Dea vocat! - Die junge Luchsin

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Die junge Luchsin

Ort: Stadt Greifenfurt, Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:



Nach dem feucht-fröhlichen Abend im Quetschbeutel zu Angbar machte sich die kleine, ungleiche Pilgergruppe wieder auf den Weg in Richtung firunswärtiger Gefilde. Bereits am nächsten Tag erreichten sie die Rondra-Abtei von Leuwenstein, in dessen Nähe einst Priesterkaiser Kathay Praiotin XI verstarb. Wirklich lange konnten und durften sie sich dort jedoch nicht aufhalten. Es war kein wirklich einladender Ort und auch nicht unbedingt sehenswert.

Die nächsten Wegstrecken nach Serrinmoor und Niemith mussten sie in Efferdwetter zurücklegen und langsam aber sicher merkten die beiden Nordmärker Ritter eine leichte Veränderung in der Lebensweise der Menschen - die Dörfer wurden kleiner, die Häuser zunehmend weniger aus Fachwerk, sondern eher aus Holz gebaut und die Kleidung der hier lebenden Personen einfacher und zweckdienlicher. Dennoch schien die Gastfreundschaft weiter zuzunehmen. Der Wirt in Niemith an der greifenfurter Grenze ließ sie gegen einen Auftritt der beiden Barden sogar umsonst in seiner Herberge nächtigen.

Einen Tempel der Sturmherrin sollten die Pilger erst wieder in der Stadt Greifenfurt vorfinden, auch wenn es ein, verglichen mit den prachtvollen Gebäuden des Praiostempels und dem Sitz der Bannstrahler, eher Kleinerer war. Dennoch nahmen die Ritter an der Abendandacht teil und ließen sich von der Schwertschwester des Tempels das Gebäude und seine Geschichte erklären. Besonders interessant empfand es Silvagild dabei, dass in Greifenfurt der Reichsverräter Answin von Rabenmund als Heiliger verehrt wurde. Ja sogar seine Rüstung konnte man hier bewundern. Grund dafür war der damalige Entsatz der Stadt durch die Truppen des Rabenmunders, während einer Belagerung durch die Orks im Jahr des Feuers.

Zu Abend waren sie im Stadthaus seiner Exzellenz Andîlgarn von Gugelforst eingeladen gewesen, der der Gruppe auch Gastung für die Nacht gewährte. Der Gesandte der Herzogin von Weiden in Greifenfurt war ein stattlicher Mann von 8 ½ Spann Größe und einem beachtlichen Körperumfang. Letzteres war vor allem darauf zurückzuführen, dass der alternde Adelige seine Zeit inzwischen lieber bei gutem Essen mit Gefolge und Gästen, als bei Waffenübungen verbringt. Er hatte schulterlanges, ergrautes Jahr, welches in seiner Dichtheit und Kraft sehr einer Löwenmähne ähnelt und trug einen wallenden Vollbart. Der Gesandte galt als ein wichtiges Bindeglied zwischen den beiden Schildlanden Greifenfurt und Weiden im Kampf gegen den schwarzpelzigen Erbfeind und war Dyderichs Onkel. Deshalb war der Abend auch sehr angenehm verlaufen, es gab gutes Essen, Gespräche über vergangene Heldentaten des ehemaligen Barons und ein weiches, warmes Bett.

Von der Capitale Greifenfurt weg folgte die Gruppe der Reichsstraße I rahjawärts in Richtung Wehrheim. Das Reisen hier war sehr angenehm und sie kamen gut voran. So gut, dass sie meist schon am frühen Nachmittag ihr nächstes Tagesziel erreichten. Dieses waren jeweils die drei Städte Orkenwall, Eslamsroden und Reichsweg. Vor allem Orkenwall und Reichsweg konnte man dabei schwerlich als Städte erkennen, schienen aber die Stadtrechte zu besitzen, obwohl sie kaum größer als Hadingen waren. Leider gab es in allen dreien Siedlungen kein wirkliches Ziel, das sich für ihre Pilgerreise anbot, aber immerhin Eslamsroden hatte eine schöne Burg.

Im Städtchen Reichsweg traf die Reichsstraße I auf den Hagweg, welchen sie in firunwärtiger Richtung nach Weiden beschreiten wollten. Zu Zeiten der Wildermark war dieser Handelsweg gut frequentiert gewesen, da nicht wenige Händler auf diese Weise die Gegend um das zerstörte Wehrheim umgehen wollten. Demnach kamen sie auch hier gut voran, auch wenn es den Nordmärkern schon bald klar wurde, dass die Gegend um einiges wilder wurde. Die Anzeichen menschlicher Besiedlung wurden rarer und selbst kleine Dörfer machten einen sehr wehrhaften Eindruck. Der erste Tag am Hagweg sollte im Ort Dergelstein sein Ende finden, doch erzählte Dyderich von Burg, die von den Zornesritter gehalten wurde.

Eben dieses Gemäuer, Burg Grünwarte, lag in den Wäldern Dergelsteins, doch fanden die Pilger hier seit langem wieder eine Möglichkeit der Sturmherrin zu fröhnen. Der hiesige Wächter, wie der Burgobrige im Orden genannt wurde, Galacher ben Drou, gewährte der Gruppe bereitwillig Gastung, speiste mit ihnen und ließ sie ebenso an der Abendandacht teilnehmen. Der Orden des Heiligen Zorns der Herrin Rondra verstand sich hier als ein Bollwerk wider den Schwarzpelz und verwunderte vor allem Silvagild mit ihren archaischen Riten, die beim Göttinnendienst herangezogen wurden.

Nach der Morgenandacht am nächsten Tag brach die Pilgergruppe wieder auf und folgte den Hagweg weiter gen Firun. Den Ort Belchenhain in der Helbrache ließen sie dabei hinter sich, wollte Silvagild doch bereits an diesem Tag Weiden und da vor allem ihr nächstes Ziel Dûrenbrück erreichen. Doch das war eine Kraftanstrengung gewesen, vor allem da auch das Wetter am Vormittag nicht das beste war. Dennoch erreichten die Nordmärker bereits am frühen Nachmittag die Weidener Grenze.

Beim Weiler Freiwalde, am Rande eines riesigen, dunklen Forsts, wies eine Zollstation auf den Grenzübertritt hin. Die beiden Zöllner waren griesgrämig, doch pflichtbewusst gewesen. Da der Weg nun einige Meilen durch den Dûrenwald führen würde, schlug einer der beiden Beamten vor, einen Ortskundigen mit sich zu nehmen. Ein Vorschlag, den Dyderich in blumiger Sprache ablehnte, wies er die beiden doch darauf hin, dass dies seine Heimat war und er den Wald kannte. Bei der Waldschenke neben der Zollstation kehrten sie zu einem schnellen Mittagsmal ein und die hiesige Wirtin, Siltja Uhleninger, eine hübsche, blonde Mittdreißigerin, begrüßte dabei Dyderich etwas überschwänglicher, als es sich für eine verheiratete Frau geziemen würden. Allem Anschein nach kannten die beiden sich … etwas besser. Die Wiedersehensfreude bescherte der Gruppe nicht nur ein freies Mittagsmahl, das zwar einfach, aber überraschend schmackhaft war, sondern auch die eine oder andere Information über die hiesigen Lande.

Die gewonnenen Erkenntnisse ließen Silvagild etwas irritiert blinzeln, reichten sie doch von Geschichten über wandelnde Bäume, wilde Elfen bis hin zu Hexenzirkeln. Siltja erzählte auch, dass der Nordmärker Herzog vor etwa einem Sommer hier zu Gast war. Dass das wohl der größte Trubel war, den der Weiler seit langer Zeit erlebt hatte, schien verständlich zu sein. Was genau seine Hoheit hier wollte, konnte die Wirtin jedoch nicht sagen. Dyderich erklärte dann, dass er mit seiner Frau wohl zum Rahja-Heiligtum in Wargentrutz gepilgert war und dann mit Prinz Arlan von Löwenhaupt auf eine Jagd im Iseholz ging.

Nach einer kurzen Rast, die auch den Pferden sehr zupass kam, ging es weiter den Hagweg hinauf. Nun eben, wie angkündigt durch den düsteren Dûrenwald. Silvagilds Sinne waren dabei gespannt wie eine Saite auf der Laute eines Barden, was vor allem auch den Geschichten von wandelnden Bäumen und den Elfen hier geschuldet war. Der Weg war auch hier gut ausgebaut und in Schuss gehalten. Es wurde klar, dass der Zoll der hier verkehrenden Händler eine wohl wichtige Einnahmequelle war und deshalb auch alles daran gesetzt wurde diese nicht zu vergraulen.


***


Dorf Dûrenbrück, ein paar Stundengläser später

Dyderich kannte die Gegend, in der sie sich befanden, sehr gut. Er wusste um die Natur des Dûrenwaldes, der eifersüchtig von der Elfensippe der Herbstlaub-im-Nebel behütet wurde … und auch von den träumenden Bäumen, wie sie die Elfen nannten. Angst musste der Reisende auf dem Hagweg jedoch von keinem der beiden haben. Die Spitzohren haben den Menschen die Gegenden um den Hagweg und den Dergel zugestanden und diese Dûren, die wandernden Bäume, hat wohl überhaupt noch nie ein Mensch zu sehen bekommen. Er wusste, sobald das fahle Licht des abendlichen Praiosmales durch die Baumkronen und Tannenwipfel brach, würden sie das kleine Dorf Dûrenbrück am Dergel erreichen. Bereits jetzt lächelte der Barde beim Gedanken an das Gesicht, das Silvagild machen würde, wenn sie vor dem Tempel des Dorfes stehen würden - der Saladûra Sancta Matissa, oder ´kleine Halle der Heiligen Matissa´. Es war auf jeden Fall etwas ganz anderes als die Göttinnenhäuser, die sie bisher auf ihrem Weg hatten.

Bis dahin galt es jedoch die wunderschöne, wilde Natur in sich aufzusaugen. Auch wenn der Weidener bevorzugt auf Adelshöfen und in Städten verkehrte - dieses Land, die Hügel und düstere Zackenreihe des Finsterkamms, die dichten Wälder und reißenden Bäche … das war seine Heimat. Es war ein idyllisches Bild, das jedoch wenig später dadurch gestört wurde, als sie an einer handvoll Bäumen vorbeiritten, auf welchen bereits stinkende Orkkadaver baumelten. Dyderich wandte sich daraufhin lächelnd zu Silvagild und Hardomar um. Allem Anschein nach ließ ihn der Anblick verwesender Schwarzpelze kalt. “Willkommen in der Heldentrutz! Schon einmal einen Ork gesehen?”

Daithi starrte mit einer Mischung von Neugier und Abscheu auf die baumelnden Orkleichen. Von seiner Großmutter Noitburg hatte er zahlreiche Geschichten über Orks gehört. Sie hatte damals im dritten Orkensturm gekämpft. Es hingen auch zahlreiche Trophäen aus diesem Krieg in der heimatlichen Burg. So hatte er ein gewisses Bild von Orks. Aber die Kadaver in den Bäumen lieferten doch noch mal neue und andere Eindrücke. Er war hin- und hergerissen, was er davon halten sollte.

Hardomar zog eine Augenbraue hoch. “Nein, habe ich noch nicht”, beantwortete er Dyderichs Frage. Er hielt sein Roß an und betrachtete die Kadaver. “Schau her, Boronmin. Das ist der Feind”, rief er mit ernster Stimme. “Aber mach dir keine Sorgen. Die Weidener sind harte Kämpfer und der Schwarzpelz wurde seit jeher immer zurückgeschlagen.” Er begann sein Pferd wieder in einen langsamen Schritt zu bringen. “Und Silvi, hast du schon einmal einen Ork gesehen?”

Die Angesprochene rümpfte ihre Nase. "Ja, mit meiner Schwertmutter in den Koschbergen … aber die sahen damals noch besser aus als die Burschen hier." Dass hier Orks hingen, schien die Ritterin etwas zu verstören, weshalb sie sich auch an Dyderich wandte: "Warum hängen die da? Neben einem angeblich wichtigen Handelsweg?"

Der Barde lächelte. "Als Warnung, nehme ich an. Die Trutz ist ein hartes Land und das ist die einzige Sprache, die Orks verstehen. Sie sehen Grausamkeit als Stärke an, also gibt man sie ihnen wohl. Zum optischen Aufputz wird man sie hier nicht hochgezogen haben." Dyderich wandte sich wieder nach vorne. Für ihn schien das eben Ausgesprochene wohl ein Stück weit Normalität zu sein. "Wenn du das schon schlimm findest … nun vielleicht laufen wir ja der Orkenschädelbande über den Weg, wobei ich das nicht unbedingt hoffe", führte der Weidener immer noch nach vorne gewandt weiter aus.

"Orken … was?", die Augen der Junkerin weiteten sich.

"Frag nicht, Silvi."

Auch Boronmin starrte die Orkenkadaver mit großen Augen an. Sowohl der Anblick als auch das Wort "Orkenschädelbande" lösten ein Gefühl der Beklemmung in ihm aus, doch drückte er entschlossen die Lippen zusammen und versuchte sich seine Angst nicht anmerken zu lassen, schließlich war er ja in Begleitung zweier starker und tapferer Ritter unterwegs. Dennoch war es Daithi, dessen Nähe der Page in diesem Moment suchte. Wenn dieser die grässlichen Kadaver unerschrocken anschauen konnte, würde er das auch schaffen.

“Meiner Großmutter hätte das gefallen”, sprach der Bardenschüler sowohl mit ein wenig Spott, als auch mit Anerkennung in der Stimme. “Sie hat gegen viele Orken gekämpft. `Nur ein toter Ork ist ein guter Ork´ hat sie oft gesagt.” Und dann schaute er Boronmin an, dessen Blick er bemerkt hatte, und sagte mit einem Lächeln: “Na, wenn die da hängen, können die uns ja schon mal nicht mehr gefährlich werden, nicht wahr?”

Boronmin nickte Daithi eifrig und mit neuem Mut zu. "Wenn ich groß bin, werd' ich auch gegen die Orken kämpfen", versprach er voll inbrünstiger Entschlossenheit. Für ein paar lange Augenblicke schwieg der Junge, nachdenklich auf seiner Unterlippe kauend. "Deine elfische Großmutter?" fragte er dann unvermittelt und schaute den Bardenschüler fragend an. In der Fantasie des Pagen war das Bild einer wunderschönen, zierlichen Märchenprinzessin mit wehenden blonden Haaren aufgetaucht, die mit wirbelnder Leichtigkeit reihenweise Schwarzpelze abschlachtete.

Daithi war überrascht über diese Frage. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, ob seine elfische Großmutter auch mit Orks gekämpft hatte. “Nein, Boronmin, meine Großmutter Noitburg. Sie ist die Mutter meiner Mutter und ist ein Mensch. Ich bin auf ihrer Burg aufgewachsen bis ich fast so alt war wie du. Sie war eine Ritterin und hat uns, ihren Enkelkindern, immer viele Geschichten erzählt aus ihrem abenteuerlichen Leben. Meine elfische Großmutter Lúthien habe ich gar nicht so häufig gesehen. Sie kam uns vielleicht einmal in einem Götterlauf besuchen und lebte eigentlich im Bornland. Sie hat in meiner Erinnerung immer etwas überderisches, erhabenes, eine sehr feinfühlige und weise Frau. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass sie jemals gegen einen Ork gekämpft hat. Aber ich weiß es nicht. Ihr Bruder Ió muss allerdings gegen etliche Orks und auch anderes Gezücht gekämpft haben. Die beiden sind sich einerseits sehr ähnlich und dann doch so verschieden.” Der Bardenschüler sann nach über diesen merkwürdigen Teil seiner Familie. Er wusste viel zu wenig über diese Seite. Sein Vater hatte den Kontakt in seine bornländische Heimat abgebrochen. Das lag aber nicht an seiner elfischen Mutter, sondern an seinem Verhältnis zu seinem Vater, einem Ardaritenritter.

Boronmin hatte interessiert zugehört und mit sichtlicher Konzentration versucht, sich die Personen mit für ihn fremd klingenden Namen bildlich vorzustellen; Noitburg, Lúthien, Ió... "Meine Großmutter, Selinde von Schweinsfold, soll auch eine tapfere Kämpferin gewesen sein", erzählte er mit schüchternem Blick. "Ich hab sie vor ihrem Tod nur selten gesehen. Sie war oft krank. Mein Vater kommt hier aus Weiden, doch er spricht nicht viel von früher. Ich hör’ aber unheimlich gerne Geschichten von Abenteuern und Kämpfen und Schlachten aus vergangenen Zeiten." Boronmin lächelte Daithi schief an. "Auch wenn sie gruselig sind", setzte er mit einem letzten Stirnrunzeln in Richtung der scheußlichen Orkleichen hinzu.

Der Weg weiter zum Dorf sollte dann kein weiter mehr gewesen sein. Nicht lange nach der Begegnung mit den Orks kam die Palisade des Dorfes in ihre Sichtweise. Dûrenbrück war ein kleines Dorf gewesen, das jedoch besonders wehrhaft schien. Die Palisade war äußerst rüstig und ab und an schienen sich sogar Mauerreste aus Stein zu finden. Die Häuser im Dorf waren allesamt rüstig und zum allergrößten Teil aus Holz errichtet. Einzig das Gutshaus des hiesigen Ritters und der Wehrturm daneben waren aus Stein.

Trotz der beschränkten Größe war im inneren der Palisade einiges an Betrieb. Dyderich übernahm die Führung und ritt auf den Dorfplatz mit einem hübschen kleinen Weiher in dessen Mitte. Dort schwang er sich aus dem Sattel und wartete bis seine Begleiter es ihm gleichtaten. Hier fand sich eine große Figur, die aus Stroh und Heu aufgetürmt war und ein zweibeiniges Wesen darstellte - was genau war dabei nicht auszumachen. Das Gebilde war auch noch mit Decken und Fellen abgedeckt gewesen, wohl um es vor der Witterung zu schützen. Zu dessen Füßen stand ein Gruppe Kinder und ihre Eltern, die in ihren Händen kleine, gebundene Figürchen aus Strauchwerk oder Heu hielten und mit großen Augen auf eine offensichtliche Geweihte blickten.

Die wohlproportionierte Frau, bei der Muskeln und weibliche Rundungen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen war knappe 87 Finger groß und trug den dunkelroten Wappenrock des Ordens zur Wahrung vom Rhodenstein über ihrer Kettenrüstung. Ihre fuchsroten Haare fielen dicht und gefällig bis zum Kinn, wo sie sich ein wenig nach Innen kringelten. Ihre aventurinfarbenen Augen blitzten freundlich, als sie sich der Neuankömmlinge gewahr wurde und ihnen freundlich zuwinkte.

“Die Zwölf zum Gruße, die Herrin sturmesgleich ihnen voran”, grüßte sie charmant. “Seid willkommen in Dûrenbrück. Mein Name ist Leudara Aldieri von Rhodenstein und ich bin die hiesige Schwertschwester. Ihr kommt wegen Sankta Matissas Fest morgen, nehme ich an?”

Hardomar vollführte den Rondra-Gruß und lächelte die Schwertschwester freundlich an. “Habt Dank für Eure herzliche Begrüßung! Mein Name ist Hardomar von Hadingen, aus den Nordmarken, und dies…”, er deutete auf die Ritterin neben sich: “...ist Silvagild von Ulmentor, meine Nachbarin und Freundin. Und hier haben wir meinen Pagen, Boronmin von Henjasburg. Gemeinsam sind wir auf Pilgerreise im Zeichen der Sturmherrin.” Hardomar drehte sich auf seinem Pferd nun den beiden Weidenern zu. “Dies sind Dyderich vom Sümpfle und sein Bardenschüler Daithi, die uns das schöne Weiden zeigen.” Nun lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder zu der Rhodensteinerin. “Das Sankta-Matissa-Fest? Klar sind wir deswegen hier!” behauptete in einem Anflug von Übermut und fragte sich, ob Silvagild diesen Programmpunkt tatsächlich auf ihrer Liste eingeplant hatte.

Die außerordentlich sympathisch wirkende Geweihte nickte all ihren Gästen freundlich zu. "Meister Dyderich und ich kennen uns natürlich und auch seinen Schüler habe ich schon gesehen." Wieder entblößte die Schwertschwester ihre weißen Zähne mit einem Lächeln. "Seid mir willkommen. Es freut mich sehr, Gäste von so weit her begrüßen zu dürfen und wenn Ihr dann auch noch das Fest der Heiligen mit uns gemeinsam begehen wollt, ist es umso schöner." Sie wies auf die große, abgedeckte Figur. "Wir sind gerade dabei die Vorbereitungen abzuschließen und für heute Abend hat sich auch schon die Frau Baronin angekündigt. Sie kommt stets einen Tag früher, um ein bisschen unter den Menschen zu sein, bevor der Trubel morgen losgeht. Habt Ihr denn eine Bleibe?", fragte Leudara den Hadinger, der hier wohl als Wortführer auftrat. "Wenn nicht, dann findet sich bestimmt im Tempel noch Platz."

Dass die Dame mit Dyderich bereits bekannt war, entlockte Hardomar ein leichtes Schmunzeln. ‘Gibt es eigentlich in Weiden auch Frauen, die diesen Barden noch nicht kennengelernt haben?’ fragte er sich amüsiert. Kurz abgelenkt wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Schwertschwester zu: “Habt Dank für Euer großzügiges Angebot! Wir wollten ja eh den Tempel besichtigen, nicht wahr? Was meinst du, Silvi?” richtete Hardomar seine Frage in erster Linie an die Junkerin.

“Na ob Helgard ihre Freude hätte, wenn die ganze Meute bei Euch zuhause einfällt …”, meldete sich Dyderich mit einem frechen Lächeln. “Ich denke, Daithi und ich werden das Gasthaus mit unserer Anwesenheit beglücken.” Er richtete seinen Blick auf den jungen Schüler. Vielleicht gab es ja auch noch eine Möglichkeit ein paar Münzen zu verdienen.

“Au, das ist eine gute Idee, Meister Dyderich”, stimmte Daithi zu und freute sich schon auf den Auftritt im Gasthaus und das anstehende Fest morgen.

Die Geweihte nickte dem Barden zu und wandte sich dann an Silvagild. “Ihr seid mir sehr gerne willkommen.”

“Ja, ähm, sehr gerne, Hochwürden”, antwortete diese und blickte sich dabei suchend nach dem Tempel um. Allzu leicht war dieser jedoch nicht zu auszumachen. Etwas schüchtern lächelte die Ulmentorerin die Schwertschwester an.

“Na dann folgt mir, hohe Dame … hoher Herr … junger Herr”, entgegnete die Geweihte freundlich und charmant und ging voran. Allzu weit sollte der Weg zum Tempel nicht gewesen sein. Dieser war kein monumentaler Bau und auch keine Säulenhalle mit großen Statuen, sondern befand sich im alten Wehrturm des Ritterguts. Dieser war recht ansehnlich in seinem Durchmesser, doch wirkte düster und beklemmend.

Der Bau hat einen quadratischen Grundriss und drei Stockwerke, während die oberen beiden Geschosse von Novizen und der Familie der Tempeloberen bewohnt werden und das Erdgeschoss als Tempelraum dient. Hier fanden sich neben einigen Waffen an den Wänden und einer hölzernen Darstellung von Göttin und der Heiligen auch allerhand Opfergaben des einfachen Volkes, wie zum Beispiel geflochtene Blumenkränze oder Strohpuppen.

Hardomar schaute sich interessiert um. Er hatte davon gehört, dass in Weiden die Menschen ein einfacheres, pragmatischeres Leben führten. Doch erst jetzt begann er zu verstehen, wie diese götterfürchtigen Weidener wirklich lebten und dachten. Dieser einfache kleine Tempel wurde von der Gemeinde vielleicht mehr verehrt, als der eine oder andere prächtige Prunkbau, welcher in großen Städten zu finden war. Er vermutete, dass die ständigen Gefahren des Landes die Menschen auch enger zusammengeschweißt hatten.

“Dieser Tempel ist einer der schönsten, die wir auf unserer Pilgerreise gesehen haben”, sagte er noch immer mit einer bewundernden Stimme und fragte seine Begleiter: “Was meint ihr?”

Silvagild nickte. "Es ist anders … aber sehr schön." Interessiert ging sie durch den Tempelraum. Er war tatsächlich beinahe irrwitzig anders im Vergleich zu den riesigen Sakralbauten in Gratenfels und in Angbar. Die junge Ritterin ging zum Altar, an dem zwei wunderschön gearbeitete Holzstatuen standen. Die Herrin Rondra und neben ihr kniend eine junge Frau. Auf der Altarplatte und um die dortige Opferschale lagen Unmengen von Wildblumen und auch kleine Puppen, wie sie auch von den Kindern am Dorfplatz gehalten wurden.

"Diese Geschenke und Opfergaben …", meinte die Ulmentorerin nachdenklich, sah dann jedoch auf und hinüber zur Geweihten, "... unüblich für einen Rondratempel, nicht? Die Puppen sehen aus wie von Kinderhand …"

"... Kinder, ja genau …", warf Leudara ein. "Es sind Geschenke von Kindern. Die Puppen sind Darstellungen der Sankta Matissas und es ist üblich, dass Kinder sie hier als Geschenk für Rondra und die Heilige ablegen." Die Schwertschwester bewegte sich hin zu Silvagild, griff nach einer der Figuren und strich beinahe liebevoll darüber. "Sankta Matissa war keine strahlende Kriegerin, sie war ein Bauernmädchen, das zu Zeiten, als hier die Orks herrschten, in Sklaverei lebte. Sie hat nie eine Waffe in der Hand gehalten. Ihr Schwert war ihr Mut und der Funke des Glaubens und der Zuversicht, den die Herrin in ihr Herz pflanzte. In das Herz eines einfachen Bauernmädchens. Und genau dieser Funke sprang über auf die anderen Menschen unter dem Joch der Schwarzpelze und entwickelte sich schnell zum Flächenbrand. Auch Matissas Martyrertod durch die Hand der Orks änderte daran nichts mehr und der folgende Aufstand der Menschen ließ sich nicht mehr aufhalten." Leudara lächelte. "Sie verkörpert das was Rondra in Weiden ist. Die Herrin ist hier eben nicht bloß die Göttin der Ehre, der Ritter und Krieger. Nein, hier ist sie eine Göttin des Volkes … aller Schichten und die einfachen Menschen hier, beinahe alle unfrei, sehen Matissa als eine der ihren. Sie war in keine Adelsfamilie geboren, durchlief keine Knappschaft und trug keine strahlende Rüstung … und dennoch war sie der Sturmherrin so nah wie kaum jemand anders." Wieder folgte ein freundliches und offenes Lächeln.

Die Junkerin war auf diese Ausführung hin sehr ergriffen. Sie ging einen Schritt weiter zu einem kleinen Bild, das ein blondes Mädchen in einem blauen Kleid zeigte. An ihrer Seite war ein Luchs. "Das war sie?", fragte Silvagild.

"Ja, die junge Lüchsin …", antwortete die Schwertschwester, "... das war auch ihr Spitzname unter ihren Anhängern. Die junge Lüchsin." Bei diesen Worten wandte sie sich an Hardomar und Boronmin, um auch die beiden in die Unterhaltung mit einzubeziehen.

"Die junge Lüchsin", wiederholte Boronmin murmelnd. Mit andächtiger Bewunderung betrachtete der Page die Holzstatuen, Puppen und das kleine Bildnis der heiligen Matissa. Sie sah so jung und freundlich aus... Er schluckte bei dem Gedanken, dass dieses hübsche zarte Mädchen sich gegen die Schwarzpelze aufgelehnt hatte und so tapfer ihr Leben der Sturmherrin verschrieben und geopfert hatte. Während Boronmin die glänzenden Rüstungen und Waffen der adligen Ritterschaft gewöhnlicherweise sehr bewunderte, ging ihm diese Geschichte näher als die anderer Märtyrer, welche er sich mit wohligem Grusel anhörte, die in seiner Vorstellung aber weit, weit weg von der Gegenwart waren. Matissa war jedoch keine ausgebildete Ritterin mit prächtigen Waffen gewesen wie die anderen Helden und Heiligen. Sondern nur ein Mädchen. Trotzdem hatte sie unglaublichen Mut bewiesen. Boronmin stellte sich etwas aufrechter hin und schwor sich im Geiste, der Herrin Rondra ebenso mutig zu folgen und sich von Orkenkadavern - und erst recht nicht von den lebenden Exemplaren - auf gar keinen Fall mehr schrecken zu lassen. "Können wir für Matissa eine Opfergabe hier lassen?", fragte er leise seinen Schwertvater.

Hardomar nickte seinem Pagen entschlossen zu. Die Geschichte von Matissa und der tief verwurzelte Glaube der Menschen in diesem rauen Land faszinierten ihn. Der Ritter entschuldigte sich kurz, ging zu seinem Pferd und kam mit einem gut gefüllten Beutel voller Golddukaten wieder. “Wenn man wirklich etwas bewegen möchte, dann ist es nicht viel; aber ich glaube, dass ihr dies zum Wohle der Menschen hier einsetzen könnt. Möge diese bescheidene Spende viele Leben schützen”, sagte er zu Leudara und überreichte ihr das Säckchen. In den vergangenen Wochen war so viel passiert, dass Hardomar das Gefühl hatte, die Götter würden ihn prüfen und umso entschlossener war er, sich von den Taten seines Vaters abzuwenden.

"Rondra vergelt es Euch, hoher Herr", dankte ihm Leudara. "Es bedeutet mir viel, dass Ihr von so weit her kamt und nun unserem bescheidenen Fest beiwohnen wollt. Wie gesagt, ich lade Euch sehr gerne in mein Heim ein. Zu meiner Frau und den Kindern … und den Hunden und Katzen, die Helgards großem Herzen zum Opfer fielen und nun bei uns wohnen und versorgt werden." Die überaus zugängliche Schwertschwester lächelte freundlich.

"Oh habt Dank, Hochwürden." Silvagilds Blick ging kurz zu Hardomar und Boronmin. "Wir wollen Euch aber keine Umstände machen."

Die Geweihte hob abwehrend ihre Hand. "Das tut Ihr nicht. Es freut mich Geschichten von weit her zu hören. Bevor ich meine Helgard geheiratet habe und ihre Kinder als die meinen annahm, war ich auch viel unterwegs. An der Grenze zu den Dunklen Landen und in der Wildermark zuvorderst. Dann wurde dieser Tempel frei und das innere Kapitel des Ordens hat ihn meiner Verantwortung übertragen. Ihr seht selbst wie glücklich die Menschen hier sind, dass der Schwertbund in ihrer Mitte ist und genauso glücklich macht es mich auch."

Silvagild lächelte bescheiden. "Ich weiß nicht ob jemand mit Eurer Vita von unseren Geschichten beeindruckt wäre."

Wieder rief das Gesagte ein Lächeln der Geweihten hervor. "Das denke ich nicht. Alleine schon Eure Herkunft würde mich interessieren … und das Blason Eures Wappens. Die Familie Waldtreuffen hier in der Gegend hat ein ganz ähnliches und auch Eures …", sie wandte sich Hardomar zu, "... zeugt bestimmt von einer spannenden Familiengeschichte."

Boronmin lächelte Leudara glücklich an. Die Geweihte war wirklich nett und die Aussicht, dass in ihrem Heim Geschichten erzählt werden würden, dass es Katzen und Hunde und andere Kinder gab, erfüllte ihn mit Vorfreude. Er fragte sich, ob die Kinder der Schwertschwester vielleicht ungefähr in seinem Alter sein würden. Sein begeisterter Blick sprang zwischen Hardomar und Silvagild hin und her, in der Hoffnung, dass keiner von beiden das großzügige Angebot doch noch ablehnen würde.

Der Ritter war vom Angebot der Schwertschwester ehrlich gerührt und er konnte seine Vorfreude kaum verbergen. Aufmerksam und mit einem Grinsen folgte er der Unterhaltung. “Habt vielen Dank für Eure großzügige Gastfreundschaft! Das klingt nach einem wunderschönen gemeinsamen Abend und wie Ihr an den leuchtenden Augen meines Pagen erahnen könnt, liebt er Geschichten”, verkündete er, zwinkerte freundlich Leudara zu und ergänzte mit geheimnistuerischer Stimme: “Auch die gruseligen…”

“Natürlich …”, lachte die Geweihte, “... aber auch nette, nicht dass wir dem jungen Herrn schlechte Träume bescheren.”


***


Nicht lange nachdem die kleine Gruppe im Tempel verschwand - Daithi und Dyderich hatten sich noch nicht zum Gasthaus 'zur Alten Eiche' begeben - ritt ein einzelner Ritter durch das Tor hin auf den Dorfplatz. Er hatte eine wallende blonde Mähne, die sich während des Ritts beinahe hypnotisch im Wind bewegte und trug einen dunkelgrünen Wappenrock über einer Kettenrüstung. In seiner Rechten hielt er eine Bannerstange, die derer zwei Wappen zeigte. Einerseits drei grüne Sparren übereinander auf Silber, und andererseits den roten Wolf auf Gold.

Sogleich ging ein Raunen durch die Menschen, wussten sie doch, wen dieser Ritter ankündigte. Daithi konnte freudige Wortfetzen wie 'die Baronin kommt' vernehmen. Dabei schwang weniger praiosgefällige Ehrfurcht vor dem Hochadel mit, sondern ehrliche Freude.

Es sollte auch nicht lange dauern bis fünf weitere Reiter kamen und die ersten 'Hoch'-Rufe über den Dorfplatz schallen. Vorneweg ritt eine dunkelhaarige, stämmige Ritterin im selben grünen Wappenrock wie der Blonde zuvor. Die Nachhut boten ein groß gewachsener, schlanker Ritter in einer roten Brigantine und dunklen Beinlingen. Sein Antlitz war bartlos und das braune Haare gekürzt. An seiner Seite ritt eine junge Frau in Kettenhemd und grünem Wappenrock. Ihre rot-blonden Haare waren zu Zöpfen geflochten, die mit viel Fantasie thorwalsche Einfluss nicht verhehlen konnten. Vor der Nachhut ritt auf einem Rappen eine sehr ansehnliche Frau mit rabenschwarzem Haar, das zu einem dick geflochtenen, beckenlangem Zopf geflochten war. Ihre tiefblauen Augen strahlten Milde und Güte aus und sie war gewandet in eine edle, pelzverbrämte Jacke, enge Reithosen und hohe Stiefel, die sogar kurze Absätze hatten. An ihrer Seite war eine hübsche junge Frau in einem einfachen Reisemantel die fünfte im Bunde.

Nicht lange nachdem sie angekommen waren, schälten sich die Knechte des hiesigen Ritters aus der Gruppe der Umstehenden und halfen der Herrschaft mit ihren Pferden.

Während das Gro der Neuankömmlinge noch dabei war sich um die Pferde zu kümmern und nach dem Ritt zu sortieren, schien die Schwarzhaarige jemanden entdeckt zu haben. Lächelnd trat sie an Dyderich und Daithi heran. "Thordenan …", grüßte sie freudig und fiel dem Barden um den Hals, "... Vetter, was für eine Überraschung. Willkommen Zuhause." Sie lösten sich voneinander.

"Henna, es freut mich dich zu sehen", gab Dyderich zurück. "Gut siehst du aus und ja, gewissermaßen ist es Zufall, dass wir hier sind. Wir begleiten zwei Nordmärker Ritter auf ihrer Pilgerreise."

"Tatsächlich …", Gwidûhenna lächelte einnehmend, "... und du bist sein Schüler, nicht wahr?", wandte sich die Schwarzhaarige sehr volksnah dem Rechklammer zu. "Gwidûhenna von Gugelforst, ich bin die hiesige Baronin … und seine Cousine."

Der Bardenschüler verneigte sich höflich, wie er es daheim gelernt hatte. `Baron´ war in Eisenstein nicht positiv besetzt, daher übte er erstmal vorsichtige Zurückhaltung. “Es ist mir eine Freude Euch kennenzulernen, Hochgeboren. Mein Name ist Daithi. Und ja: ich bin der Schüler von Meister Dyderich … äh … Thordenan von Gugelforst.”

"Mhmmm", raunte die Baronin und lächelte dabei. "Von ihm kannst du bestimmt einiges lernen. Thordenan versteht seine Kunst … was andere Dinge seines Lebens angeht …", Gwidûhenna warf ihrem Vetter einen vielsagenden Blick zu, "... solltest du dich vielleicht nicht zu sehr an ihn halten." Sie zwinkerte Daithi zu, nur um dann sogleich wieder den Barden zu mustern. "Übrigens hast du Glück, Vetter. Deine Mutter weilt derzeit bei Mutter Aldessia in Baliho. Ihr halbjährlicher Besuch."

"Das ist in der Tat ein Glück", lachte Dyderich und es schien wirklich als fiele ihm ein Stein vom Herzen.

"Ja, ich dachte mir, dass die Wiedersehensfreude nicht allzu groß sein würde", nun war der Ton der Baronin etwas vorwurfsvoll. "Ich hoffe ja doch, dass dein Schüler einen besseren Draht zu seiner Familie bewahrt?"

“Keine Sorge, Hochgeboren”, erwiderte Daithi fast schon ein wenig frech, obwohl er sich doch zurückhalten wollte gegenüber der Baronin, wo er doch nicht wußte, ob sie genauso war wie `das Barönchen´ - wie seine Großmutter immer sagte - allerdings machte Gwidûhenna den Eindruck, als sei sie bei Weitem netter und charmanter als der Eisensteiner. “Wir Breewalder halten zusammen”, fügte er noch hinzu und lächelte.

"Breewald?", fragte Gwidûhenna interessiert und nahm offensichtlich keinen Anstoß an der etwas flapsigen Ausdrucksweise des Schülers. "Wo liegt das?"

“Breewald ist ein kleines Rittergut im nordmärkischen Isenhag”, antwortete der Bardenschüler geflissentlich. Er hatte gemerkt, dass sein Ton etwas forsch gewesen war und seine Gesichtsfarbe bekam eine leichte Röte. “Es ist nach dem gleichnamigen Wald benannt, der auch den größten Teil des Gutes abdeckt. Meine Großmutter, die Ritterin Noitburg von Rechklamm, ist die Herrin von Breewald. Das Gut gehört zur Baronie Eisenstein.”

“Nordmarken …”, wiederholte die Baronin, “... so wie die Knappin meines Bruders.” Gwidûhenna wies auf den großen, schlanken Ritter in der roten Brigantine, der gerade mit dem Rücken zu ihnen stand und sich unterhielt. Dyderich wusste, dass der Baronet lange nicht so herzlich war wie seine Schwester. Er war ein starker Krieger, arrogant und hart zu sich selbst und vor allem auch anderen. Als Waffenmeister der Baronie führte er die Ritter und Waffenknechte Weidenhags im Ernstfall und gilt als starker Arm der Baronin.

“Arika, Liebes …”, die Gugelforsterin bedeutete der rotblonden Frau an seiner Seite zu ihnen zu kommen.

Die Angesprochene strich sich ihren Wappenrock zurecht und trat an die kleine Gruppe heran. Die kunstvollen Zöpfe auf ihrem Haupt hüpften während ihrer zügigen Schritte. “Ihr wünscht, Hochgeboren?”
“Das ist Daithi, er ist ein Landsmann von dir. Breewald … sagt dir was?” Gwidûhenna hob fragend ihre Augenbrauen.

“Nein, leider”, verneinte die schlanke Knappin jedoch sogleich. “Arika Selinde von Schweinsfold”, stellte sie sich ihm vor. “Ich bin die Schwester der Baronin von Schweinsfold in Gratenfels und Knappin seiner Wohlgeboren Wilfred von Gugelforst.”

“Freut mich sehr, Euch kennenzulernen, Frau Arika”, wandte der Bardenschüler sich der Knappin zu und verneigte sich leicht. “Mein Name ist Daithi von Rechklamm, ich bin der Enkel der Ritterin Noitburg von Rechklamm, der Herrin von Breewald. Breewald ist in der Grafschaft Isenhag in der Baronie Eisenstein, also auf der anderen Seite der Ingrakuppen quasi. Es ist schön hier eine Nordmärkerin zu treffen.” Der Breewalder musterte die etwa zwei Götterläufe ältere, offensichtlich sehr hübsche junge Frau, kam aber schnell zu der Einschätzung, dass er bei ihr wenig Chancen haben würde. Offensichtlich eine Nummer zu groß, dachte er. Trotzdem schenkte er ihr ein Lächeln.

“Die Freude ist ganz meinerseits, Daithi”, dankte ihm Arika. “Nordmärkerin ist aber vielleicht gar keine allzu treffende Beschreibung für mich, immerhin habe ich die längste Zeit meines Lebens hier in Weiden verbracht. Letztes Jahr war ich jedoch bei der Hochzeit meiner Schwester und durfte meine Familie besuchen. Euch habe ich dort nicht gesehen. Das war sehr schön und vielleicht ergibt sich ja auch einmal die Gelegenheit Breewald zu besuchen.” “Ja, bei der Hochzeit der Schweinsfolder Baronin waren wir nicht geladen gewesen”, erklärte Dyderich. “Wiewohl wir inzwischen schon einmal für sie spielen durften. Im Schloss Ulmen … übrigens sind Silvagild von Ulmentor und Hardomar von Hadingen auch hier.”

“Tatsächlich?”, Arikas Mundwinkel zuckte nach oben. Sie kannte die Vasallen ihrer Schwester nicht besonders gut, aber zumindest konnte sie sich an sie erinnern. “Das ist schön.” Kurz rang die Nordmärkerin mit sich ob sie die kommenden Worte wirklich vor der Baronin aussprechen sollte, entschied sich dann jedoch dafür. “Und habt Ihr schon entschieden, ob es Euch nach Eurer Ausbildung wieder zurück in die Nordmarken ziehen wird?”

“Ehrlich gesagt”, antwortete der Breewalder, “habe ich mir darüber bisher wenig Gedanken gemacht. Ich genieße die Chance, die mir die Götter schenkten, dass ich mich mit Meister Dyderich auf den Weg machen durfte und so den letzten Teil meiner Ausbildung in seiner Obhut verbringen darf. Es ist wirkliche eine sehr spannende Zeit. Allerdings ist es auch anstrengend als fahrender Barde immer wieder die Möglichkeit für Auftritte zu suchen, insbesondere, wenn man noch nicht so berühmt ist, wie Meister Dyderich. Daher kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich mich an einem Hofe verdinge, vielleicht in den Nordmarken, vielleicht in Weiden, wer weiß.”

Ihre Entscheidung zu diesem Thema hatte Arika schon getroffen und sie war glücklich damit gewesen, auch wenn ihr ihre Familie in den Nordmarken sehr fehlte. "Da habt Ihr wohl recht", meinte sie und ein kleiner Teil in ihr neidete den Barden ihr freies Leben. "Ihr habt ja noch Zeit und jemand wie Ihr findet auch bestimmt überall ein Auskommen."

Daithi nickte bestätigend.

“Sehr schön”, hob nun wieder die Baronin an und klatschte erfreut in ihre Hände. “Ich hoffe ja doch, dass wir heute und morgen auch was von euch beiden zu hören bekommen werden.” Sie lächelte Dyderich und Daithi zu. “Heute Abend in der Eiche oder spätestens dann morgen am Fest.”

“Ohja”, erwiderte Daithi begeistert. “Ich freue mich schon.”

"Natürlich", galt die Antwort des Barden seiner Cousine. "Die Lauten sind gestimmt und es ist uns eine Freude aufzuspielen. Am Abend in der Schenke zum Tanze und morgen beim Fest zu Ehren der Heiligen." Dyderich verneigte sich theatralisch. Sein Schüler verneigte sich schweigend, schlicht aber höflich.

"Alsdann, dann sehen wir uns am Abend", die Baronin nickte den beiden Männern lächelnd zu und wandte sich zum Gehen. Auch Arika tat es ihr gleich.

"Ich kenne den Wirten Trautmann hier sehr gut", erklärte Dyderich seinem Schüler, als die beiden Frauen weggetreten waren. "Er wird uns ein gutes Zimmer geben und am Abend haben wir sogar eine kleine Bühne. Das wird spaßig, du wirst sehen. Das Publikum hier ist sehr dankbar und begeistert."