Dea vocat! - Der Aufbruch

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Der Aufbruch

Ort: Schloss Ulmen, Junkergut Ulmentor

Dramatis Personae:

Schloss Ulmen, nahe Herzogenfurt im Herzogtum Nordmarken, 4. Peraine 1044 BF

Der Schrei des Blaufalken zerriss die herrschende Stille im Schlosspark. Vor dem kleinen Tsaschrein nahe der Folde saß Silvagild von Ulmentor etwas gelangweilt auf einer steinernen Bank. Auf ihrer Rechten trug sie einen Falknerhandschuh, sonst war sie in ein körperbetont geschnittenes, dunkelgrünes Wams, sowie schwarze Beinlinge und Stiefel gewandet. Ihre, seit dem Ritterschlag wieder rückenlang getragenen Haare waren zu einem dicken Zopf geflochten. Gedankenverloren starrte sie auf den weiß gekiesten Weg. Die bevorstehende Pilgerreise war das erste Mal, dass ihr ihre Mutter vertraute und einem ihrer Wünsche entsprach. Nun, genau genommen war es das zweite Mal, denn auch das unglückselige Herzogenturnier früher im Jahr durfte sie besuchen. Silvagild rümpfte beim Gedanken an ihr unrühmliches Ausscheiden die Nase.

“Du lässt Bandit jagen?”, die Stimme ihrer Mutter ließ die Junkerin aus ihren Gedanken hochschrecken. Miriltrud von Sturmfels stemmte ihre Hände in die Hüften und maß ihre Tochter mit tadelndem Blick.

“Er folgt nicht”, antwortete die junge Junkerin und deutete mit einem Kopfnicken auf eine der Ulmen, die den Park des gleichnamigen Schlosses säumten. Der Falke, den Silvagild ´Bandit´ taufte, saß auf einem Ast, und musterte die beiden Frauen mit schräg gelegtem Kopf.

“Mhmm”, befand Miriltrud. “Das kommt davon, wenn du deinen Verpflichtungen nicht nachkommst, Silvi … deine dir Anbefohlenen werden dir auf der Nase herumtanzen.”

“Jaja …”, Silvagild senkte ihren Kopf und stierte wieder den Kiesweg vor sich an, “... ich weiß schon, aber trotzdem danke.”

“Wofür”, die Ältere hob fragend ihre Augenbrauen.

“Na, dass du mich gehen lässt”, konkretisierte die junge Ritterin, hob ihren Blick dabei jedoch nicht.

“Nun ja, du bist nun alt genug und trägst jetzt auch Verantwortung. Du triffst deine Entscheidungen und wirst mit den daraus entstehenden Konsequenzen leben müssen.” Miriltruds Stimme war ruhig, aber bestimmt. “Darüber hinaus haben wir eine Abmachung. Du weißt noch was du mir versprochen hast?”

Silvagild hob ihren Blick und seufzte. Doch bevor sie auf die Frage ihrer Mutter antworten konnte, trat die alte Zofe Mirnhilde an die beiden Ritterinnen heran. “Euer Wohlgeboren …”, sie nickte der Junkerin zu, “... hohe Dame …”, dann Miriltrud, “... der hohe Herr von Hadingen ist da.”


***


“Wie weit ist es denn noch?” fragte der kleine Junge leicht gequält, der auf dem schwer bepackten, großen Ross aussah, als würde er auf einem Elefanten reiten.

“Noch ein Stückchen…”, rief sein Schwertvater Hardomar von Hadingen ihm aufmunternd zu. Er wollte den Jungen zunächst fragen, ob er noch länger aushalten könne, doch ließ der Gesichtsausdruck seines Pagen erkennen, dass sie es ohne eine Pause vermutlich nicht bis zum Schloss Ulmen schaffen würden. “Halten wir an; sicher nicht verkehrt, wenn ich mir auch kurz die Beine vertrete…”, ließ Hardomar seufzend verlauten und blieb mit seinem Pferd stehen.

Er stieg ab, ging zu seinem Pagen herüber und hob diesen mit einem “Hopp” aus dem Sattel. “Na dann, der Busch da hinten ist sicher hervorragend”, schlug er vor und zeigte zum Rand der Lichtung.

Es dauerte nicht lange, bis hinter dem Buschwerk die Stimme des Pagen erschallte: “Und wir erzählen nichts davon, was sich zu Hause zugetragen hat?”

“Nein!” rief Hardomar und streckte sich ein wenig, während er auf den Jungen wartete. “Kein Wort.”

“Aber…” warf der kleine Boronmin ein. “Die wohlgeborene Dame wird es doch eh erfahren, spätestens wenn wir nach der Reise wieder zurück sind.”

Hardomar legte den Kopf in seinen Nacken. “Jetzt ist auf jeden Fall kein guter Zeitpunkt”, sagte er mit erklärender Stimme und sah seinen Pagen an, welcher gerade mit erleichterter Miene aus dem Gebüsch zurückkam.

“Wann ist denn der richtige Zeitpunkt?” fragte dieser neugierig. Hardomar zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung…”

Nun war es der Page, von dem ein Seufzen ausging. ‘Erwachsene können so kompliziert sein’, dachte er und rollte mit den Augen.

Ein halbes Stundenglas später erreichten die beiden Schloss Ulmen. Insgesamt wirkte der junge Ritter gut gelaunt; vitaler und aufgeweckter als noch vor einem Jahr bei der Schweinsfolder Hochzeit. Von den damaligen Augenringen war nichts mehr zu erkennen und seine intensiven Schwert- und Tjostübungen wirkten sich positiv auf seinen Körperbau aus. Sein lockiges Haar hatte er vor der Reise frisch schneiden lassen, so dass es jetzt kürzer war als sonst. An jenem Morgen trug Hardomar über eng anliegenden, braunen ledernen Beinlingen schwarze Reiterstiefel, dazu ein lockeres weißes Hemd aus Leinen, dessen Schnürungen leicht geöffnet waren, darüber einen offenen schwarzen Reitermantel. Bei genauem Hinsehen war an seinem Hals ein goldenes Amulett mit einem Löwenkopf an einem ledernen Band zu erkennen und an seinem Gürtel trug er einen schweren Dolch, am Knauf verziert mit dem Wappen Hadingens. Sein großer prächtiger Elenviner namens Trollwulf war mit dem Reisegepäck schwer beladen. Neben diversen Decken und Kleidern war dort ein Schwert in einer ledernen Scheide zu erkennen, sowie ein zweites Schwert, welches vollständig in ein Seidentuch eingepackt war.

“Seid gegrüßt, gute Dame Mirnhilde!” rief Hardomar munter aus. “Wärt Ihr so freundlich, unser Kommen anzukündigen?” Als die ältere Frau ihm zunickte, entledigte der Ritter sich seines Reitermantels und half erneut seinem Pagen vom Pferd. Mit aufmerksamem Blick zupfte Boronmin die blaue Tunika mit dem Hadinger Wappen und den Kurzbogen auf seinem Rücken zurecht.

“Nervös?” fragte Hardomar kurz. Der kleine Junge mit dem dunkelbraunen Haar, welches sein blasses Gesicht umrahmte, nickte und wirkte sichtlich angespannt. “Die wohlgeborene Dame Silvagild ist wirklich nett, sie wird dich mögen”, versuchte der Hadinger seinen Pagen mit einem zuversichtlichen Lächeln zu motivieren, während er dessen samtenes schwarzes Barrett zurechtrückte. “Also, Bauch rein, Brust raus”, zwinkerte er ihm zu. Doch sein Page schien eher das Bedürfnis zu haben, hinter dem Rücken seines Schwertvaters in Deckung zu gehen.


***


Als Mirnhilde den Hadinger ankündigte rollte Miriltrud deutlich mit ihren Augen. Sie mochte es nicht wie dieser Stelzbock stets um ihre Tochter herum schlich. Noch schlimmer war es dabei, dass sie diese Pilgerreise gemeinsam mit dem Ritter aus der Nachbarschaft beging. “Du bist dir sicher, dass du diese Reise mit … ihm machen willst?”

Silvagild hatte sich indes von der Steinbank erhoben, streifte sich den Lederhandschuh ab und drückte diesen ihrer Mutter in die Hand. “Klar, warum nicht. Hardomar ist ein Freund.”

“Ein Freund, der dich mit seinen Blicken auszieht und um dich herumschleicht wie ein brünstiger Hirsch”, Miriltrud schob ihre Augenbrauen streng zusammen.

“Mutter, bitte”, doch Silvagild zeigte keine wirkliche Motivation dazu diese Sache mit ihrer Mutter auszudiskutieren. Sie verzog ihr Antlitz. “Das ist mit ihm besprochen, wir sind nur Freunde … in Ordnung?”

Wieder rollte die ältere Ritterin mit ihren Augen. Dieses Kind verkörperte eine gefährliche Mischung aus Arroganz, Besserwissertum und Naivität. “Du weißt, dass der eine Gemeine geschwängert und dann auch noch geheiratet hat. Der ist kein guter Umgang für dich.”

“Ich habe dich gehört, Mutter”, entgegnete Silvagild auf die Worte ihrer Mutter hin latent genervt. “Und nun entschuldige mich. Ich begrüße unseren Gast. Wir werden dann auch gleich aufbrechen … es ist alles vorbereitet.”

Miriltrud ging ernst zu ihrer Tochter und nahm sie in die Arme. “Pass auf dich auf und denk daran was wir besprochen haben”, flüsterte die Ältere ihrer Tochter ins Ohr.

“Ja, Mutter …”, seufzte die Jüngere und ging dann hinauf zum Schloss. Die Sturmfelserin stand noch eine Weile da und sah ihrer Tochter nach. Sie presste ihre Lippen aufeinander und eine einzelne Träne kullerte über ihre Wange.

***


Es dauerte nicht allzu lange bis Mirnhilde mit Silvagild im Schlepptau wieder zu Hardomar zurück kam. Die Junkerin wirkte dabei etwas gehetzt und lächelte den beiden Gästen freundlich zu. “Du hast dir Zeit gelassen”, meinte sie grußlos in Richtung des Hadingers. “Aber wir können gleich los. Es ist alles vorbereitet.”

"Ich wollte dir genügend Zeit geben, dich von deiner Mutter zu verabschieden..." warf er zwinkernd ein. "Nein, im Ernst, einem gewissen jungen Herrn ist heute Morgen zur Tsastunde ganz überraschend aufgefallen, dass er seine Sachen doch nur zur Hälfte eingepackt hatte und wir mussten erst noch alles zusammensuchen." Ein vielsagender Blick ging zu seinem Pagen. "Ich glaube, ihr kennt euch noch gar nicht? Das ist Boronmin von Henjasburg." Er versuchte den Jungen, welcher sich hinter Hardomars Rücken duckte, vor sich zu zerren. "Boronmin, dies ist die wohlgeborene Junkerin Silvagild von Ulmentor. Die junge Ritterin mit der schwarzen Rüstung, die dir so gut gefallen hatte."

Boronmin schluckte sichtlich, zwang sich aber vorzutreten und sich tief vor der Dame zu verbeugen. "Rondra zum Gruße", brachte er mit leiser Stimme heraus, während er die fremde Ritterin mit großen, dunklen Augen neugierig musterte.

"Rondra zum Gruße", grüßte Silvagild den jungen Knaben lächelnd. "Bist du bereit für die große Reise?" Die Junkerin selbst war sehr nervös gewesen. Einmal durch das Reich zu reisen, ohne dabei einem Heerbann folgen zu müssen, war immer einer ihrer größten Wünsche. Dementsprechend hoch waren auch ihre Erwartungen gewesen.

"Mutter lässt dich übrigens grüßen", log sie dann ungeniert. Im nächsten Moment führte ein Knecht Silvagilds Schlachtross heran. An einem Strick dahinter trottete lustlos ein beladener Lastenesel nach. "Ich wäre soweit fertig, denke ich", setzte sie dann nachdenklich hinzu. Dass Silvagild die Menge an Gepäck alleine würde verwalten müssen - ihr fehlte ja ein Page oder Knappe - schien ihr wahrscheinlich nicht so recht bewusst zu sein.

Boronmin nickte lebhaft, lächelte die Ritterin schüchtern an und betrachtete interessiert den Esel und das stattliche Schlachtross. Jedoch sagte er nichts weiter, sondern überließ seinem Schwertvater das Wort.

"Ach, das ist nett, dass deine Mutter grüßen lässt", freute sich Hardomar und holte aus seinem Reisegepäck einen kleinen Präsentkorb. Er ging zu Mirnhilde und drückte ihr diesen ungefragt in die Hand. "Für die wohlgeborene Herrin von Ulmentor; ein kleiner Gruß aus der Nachbarschaft. Da sind frische Gebäckstücke drin...", erklärte er, "Eselaugen mit Himmelbeer- und Sauerkirschfüllung, sowie ein kleines Fläschchen Kirschwein." Der Hadinger schaute Silvagild an. "Du meintest doch neulich, dass Kirsche ihr gut geschmeckt hätte."

Die Junkerin hob ihre Schultern, während Mirnhilde etwas verdutzt aus der Wäsche schaute. "Die wohlgeborene Herrin …", die ältere Frau räusperte sich, "... warum äh gebt Ihr es der Junkerin nicht selbst?" Etwas hilflos sah sie erst auf den Korb, dann auf Silvagild.

"Er meint meine Mutter", warf die Ulmentorerin ein.

"Oh, natürlich", mit diesen Worten zog sich Zofe im nächsten Moment zurück.

“Ja, genau, die hohe Dame von Sturmfels…”, verbesserte sich Hardomar mit leicht verlegenem Lächeln. Innerlich schalt er sich flüchtig für den Fauxpas - wo er doch einen besonders guten Eindruck machen wollte - entschloss sich dann aber, einfach munter weiterzureden. “Das ist der erste Wein der Saison”, erklärte er und fuhr eher beiläufig fort: “Dieses Frühjahr kann ich ja zum ersten Mal nicht bei den Festlichkeiten dabei sein...”

Als Hardomar das Pferd mit dem Packesel sah, lief er vergnügt herüber und klopfte dem Ross sanft auf den Hals. "Na, mein lieber Adelar, jetzt gehen wir auf eine lange Reise." Dann trat er freudestrahlend zu dem Grautier. "Der ist ja putzig", befand er und begann umgehend, die Mähne des Esels zu kraulen. "Ist der aus Hadinger Zucht?"

"Ähm, ich weiß es nicht", gab die junge Ritterin zu. "Ich denke Mirnhilde hat ihn in Herzogenfurt gekauft." Sie sah in die Richtung, in welcher die Zofe verschwunden war. "Ich hätte ja fast einen zweiten gebraucht … ich meine, wenn man schon zwei Monde unterwegs ist, braucht man auch eine Menge Zeugs."

Hardomars Aufmerksamkeit wurde durch ihre Worte vom Esel auf dessen Gepäck gelenkt. Der junge Ritter ließ seinen Blick über den Berg an Taschen und Bündeln wandern und zog überrascht die Brauen hoch. ‘Das ist wahrhaft viel’, staunte er, ‘deutlich mehr als ich mit Boronmin gemeinsam habe...’

“Ist das denn schon alles? Na, ich weiß nicht, ob das für zwei Monde ausreichen wird…”, gab er zweifelnd mit todernster Miene von sich, bis er schallend loslachte und Silvagild freundschaftlich auf die Schulter klopfte. “Und ich dachte, Imelda hätte viel Zeugs auf ihre Walzreise mitgenommen”, kommentierte er in teils amüsiertem, teils ungläubigem Ton, biss sich dann aber auf die Unterlippe, da er es sich nicht mit Silvagild verscherzen wollte. Er vermutete, dass Frauen auf dieses Thema allergisch reagieren könnten. “Bei Boronmin ist ja noch viel Platz”, bot er diplomatisch an. “Vielleicht sollte ich diese Tasche bei ihm aufs Pferd laden?” Hardomar hob sogleich eine besonders schwer aussehende Satteltasche vom Rücken des Esels. Schon nach einem kurzen Moment war er sich nicht mehr sicher, ob dies eine gute Idee war. ‘Was hat sie denn da drin? Wackersteine?’ Voller Vorfreude, in den kommenden Wochen voraussichtlich häufiger Silvagilds Gepäck herumtragen zu ‘dürfen’, versuchte er sich die Schwere der Last nicht anmerken zu lassen. Mit möglichst wenig gequälter Stimme forderte er seinen Pagen auf: “Boronmin, gib doch derweil der wohlgeborenen Dame das Geschenk von Imelda… Du weißt schon.”

Der Junge zerrte das in Seidentuch eingeschlagene, längliche Paket mit dem Schwert von Trollwulfs Rücken und überreichte es mit beiden Händen und ernster Miene wortlos an Silvagild. Insgeheim fragte er sich, ob es sinnvoll war, der Dame damit noch mehr Gepäck zu geben. Das überladene Eselchen tat ihm ein bisschen leid und er nahm sich vor, diesem nachher, wenn sie Rast machen würden, eine leckere Karotte anzubieten.

Die Junkerin nahm das Bündel entgegen, schien aber in Gedanken. Die Versuche des Hadingers sie zu ärgern, blendete sie dabei wohl aus. “Meinst du, ich übertreibe es?”, mit einem Kopfnicken wies sie auf den Esel. “Ich meine… so viel Kleidung brauche ich ja nicht mit. Die Herbergen werden sicher auch anbieten, Wäsche zu waschen, oder?” Silvagild wusste es nicht. Sie gab sich zwar gerne weltoffen, hatte jedoch nicht wirklich viel Ahnung von der großen weiten Welt.

Boronmin schaute erst das Gepäck der Ritterin und dann Hardomar fragend an. Insgeheim hatte er Zweifel, ob sein Schwertvater sich allzu gut mit diesen Dingen auskannte - das Packen in Hadingen war eher chaotisch vonstatten gegangen - aber er wartete gespannt dessen Antwort.

“Ich gehe auch davon aus, dass man in den meisten Herbergen die Wäsche reinigen lassen kann”, sagte Hardomar zuversichtlich und kratzte sich nachdenklich durch die kurzen Locken. “Und wenn nicht… Boronmin möchte bestimmt lernen, wie man Kleider wäscht”, flachste er zu seinem Pagen. “Mmh, also das musst du selber wissen, wieviel Kleider du benötigst. Wir brauchen ja schon was für warme und für kalte Tage und am Abend des Turniers findet wohl eine kleine Feier statt…”
Götter, dieses Turnier hatte sie irgendwie schon wieder verdrängt. Silvagild fasste sich gequält an die Schläfe.

Der Hadinger zuckte mit den Achseln. Einerseits erfreute es Hardomar, dass Silvagild, die sich normalerweise sehr eigensinnig gab, ihn nach seiner Meinung gefragt hatte. Doch woher sollte er wissen, wie viel Gepäck sie brauchen würde? “Ohne Packesel und nur zu Pferd wären wir natürlich schneller und bei Boronmin ist noch viel Platz”, überlegte er mit gerunzelter Stirn. “Wenn du nur ein paar Sachen weniger mitnehmen würdest, könnten wir vielleicht auf den Packesel verzichten? So niedlich der kleine Kerl auch guckt.”

“Hmmm …”, der Blick der jungen Ritterin lag erst auf Hardomar und dann auf dem Esel, “... vielleicht hast du recht. Je mehr Gepäck, desto langsamer kommen wir voran. Vielleicht sollte ich wirklich …”, sie brach ab und stieß einen ziemlich lauten Pfiff aus.

Sogleich war ein Knecht heran und verneigte sich vor den Herrschaften. “Du da …”, sprach die Junkerin den etwas älteren Mann an, “... wir müssen noch einmal umräumen. Die Kleider am Esel zurück in meine Garderobe und das andere Zeug auf das Pferd des Jungen.” Silvagild wies auf das Pferd des Knappen.

“Ja Herrin … natürlich …”, gab sich der Bedienstete unterwürfig und machte sich sogleich daran den Auftrag seiner Herrin auszuführen.

Nun schlug sie auch endlich das Tuch ihres Präsents zurück und das Antlitz der jungen Frau klarte sich von einen auf den anderen Herzschlag auf. “Es ist sehr schön geworden”, bemerkte die Ritterin anerkennend und schwang die Waffe prüfend durch die Luft. “Sag deiner Schwester vielen lieben Dank. Ich werde ihrem Tempel großzügig spenden.”

Als die Junkerin das Langschwert auspackte, trat Boronmin neugierig näher. Ob er das Schwert später auch einmal in die Hand nehmen dürfte? Er traute sich nicht, danach zu fragen, betrachtete die Klinge jedoch sehr interessiert.

Hardomar freute sich mit Silvagild und dass das Schwert ihr wirklich zu gefallen schien. “Sie hat es für dich als Freundin geschmiedet. Das hat sie gerne getan. Wir können ihr in den kommenden Tagen ja schreiben, wenn du magst…”, sagte er und betrachtete ebenfalls das Langschwert, das Silvagild aus der mit schwarzem Leder umwickelten, hölzernen Schwertscheide gezogen hatte. Imelda hatte es am Vortag noch mit einer leichten Wachsschicht versiegelt, welche bei der ersten Reinigung leicht zu entfernen sein würde. Das Schwert war dreifach geflämmt, wodurch es bei Schnitten robuster wurde; die zentrale Hohlkehle machte es leicht, schnell und ließ eine einfachere Kontrolle zu. Direkt unterhalb der Parierstange war in die Klinge eine Ulme eingraviert, wie sie im Wappen Silvagilds vorzufinden war. Die Parierstange selbst war zur Klinge hin gewölbt und in Form von verschlungenen Ulmenzweigen geschmiedet. Der Griff war mit schwarzem Leder gewickelt, gab dadurch guten Halt und endete in einem flachen, runden Knauf, in den das Wappen Ulmentors eingelassen war.

Hardomar zog noch eine kleine hölzerne Schatulle aus seiner Satteltasche, die er Silvagild in die Hand drückte. In den Deckel des Kästchens war der Name ‘Silvagild von Ulmentor’ eingebrannt; darin befanden sich ein Fläschchen mit Waffenöl, ein weiches Reinigungstuch und ein kleines gefaltetes Briefchen: “Damit du jederzeit diejenigen beschützen kannst, die dir am Herzen liegen. I.v.H.”

“Wunderschön”, steigerte die Beschenkte ihr Lob noch einmal. “Wenn deine Schwester jetzt schon solche Meisterwerke erschaffen kann, dann will ich einmal wissen, was ihren Händen in zehn-zwanzig Sommern entspringen mag.” “Ob wir uns dann noch eins ihrer Schwerter leisten können…?” scherzte Hardomar mit einem amüsierten Augenzwinkern. Silvagild war sichtlich bewegt über das Geschenk, auch wenn es ihr schwer fiel diesen Umstand zu zeigen. Die Junkerin war, von den Göttern gesegnet aufgewachsen: ihr Junkergut war wohlhabend, sie lebte in einem kleinen Schloss am Fluss und Gold spielte bei ihr in den wenigsten Fällen eine bedeutende Rolle, da für gewöhnlich stets genug da war. Das Schwert war jedoch von einen auf den anderen Moment das schönste Ding, das sie besaß. “Ich bin deiner Schwester was schuldig”, lächelte sie und wischte sich eine kleine Träne von der Wange. Hardomar strahlte vor Freude. “Nach all den Jahren der harten Schwertübungen hast du dir auch eine kleine Belohnung verdient”, sagte er und klopfte ihr freundschaftlich mit der Hand auf die Schulter. “Wenn der Knecht fertig ist, müssen wir aber los, sonst schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig zum Turnier nach Angbar.”

Dem Hadinger fiel der neugierige Blick seines Pagen auf, der geradezu hypnotisiert das Schwert in Silvagilds Hand anstarrte. “Boronmin, wenn du eines Tages alt genug bist, wird Imelda dir sicherlich auch ein besonders schönes eigenes Schwert machen.” Er wandte sich wieder Silvagild zu. “Ja… Angbar. Danke, dass du die Reise noch einmal umgeplant hast. Nicht, dass ich es verpasse, erneut in der ersten Runde vom Pferd gestoßen zu werden”, sagte er mit schwarzem Humor und fuhr sich unbewusst über die Stelle an seiner rechten Schulter, wo der blaue Fleck der gegnerischen Lanze so langsam abgeklungen war.

“Heeey …”, die junge Junkerin knuffte ihn gegen seinen rechten Oberarm, “... es ist nicht so als wäre es ein Umweg, der uns allzu viel Zeit kosten wird. Dazu kenne ich deine Fähigkeiten im Tjost zu gut, mein Lieber.” Sie lachte frech.

Unwillkürlich verzog der junge Ritter kurz sein Gesicht; sah sie dann jedoch sofort mit einem scharfen, herausfordernden Blick an: “Ach ja?” fragte er kess und zwickte sie mit der Linken in die Seite. “Immerhin habe ich es beim Anritt bis zum Gegner geschafft.”

Die Ritterin streckte ihm ihre Zunge entgegen. “Vielleicht bekommen wir ja noch eine Gelegenheit einmal gegeneinander zu reiten”, drohte Silvagild ihm dann.

Der Page beobachtete das Geplänkel der beiden Ritter ohne einen Mucks von sich zu geben und ohne sichtbare Regung. Insgeheim hoffte er, dass sein Schwertvater ihn zu vielen weiteren Turnieren mitnehmen würde. Und dort vielleicht auch einmal die zweite Runde erreichte.

Hardomar erwiderte Silvagilds Blick mit unschuldigen Augen, als sie ihm frech die Zunge rausstreckte. “Ganz sicher werden wir das, meine Liebe”, sagte er selbstbewusst und baute sich demonstrativ ein wenig vor ihr auf, dann zwinkerte er ihr blitzend zu. “Beim nächsten Turnier, du und ich… erste Runde.”

"Hm …", die Angesprochene rieb sich theatralisch ihr Kinn, "... gut, erste Runde. In der zweiten wärst du auch nicht mehr im Bewerb fürchte ich …", neckte sie den Ritter dann weiter. "Und bis dahin bewundere ich deine Künste beim Angbarer Turnier."

“Ja, das solltest du auch besser, da kannst du bestimmt viel lernen…”, er musste bei seinen eigenen Worten lachen. “Aber immerhin kommt dann einer von uns in die zweite Runde!” Als er dies aussprach, fiel dem Hadinger Ritter etwas ein. “Hast du das mit Orgilsbund mitbekommen? War das nicht ein starkes Stück, wie die sich in der ersten Runde alle gegenseitig gewählt haben?”

Bei der Nennung dieses Bundes, rollte Silvagild mit ihren Augen. Ihrer Meinung nach zeigten die jungen Männer und Frauen vom Bund ein viel zu hohes Geltungsbewusstsein. Wiewohl sie manche Mitglieder sehr mochte, hatte die junge Frau nie das Bedürfnis verspürt bei diesem Bund anzustreifen. “Natürlich habe ich das mitbekommen. Deren Schlachtruf …”, die Ritterin seufzte, “... für die Toten und die Freundschaft … hallt immer noch in meinen Ohren nach. Hat man dich nie gefragt ob du beitreten möchtest?”

“Ähm, nein…” Hardomar legte verlegen und fast entschuldigend den Kopf zur Seite. “Ich war ja nie im Krieg.” Obwohl er ein unterschwelliges Gefühl des Bedauerns empfand, dass Silvagild ihm diese Erfahrung voraushatte, war ein größerer Teil von ihm erleichtert darüber. “...naja, ich hatte Glück gehabt, dass Baldos nicht in den Rabenmarkfeldzug gezogen ist.” Der junge Ritter trat noch ein wenig näher an Silvagild heran und sprach nun mit vertrauterer Stimme: “Grundsätzlich finde ich die Leitlinien des Bundes ja nicht schlecht, Freundschaft, Kameradschaft und so… Aber das Auftreten dieser Orgilsbündler wirkt auf mich manchmal übertrieben…”, er zuckte mit den Schultern und suchte nach dem richtigen Wort, “...unsympathisch?” Hardomar runzelte die Stirn, das war es nicht ganz, doch konnte er seine Abneigung auch nicht anders in Worte fassen. Fragend schaute er Silvagild an. “Du hast also abgelehnt?”

“Ich hätte die Möglichkeit gehabt, ja, aber habe mich dagegen entschieden. Versteh mich nicht falsch, die Leitlinien des Bundes sind sogar sehr gut …”, pflichtete Silvagild dem Ritter dann bei, “... aber … du hast sie ja jetzt gesehen … denkst du, dass sich das Verhalten des Bunds wirklich mit den selbst gewählten Zielen verträgt? Ich bin mir da nicht so sicher … das wirkte auf mich schon sehr großmannssüchtig auf dem Turnier. Freundschaft und Kameradschaft ist dann schon ein bisschen mehr als gemeinsam zu trinken und sich gegenseitig mit dem Ausruf eines Mottos zu beglücken.”

Hardomar nickte zustimmend. “Stimmt, die nehmen sich und ihren Bund tatsächlich unheimlich wichtig. Da ist nicht viel Demut vor der Göttin zu spüren.” Der Ritter schaute Silvagild ernst in die Augen. “Ich für meinen Teil brauche keinen Wahlspruch, um zu wissen, dass ich, ohne mit der Wimper zu zucken, alles für diejenigen tun würde, die mir wichtig sind.” Er straffte sich und reckte die Muskeln seines Oberkörpers. “Na, was meint ihr? Brechen wir auf?” Da das Gepäck vollständig verstaut war, schickte er sich an, seinem Pagen wieder auf das Pferd zu helfen. Verschmitzt zwinkerte er seinen beiden Reisebegleitern zu. “Gemeinsam trinken können wir heute Abend im Gasthaus schließlich genauso. Und irgend so ein alberner Spruch fällt uns dann auch noch ein!”

Da inzwischen auch der Knecht Silvagilds wieder zurückgekehrt war und sie sich knapp versichert hatte, dass ihr nun sehr abgespecktes Gepäck zu ihrer Zufriedenheit war, nickte sie. "Lasst uns aufbrechen. Bis Nembutal ist es nicht so weit und weiter werden wir heute nicht mehr schaffen."

Aufgeregt rutschte Boronmin auf dem Rücken des großen Pferdes hin und her. Jetzt ging es also wirklich los! Er würde hinaus ins große Unbekannte ziehen und Abenteuer in fremden Ländern erleben! Ein wenig Angst hatte er schon, vor allem davor, sich dumm anzustellen und seinem Schwertvater keine Ehre zu machen... Er nahm sich vor, mutig und tapfer zu sein, sich alles Gelernte und Gesehene zu merken und in Zukunft noch viel fleißiger zu üben, damit die Herrin Rondra ihn mit Stolz beobachten würde. Eifrig reckte der Junge das Kinn nach oben und ließ sich vom Glücksgefühl ungeduldiger Vorfreude überwältigen.