Erste Schritte gen Sichel

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Trallop, 12. Tsa 1042 BF    

An Ihre Hochgeboren Affra von Fluck, Vögtin von Ingerimms Steg


Die Zwölfe zum Gruße und meine Verehrung voraus,

ich wende mich an Euch, da mir vor kurzem zugetragen wurde, dass Ihr beabsichtigt, das verlassene Gut und Dorf Kressing am efferdwärtigen Rande der gräulichen Wüstenei neu zu belehen und dadurch versuchen wollt, das dort brachliegende Gebiet, Peraine und Tsa zum Gefallen, wiederzubeleben. Ich sehe mich ob Eures Weitblicks und Eurer Tatkraft zutiefst beeindruckt und glaube sagen zu können, dass dieses wohlfeile Unterfangen auch im Umfeld der Herzogenfamilie durchaus Zuspruch finden wird.
Da ich jedoch befürchte, dass es gewiss nicht einfach werden wird, die richtige Persönlichkeit für dieses Vorhaben zu finden, erlaube ich mir an dieser Stelle Euch einen diesbezüglichen Vorschlag zu unterbreiten.

In Kürze wird im Stab des weidener Soldgrafen ein altgedienter Kämpe und Veteran zahlreicher Schlachten im und für das Herzogtum in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Hauptmann Coran ui Branghain wird seiner Hochgeboren von Ruckenau ohne Zweifel als verlässliche Stütze seiner Amtsführung fehlen, doch kann der Verlust für die herzögliche Wehr durchaus ein Gewinn für Euch und die von Euch verwaltete Baronie sein.

Hauptmann ui Branghain stritt bereits im dritten Orkensturm als Befehliger eines Banners der ruhmvollen Drachenpforter Pikeniere an den Grenzen der weidener Lande und es soll nicht unerwähnt bleiben, dass er dabei auch an der Seite meines Vaters bei der Verteidigung Ulmenaus und der Burg Weißenstein focht - dem Stammsitz meiner Familie, wie ihr sicherlich wisst.
In den dunklen Jahren, die da kommen sollten, diente er dem Reich weiterhin ehrenvoll auf den Schlachtfeldern Tobriens und führte kaiserliche Soldaten sowohl auf den vallusanischen Weiden als auch an der Trollpforte tapfer gegen die ungeahnten Schrecknisse der zwölfmal verfluchten Schwarzen Horden.
Später stand er dann im Stab des kaiserlichen Marschalls für Weiden unter direktem Befehl seiner Exzellenz Geldor von Eberstamm-Mersingen und wechselte schließlich nach der Reformierung des Reichsheeres in den Dienst des Weidener Soldgrafen, wo seine langjährige Erfahrung sowohl im Felde als auch in der Heeresverwaltung dem gedeihlichen Wohl der herzöglichen Garden zu Gute kam.
Um Euch einen Eindruck zu geben, wie wertvoll sich seine Mitarbeit ausnahm, sei Euch gesagt, dass seine Hochgeboren von Ruckenau beabsichtigt, seinem treuen Gefolgsmann in Kürze die Ehre des Ritterschlags zukommen zu lassen.

Wie Ihr nun wohl erahnen könnt, ist es mir darüber hinaus ein großes Anliegen, Hauptmann ui Branghain für seine unbestreitbaren Verdienste um unsere geliebte Heimat in angemessener Weise zu entlohnen - auch oder besser, gerade weil er nicht von Geburt an adligen Geblütes ist.
Ihr stimmt mir sicher zu, wenn ich sage, dass ein Mann mit solchen Fähigkeiten und von solch gutem Leumund, ungeachtet seiner Herkunft, genau der ist, den Ihr für den Wiederaufbau von Ingerimms Steg und für eine Hinführung zu alter Blüte ohne Zweifel brauchen könnt.
Ich muss nicht betonen, dass ich es als einen persönlichen Gefallen verstünde, solltet Ihr meinen Rat wohlwollend in Betracht ziehen.

Ich verbleibe in Erwartung eurer baldigen Antwort.

Hochachtungsvoll

Eberwulf von Weißenstein
Herzoglicher Kanzler Weidens

                                                


                                                   

Unter den Augen der Göttin

Phex 1042 Bosparans Fall

Trallop, Bärenburg, Zwölfgötterkapelle


„... HEIL DIR, HIMMELSLEUIN KÜHN!“

Als in der kleinen Kapelle die letzten Töne des zum Lobpreis der Donnernden gesungenen Chorals verklangen, endete damit auch der Göttinnendienst, der durch ihre Gnaden Linhai Thoroglam von Nordhag anlässlich von Corans Erhebung in den Ritterstand abgehalten worden war. Die Hofgeweihte der Bärenburg verharrte noch einen Moment in sich versunken mit geschlossenen Augen, bevor sie schließlich Linnart von Ruckenau zunickte und einen Schritt zur Seite machte, um dem Soldgraf des Herzogtums und Marschall der Weidener Wehr den Platz vor dem Altar an der Stirnseite des Raumes zu überlassen.

Der alte Recke, der während der Andacht in der vordersten Reihe neben Coran gestanden hatte, erwiderte das Nicken der Rondrageweihten respektvoll und trat dann vor, um sich an ihrer Seite und mit Blick auf die versammelte Gemeinde aufzubauen.

Es waren nicht besonders viele Gäste anwesend, jedoch hatten sich mit Eberwulf von Weißenstein und Weldmar von Arpitz „dem Jungen“, durchaus noble Persönlichkeiten eingefunden, um Coran die Ehre zu erweisen und das feierliche Ereignis zu bezeugen.
Ansonsten waren neben einer Handvoll Offiziere der herzoglichen Garden nur Corans Tochter Elfwid, die seit zwei Jahren selbst den Wappenrock der Rundhelme trug, und sein alter Weibel und langjähriger Weggefährte Thorolf Pfannenstieg zugegen.

Schließlich durchbrach die ruhige Stimme Linnarts von Ruckenau den Moment der Stille, der sich an den leidenschaftlich vorgetragenen Gesang angeschlossen hatte und in dem ansonsten nur das leise Klimpern und Schaben von Ketten- und Plattenzeug zu hören gewesen war, da entsprechend des Anlasses natürlich alle Anwesenden angemessen gerüstet und bewaffnet erschienen waren.

„Wir haben uns hier und heute zusammengefunden, um Hauptmann Coran ui Branghain vor den Augen Rondras und ihrer zwölfgöttlichen Geschwister in den Stand eines Ritters zu erheben.“

Einen Bürgerlichen ohne Knappenzeit und Schwertleite zum Ritter ehrenhalber zu schlagen, war in Weiden eine seltene Ausnahme und in weiten Teilen des überwiegend traditionalistisch geprägten Adels nicht gern gesehen. Umso geehrter hatte sich Coran gefühlt, als ihm der Soldgraf, dem er nun schon seit mehr als einem Jahrzwölft als Stabsoffizier und Berater diente, vor einigen Wochen seine Absicht verkündete, eben dies tun zu wollen.

„Um keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen, dass dies nicht leichtfertig geschieht, sei es mir zuvor erlaubt, einen Blick zurück zu werfen auf die Verdienste und Taten dieses Mannes, die ein beredtes Zeugnis ablegen für seinen Mut, seine Tugendhaftigkeit und seine Götterfurcht.“ Er zog ein Stück Papier hervor, das hinter seinen Gürtel geklemmt war, entfaltete es umständlich und fuhr schließlich, ohne im weiteren Verlauf die Notizen auf dem Dokument zurate ziehen zu müssen, mit seiner Rede fort, die er nun direkt an Coran richtete.

„Nach Eurem Abschluss an der Honinger Gardeoffiziersschule und Euren ersten Dienstjahren als Fähnrich des Fußvolks im 2. Kaiserlich-Nordmärker Garderegiment, wurdet Ihr bereits im Jahre 1010 zu den Drachenpforter Pikenieren nach Weiden versetzt. Ob Eurer herausragenden Fähigkeiten und erwiesenen Führungsstärke wart Ihr ungewöhnlich früh in den Rang eines Hauptmanns befördert worden und erhieltet daher bei den Drachenpfortern folgerichtig sogleich den Befehl über ein eigenes Banner.“

Ungewöhnlich früh in der Tat, dachte Coran bei sich, aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten und erwiesenen Führungsstärke eher weniger. Er war seinerzeit nicht gerade glücklich darüber gewesen, nach der Ausbildung eine Offiziersstelle bei der Gratenfelser Koschwacht zugewiesen zu bekommen, hatte er doch gehofft, in einem kaiserlichen Regiment in seiner Heimat Albernia dienen zu können. Und auch seine neuen, von Standesdünkel zerfressenen nordmärkischen Vorgesetzten waren nicht wirklich begeistert über einen zu Widerworten neigenden Albernier in ihren Reihen, der zudem auch noch von niederer Abkunft war und einem aus ihrer Sicht an Ketzerei grenzenden Aberglauben an Feen und Geister anhing.

Da er jedoch durchaus ordentliche Leistungen erbrachte, sich nichts zu Schulden kommen ließ und sich bei den unteren Dienstgraden schnell einen gewissen Respekt erarbeitete, hatte sich keine Möglichkeit ergeben, ihn ohne weiteres wieder loszuwerden. Stattdessen war er letztlich klassisch weggelobt worden, will heißen: Er war zähneknirschend zum Hauptmann befördert worden und hatte, da im Regiment zu diesem Zeitpunkt kein Posten für einen solchen frei gewesen war, versetzt werden müssen. Dass es ihn nun nach Weiden verschlug und er abermals keinem albernischen Regiment zugeteilt wurde, hatte er mit großer Sicherheit ebenfalls den nachtragenden Nordmärkern zu verdanken gehabt, wofür er ihnen im Rückblick allerdings sogar dankbar war.

„Schon bald darauf musstet Ihr euch im Dritten Orkensturm bewähren, der nur ein Jahr später über Weiden und das Reich hereinbrach, und hieltet mit Euren Soldaten über mehrere Monate lang tapfer am Fuße des Finsterkamms die Westgrenze des Herzogtums gegen den immer wieder anstürmenden Feind.“

Coran schaute kurz hinüber zu Eberwulf von Weißenstein, mit dessen Vater Giselwolf er in dieser Zeit das Dorf Ulmenau am Weißensee gegen eine vielfache Übermacht der Schwarzpelze verteidigt hatte. Giselwolf war damals zwar gefallen und die Siedlung geplündert worden, doch ein Großteil der Bevölkerung hatte sich aufgrund des tapferen Einsatzes seiner Pikeniere auf die nahe Burg Weißenstein retten können. Der jetzige Weidener Kanzler Eberwulf war ihm seither in Dankbarkeit verbunden und auch wenn sie sich beide nicht wirklich nahestanden, ahnte Coran, dass seine Adelung und die anstehende Belehnung in Ingerimms Steg vor allem dem Einfluss des Weißensteiners geschuldet waren.

„Als der Ork wieder vom Reichsboden vertrieben war und sich eine kurze Zeit des Friedens anschloss, wart Ihr in die Neuaufstellung und Konsolidierung der angeschlagenen Drachenpforter eingebunden und sorgtet mit unkonventionellen Ideen zugleich für eine Modernisierung des Regiments.“

Die Wortwahl ließ Coran innerlich schmunzeln. Er und einige der anderen aufgeschlosseneren Offiziere hatten sich, aufgrund der Erfahrungen während des Orkensturms, für die Aufstellung einer Schützenkompanie innerhalb des Regiments stark gemacht, die mit schweren Armbrüsten ausgestattet sein sollte. Doch natürlich konnte der Soldgraf dies unter den Augen der Göttin und in Anwesenheit ihrer Gnaden von Nordhag so deutlich nicht sagen. Tatsächlich hatten sie sich damals gegen den Widerstand der konservativen und streng rondragläubigen Teile der Regimentsführung durchgesetzt und schließlich die Drachenpforter Schützen aufgebaut, deren Kommando sogar seine damalige Adjudantin und Stellvertreterin Gerlinde von Weißenholz übertragen bekam. Dass sie gut daran getan hatten, wurde einige Jahre später bestätigt, als diese Einheit während der Invasion der schwarzen Horden in Tobrien an der Seite der legendären Gezeichneten kämpfte und sich und dem Regiment dabei unsterblichen Ruhm verdiente.

„Auch auf den Schlachtfelder Tobriens, auf den vallusanischen Weiden und an der Trollpforte, fochtet Ihr und die Drachenpforter Garde einige Jahre später gemeinsam mit dem Weidener Heerbann, stelltet Euch den namenlosen Schrecken, die die Anhänger des verfluchten Borbarad auf Dere losließen, und schicktet sie zurück in die Höllen aus denen sie kamen.“

Diese Erinnerungen schmerzten. Zu viele Freunde und Kameraden hatte Coran dort verloren und oftmals auf eine Weise, die ihm mitunter heute noch Alpträume bescherte. Er selbst hatte wie durch ein Wunder die blutigen und auf beiden Seiten mit gnadenloser Brutalität geführten Gefechte so gut wie unverletzt überstanden – zumindest körperlich.
Denn auch die Zeit danach war für ihn eine dunkle gewesen. Selbstvorwürfe und -zweifel hatten ihn forthin geplagt, ihn keine Ruhe finden lassen und einen dunklen Schatten über seine Seele gelegt. Doch dann war etwas geschehen, was ihm im Nachhinein wie ein weiteres Wunder vorkam.

Er und die Reste seines Banners waren nach ihrer Rückkehr aus Tobrien einige Monate lang auf der kaiserlichen Pfalz Donnerschalck an den Hängen der Schwarzen Sichel stationiert worden, um die Grenze zu den neu entstandenen Schwarzen Landen zu sichern. Und dort war es gewesen, wo er auf Wulftrude von Nimerfro getroffen war, eine blutjunge Ritterin im Dienste des Pfalzgrafen, die, aus welchen Gründen auch immer, Gefallen an dem gut fünfzehn Jahre älteren, mürrischen und in sich gekehrten Soldaten fand. Mit Beharrlichkeit und Anteilnahme hatte sie bald sein Herz gewonnen und in ihren liebevollen Armen war es ihm schließlich gelungen, seine inneren Dämonen zu überwinden, wieder Hoffnung zu schöpfen und Freude im Leben zu finden.

Und noch ein kleines Wunder war ihm in dieser Zeit beschert worden, dachte Coran und blickte lächelnd zur Seite, wo Elfwid stand und mit Stolz in den Augen den Worten ihres Marschalls lauschte, die das Leben ihres Vaters würdigten.

Als die Schwangerschaft Wulftrudes damals offensichtlich geworden war, hatte der zu dieser Zeit amtierende Pfalzgraf Bunsenhold, der mittlerweile die Position des Sichelwachter Grafen bekleidete, sie ohne viel Federlesens aus seinen Diensten entlassen und aus Donnerschalck weggeschickt. Notgedrungen war sie daraufhin in ihre Heimat Traunwart im Balihoschen zurückgekehrt und hatte dort im Schoße ihrer Familie Klein-Elfwid zur Welt gebracht.

Ihre Mutter Immberta, die Junkerin von Traunwart, war von der Entwicklung der Dinge nur mäßig begeistert gewesen. Zwar liebte sie ihre Zweitgeborene und hatte sich auch ehrlich über den Nachwuchs gefreut, doch ein Bankert mit einem dahergelaufenen bürgerlichen Hauptmann in so frühen Jahren war dem Ansehen und den Ambitionen einer aufstrebenden jungen Ritterin nicht unbedingt dienlich gewesen. Somit hatte Immberta auch kein gutes Haar an Coran, dem „alten geilen Bock“, gelassen und entsprechend heikel hatten sich in den folgenden Jahren die seltenen Treffen mit seiner Geliebten und ihrer gemeinsamen Tochter dargestellt.

„Im Jahre 1026 dann war es wieder der Ork, der in überwältigender Zahl über die Mittnacht kam und plündernd und mordend abermals unsere geliebte Heimat überfiel. Nach der Wagenschlacht bei Balhio, wo die Drachenpforter Garde einmal mehr Seite an Seite mit den Rittern Weidens gegen den Feind kämpfte, zeigte sich der damalige kaiserliche Marschall Geldor von Eberstamm-Mersingen dermaßen beeindruckt von Eurem taktischen Geschick und Eurer Besonnenheit im Angesicht des Gegners, dass er Euch kurzerhand als Stabsoffizier in seinen Dienst nahm.“

Coran hatte sich während der Schlacht in der Tat gut geschlagen und sich dadurch durchaus auch für Höheres empfohlen, dennoch verband er mit dem damaligen Sieg kaum erfreuliche Gefühle.

Auch Wulftrude hatte nämlich im gräflichen Heerbann vor Baliho gegen die Orken gekämpft. Coran hatte noch lebhaft ihr kurzes aber leidenschaftliches Zusammentreffen am Vorabend der Schlacht in Erinnerung und wie sie, durchdrungen von rondrianischem Eifer, ihrem ersten großen Gefecht am nächsten Tag entgegenfiebert hatte. Einem Gefecht, das gleichzeitig ihr letztes werden sollte. Als alles vorbei gewesen war, die gigantischen Kampfwagen der Schwarzpelze zerstört und die Überreste ihrer Streitmacht zerschlagen, hatte er sie tot auf dem Schlachtfeld gefunden und war weinend über ihrem blutigen Körper zusammengebrochen.

Es war, als wäre ihm das Herz aus der Brust gerissen worden und hätte ihm die vor Gram gebeugte Immberta von Nimmerfro, nicht wenig später unversehens die alleinige Verantwortung für die kleine Elfwid übertragen, so wäre er wohl vollends an dem neuerlichen Verlust verzweifelt. Doch das, was Wulftrudes Mutter in ihrem Schmerz nicht zu ertragen vermocht hatte, hatte Coran unverhofft Linderung und Heilung verschafft, nämlich die Zuneigung und Fröhlichkeit eines vierjährigen Mädchens, das seiner verstorbenen Mutter so ähnlich war. Daher kam ihm die Berufung in den Stab des Marschalls auch mehr als gelegen, stellte sie doch die beste Möglichkeit dar, seiner Tochter ein weitgehend beschirmtes und geregeltes Leben bieten zu können.

Bei Geldor von Eberstamm-Mersingen hatte er sodann auch Weldmar von Arpitz kennengelernt, der damals Hauptmann bei der elitären Bärengarde und persönlicher Adjudant des Marschalls gewesen war. Der schneidige Kavallerieoffizier und der hemdsärmlige Stoppelhopser Coran hatten bald eine freundschaftliche Rivalität zueinander entwickelt, bei der es vor allem um die Vorzüge und den Einsatzwert ihrer jeweiligen Waffengattungen ging. Die bissigen Sticheleien und mitunter hitzig geführten Dispute hatten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass beide Männer in Wirklichkeit tiefen Respekt füreinander hegten.

Coran erinnerte sich noch gut an den Brief, den Weldmar ihm Jahre später geschrieben hatte, kurz nachdem er zum Leiter der Balihoer Kriegerakademie ernannt worden war: Mit Wohlwollen habe er festgestellt, dass die Tochter des von ihm wertgeschätzten Hauptmanns ui Branghain momentan ihr Studium an der Akademie „Schwert und Schild“ absolviere und dabei in der Tat eine große Begabung für die Kunst des Lanzenreitens zeige. Er freue sich, dass nun offenbar endlich Einvernehmen bezüglich der Überlegenheit berittener Heeresteile zwischen ihnen herrsche, da der gute Herr Hauptmann sonst ja wohl kaum seinem eigenen Sproß solcherart Ausbildung hätte angedeihen lassen. Er versichere ihm, dass er persönlich den Fortschritt der vielversprechenden jungen Dame im Blick behalten werde, auf dass sie ein standesgemäßes Bewusstsein für die dominante Bedeutung der Reiterei im Felde entwickeln und verinnerlichen werde.

Unwillkürlich huschte ein Lächeln über Corans Gesicht und ein schneller Blick über die Schulter zeigte ihm, dass seinem alten Kameraden, dem schelmischen Blitzen in seinen Augen nach zu urteilen, in diesem Moment ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen.

„Keine zwei Götterläufe später dann, nach der Katastrophe von Wehrheim und der Vernichtung eines Gutteils des Reichsheers in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld, wurden die Überreste der in der Mittnacht stehenden kaiserlichen Garderegimenter mit Beschluss der Ochsenbluter Urkunde aufgelöst und in den herzoglich-weidener Heerbann übernommen. In ihrer Weisheit stellte es Ihre Hoheit Walpurga von Löwenhaupt jedoch jenen Soldaten, die nicht aus Weiden stammten, frei, stattdessen in ihre jeweiligen heimatlichen Provinzen zurückzukehren, um dort den Kampf gegen die zahllosen Bedrohungen fortzuführen, die dem Raulschen Reich in dieser dunklen Zeit dräuten. Und obwohl Ihr Euch, als Albernier mit Leib und Seele, diese Entscheidung ohne Zweifel nicht leicht machtet, erkanntet Ihr, wo Eure Fähigkeiten am nötigsten gebraucht wurden und hieltet Weiden weiterhin die Treue. Seither steht Ihr mir im Stab des Soldgrafen zur Seite und leistet dort mit Eurer langjährigen Erfahrung, Eurer ruhigen Umsicht und Eurer unerschütterlichen Verlässlichkeit sowie nicht zuletzt Eurer ehrlichen Freundschaft einen Dienst, dessen Wert kaum zu überschätzen ist.“

In der Tat war Coran, in Folge der tiefgreifenden Umwälzungen im Jahr des Feuers, als einem der letzten langgedienten Reichsoffiziere in Weiden die traurige Aufgabe zugekommen, sich der Abwicklung der dort noch vorhandenen kaiserlichen Kontingente anzunehmen. Da die Tralloper Hellebardiere und die Bärengarde allerdings bereits mit Marschall von Eberstamm-Mersingen vor Wehrheim untergegangen und die Reste des Reiterregiments Pandlaril ihrem Oberst Alrik von Blautann bald darauf in die Wildermark gefolgt waren, bildeten seine arg dezimierten Drachenpforter das letzte noch in Weiden verbliebene kaiserliche Regiment, das nun in den herzöglichen Garden aufgehen sollte.

Dieser Umstand war für Coran der ausschlaggebende Grund gewesen, nicht zurück nach Albernia zu gehen, sondern sich in den Dienst des Weidener Soldgrafen zu stellen und persönlich dafür Sorge zu tragen, dass seine alten Kameraden möglichst reibungslos und erhobenen Hauptes in die Reihen der Grünröcke und der Sichelgarde integriert werden würden.
 
„Und daher, in Anerkennung all dessen, was hier vorgetragen wurde, im Namen all derer, die euch ihr Leben zu verdanken haben und Eingedenk all der Opfer, die euch selbst abverlangt wurden, fordere ich euch, Coran ui Branghain, nun auf: Tretet vor und kniet nieder!“


 

Unter vier Augen

Peraine 1042 Bosparans Fall

Trallop, Bärenburg, Herzögliche Kanzlei



Ein dezentes Räuspern riss Coran aus seiner Konzentration mit der er nun schon seit mehr als einer Stunde angestrengt versuchte, die Ansammlung von Schriftrollen und Pergamenten, die sich vor ihm auf dem Tisch türmten, zu sortieren und in eine sinnvolle Ordnung zu bringen.
Fahrig und mit verärgertem Gesichtsausdruck blickte er über den Rand seiner Lesebrille auf, nur um gleich darauf überrascht die Augenbrauen zu heben, als er erkannte, um wen es sich bei dem unerwarteten Störenfried handelte.

Eberwulf von Weißenstein höchstpersönlich stand in der offenstehenden Tür und schaute ihn fragend an. „Darf ich?“

Coran konnte sich nicht daran erinnern, wann der Kanzler Weidens ihn das letzte Mal in seiner bescheidenen Schreibstube in den Amtsräumen des herzoglichen Soldgrafen aufgesucht hatte. Tatsächlich war er sich nicht sicher, ob dies überhaupt jemals der Fall gewesen war.

„Ja, ja, natürlich, Exzellenz“, stammelte er und fummelte umständlich seine Sehhilfe von der Nase, während er sich von seinem Stuhl erhob und hastig den überladenen Schreibtisch umrundete, um, ganz der alte Soldat, der er nun mal war, zackig Haltung anzunehmen.

Der gut 10 Jahre jüngere Weißensteiner trat ein und hob in einer zwanglosen Geste die Linke zum Gruß. Unter seinem rechten Arm trug er ein flaches, in ein Leinentuch eingeschlagenes Paket.
„Aber bitte, mein Freund, keine Förmlichkeiten. Dies ist doch keine offizielle Aufwartung.“
Sein Blick glitt zu den aufgehäuften Schriftstücken hinter Coran. „Viel Arbeit?“

„Nun, es sind noch ein paar Altlasten auf Stand zu bringen. Ich denke, das bin ich meinem Nachfolger schuldig.“

Der Weißensteiner nickte. „Gewissenhaft und fleißig, ganz so wie man es von euch kennt. Ich hoffe doch, ihr verzeiht mir die kleine Unterbrechung und könnt einen Moment für einen alten Weggefährten erübrigen. Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, euch zum Abschied ein kleines Geschenk zu vermachen.“ Er hob den eingepackten Gegenstand mit beiden Händen vor die Brust und sah sich suchend in der kleinen Kammer um.

Da es sonst keine Abstellmöglichkeiten gab, schob Coran kurzerhand die zuvor mühsam geordneten Stapel auf seinem Schreibtisch zur Seite und seufzte innerlich, als dadurch Soldlisten, Anforderungsbescheide und Musterungsberichte wieder durcheinandergemischt wurden. Von dem verursachten Verwaltungsmehraufwand unbeeindruckt, legte der Weißensteiner sein Mitbringsel auf der nun frei gewordenen Fläche ab und bedeute Coran mit einem Lächeln, es auszupacken.

Kurz darauf kam unter dem Tuch ein etwa zwei Spann auf drei Spann messender Rahmen aus hellem Holz zum Vorschein, der ein farbiges Ölgemälde einfasste. Coran lehnte das Bild aufrecht gegen seinen alten Helm, der auf dem Tisch lag und als Briefbeschwerer diente, und trat einen Schritt zurück um es angemessen in Augenschein nehmen zu können. Das Gemälde zeigte in beeindruckender Kleinteiligkeit den Umriss einer mittelgroßen Stadt inmitten einer von Hügeln durchzogenen Heidelandschaft vor einem sonnigblauen Himmel. Coran erkannte die abgebildeten Türme, Mauern und Straßen sogleich. „Honingen.“, flüsterte er.

„Ich hoffe, es gefällt euch“, sagte der Weißensteiner, der an seine Seite getreten war. „Es trägt den Titel 'Perle des Abagund' und ich habe es vor langer Zeit als Präsent anlässlich meiner Schwertleite erhalten, von der Gräfin Galahan höchstselbst.“

„Das kann ich unmöglich annehmen, Exzellenz.“

„Oh, diese Entscheidung überlasst ganz mir, denn ein passenderes Geschenk wäre mir wahrlich nicht eingefallen. So verbindet uns doch beide etwas mit dieser Stadt. Zum einen habt ihr in der kaiserlichen Gardeoffiziersschule zu Honingen eure Ausbildung erhalten, zum anderen habe ich, wenn auch etwas später, meine Knappenzeit dort verbringen dürfen.“

Der Weißensteiner hielt kurz inne und Coran erkannte den wehmütigen Unterton in seiner Stimme als er fortfuhr: „Und dort war es auch, wo ich von der Brandschatzung Ulmenaus erfuhr und vom Tod meines Vaters. Ein harter Schlag für mich und meine ganze Familie fürwahr.“ Traurig lächelnd wandte er sein Gesicht Coran zu. „Doch der Bote damals wusste auch zu berichten, dass die meisten Bewohner Ulmenaus es rechtzeitig in die Sicherheit der Feste Weißenstein geschafft hatten. Ein Umstand, der vor allem den Bemühungen eines angeschlagenen Fähnleins Kaiserlicher Pikeniere zu verdanken war, die sich der Übermacht der Orks tapfer entgegengestellt und so die Flucht erst ermöglicht hatten. Und bei dem Befehlshaber dieser Soldaten hatte es sich um einen gewissen jungen Hauptmann aus Albernia gehandelt, einen einfachen Mann ohne bedeutenden Namen oder Adelstitel, jedoch von großer Entschlossenheit und noch größerem Mut. Mein lieber ui Branghain, meiner Meinung nach hättet ihr allein dafür schon den Ritterschlag erhalten müssen. Aber wie heißt es doch: Besser spät als nie.“

Etwas verlegen strich Coran sich durch seinen ergrauten Bart. „Seine Exzellenz von Ruckenau hat mir damit in der Tat große Ehre erwiesen. Und mir ist durchaus bewusst, dass ich dies zu einem Gutteil euch zu verdanken habe, was ich sehr zu schätzen weiß.“

Der Weißensteiner winkte ab. „Nichts, was ihr euch nicht selbst erarbeitet und redlich verdient hättet. Wie gesagt, wenn ihr mich fragt, war das längst überfällig. Und in Kressing gibt es viel zu tun. Da braucht es einen zupackenden und charakterstarken Mann wie euch. Glaubt mir, ihr seid mit gutem Grund für diese Aufgabe ausgewählt worden.“

Coran neigte sein Haupt, um anzuzeigen, dass er sowohl das Lob als auch das großzügige Geschenk dankbar akzeptierte und anschließend standen beide Männer eine Zeit lang Schulter an Schulter nebeneinander und betrachteten schweigend das Gemälde der Stadt, die für jeden von ihnen so mancherlei Erinnerung barg.

„Ingerimms Steg also“, führte der Kanzler das Gespräch unvermittelt fort und brachte es ohne Umschweife auf die Sichelwachter Baronie, in der das kleine Rittergut Kressing lag, das Coran alsbald verwalten sollte. Er trat zur noch immer offenstehenden Tür und zog sie zu. „Ein durchaus gebeutelter Landstrich, wie ihr wohl wisst. Zunächst die Entstehung der gräulichen Wüstenei und die damit verbundenen monetären Einbußen, von dem Verlust an Menschenleben ganz zu schweigen. Dann die unschönen Verwicklungen um die herrschende Familie von Drôlenhorst. Darüber seid ihr doch im Bilde?“

„Die Machenschaften des Fenn Weitenberg von Drôlenhorst sind mir bekannt. Ein Verräter an Reich und Krone, der sein Schicksal verdient hat.“

„Sicher, sicher. Da kann es keine zwei Meinungen geben. Wollen wir hoffen, dass sein Sohn Geron da aus anderem Holz geschnitzt ist. Kennt ihr ihn?“

„Ich fürchte nein.“

„Das habe ich mir gedacht. Er müsste etwa im Alter eurer Tochter sein, ein wenig jünger vielleicht. Im Moment hält er sich jedenfalls in Salthel auf und absolviert seine Knappenzeit bei Graf Bunsenholt, dessen Mündel er ist. Der Arme hat schon einige Schicksalsschläge hinnehmen müssen in seinem jungen Leben. Erst das Dahinscheiden seiner Mutter, dann die Wegweisung durch seinen Vater und schließlich, vor kurzem erst, der nicht ganz nachvollziehbare Tod seines Onkels und letzten verbliebenen Verwandten Tiro, der bis dahin in seinem Namen über Ingerimms Steg geherrscht hatte.“

Der Weißensteiner hatte mittlerweile damit begonnen, den spärlichen Platz im Raum zu nutzen um langsam und mit auf dem Rücken verschränkten Armen auf und ab zu schreiten, während er scheinbar unverbindlich und im Plauderton weitersprach. „Den Zwölfen sei Dank, dass der Graf ein Auge auf ihn hat und auch schnell eine neue Vögtin für die Verwaltung der Baronie finden konnte, eben jene Frouwe von Fluck, in dessen Dienste ihr bald treten werdet. Eine ausgesprochen strebsame Dame, wie es heißt, und dem Grafen treu ergeben, so wie es sein soll.“

Abrupt blieb der Kanzler stehen und tippte sich sinnierend mit einem Finger ans Kinn als sei ihm gerade eine neue Erkenntnis gekommen. „Wenn ich es recht bedenke, so hat es der gute Graf in den letzten Götterläufen doch immer wieder aufs trefflichste verstanden, überraschend vakant gewordene Positionen in der Sichelwacht mit Gefolgsleuten zu besetzen, deren Loyalität ihm gegenüber außer Frage steht. Eine durchaus günstige Entwicklung für den Wolkensteiner, will man meinen.“ Er drehte sich zu Coran. „Ihr seid dem Grafen schon begegnet, oder?“

„So ist es. Nach der Trollpforte verstärkte mein Banner eine Zeit lang die Besatzung auf Burg Donnerschalck als seine Hochwohlgeboren dort noch das Amt des Pfalzgrafen bekleidete.“

„Und sagt, wie schätzt ihr ihn ein?“

Da es inzwischen offensichtlich war, dass es hier um mehr ging als nur um ein nettes Abschiedsgespräch zwischen zwei alten Freunden, achtete Coran nun sorgsam auf jedes Wort, das er sagte. „Nun ja, ich habe ihn als einen Mann kennengelernt, der sehr genau weiß was er will.“

„Und?“

Coran zögerte einen Augenblick. „Und der auch sehr genau weiß, wie er es bekommt.“

Der Weißensteiner legte den Kopf schief und lächelte schmal. „Ja, ich denke, damit trefft ihr es auf den Punkt. Da ist es doch gut, dass der junge Geron in die Pläne des Grafen zu passen scheint, nicht wahr. Wäre dem nicht so, bedürfte er gewiss des ein oder anderen verlässlichen Mitstreiters, wenn er denn beizeiten die Herrschaft über Ingerimms Steg antritt, meint ihr nicht auch? Wie dem auch sei, ich wünsche euch jedenfalls den Segen der Zwölfe und allzeit eine glückliche Hand bei der Bewältigung der sicherlich mannigfaltigen Herausforderungen, die euch in den Sichellanden erwarten werden, Ritter ui Branghain.“
 
Er klopfte Coran auf die Schulter und wandte sich schließlich zum Gehen, verharrte jedoch noch einmal kurz bevor er den Raum verließ.

„Wie ich bereits sagte, ihr seid mit gutem Grund für diese Aufgabe ausgewählt worden.“

 


 

Runhager Gastfreundschaft

Peraine 1042 Bosparans Fall

Runhag, Motte der Wehrvögtin

 

„Ui Branghain, ui Branghain, irgendwas sagt mir das.“ Irlgunde Rinnfoldshaus von Waldenklamm, die Wehrvögtin zu Schroffenfels, runzelte ihre ohnehin bereits mit deutlichen Falten durchzogene Stirn und kratzte sich nachdenklich am Kinn während sie sinnierend aus dem schmalen Fenster ihres Arbeitszimmers sah. Sie war sich einigermaßen gewiss, einem Mann mit diesem Namen schon einmal begegnet zu sein - schließlich kam dieser eigenartige Albernische Namenszusatz hierzulande wahrlich nicht häufig vor -, konnte sich jedoch beim besten Willen weder an die Gegebenheit noch an die Person selbst erinnern. Innerlich über die zunehmende Last des Alters und dessen Auswirkungen auf ihr Gedächtnis fluchend, drehte sie sich wieder zu ihrem Kastellan Gertmar um, der vor ihrem Schreibtisch stand und mit ausdruckslosem Gesicht auf ihre Antwort wartete. „Hat dieser Ritter ui Branghain denn gesagt, was sein Begehr ist?“

„Der hohe Herr erklärte nur, auf der Durchreise zu sein und euer Hochgeboren bei dieser Gelegenheit seine Aufwartung machen zu wollen.“

Verdrießlich verzog die Vögtin ihre Mundwinkel nach unten. „Nun gut, führe ihn in den Saal! Ich werde ihn dort gleich empfangen.“

Kurze Zeit später betrat sie gemessenen Schrittes den geräumigen Herrschaftssaal, wo neben Gertmar noch zwei weitere Personen auf sie warteten, denen die Anstrengungen eines langen Ritts deutlich anzusehen waren.
Die auffälligere von beiden war eine breitschultrige Frau mit kurzgeschnittenen rotbraunen Haaren, einem sommersprossigen Gesicht und hohen Wangenknochen. Sie war von mittlerem Wuchs und mochte als leidlich gutaussehend gelten, wobei ihr ernster Blick nicht so recht zu ihrem jungen Alter von vielleicht Anfang zwanzig passen wollte. Eine Kettenrüstung, hohe Reitstiefel und ein Schwertgehänge verliehen ihr die Erscheinung einer typisch Weidener Ritterin, wobei sie jedoch keinen Wappenrock oder sonst welche Insignien trug, die einen Rückschluss auf ihre Herkunft zuließen.
Ihr Begleiter war ein deutlich älterer stämmig gebauter Mann, dessen freundlich wirkendes rundes Gesicht von grauen Locken und einem ebensolchen gestutzten Vollbart eingerahmt war. Irlgunde schätzte, dass er etwa im selben Alter wie sie selbst sein mochte und, wie sie bereits vermutet hatte, kam ihr der Mann vage bekannt vor. Auf dem Saum seines schlichten knielangen Gambesons prangte jedoch ein Wappenbild von dem sie sicher war, es noch nie zuvor gesehen zu haben: ein Spieß oder eine Lanze in weiß vor blauem Hintergrund. Auch er trug ein Schwert an der Seite und seine Körperhaltung sowie die sichtbaren Narben im Gesicht und auf den unbedeckten Unterarmen verrieten ihr den routinierten Kämpfer. Irlgunde von Waldenklamm erkannte einen Veteranen, wenn sie ihn sah.

„Euer Hochgeboren“, hob ihr Kastellan an, „ich darf vorstellen: Seine Wohlgeboren Ritter Coran ui Branghain und seine Tochter die hohe Dame Elfwid ni Branghain.“

Die beiden verneigten sich in angemessener Weise und anschließend richtete der Mann das Wort an sie: „Euer Hochgeboren von Waldenklamm, ich freue mich euch wiederzusehen, umso mehr da ihr Euch offenbar bester Gesundheit erfreut.“

„Warum sollte ich auch nicht gesund sein?“, schnarrte sie ihm kurzangebunden entgegen und maß ihren etwa einen halben Kopf kleineren Gast mit prüfendem Blick. „Und ich fürchte, ihr müsst mir etwas auf die Sprünge helfen: Wann genau sind wir uns schon einmal über den Weg gelaufen?“

„Oh, verzeiht mir bitte, es ist tatsächlich schon eine Weile her. Vor einigen Jahren begleitete ich Seine Exzellenz Marschall von Ruckenau bei einer Inspektionsreise, die uns auch nach Runhag zu den hier stationierten Kämpfern der Sichelgarde führte. Hochgeboren waren damals so freundlich uns Gastung zu gewähren. Auch fochten wir in den vergangenen Jahrzehnten in der ein oder anderen Schlacht zusammen, wenn auch nicht Seite an Seite, wie ich dazu sagen muss. Ich habe lange Zeit in der Drachenpforter Garde gedient, müsst ihr wissen.“

Nun kamen die Erinnerungen mit einem Mal zurück und Irlgundes Züge hellten sich für einen kurzen Moment auf, nicht etwa, weil sie sich über das Wiedersehen freute, sondern allein aufgrund des Umstandes, dass sie sich wohl doch noch immer auf ihr Gedächtnis verlassen konnte.
Coran hingegen missverstand ihren Gesichtsausdruck jedoch offenbar und reagierte mit einem breiten Lächeln.

Schnell hatte die Vögtin ihre Gefühlsregung wieder im Griff. „Ja doch, Ihr seid dieser Albernische Hauptmann aus dem Gefolge des Soldgrafen. Ich erinnere mich. Sagt, was verschlägt Euch heuer nach Schroffenfels? Steht wieder eine Inspektion der Sichelwachter Spießlinge an?“

„Nein, nein, unsere Reise ist gänzlich anderer Natur. Meine Tochter und ich sind unterwegs nach Ingerimms Steg. Eure Amtsschwester drüben, Hochgeboren von Fluck, zieht in Erwägung, mich mit einem Stück Land zu belehnen. Kressing, vielleicht sagt Euch das etwas. Wir sind also sozusagen auf dem Weg zu einem Antrittsbesuch dort.“ Er lächelte weiter und sah die Vögtin erwartungsvoll an.

Deren ernste Miene blieb jedoch unbewegt und ihr Blick schien zu sagen „was geht mich das an?“.

Als das daraufhin einsetzende Schweigen unangenehm zu werden drohte, unterbrach die gleichmütige Stimme Gertmars die Stille: „Wenn ich mir erlauben darf, einen Vorschlag zu unterbreiten, hohe Herrschaften: Es dauert nicht mehr lang bis das Abendmahl aufgetischt wird und sicher werden sich unsere Gäste vorher noch etwas frisch machen wollen.“

Sichtlich irritiert und stirnrunzelnd wandte sich die Vögtin ihrem Kastellan zu, doch bevor sie Einwände erheben und darauf hinweisen konnte, eine solche Einladung doch gar nicht ausgesprochen zu haben, bugsierte dieser die überrumpelt wirkenden Branghains auch schon unversehens aus dem Saal und in Richtung der Gästegemächer.

 

***

Etwa eine Stunde später kehrten die beiden zurück, ohne Rüstung und Waffen, von Staub und Schweiß befreit und angetan mit einfachen, jedoch fein verarbeiteten Tuniken deren Säume und Ärmelaufschläge mit dezenten Stickereien verziert waren.
Auf einen Wink Irlgundes hin nahmen sie nach einer kurzen Verbeugung an dem Eichentisch in der Mitte des Saals Platz auf dem jetzt das Abendessen angerichtet war. Eine große Schüssel mit verheißungsvoll dampfender Kohlsuppe erwartete sie. Daneben waren reichlich frisches Brot, etwas Wurst und Käse, ein Töpfchen Schmalz, eine Schale mit Kräuterquark, sowie zwei Kannen mit Bier beziehungsweise verdünntem Wein aufgetafelt und ließen ihnen nach dem langen Reisetag das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Irlgunde selbst hatte in der Zwischenzeit das subtile Drängen ihres Kastellans ignoriert und im Gegensatz zu ihren Gästen darauf verzichtet sich umzuziehen. So trug sie weiterhin das von ihr im Alltag bevorzugte grobe Wollzeug sowie die enganliegende Lederkappe, die ihr Haar komplett verdeckte und die ihre streng wirkende Erscheinung noch einmal zusätzlich unterstrich.

„Es sind nur einfache Speisen, aber wir hatten ja auch nicht mit Besuch gerechnet. Ich hoffe es genügt euren Ansprüchen“, ließ die Vögtin knapp vernehmen und bedeutete den Branghains, sich von dem Angebotenen zu nehmen.

„Das will ich meinen. Das Mahl entspricht fürwahr ganz meinem Geschmack. Habt vielen Dank, in Travias Namen“, antwortete der alte Ritter und füllte sich seinen Teller mit der herrlich duftenden Suppe bevor er sich ein ordentliches Stück von dem Brot abriss, es eintunkte und schließlich genüsslich abbiss. Auch Elfwid nickte Irlgunde dankbar zu und bediente sich dann ebenfalls. Einstweilen herrschte gefräßiges Schweigen.

Da die Gastgeberin während des Essens keinerlei Anstalten machte, ein Gespräch zu beginnen, ergriff Coran, nachdem sein erster Hunger gestillt war, das Wort und versuchte wacker, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.
So schilderte er die ein oder andere Anekdote aus den herzoglichen Kanzleistuben, berichtete von den neuesten Gegebenheiten auf der Bärenburg und über anstehende Entscheidungen die Weidener Wehr betreffend.
Er lobte die Zustände in Schroffenfels und brachte seine Bewunderung darüber zum Ausdruck, wie Irlgunde seit ihrer Einsetzung als Vögtin die heruntergewirtschaftete Baronie wieder aufgebaut und zu einem leuchtenden Beispiel an Ordnung und Stabilität gemacht habe.
Er erzählte auch einiges persönliches von sich, von der alten Heimat Albernia, seiner Zeit bei den Drachenpfortern und von den Kindheitstagen seiner Tochter sowie, nicht ohne hörbaren Stolz in der Stimme, von seiner Erhebung in den Ritterstand erst vor einigen Wochen durch Linnart von Ruckenau persönlich.
Elfwid unterstützte ihren Vater dabei so gut es ging, lieferte ihm Stichworte, verdrehte bei der ein oder anderen Übertreibung lächelnd die Augen und klopfte ihm kräftig auf den Rücken, wenn er sich inmitten des Geredes an einem Bissen verschluckte.
Irlgunde ihrerseits ließ sich derweil nur hin und wieder zu einem trockenen „hört hört“ oder „ach was“ hinreißen während sie mit ungerührtem Gesichtsausdruck ihr Mahl in kleinen Häppchen zu sich nahm und ab und zu an ihrem Weinbecher nippte.
Alldieweil ihr Vater sein bestes gab, dieses abweisende Benehmen so gut es ging zu ignorieren und fortwährend munter drauf los plapperte, um den Eindruck eines anregenden Gedankenaustauschs zu erwecken, begann der Gleichmut Elfwids ob des Verhaltens ihrer Gastgeberin zusehends zu bröckeln, deutlich zu erkennen an der sich immer weiter vertiefenden steilen Falte zwischen ihren Augen.

Schließlich kam Coran auf Kressing zu sprechen und darauf, was ihn dort, so nah an der Wüstenei, wohl zu erwarten hatte, wenn die Fluck ihm das Gut tatsächlich zusprechen würde.

„Das wird sicher kein Honigschlecken. Man hört ja so einiges aus der Gegend. Raubgesindel, totes Land, Spukzeug und all das. Aber ich bleibe zuversichtlich. Mit Rondras und Peraines Hilfe werden wir das schon schaffen, was?“ Überschwänglich prostete er seiner Gastgeberin zu. „Anfangs wird’s natürlich hart werden, da mache ich mir nichts vor. Da werden wir sicher jede Hilfe brauchen, die wir kriegen können. Auf gute Nachbarschaft kommt's dann an, damit wir gut durch die erste Zeit kommen. Umso mehr freut es mich, dass Schroffenfels mittlerweile so ordentlich aufgestellt ist.“

Schlagartig verfinsterte sich die bisher so neutrale Miene Irlgundes und ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Das war es also. Das war es, was diesen Ritter ehrenhalber, diesen Emporkömmling hierhergetrieben hatte. Hatte sich ihr Misstrauen letztlich doch als berechtigt herausgestellt.

Sie sprach leise und mit einem scharfen Unterton in der Stimme: „Um eines gleich klarzustellen: Wenn Ihr glaubt, dass Schroffenfels irgendwas entbehren kann, um einen zugezogenen Ritter aus einem heruntergekommenen Nest irgendwo im Nirgendwo eines benachbarten Lehns über Wasser zu halten, habt Ihr Euch geschnitten. Das mühsam Errungene in dieser Baronie benötige ich, um meine eigenen Leute zu unterstützen und nicht irgendwelche Auswärtigen, für deren Wohl und Wehe allein Frau von Fluck die Verantwortung trägt.“

Vollkommen verdattert und sprachlos starrte Coran die Vögtin einige Atemzüge lang an, bevor er stotternd um Worte rang: „A…aber, das war nicht meine Absicht. Ihr könnt mir glauben, dass ich nur…“.

Eine herrische Geste Irlgundes schnitt ihn mitten im Satz ab: „Mehr ist dazu wohl kaum zu sagen.“

Langsam und sichtbar um Fassung bemüht erhob Coran sich von seinem Stuhl. „Ich bitte um Verzeihung, euer Hochgeboren, ich war vermessen“, sagte er mit von Niedergeschlagenheit und Enttäuschung gezeichneter Stimme. „Ich danke nochmals für die Bewirtung und bitte nun darum, mich zurückziehen zu dürfen. Ich werde euch nicht weiter zur Last fallen, weder heute noch in Zukunft.“ Schließlich wandte er sich an seine Tochter: „Kommst du!“ Dann trat er vom Tisch zurück und verließ ohne ein weiteres Wort den Saal.

Elfwid stand daraufhin ebenfalls auf, zögerte aber noch, ihrem Vater nachzugehen. Stattdessen funkelte sie die Waldenklamm düster an: „Wisst ihr, meinem Vater wurde vor Beginn unserer Reise abgeraten, bei euch vorstellig zu werden. Da sei es angenehmer an einem Igel zu lecken, hieß es gar bei einer Gelegenheit. Doch der alte Mann ließ sich davon nicht abschrecken. Auf so ein Geschwätz gebe er nichts, hat er gesagt. Ihr hättet viel durchgemacht in eurem Leben, hättet einiges geleistet und verdientet daher entsprechend Achtung. Die wollte er euch entgegenbringen, gerade weil die Möglichkeit besteht, dass wir in Zukunft in nächster Nachbarschaft zueinander leben – leben müssen, darf ich nun wohl sagen. Und ihr dankt ihm das indem ihr ihm mehr oder weniger unverhohlen unterstellt, sich bei Euch bereichern zu wollen.“
Elfwids Stimme bebte als sie den darin liegenden Zorn zu unterdrücken versuchte: “Glaubt mir, ihr seid wahrlich nicht die Einzige, die in den vergangen Jahren Verluste erlitten hat. Ihr seid nicht die Einzige, die Schmerz bewältigen und Tag für Tag einen inneren Kampf mit sich ausfechten muss. Wie man aber diesen Kampf annimmt und führt, das zeigt das wahre Wesen eines Menschen.“
Unvermittelt drehte die junge Kriegerin sich um und folgte ihrem Vater hinaus, vorbei an Gertmar, der mittlerweile im offenen Türbogen aufgetaucht war und sich beeilen musste der wütenden Frau Platz zu machen.

Als Elfwids energische Schritte im Korridor verhallt waren, trat der Kastellan näher und sprach seine mit offenem Mund dasitzende Herrin an: „Nun, ich hoffe, der Abend ist euren Vorstellungen entsprechend verlaufen, euer Hochgeboren.“

 

***

 

Die Branghains hatten noch am selben Abend den Sitz der Wehrvögtin verlassen und ihr Nachtquartier stattdessen in der örtlichen Unterkunft der Sichelgarde bezogen. Für Coran als Mitglied des Stabes des Weidener Soldgrafen und Elfwid als Angehörige der herzoglichen Rundhelme stellte das kein Problem dar, auch wenn sie in persönlicher Sache unterwegs waren. Zudem kannte Coran einen der älteren Unteroffiziere dort noch aus der gemeinsamen Zeit bei den Drachenpforter Pikenieren und der hatte darauf bestanden, das Wiedersehen mit seinem ehemaligen Hauptmann standesgemäß mit einer Flasche Gebranntem zu begießen. Das war Coran ob seiner miesen Stimmung gerade recht gewesen und entsprechend gerädert fühlte er sich jetzt am nächsten Morgen als er und Elfwid vor dem Tor der Garnison in aller Früh die Pferde sattelten und letzte Vorbereitungen zum Aufbruch trafen.

Ein plötzliches verhaltenes Räuspern veranlasste sie, in ihrer Arbeit inne zu halten und sich umzudrehen. Überraschend stand dort mit durchgedrücktem Rücken, vorgerecktem Kinn und hinter dem Körper verschränkten Armen die Vögtin höchstselbst. „Euer Wohlgeboren, ich bin gekommen, um euch zu verabschieden und euch eine gute Weiterreise zu wünschen. Ich, ähm …, ich würde mich freuen, wenn die Angelegenheit in Ingerimms Steg zu eurer Zufriedenheit verläuft und ich, nun ja, ich täte es durchaus begrüßen, wenn ihr mir auf eurer Rückreise vom Ausgang dieses Unterfangens berichten würdet. Also, was ich meine ist, dass ihr hier natürlich weiterhin willkommen seid und wir das Gespräch von gestern dann ja fortführen könnten. Wenn Ihr das denn noch wünscht.“

Nach einem Moment des Staunens, trat Coran schließlich mit einem versöhnlichen Lächeln einen Schritt vor und streckte Irlgunde die Rechte entgegen. „Das wäre mir in der Tat eine große Freude, euer Hochgeboren.“

Etwas weiter oben lugte Kastellan Gertmar derweil aus einer Schießscharte hervor.
„Geht doch“, murmelte er zufrieden und lächelte als er sah, dass seine Herrin die dargebotene Hand ergriff und schüttelte.