich unter das Volk.